Das Wasser des Lebens

von Brüder Grimm

~11 Min

Es war ein­mal ein König, der war krank, und nie­mand glaubte, dass er mit dem Leben davonkäme. Er hat­te aber drei Söhne, die waren darüber betrübt, gin­gen hin­unter in den Schloss­garten und wein­ten. Da begeg­nete ihnen ein alter Mann, der fragte sie nach ihrem Kum­mer. Sie sagten ihm, ihr Vater wäre so krank, dass er wohl ster­ben würde, denn es wollte ihm nichts helfen. Da sprach der Alte ich weiss ein Mit­tel, das ist das Wass­er des Lebens, wenn er davon trinkt, so wird er wieder gesund: es ist aber schw­er zu find­en.‘ Der älteste sagte ich will es schon find­en,‘ ging zum kranken König und bat ihn, er möchte ihm erlauben auszuziehen, um das Wass­er des Lebens zu suchen, denn das kön­nte ihn allein heilen. Nein,‘ sprach der König, die Gefahr dabei ist zu gross, lieber will ich ster­ben.‘ Er bat aber so lange, bis der König ein­willigte. Der Prinz dachte in seinem Herzen bringe ich das Wass­er, so bin ich meinem Vater der lieb­ste und erbe das Reich.‘

Also machte er sich auf, und als er eine Zeit­lang fort­gerit­ten war, stand da ein Zwerg auf dem Wege, der rief ihn an und sprach wo hin­aus so geschwind?, Dum­mer Knirps,‘ sagte der Prinz ganz stolz, das brauchst du nicht zu wis­sen,‘ und ritt weit­er. Das kleine Män­nchen aber war zornig gewor­den und hat­te einen bösen Wun­sch getan. Der Prinz geri­et bald her­nach in eine Bergschlucht, und je weit­er er ritt, je enger tat­en sich die Berge zusam­men, und endlich ward der Weg so eng, dass er keinen Schritt weit­er kon­nte; es war nicht möglich, das Pferd zu wen­den oder aus dem Sat­tel zu steigen, und er sass da wie einges­per­rt. Der kranke König wartete lange Zeit auf ihn, aber er kam nicht. Da sagte der zweite Sohn Vater, lasst mich ausziehen und das Wass­er suchen,‘ und dachte bei sich ist mein Brud­er tot, so fällt das Reich mir zu.‘ Der König wollt ihn anfangs auch nicht ziehen lassen, endlich gab er nach. Der Prinz zog also auf dem­sel­ben Weg fort, den sein Brud­er eingeschla­gen hat­te, und begeg­nete auch dem Zwerg, der ihn anhielt und fragte, wohin er so eilig wollte. Klein­er Knirps,‘ sagte der Prinz, das brauchst du nicht zu wis­sen,‘ und ritt fort, ohne sich weit­er umzuse­hen. Aber der Zwerg ver­wün­schte ihn, und er geri­et wie der andere in eine Bergschlucht und kon­nte nicht vor­wärts und rück­wärts. So gehts aber den Hochmütigen.

Als auch der zweite Sohn aus­blieb, so erbot sich der jüng­ste, auszuziehen und das Wass­er zu holen, und der König musste ihn endlich ziehen lassen. Als er dem Zwerg begeg­nete und dieser fragte, wohin er so eilig wolle, so hielt er an, gab ihm Rede und Antwort und sagte ich suche das Wass­er des Lebens, denn mein Vater ist ster­ben­skrank.‘ Weisst du auch, wo das zu find­en ist?, Nein,‘ sagte der Prinz. Weil du dich betra­gen hast, wie sichs geziemt, nicht über­mütig wie deine falschen Brüder, so will ich dir Auskun­ft geben und dir sagen, wie du zu dem Wass­er des Lebens gelangst. Es quillt aus einem Brun­nen in dem Hofe eines ver­wün­scht­en Schloss­es, aber du dringst nicht hinein, wenn ich dir nicht eine eis­erne Rute gebe und zwei Laiberchen Brot. Mit der Rute schlag dreimal an das eis­erne Tor des Schloss­es, so wird es auf­sprin­gen: inwendig liegen zwei Löwen, die den Rachen auf­sper­ren, wenn du aber jedem ein Brot hinein­wirf­st, so wer­den sie still, und dann eile dich und hol von dem Wass­er des Lebens, bevor es zwölf schlägt, son­st schlägt das Tor wieder zu und du bist einges­per­rt.‘ Der Prinz dank­te ihm, nahm die Rute und das Brot, und machte sich auf den Weg. Und als er anlangte, war alles so, wie der Zwerg gesagt hat­te. Das Tor sprang beim drit­ten Ruten­schlag auf, und als er die Löwen mit dem Brot gesän­ftigt hat­te, trat er in das Schloss und kam in einen grossen schö­nen Saal: darin sassen ver­wün­schte Prinzen, denen zog er die Ringe vom Fin­ger, dann lag da ein Schw­ert und ein Brot, das nahm er weg. Und weit­er kam er in ein Zim­mer, darin stand eine schöne Jungfrau, die freute sich, als sie ihn sah, küsste ihn und sagte, er hätte sie erlöst und sollte ihr ganzes Reich haben, und wenn er in einem Jahre wiederkäme, so sollte ihre Hochzeit gefeiert wer­den. Dann sagte sie ihm auch, wo der Brun­nen wäre mit dem Lebenswass­er, er müsste sich aber eilen und daraus schöpfen, eh es zwö lf schlüge. Da ging er weit­er und kam endlich in ein Zim­mer, wo ein schönes frischgedeck­tes Bett stand, und weil er müde war, wollt er erst ein wenig aus­ruhen. Also legte er sich und schlief ein: als er erwachte, schlug es dreivier­tel auf zwölf. Da sprang er ganz erschrock­en auf, lief zu dem Brun­nen und schöpfte daraus mit einem Bech­er, der daneben stand, und eilte, dass er fortkam. Wie er eben zum eis­er­nen Tor hin­aus­ging, da schlugs zwölf, und das Tor schlug so heftig zu, dass es ihm noch ein Stück von der Ferse wegnahm.

Er aber war froh, dass er das Wass­er des Lebens erlangt hat­te, ging heimwärts und kam wieder an dem Zwerg vor­bei. Als dieser das Schw­ert und das Brot sah, sprach er damit hast du gross­es Gut gewon­nen, mit dem Schw­ert kannst du ganze Heere schla­gen, das Brot aber wird niemals all.‘ Der Prinz wollte ohne seine Brüder nicht zu dem Vater nach Haus kom­men und sprach lieber Zwerg, kannst du mir nicht sagen, wo meine zwei Brüder sind? sie sind früher als ich nach dem Wass­er des Lebens aus­ge­zo­gen und sind nicht wiedergekom­men.‘ Zwis­chen zwei Bergen steck­en sie eingeschlossen,‘ sprach der Zwerg, dahin habe ich sie ver­wün­scht, weil sie so über­mütig waren.‘ Da bat der Prinz so lange, bis der Zwerg sie wieder losliess, aber er warnte ihn und sprach hüte dich vor ihnen, sie haben ein bös­es Herz.‘

Als seine Brüder kamen, freute er sich und erzählte ihnen, wie es ihm ergan­gen wäre, dass er das Wass­er des Lebens gefun­den und einen Bech­er voll mitgenom­men und eine schöne Prinzessin erlöst hätte, die wollte ein Jahr lang auf ihn warten, dann sollte Hochzeit gehal­ten wer­den, und er bekäme ein gross­es Reich. Danach rit­ten sie zusam­men fort und geri­eten in ein Land, wo Hunger und Krieg war, und der König glaubte schon, er müsste verder­ben, so gross war die Not. Da ging der Prinz zu ihm und gab ihm das Brot, wom­it er sein ganzes Reich speiste und sät­tigte: und dann gab ihm der Prinz auch das Schw­ert, damit schlug er die Heere sein­er Feinde und kon­nte nun in Ruhe und Frieden leben. Da nahm der Prinz sein Brot und Schw­ert wieder zurück, und die drei Brüder rit­ten weit­er. Sie kamen aber noch in zwei Län­der, wo Hunger und Krieg herrscht­en, und da gab der Prinz den Köni­gen jedes­mal sein Brot und Schw­ert, und hat­te nun drei Reiche gerettet. Und danach set­zten sie sich auf ein Schiff und fuhren übers Meer. Während der Fahrt, da sprachen die bei­den ältesten unter sich der jüng­ste hat das Wass­er des Lebens gefun­den und wir nicht, dafür wird ihm unser Vater das Reich geben, das uns gebührt, und er wird unser Glück weg­nehmen.‘ Da wur­den sie rach­süchtig und verabre­de­ten miteinan­der, dass sie ihn verder­ben woll­ten. Sie warteten, bis er ein­mal fest eingeschlafen war, da gossen sie das Wass­er des Lebens aus dem Bech­er und nah­men es für sich, ihm aber gossen sie bit­teres Meer­wass­er hinein.

Als sie nun daheim anka­men, brachte der jüng­ste dem kranken König seinen Bech­er, damit er daraus trinken und gesund wer­den sollte. Kaum aber hat­te er ein wenig von dem bit­tern Meer­wass­er getrunk­en, so ward er noch kränker als zuvor. Und wie er darüber jam­merte, kamen die bei­den ältesten Söhne und klagten den jüng­sten an, er hätte ihn vergiften wollen, sie brächt­en ihm das rechte Wass­er des Lebens und reicht­en es ihm. Kaum hat­te er davon getrunk­en, so fühlte er seine Krankheit ver­schwinden, und war stark und gesund wie in seinen jun­gen Tagen. Danach gin­gen die bei­den zu dem jüng­sten, verspot­teten ihn und sagten du hast zwar das Wass­er des Lebens gefun­den, aber du hast die Mühe gehabt und wir den Lohn; du hättest klüger sein und die Augen auf­be­hal­ten sollen, wir haben dirs genom­men, während du auf dem Meere eingeschlafen warst, und übers Jahr, da holt sich ein­er von uns die schöne Königstochter. Aber hüte dich, dass du nichts davon ver­rätst, der Vater glaubt dir doch nicht, und wenn du ein einziges Wort sagst, so sollst du noch oben­drein dein Leben ver­lieren, schweigst du aber, so soll dirs geschenkt sein.‘

Der alte König war zornig über seinen jüng­sten Sohn und glaubte, er hätte ihm nach dem Leben getra­chtet. Also liess er den Hof ver­sam­meln und das Urteil über ihn sprechen, dass er heim­lich sollte erschossen wer­den. Als der Prinz nun ein­mal auf die Jagd ritt und nichts Bös­es ver­mutete, musste des Königs Jäger mit­ge­hen. Draussen, als sie ganz allein im Wald waren, und der Jäger so trau­rig aus­sah, sagte der Prinz zu ihm lieber Jäger, was fehlt dir?‘ Der Jäger sprach ich kanns nicht sagen und soll es doch.‘ Da sprach der Prinz sage her­aus, was es ist, ich will dirs verzei­hen.‘ Ach‘, sagte der Jäger, ich soll Euch totsch­iessen, der König hat mirs befohlen.‘ Da erschrak der Prinz und sprach lieber Jäger, lass mich leben, da geb ich dir mein königlich­es Kleid, gib mir dafür dein schlecht­es.‘ Der Jäger sagte das will ich gerne tun, ich hätte doch nicht nach Euch schiessen kön­nen.‘ Da tauscht­en sie die Klei­der, und der Jäger ging heim, der Prinz aber ging weit­er in den Wald hinein.

Über eine Zeit, da kamen zu dem alten König drei Wagen mit Gold und Edel­steinen für seinen jüng­sten Sohn: sie waren aber von den drei Köni­gen geschickt, die mit des Prinzen Schw­ert die Feinde geschla­gen und mit seinem Brot ihr Land ernährt hat­ten, und die sich dankbar bezeigen woll­ten. Da dachte der alte König sollte mein Sohn unschuldig gewe­sen sein?, und sprach zu seinen Leuten wäre er noch am Leben, wie tut mirs so leid, dass ich ihn habe töten lassen.‘ Er lebt noch‘, sprach der Jäger, ich kon­nte es nicht übers Herz brin­gen, Euern Befehl auszuführen,‘ und sagte dem König, wie es zuge­gan­gen war. Da fiel dem König ein Stein von dem Herzen, und er liess in allen Reichen verkündi­gen, sein Sohn dürfte wiederkom­men und sollte in Gnaden aufgenom­men werden.

Die Königstochter aber liess eine Strasse vor ihrem Schloss machen, die war ganz gold­en und glänzend, und sagte ihren Leuten, wer darauf ger­adeswegs zu ihr gerit­ten käme, das wäre der rechte, und den soll­ten sie ein­lassen, wer aber daneben käme, der wäre der rechte nicht, und den soll­ten sie auch nicht ein­lassen. Als nun die Zeit bald herum war, dachte der älteste, er wollte sich eilen, zur Königstochter gehen und sich für ihren Erlös­er aus­geben, da bekäme er sie zur Gemahlin und das Reich daneben. Also ritt er fort, und als er vor das Schloss kam und die schöne gold­ene Strasse sah, dachte er das wäre jam­mer­schade, wenn du darauf rittest,‘ lenk­te ab und ritt rechts neben­her. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute zu ihm, er wäre der rechte nicht, er sollte wieder fort­ge­hen. Bald darauf machte sich der zweite Prinz auf, und wie der zur gold­e­nen Strasse kam und das Pferd den einen Fuss daraufge­set­zt hat­te, dachte er es wäre jam­mer­schade, das kön­nte etwas abtreten,‘ lenk­te ab und ritt links neben­her. Wie er aber vor das Tor kam, sagten die Leute, er wäre der rechte nicht, er sollte wieder fort­ge­hen. Als nun das Jahr ganz herum war, wollte der dritte aus dem Wald fort zu sein­er Lieb­sten reit­en und bei ihr sein Leid vergessen. Also machte er sich auf, und dachte immer an sie und wäre gerne schon bei ihr gewe­sen, und sah die gold­ene Strasse gar nicht. Da ritt sein Pferd mit­ten darüber hin, und als er vor das Tor kam, ward es aufge­tan, und die Königstochter empf­ing ihn mit Freuden und sagte, er wär ihr Erlös­er und der Herr des Kön­i­gre­ichs, und ward die Hochzeit gehal­ten mit gross­er Glück­seligkeit. Und als sie vor­bei war, erzählte sie ihm, dass sein Vater ihn zu sich ent­boten und ihm verziehen hätte. Da ritt er hin und sagte ihm alles, wie seine Brüder ihn bet­ro­gen und er doch dazu geschwiegen hätte. Der alte König woll te sie strafen, aber sie hat­ten sich aufs Meer geset­zt und waren fort­geschifft und kamen ihr Leb­tag nicht wieder.