Das weiße Hemd, das schwere Schwert und der goldene Ring

von Johann Wilhelm Wolf

~34 Min

Ein König hat­te eine Frau genom­men, die war zwar von hoher Geburt, aber nicht von hohem Sinn und brach ihm ihre Treue jeden Tag. Nach einem Jahre gebar sie dem König einen Sohn, der war weiß und rot gle­ich Milch und Blut und wurde mit jedem Tage schön­er. Je mehr er her­an­wuchs, um so mehr zeigte er sich seines Vaters würdig; er war ein­er der klüg­sten und zugle­ich der edel­sten und tugend­haftesten Jünglinge im ganzen Reich und alle, welche ihn kan­nten, sprachen, er sei eben so schön wie brav. Als er achtzehn Jahre alt war und so recht in sein­er schön­sten Blüte stand, da fasste die Köni­gin plöt­zlich eine ver­brecherische Liebe zu ihm und sprach zu sich sel­ber: Er muss mein Gemahl wer­den, es mag gehen wie es wolle. Sie wusste wohl, dass sie dies nicht in ihrem Schlosse erre­ichen kon­nte und fürchtete auch, der Jüngling könne es seinem Vater sagen, wenn sie ihm davon spreche; darum machte sie einen Anschlag, ihn in ein fremdes fernes Land zu ent­führen, dort dachte sie, werde sie schon leicht ihr Ziel erreichen.

Bald darauf war der Geburt­stag des schö­nen Prinzen und der König befahl, dass man ihn mit großen Fes­ten feiere. Mor­gens soll­ten die Musikan­ten von allen Reg­i­mentern seines Heeres in der Kirche beim Gottes­di­enst spie­len, Mit­tags um zwei Uhr sollte ein Gastmahl sein, zu welchem viele tausend Gäste geladen wur­den, und Abends soll­ten alle Häuser der Stadt und das Schloss und alle Gärten am Schloss erleuchtet und über­all Feuer­w­erke abge­bran­nt wer­den. Also geschah es auch. Als nun die Kirche aus war, da führte die Köni­gin ihren Sohn in den Garten und plaud­erte ihm gar süß vor, so dass er gar nicht bemerk­te, dass sie stets weit­er von dem Schloss abka­men. Endlich standen sie ehe er sich’s ver­sah, an einem Wass­er, das war so groß, dass man das andere Ufer nicht sehen kon­nte, und am Ende lag ein prächtiges Schiff. Ach welch ein schönes Haus da auf dem Wass­er schwimmt!” rief der Prinz, der noch nie ein Schiff gese­hen hat­te. Du siehst das Haus nur von außen”, sprach die Köni­gin, von innen ist es noch viel schön­er, als unser Schloss.” Ach das möchte ich sehen!” sprach der Jüngling und da führte sie ihn auf das Schiff und ging mit ihm aus einem Zim­mer in das andere und set­zte sich in jedem nieder. Als sie so ein paar Stun­den auf dem Schiffe zuge­bracht hat­ten, sagte der Prinz: Liebe Mut­ter, jet­zt wird das Mahl bald begin­nen, darum müssen wir eilen, dass wir nach Hause kom­men, damit mein Vater und die Gäste nicht auf uns warten müssen.” Es hat noch Zeit”, antwortete die Köni­gin, aber er wollte fort und stieg hin­auf auf das Verdeck. Wie erschrak der Prinz aber, als er von dem Garten keine Spur und ring­sum nur Him­mel und Wass­er sah. Die Köni­gin hat­te näm­lich mit dem Schiff­mann aus­gemacht, dass er am Schloss­garten zu der bes­timmten Stunde hal­ten und sobald sie auf dem Schiffe wären, die Anker lösen müsse, um sie in ein anderes Land zu fahren. Der Prinz lief vor Schreck­en außer sich zu sein­er Mut­ter und rief: Mut­ter, das schwim­mende Haus ist ein Räu­ber­haus und die Räu­ber haben uns ent­führt.” Sei ruhig, mein Sohn”, sprach die Köni­gin, ich wollte dich nur ein wenig erschreck­en, bald kom­men wir schon wieder an das Land.” Darin hat­te sie wohl recht, es dauerte nicht lange, da sah der Prinz ein schwarzes Pünk­tchen in der Ferne, das wurde immer größer und als sie näher kamen, war es ein prächtiger Eichen­wald. Das Schiff fuhr ger­ade darauf zu und legte an, die Köni­gin nahm ihren Sohn bei der Hand und sprach: Hier steigen wir aus und du wirst schon bald zufrieden gestellt sein.”

Also trat­en sie ans Land und gin­gen in den schö­nen Wald. Der Prinz fragte wohl oft, ob das denn auch noch ein Lust­garten von des Königs Schloss sei und ob sie nun bald zu Hause wären, doch wusste sie ihn immer abzuschweigen, bis sie an einen freien Platz kamen. Da sprach sie: Lieber Sohn, ich bin müde, lass uns hier ein wenig aus­ruhen.” Als sie nun so neben einan­der im Grase lagen, da küsste sie ihn und sprach ihm von ihrer Liebe, sagte ihm auch, dass sie ihn ent­führt habe und jet­zt müsse er ihr Gemahl wer­den, wenn sie nicht auf der Stelle ster­ben solle. Aber der Prinz ver­wies ihr streng dies schändliche Begehren und sprach: Liebe Mut­ter, gedenke der großen Sünde, welche wir bei­de täten, das kann nun und nim­mer­mehr geschehen.” Dabei blieb er auch stand­haft, wie viel die Köni­gin ihm auch noch vorschwatzte. Als sie nun sah, dass Alles vergebens war, da fasste sie einen Hass auf ihn, der war eben so groß und noch größer, als ihre Liebe gewe­sen war. Sie ließ sich aber nichts merken und tat so fre­undlich, wie zuvor, sprach, sie habe seine Tugend nur auf die Probe stellen wollen.

Nach­dem sie nun aus­geruht hat­ten, gin­gen sie zusam­men weit­er in dem Walde bis gegen Abend; da öffnete sich der Forst und sie sahen in der Ferne ein hohes, schönes Schloss liegen. Der Prinz sprach: Liebe Mut­ter, bleibe du hier zurück, ich will zuerst in das Schloss gehen und sehen, wer da wohnt; wenn es kein Räu­ber­haus ist, dann hole ich dich bald wieder ab.” Sie war damit zufrieden und er ging hin. Die Tore standen offen, er kam in den Hof und in die Zim­mer, aber alle Leute, welche er sah, lagen im tief­sten Schlaf, die Bedi­en­ten und die Kam­mer­jungfern, Koch und Köchin, Stal­lknecht und Viehmagd. Nach­dem er fast das ganze Schloss durch­wan­dert hat­te, kam er zulet­zt in einen hohen und her­rlichen Saal, darin stand in der Mitte ein run­der gold­ner Tisch und auf dem Tis­che lag ein weißes Hemd und ein gold­ner Ring. Rund um den Tisch lief aber eine sil­berne Schrift, welche hieß: Wer dieses Hemd anzieht, der kann das Schw­ert an der Wand regieren. Wer diesen Ring in den Mund nimmt, ver­ste­ht die Sprache der Vögel.” Er schaute auf, da sah er an der Wand ein mächtiges, bre­ites Schw­ert und da er in den Waf­fen sehr geübt war, wollte er es nehmen und ein paar Kreuzhiebe durch die Luft machen, aber er kon­nte es nicht ein­mal heben und vom Nagel lan­gen. Da zog er das weiße Hemd an und steck­te den Ring an den Fin­ger; sogle­ich war ihm, als würde er ein ganz andr­er Men­sch und als flösse ganz neues, frisches Blut in seinen Adern. Er sprang in einem Satz an die Wand, fasste das Schw­ert und schwang es, wie einen Zierde­gen, des­gle­ichen die Hofher­ren zu tra­gen pflegen.

In dem­sel­ben Augen­blick hörte er in dem Schloss ein Laufen und Ren­nen, als wenn Hun­derte von Leuten durcheinan­der liefen, die Tür flog auf und drei Diener in prächti­gen Anzü­gen kamen here­in und fragten: Was befiehlt unser König und Herr?” Im ersten Augen­blick stutzte der Prinz, aber er fasste sich bald und sprach: Es soll der schön­ste Wagen an den Wald fahren und meine Mut­ter abholen.” Die Diener verneigten sich und eil­ten fort. Jet­zt sah er sich weit­er in dem hohen Saale um und fand in ein­er Ecke ein Bett, das stand hin­ter einem Vorhang und darin schlief ein alter Mann mit grauen Haaren, aber mit einem falschen Gesicht, aus welchem man nicht viel Gutes her­aus­las. Der Prinz ver­suchte ihn zu weck­en, aber der Greis brummte nur so etwas in den weißen Bart hinein, dann wandte er sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Jet­zt kam seine Mut­ter an und freute sich recht über das schöne Schloss, darin sie nun wohnen sollte, aber in ihrem bösen Herzen brütete sie über der Rache und dachte Tag und Nacht nur nach, wie sie den guten Prinzen verder­ben könne. Sie tat aber nur um so fre­undlich­er gegen ihn und sagte ihm jeden Tag aufs neue vor, wie sie so glück­lich sei, einen solchen Sohn zu haben und dass sie ihn mehr liebe, als Alles in der Welt.

Als der Prinz schon ein paar Tage in dem Schlosse gewe­sen war, ging er eines Tages auf dem Wall spazieren. Da hörte er ein jäm­mer­lich­es Ächzen und Stöh­nen, das lautete grade, als käme es aus der Erde. Er schwang sein Schw­ert, da kamen die Diener und er fragte sie, woher diese Töne kämen und wer also ächze. Die Diener sprachen: Wir wis­sen es nicht, das weiß nur der Greis, welch­er in dem Saale schläft, denn er hat die Schlüs­sel zu den unterirdis­chen Gän­gen.” Der Prinz befahl ihnen, den Greis zu holen, allein der wollte nicht her­vor, bis der Prinz ihm dro­hen ließ, er werde ihn mit Gewalt holen lassen. Da kam er und brachte ein Bund Schlüs­sel. Er rück­te an einem Stein in der Mauer, da erschien eine kleine Türe, welche er auf­schloss und die in einen dunkeln Gang führte. Geht nun hinein” sprach er mür­risch zu dem Prinzen, doch dieser hütete sich wohl und zwang den Greis, voran zu gehen. Je weit­er sie in dem Gange kamen, um so näher lautete das Ächzen. Endlich standen sie vor ein­er zweit­en eis­er­nen Tür und als der Greis auch diese auf­schloss, war da ein halbfin­steres Loch, worin das schmutzige Wass­er und alle Unrein­lichkeit aus dem Schlosse zusam­men­floss. In diesem schreck­lichen Aufen­thalt saß ein Mäd­chen, dem die Klei­der am Leibe fast ver­fault waren. Als es den Greis erblick­te, rief es: Gehe nur weg oder gib mir den Tod, damit meine Qualen ein Ende nehmen.” Da trat der Prinz her­vor aus dem dunkeln Gange, und befahl dem Greise, das Mäd­chen her­auszuführen. Er zögerte Anfangs, aber da hob der Prinz sein Schw­ert und nun fol­gte er dem Befehl. Die Jungfrau aber rief fle­hentlich: Ach führet mich nicht an das Licht des Tages, bevor ich Klei­der habe, oder las­set mich hier ster­ben.” Der Prinz tröstete sie mit fre­undlichen Worten und sprach: Ihr seid gerettet aus eur­er Höh­le, und sollt Alles haben, was ihr begehrt.” Dann trieb er den Greis ins Schloss zurück und schick­te der Jungfrau zwei Diener­in­nen mit Wass­er zum Waschen, mit schö­nen Klei­dern und mit guter kräftiger Nahrung, damit sie sich ein wenig erhole. Über eine Weile trat sie aus dem dunkeln Gang her­vor und wie war sie so schön. Ihre Haare waren so goldig, als ob sie der Sonne ihre Strahlen genom­men hätte, um ihr Haupt damit zu zieren und ihre Augen waren so blau, wie der Him­mel am Abend, ihr Gesicht war aber grade, als ob es mit Lilien und Rosen bemalt wäre. Der Prinz war so entzückt, als er sie sah, dass er sich nicht hal­ten kon­nte und auf sie zueilte, um ihr die Hand zum fre­undlichen Gruße zu bieten. Er nahm sie mit sich in das Schloss, da fragte er sie, woher sie sei und wie sie in das schreck­liche Gefäng­nis komme. Sie erzählte ihm: Ich bin eine Königstochter und meines Vaters Kön­i­gre­ich liegt weit jen­seits der See. Eines Tages ging ich mit meinen Diener­in­nen am Ufer der See spazieren, da kam plöt­zlich ein Schiff mit Seeräu­bern, welche mich raubten und auf ihr Schiff schleppten. Sie verkauften mich dem falschen Greis, welch­er damals in diesem Schlosse herrschte, und dieser ließ mir nun Tag und Nacht keine Ruhe und wollte, ich solle seine Gemahlin wer­den. Als ich aber seine Hand ver­schmähte und nichts von ihm wis­sen wollte, da warf er mich in jenes schreck­liche Loch, wo er mir nur alle drei Tage Brot und Wass­er brachte und mich dabei fragte, ob ich meinen Sinn bald ändere. Da ich das nicht wollte, so ließ er mich dort, bis ich in den Zus­tand kam, in welchem ihr mich gefun­den habt.” Da nun Mitleid und Liebe gute Fre­und­schaft hal­ten und der Prinz schon gle­ich als er sie gese­hen für sie ein­genom­men war, so ent­bran­nte er nun in heißer Liebe zu ihr und sprach: Habet ihr des Greis­es Hand ver­schmäht, so biete ich euch nun die meine an, denn ohne euch kann ich nicht mehr leben, und wenn ihr nicht meine Gat­tin wer­den wollt, so will ich nie eine andere Frau.” Der schö­nen Prinzessin gefiel der Prinz bess­er als der Greis, sie sprach in ihrer Unschuld: Ich habe euch so lieb, dass ich nie einen andern zum Gemahl möchte, als euch.” Da küssten sie einan­der und sprangen fröh­lich herum und zu der alten Köni­gin. Der war es natür­lich ein Stich durchs Herz, als sie das hörte und jet­zt has­ste sie den Prinzen dop­pelt und dreifach. Sie sprach mit heuch­lerisch­er Miene: Ach wie freue ich mich, dass du eine so schöne und tugend­hafte Jungfrau gefun­den hast, mein Sohn, und ich eine so schöne Schwiegertochter. Wenn mir selb­st das größte Glück auf der Welt zuge­fall­en wäre, kön­nte ich nicht so froh sein, wie ich jet­zt bin. Nun macht auch bald Hochzeit, meine lieben Kinder, ich sorge für Alles; seid nur recht glück­lich, dann bin ich es auch.” Und sie umarmte den Prinzen und die schöne Jungfrau und drück­te sie an sich, aber heim­lich dachte sie in ihrem Herzen: Wartet nur, ich will es euch ein­tränken! Da sprach die Jungfrau: Die Hochzeit hal­ten wir nicht hier, die muss bei meinen Ältern gefeiert wer­den, nach denen ich mich gar sehr sehne und die um mich in großen Sor­gen sind. Lasst mich zu ihnen gehen, dann kommt mein Bräutigam nach.” Die Köni­gin sprach: Jet­zt habe ich dich noch lieber, weil du eine so liebevolle Tochter bist. Tue also; bin­nen Jahr und Tag komme ich mit meinem lieben Sohne dir nach und wir feiern die Hochzeit in Lust und Freuden.” Heim­lich dachte sie aber: Bist du nur erst aus dem Wege, mit ihm will ich schon fer­tig wer­den. Rasch ließ der Prinz ein Schiff aus­rüsten und bin­nen drei Tagen fuhr die Prinzessin ab. Die alte Köni­gin aber hat­te den Schiff­skapitän bestochen, er müsse machen, dass ihn die Prinzessin heirate, gehe es nun wie es wolle.

Als das Schiff auf hoher See war, kam der Kapitän zu ihr und wollte ihre Liebe und Gun­st gewin­nen, aber sie wies ihn erzürnt zurück. Da sprach er: Eins von Bei­den mögt ihr euch wählen: wollt ihr noch zum Mann und dem König eurem Vater sagen, ich habe euch gerettet, oder wollt ihr ins Meer gewor­fen wer­den? Ihr habt drei Tage Bedenkzeit.” Als sie wieder allein war, warf sie sich auf ihre Knie nieder und bat Gott um Ret­tung aus dieser neuen Not und Gefahr. Da kam ihr ein guter Gedanke und als der Kapitän am drit­ten Tage wieder vor sie trat und fragte, wozu sie nun entschlossen sei, sprach sie: Jahr und Tag will ich Frist haben, dann mag die Hochzeit sein.” Damit war der Kapitän zufrieden. Als sie ans Land kamen führte er sie zu ihren Ältern, erzählte ihnen, wie er sie aus ein­er fin­stern Höh­le gerettet habe und begehrte ihre Hand. Der König und die Köni­gin waren so froh, ihr Kind wieder zu haben, dass sie als­bald ein­willigten, und über Jahr und Tag sollte die Hochzeit gehal­ten wer­den. Da sprach die Jungfrau: Als ich in mein­er Höh­le lag habe ich ein Gelübde getan, das muss ich jet­zt hal­ten. Ich habe gelobt, wenn ich erlöst würde, Jahr und Tag ein Wirtshaus an offen­er Straße zu hal­ten, darin sollte jed­er arme Wan­der­er und Pil­ger ein freies Unterkom­men find­en und ich sel­ber wolle sie bedi­enen.” Der König war sehr dage­gen, sprach, das schicke sich nicht für eine Prinzessin aus königlichem Stamme, aber die Köni­gin sagte: Was man Gott dem Her­rn ver­spricht, das darf man nicht brechen, son­st fol­gt die Strafe auf dem Fuße. Richte ihr ein Wirtshaus ein und lass sie darin hantieren, wie sie gelobt hat, es wird ihr Schaden nicht sein.” Da wurde das Wirtshaus gebaut und manch­er arme Reisende und Pil­ger fand da Labung und seg­nete die fromme Königstochter und betete zu Gott, dass er es ihr lohnen möge. Jet­zt wollen wir sie in dem Wirtshaus lassen und sehen, wie es dem Prinzen erging.

Als die Prinzessin weg war und die falsche Köni­gin gar nicht wusste, wie sie den Prinzen verder­ben könne, offen­barte sie sich zulet­zt dem Greise und der war gle­ich bei der Hand, ihr dabei zu helfen, nur musste sie ihm ver­sprechen, seine Gemahlin zu wer­den und das tat sie gern. Er sprach: Siehe zu, dass er in die Löwen­grube gehe, welche in dem Schloss­graben ist, dann wer­den ihn die Löwen zer­reißen.” Da legte sich die Köni­gin auf ihr Bett und tat, als sei sie tod­krank. Der Prinz war in tiefer Beküm­mer­nis um sie und fragte eines über das andere Mal, wom­it ihr wohl geholfen wer­den könne? Sie sprach: Ach lieber Sohn mir kann geholfen wer­den, aber es ist Gefahr dabei und du kön­ntest leicht dabei zu Schaden kom­men, da möchte ich jedoch lieber ster­ben, als dass dir etwas zu Lei­de geschähe.” Ich kenne keine Gefahr, lieb­ste Mut­ter”, sprach der Prinz, wenn es um dein Leben geht.” Sie antwortete: Was bist du für ein guter Sohn! So will ich es dir denn sagen: Wenn ich eins von den Löwen­welpen an meine Brust lege, dann zieht die Kraft in mich hinein und ich werde in Zeit von einem Tage gesund.” Der Prinz lief auf der Stelle zu der Löwen­grube, trat uner­schrock­en hinein und da ein Löwe edlem Blut kein Leid antut, so ließen ihn die alten Löwen ruhig gewähren. Als er ein Junges fasste, da brüllte die Löwin und erhob sich, doch der Prinz sah sie mit einem so schar­fen Blick an, dass sie sich augen­blick­lich wieder hin­legte. Die Köni­gin set­zte den jun­gen Löwen an ihre Brust und rief: Ich füh­le ordentlich, wie ich neue Kraft bekomme, jet­zt bin ich gerettet.” Als der Löwe aber nicht ruhig blieb und seine Krallen ausstreck­te, schrie sie: Es ist jet­zt gut, nimm ihn weg und mache ihn tot, ich kann ihn nicht länger an mir lei­den.” Der Prinz nahm den Löwen und sprach: Warum sollte ich das arme Tierchen töten, da es doch mein­er lieben Mut­ter Leben gerettet hat? Ich will es sein­er Mut­ter heim­brin­gen, wie ich es ihr genom­men habe.” So trug er den jun­gen Löwen wieder in die Grube zurück und die alte Löwin brüllte laut vor Freude, ab sie ihr Welpchen wieder hatte.

Da dieser Plan also fehlgeschla­gen war, beri­et die Köni­gin wieder mit dem Greise, wie sie den Prinzen verder­ben kön­nten und der Greis sprach: Es gibt nur ein Mit­tel, du musst ihm das Hemd ausziehen, dann hat er keine Kraft mehr, das Schw­ert zu schwin­gen und wir wer­den sein­er bald Meis­ter.” Die Köni­gin lud eine Menge von Gästen zu sich ein, ging zu dem Prinzen und sprach: Da du mich vom Tode gerettet hast, lieber Sohn, so habe ich dir zu Ehren ein großes Mahl anstellen lassen, komm nun und set­ze dich neben mich, damit wir uns zusam­men freuen.” Der Prinz fol­gte ihr hocher­freut zu dem Saal, wo die Gäste schon beisam­men waren. Als er nun gegen Ende des Mahles recht eifrig mit den Gästen sprach, goss sie rasch einen Schlaftrunk in seinen Bech­er. Dann hob sie ihr Glas und rief: Mein lieber Sohn soll leben, der mich vom Tode gerettet hat.” Da nahm er seinen Bech­er und trank ihn in einem Zuge leer. Bald darauf gin­gen die Gäste nach Hause, der Prinz aber fühlte sich gar müde und legte sich zu Bette, wo er bald fest ein­schlief. Nun schlich die Köni­gin mit dem Alten in das Zim­mer, da zogen sie ihm das weiße Hemd aus und der Alte zog es an. Dann nahm dieser ein Mess­er, gab es der Köni­gin und sprach: Nun stich ihm das linke Auge aus.” Sie tat es, der Alte grub ihm das rechte Auge auch noch aus und dann war­fen sie ihn in die Löwengrube.

Durch den Schmerz war der Prinz sogle­ich erwacht und hat­te wohl gese­hen, wie groß die Falschheit sein­er Mut­ter war und auch gehört, wie der Alte über ihn tri­um­phierte. Als er fühlte, dass man ihn in die Löwen­grube warf, war er froh, denn er glaubte nicht anders, als die Löwen wür­den ihn sofort ver­schlin­gen und das wäre ihm recht gewe­sen, denn er war des Lebens gar satt. Das geschah aber nicht, son­dern die Löwin kam zu ihm und brüllte so recht trau­rig, und die Löwen­welpen kamen und leck­ten ihm die Augen, bis sie ganz heil waren. Jeden Tag brachte die Löwin ihm ein Stück Fleisch, das legte sie auf seine Knie und er nahm es und aß es roh, das war seine ganze Nahrung. Das Fleisch holten sich die Löwen aber durch einen Erdgang, der lief aus der Löwen­grube in den Wald. Als der Prinz nun eines Tages so in der Grube herum­tappte, ent­deck­te er den Gang und kroch hinein. Lange spürte er nur eine dumpfe, schwere Luft, dann aber wurde ihm das Atmen immer leichter und endlich merk­te er, wie sich der Gang erweit­erte, wie frische Wald­luft ihn anwe­hte. Er hörte die Vöglein in den Bäu­men sin­gen, die Hirsche und Rehe sprin­gen und fühlte die Sonne warm auf sein Angesicht scheinen. Er dank­te Gott auf den Knien für seine Ret­tung und schaffte sich dann weit­er, so gut es eben ging. Gegen Abend rauschte es in der Ferne, darauf ging er zu und gelangte also an das große Welt­meer. Dort hat­te grade ein Schiff angelegt, um frisches Wass­er einzunehmen. Als der Schiff­skapitän ihn sah, dauerte ihn der arme blinde Jüngling, der so ver­lassen da herum schlich und er fragte ihn, ob er mit­fahren wolle? Ja das will ich gern, denn hier müsste ich ja Hungers ster­ben”, sprach der Prinz und stieg in das Schiff, wo ihn der gute Kapitän auf das Beste hielt und pflegte, so dass er von Tag zu Tage frisch­ern Mutes wurde. Als das Schiff anlegte, nahm er unter vielem Dank von dem Kapitän Abschied und schlich auf der Land­straße weiter.

Eines Tages kam er an eine große Stadt. Vor dem Tore rief eine Frau: Kommt here­in in mein Haus, hier wer­den alle armen Reisenden und Pil­ger gepflegt.” Er streck­te seine Hand aus und ließ sich in das Haus führen, wo er ein gutes Essen und ein prächtiges Bett bekam. Ehe er schlafen ging, kam die Frau, set­zte sich zu ihm und sprach: Erzählt mir jet­zt eure Geschichte, das ist meine Bezahlung.” Die möchte ich lieber ver­schweigen”, antwortete der Prinz, denn sie ist sehr trau­rig, aber wenn ihr sie hören wollt, so erzäh­le ich sie.” Und nun fing er an und legte ihr Alles auseinan­der, wie es ihm ergan­gen war. Die Wirtin wurde immer aufmerk­samer, als er aber daran kam, wie er die schöne Jungfrau aus dem Loche erlöst und sich mit ihr ver­lobt hat­te, da schloss sie ihn in ihre Arme und rief unter bluti­gen Trä­nen: O lieber Bräutigam, ach dass ich dich also wiederfind­en muss!” Wie war das eine so große Freude und dabei eine so tiefe Betrüb­nis, als er ihr erzählte, wie seine Mut­ter und der falsche Greis an ihm gehan­delt hat­ten. Die schöne Jungfrau kon­nte ihrer Trä­nen nicht Herr wer­den, wenn sie ihn ansah und die einge­sunke­nen leeren Augen­höhlen erblick­te. Als er seine Erzäh­lung zu Ende hat­te, ließ sie ihn schön klei­den, führte ihn zu ihrem Vater und sprach: Lieber Vater, heut ist mein schön­ster Leben­stag, denn der liebe Gott hat mir meinen recht­en Erlös­er und einzi­gen Bräutigam wiedergegeben;” und sie ließ ihn dem Könige die ganze Geschichte erzählen. Der König glaubte ihm zwar, doch da die erste Freude des Wieder­se­hens sein­er Tochter vorüber war, so ärg­erte er sich, dass sie einen blind­en Prinzen heirat­en wollte. Jeden­falls war ihm der Jüngling als Prinz lieber, als der Schiff­skapitän, darum tat dieser wohl, sich sogle­ich aus dem Staube zu machen, als die Sache bekan­nt wurde. Nun wurde in ein­er abgele­ge­nen Gegend des Schloss­gartens ein kleines Schloss gebaut, die Hochzeit des Prinzen mit der Prinzessin ganz heim­lich gefeiert und dann zogen sie in das Schlöss­chen und beka­men nichts als das Essen von dem Könige; ihre Klei­der mussten sie sich sel­ber stellen, daran spann und webte die Prinzessin Tag und Nacht.

Die Hofher­ren ärg­erten sich aber nicht wenig über diese Heirat, denn der Prinz kon­nte ihnen keine großen Gast­mäh­ler geben, worauf sie sehr viel hiel­ten, und Bälle und Tanz­belus­ti­gun­gen wur­den gle­ich­falls keine gehal­ten, worauf ihre Frauen sehr viel gaben. Zudem wollte es ihnen nicht gefall­en, dass sie ein­mal von einem blind­en König regiert wer­den soll­ten. Sie ver­schworen sich also, sie woll­ten das Schlöss­chen, wo der Prinz mit sein­er Frau wohnte in die Luft spren­gen, und das sollte bald geschehen.
Eines Abends gin­gen die Bei­den aus ihrem Schlöss­chen in ihr kleines Gärtchen, wo sie der frischen Küh­le genießen woll­ten, und set­zten sich unter einen hohen Lin­den­baum. Da zog der Prinz sein Einziges vom Fin­ger, was er aus seinem Schloss gerettet hat­te, den gold­nen Ring und steck­te ihn in den Mund, denn er wollte sich einen Zeitvertreib machen und hören, was sich die Vögel wohl erzählten. Da flo­gen drei Krähen auf den Lin­den­baum, die fin­gen an zu schwätzen und die erste sprach: Ich weiß etwas, wenn ihr das wüsstet!” Was ist das denn?” fragten die bei­den andern, wir wis­sen auch etwas.” Drüben beim Schultheiß ist ein Pferd gefall­en, das wird ein köstlich­es Aas, ah das soll mal schmeck­en”, sprach die erste Krähe. Da begann die zweite und sprach: Ich weiß etwas andres, wenn das die zwei wüssten, die da unterm Baume sitzen, dann säßen sie nicht da.” Was ist das?” fragten die bei­den andern. Diesen Abend um zehn Uhr wird das Schlöss­chen, worin sie wohnen, in die Luft gesprengt, das haben die Hofher­ren ihnen gebraut.” Nun sprach die dritte Krähe: Ich weiß etwas, wenn das der blinde Prinz da drun­ten wusste, der wäre erst froh!” Was ist das?” fragten die bei­den andern. Diese Nacht zwis­chen elf und zwölf Uhr fällt ein Tau vom Him­mel, wer sich damit die Augen bestre­icht, der wird auf der Stelle sehend. Nun kommt zu dem toten Gaul, bevor ihn andre holen.” Da erhoben sie sich wieder und flo­gen weg.

Der Prinz steck­te seinen Ring wieder an und sprach zu sein­er Frau: Komm, wir wollen ein Stückchen weit­er in den Wald hinein gehen, der Abend ist ja so schön.” Da fol­gte sie ihm. Als sie kaum eine Vier­tel­stunde weit waren, blitzte es plöt­zlich und dann tat es einen Knall, als wenn tausend Kanonen auf ein­mal los­geschossen wür­den. Die Prinzessin erschrak, so dass sie fast ohn­mächtig zusam­men gesunken wäre; als der Prinz ihr aber die ganze Geschichte erzählte, da freute sie sich und bei­de dank­ten Gott für ihre Leben­sret­tung, und legten sich unter einem Baum im Walde zur Ruhe nieder. Die Prinzessin entschlum­merte bald, der Prinz aber wachte. Als es gegen die zwölfte Stunde ging, tastete er im Grase umher und strich sich den Tau zusam­men, damit wusch er sich die Augen. Je mehr er wusch, um so heller wurde es vor ihm und als er dreimal gewaschen hat­te, da sah er den Mond wieder, wie seine Strahlen durch die Bäume fie­len, und sah seine liebe Frau wieder, wie sie so wun­der­schön im Mon­den­schein dalag. Er küsste sie vor lauter Wonne, da erwachte sie und schaute ihren Mann an und fast hätte sie ihn nicht wieder erkan­nt, so klar und schön glänzten seine Augen sie an. Jet­zt füllte er auch seine Wasser­flasche noch mit dem Tau und hing sie um, denn er dachte: Wer weiß ob ich’s nicht ein­mal gebrauchen kann. Also wuchs ihnen aus großem Unglück ein noch viel größeres Glück und sie waren nun über­re­ich bei ihrer größten Armut. Aber sie soll­ten noch viel größere Lei­den ertra­gen und die Zeit ihrer Prü­fung war noch nicht zu Ende.

Sie gin­gen am Mor­gen immer weit­er im Walde fort und nährten sich von Wurzeln und Kräutern. Da die Prinzessin des Gehens aber unge­wohnt war, so wurde sie bald müde und gegen Mit­tag set­zte sie sich unter eine Eiche, legte ihren Kopf in den Schoß des Prinzen und schlief ein. Er betra­chtete sie mit won­niglichen Blick­en, wie sie in Schön­heit strahlte; da sah er an ihrem Halse ein Säckchen an ein­er Schnur hän­gen und als er es öffnete, fand er darin einen Kar­funkel­stein, der gefiel ihm so gut, dass er leise die Schnur löste und ihn lange betra­chtete. Er hätte ihn aber auch gern ein­mal in der Sonne spie­len sehen, darum legte er ihn neben sich ins Gras, hob san­ft der Prinzessin Haupt von seinem Schoß und legte es auf ein Kissen von Laub und Moos, welch­es er eilig zurecht machte. Als er aber wiederum nach seinem Steine lan­gen wollte, hat­te ein Rabe ihn genom­men und spielte damit. Er sprang dem Raben nach, da flog der­selbe auf und set­zte sich weit weg auf einen Baum. Der Prinz ver­fol­gte ihn, und warf mit Steinen nach ihm, da sprang der Rabe von Ast zu Ast und von Baum zu Baum, bis er zulet­zt im Gebüsch ver­schwand. Betrübt suchte der Prinz den Rück­weg auf, aber er fand ihn nicht und verir­rte sich immer tiefer in den Wald hinein und wurde immer trost­los­er. Da kam ein fein­er Herr des Weges daher, den fragte er nach dem Baume, worunter er seine liebe Frau im Schlafe hat­te liegen lassen. Der Herr wusste ihm aber keinen Rat und sprach: Solch­er Bäume gibt es tausend im Walde, den find­est du nicht wieder. Geh mit mir und du sollst es nicht schlecht haben.” Da fol­gte er dem Her­rn zu einem schö­nen weißen Wald­hause, darin saßen elf Burschen an einem reichgedeck­ten Tis­che und ließen es sich wohl sein. Der Herr sprach: Nun ist eure Zahl voll, jet­zt seit ihr zwölf. Ihr bleibt nun Jahr und Tag hier und sollt Alles vol­lauf haben, aber am Ende des Jahres müsst ihr mir drei Rät­sel lösen. Wer das kann, bekommt einen Geld­beu­tel, der nie leer wird, wer es aber nicht kann, der muss ster­ben.” Da jubel­ten die elf Burschen und ließen den Her­rn hoch leben und sie jubel­ten also fort das ganze Jahr hin­durch. Oft riefen sie dem Prinzen, er solle Teil an ihrer Lust­barkeit nehmen, aber der war still und in sich gekehrt, aß und trank wenig, sprach noch weniger, aber dachte ohne Unter­lass an seine arme Frau. Jet­zt wollen wir sehen, wie es mit ihr ergan­gen ist.

Als sie erwachte und ihren Mann nicht fand, rief sie ihm lange und natür­lich vergebens. Da fühlte sie plöt­zlich, dass ihr das Säckchen am Halse fehle. Ach sollte er mir den Stein ger­aubt haben und damit ent­flo­hen sein? dachte sie, und was kon­nte sie auch anders denken? Der Gedanke betrübte sie gar zu sehr und wäre sie nicht so fromm gewe­sen, sie hätte sich den bit­tern Tod ange­tan. Nun aber gab sie ihr trau­riges Schick­sal in des Him­mels Hand und ging weit­er im Walde gar müh­same Wege, bis sie an das Meer kam. Da lag ein Schiff vor Anker, das nahm sie um Gotteswillen auf und set­zte sie nach vie­len Wochen in einem frem­den Lande an das Ufer. Sie ging und ging, bis sie in der Ferne ein Schloss sah und als sie näher kam, erkan­nte sie, dass es das Schloss war, wo der Prinz sie gerettet hat­te. Da wurde sie fro­hen Mutes, denn sie dachte, ihr Mann werde wieder dort sein, und wenn er sie wieder sehe, könne er sie ja nicht ver­stoßen. Also ging sie in das Schloss und fragte nach dem Prinzen; die Diener woll­ten ihr eben sein trau­riges Schick­sal erzählen, da kam die Köni­gin hinzu und erkan­nte sie. Ei bist du hier und was hast du denn hier zu suchen?” fragte das böse Weib; da erzählte die Prinzessin, wie sie ihren Mann suche, den sie im Walde ver­loren habe, Komm mit here­in”, sprach die Köni­gin; als die Prinzessin ihr fol­gte, schloss sie schnell die Tür ab und rief den Greis. Sie fassten die Prinzessin, gruben ihr Abends die Augen aus und war­fen sie in die Löwen­grube. Da kannst du deinen Mann suchen”, riefen sie ihr nach und ver­höh­n­ten sie. Die Löwen fraßen sie aber nicht, son­dern die jun­gen Löwen leck­ten ihr die Augen heil und die Alten bracht­en ihr Nahrung, so dass sie am Leben blieb.

Unter­dessen war das Jahr in dem Wald­hause fast ver­strichen und die elf Bursche dacht­en nicht ein­mal an die drei Rät­sel; um desto mehr dachte der Prinz daran und sann und sann, was es wohl sein könne, aber er kon­nte nichts her­aus­find­en. Eines Abends set­zte er sich in den Wald unter eine Eiche, da flo­gen drei Atzeln her­an und ließen sich in dem Laub der Eiche nieder. Was mögen die wohl schwatzen? dachte der Prinz, legte seinen Ring unter die Zunge und horchte ihnen zu. Heisa ihr Brüder!” rief die Eine, mor­gen gibt es einen Fest­tag für uns, elf fette Handw­erks­burschen und einen magern Prinzen.” Wie meinst du das?” fragte die Zweite. Mor­gen müssen sie die drei Rät­sel lösen und sie wis­sen nicht eins davon”, sprach die Dritte. Wisst ihr sie denn?” fragte die Zweite und da schrieen die bei­den andern: Ja, ja, ich will sie sagen, nein ich will sie sagen.” Fang du an”, sprach die Zweite und die Erste begann: Das eine Rät­sel ist, wovon das Haus gebaut sei, das andere, woher sie das Essen gehabt hät­ten und das dritte, warum es in dem Hause nie Nacht werde?” Nun rate du sie”, sprach die Zweite und die Dritte plap­perte: Das Haus ist von Armesün­der­knochen gebaut, das Essen kommt von des Königs Tafel und das helle Tages­licht im Hause von dem Kar­funkel­stein, welchen der Zauber­er als Rabe dem armen Prinzen im Walde gestohlen hat und der nun an der Decke hängt.” Als sie so geplap­pert hat­ten, hoben sie die Flügel und flo­gen weit­er. Der Prinz aber erfreut legte sich zum ersten­mal seit einem ganzen Jahre ruhig schlafen.

Am andern Mor­gen tafel­ten und spiel­ten die elf Burschen wieder, da kam der Herr durch den Wald daher und rief schon von weit­em: Nun ihr Burschen, stellt euch in Reih und Glied, jet­zt müsst ihr die Rät­sel lösen.” Die Elf fol­gten gutes Mutes, der Prinz stellte sich ans Ende. Der Herr fragte: Woraus ist das Haus gebaut?” Ei von Back­stein” sagte der Erste, von Bruch­stein” der Zweite, von Lehm und Holz” der Dritte und so weit­er bis es an den Prinzen kam, der sprach: Von Armesün­der­knochen.” Du hast es ger­at­en” sagte der Herr. Jet­zt sagt mir weit­er, woher kam euer Essen?” Aus der Garküche”, schrieen alle elf, aber der Prinz sagte: Von des Königs Tafel.” Du hast es ger­at­en” sagte der Herr. Nun sagt mir zum Drit­ten, warum war euer Haus bei der Nacht so hell, wie bei Tage?” Von ein­er Lampe”, schrieen die Elf zugle­ich, aber der Prinz sprach: Von dem Kar­funkel­stein, den du mir als Rabe gestohlen hast und der an der Decke hängt.” Du hast es ger­at­en und hier ist dein Geld­beu­tel, der nie leer wird”, sprach der Herr und gab ihm den Beu­tel, den Elfen aber schlug er die Köpfe ab. Unter­dessen ging der Prinz in das Haus und nahm den Kar­funkel­stein wieder, dann wan­derte er seines Weges weit­er im Walde fort, bis er an das Meer kam. Dort ging er weit­er bis zur näch­sten Seestadt, mietete sich ein Schiff und fuhr nach dem Schloss, wo seine Mut­ter zurück­ge­blieben war. Habe ich bei allem Unglück so viel Glück gehabt, dachte er, wer weiß ob ich das Schloss nicht wieder gewinne und meine Frau dazu.

Es war dun­kler Abend, als das Schiff in der Nähe des Schloss­es vor Anker ging. Er verklei­dete sich in einen Matrosen, stieg ans Land, und ging auf das Schloss zu. Leise schlich er hinein und auf den Boden. Als Alles im Schlafe lag, stieg er auf das Dach und ließ sich durch einen Schorn­stein in das Zim­mer hinab, wo er den Greis schlafend gefun­den hat­te. Das Erste was er sah, war das weiße Hemd, welch­es auf dem run­den gold­nen Tis­che lag. Er zog es an, fasste das Schw­ert, welch­es an der Wand hing und durch­suchte das Zim­mer; da lag der Greis in dem­sel­ben Bette, wie das Erstemal und bei ihm die Köni­gin. Dreimal schwang der Prinz das Schw­ert, da stürzten die Diener here­in und begrüßten ihn freudig als ihren König und Her­rn. Bindet die Bei­den zusam­men und wer­fet sie in einen Käfig, wo sie gle­ich Vieh gehal­ten wer­den sollen!” rief der Prinz und es geschah. Die Köni­gin suchte zwar wieder durch neue Lügen und Ränke den Prinzen zu bestrick­en, aber es gelang ihr nicht; sie wurde gebun­den in den Käfig geworfen.

Das Erste was die Diener ihm sagten, war, dass die Prinzessin da gewe­sen sei und nach ihm gefragt habe. Da hob sich sein Herz in neuer Hoff­nung. Er ließ die Köni­gin fra­gen, wo die Prinzessin geblieben sei, aber sie wollte es nicht sagen und vergebens wurde in dem alten Loche gesucht. In sein­er Betrüb­nis kam ihm da der Gedanke, er wolle sich den guten Löwen dankbar beweisen und ihnen ein­mal eine reich­liche Mahlzeit geben. Es wur­den Ochsen und Rinder geschlachtet und die Diener mussten ihm das Fleisch in großen Mulden nach­tra­gen. So ging er zum Löwen­zwinger um es ihnen selb­st zu geben. Aber ach du Jam­mer, als er die Tür öffnete und seine liebe Frau blind in der Löwen­grube wieder­fand. Er stürzte auf sie zu und schloss sie in seine Arme und das war wieder ein­mal viel Unglück bei viel Glück. Er führte sie sogle­ich mit sich in das Schloss, da wusch er vor Allem ihre Augen mit dem Tau, welchen er einst in der Flasche gesam­melt hat­te und wie lachte sie ihn da so selig an! Jet­zt war Bei­der Glück vol­lkom­men und er gab ein Fest nach dem andern zur Feier ihres Wieder­se­hens. Dann schrieb er seinem Vater Alles nach der Ord­nung, wie es sich begeben hat­te und reiste mit sein­er lieben Frau zu dem alten König; den Käfig mit der Köni­gin und dem Greise ließ er nachkom­men und über­gab Bei­de seinem Vater zur Bestra­fung. Da wur­den sie auf einem Scheit­er­haufen öffentlich ver­bran­nt. Der Prinz aber fol­gte seinem Vater in der Regierung, erbte später auch das Kön­i­gre­ich sein­er Frau, und da an dem Schloss auch ein Kön­i­gre­ich hing, so war er Herr über drei Königreiche.