Das Waldhaus

von Brüder Grimm

~9 Min

Ein armer Holzhauer lebte mit sein­er Frau und drei Töchtern in ein­er kleinen Hütte an dem Rande eines ein­samen Waldes. Eines Mor­gens, als er wieder an seine Arbeit wollte, sagte er zu sein­er Frau: Lass mir ein Mit­tags­brot von dem ältesten Mäd­chen hin­aus in den Wald brin­gen, ich werde son­st nicht fer­tig. Und damit es sich nicht verir­rt,“ set­zte er hinzu, so will ich einen Beu­tel mit Hirse mit­nehmen und die Körn­er auf den Weg streuen.“

Als nun die Sonne mit­ten über dem Walde stand, machte sich das Mäd­chen mit einem Topf voll Suppe auf den Weg. Aber die Feld- und Waldsper­linge, die Lerchen und Finken, Amseln und Zeisige hat­ten die Hirse schon längst aufgepickt, und das Mäd­chen kon­nte die Spur nicht find­en. Da ging es auf gut Glück immer fort, bis die Sonne sank und die Nacht ein­brach. Die Bäume rauscht­en in der Dunkel­heit, die Eulen schnar­rten, und es fing an, ihm angst zu wer­den. Da erblick­te es in der Ferne ein Licht, das zwis­chen den Bäu­men blink­te. Dort soll­ten wohl Leute wohnen, dachte es, die mich über Nacht behal­ten, und ging auf das Licht zu. Nicht lange, so kam es an ein Haus, dessen Fen­ster erleuchtet waren. Es klopfte an, und eine rauhe Stimme rief von innen: Here­in!“ Das Mäd­chen trat auf die dun­kle Diele und pochte an die Stuben­tür. Nur here­in,“ rief die Stimme, und als es öffnete, sass da ein alter, eis­grauer Mann an dem Tisch, hat­te das Gesicht auf die bei­den Hände gestützt, und sein weiss­er Bart floss über den Tisch herab fast bis auf die Erde. Am Ofen aber lagen drei Tiere, ein Hüh­nchen, ein Häh­nchen und eine bunt­gescheck­te Kuh. Das Mäd­chen erzählte dem Alten sein Schick­sal und bat um ein Nacht­lager. Der Mann sprach:

Schön Hühnchen, 
Schön Hähnchen 
Und du schöne bunte Kuh, 
Was sagst du dazu?“

Duks!“ antworteten die Tiere, und das musste wohl heis­sen wir sind es zufrieden,“ denn der Alte sprach weit­er: Hier ist Hülle und Fülle, geh hin­aus an den Herd und koch uns ein Aben­dessen. Das Mäd­chen fand in der Küche Über­fluss an allem und kochte eine gute Speise, aber an die Tiere dachte es nicht. Es trug die volle Schüs­sel auf den Tisch, set­zte sich zu dem grauen Mann, ass und stillte seinen Hunger. Als es satt war, sprach es: Aber jet­zt bin ich müde, wo ist ein Bett, in das ich mich leg­en und schlafen kann?“ Die Tiere antworteten:

Du hast mit ihm gegessen, 
Du hast mit ihm getrunken, 
Du hast an uns gar nicht gedacht, 
Nun sieh auch. wo du bleib­st die Nacht.“

Da sprach der Alte: Steig nur die Treppe hin­auf, so wirst du eine Kam­mer mit zwei Bet­ten find­en, schüt­tle sie auf und decke sie mit weis­sem Lin­nen, so will ich auch kom­men und mich schlafen leg­en.“ Das Mäd­chen stieg hin­auf, und als es die Bet­ten geschüt­telt und frisch gedeckt hat­te, da legte es sich in das eine, ohne weit­er auf den Alten zu warten. Nach einiger Zeit aber kam der graue Mann, beleuchtete das Mäd­chen mit dem Licht und schüt­telte den Kopf. Und als er sah, dass es fest eingeschlafen war, öffnete er eine Falltüre und liess es in den Keller sinken.

Der Holzhauer kam am späten Abend nach Haus und machte sein­er Frau Vor­würfe, dass sie ihn den ganzen Tag habe hungern lassen. Ich habe keine Schuld,“ antwortete sie, das Mäd­chen ist mit dem Mit­tagessen hin­aus­ge­gan­gen, es muss sich verir­rt haben; mor­gen wird es schon wiederkom­men.“ Vor Tag aber stand der Holzhauer auf, wollte in den Wald, ver­langte, die zweite Tochter solle ihm dies­mal das Essen brin­gen. Ich will einen Beu­tel mit Lin­sen mit­nehmen,“ sagte er, die Körn­er sind gröss­er als Hirse, das Mäd­chen wird sie bess­er sehen und kann den Weg nicht ver­fehlen.“ Zur Mit­tagszeit trug auch das Mäd­chen die Speise hin­aus, aber die Lin­sen waren ver­schwun­den: die Wald­vögel hat­ten sie, wie am vorigen Tag, aufgepickt und keine übrigge­lassen. Das Mäd­chen irrte im Walde umher, bis es Nacht ward, da kam es eben­falls zu dem Haus des Alten, ward hereingerufen und bat um Speise und Nacht­lager. Der Mann mit dem weis­sen Barte fragte wieder die Tiere:

Schön Hühnchen, 
schön Hähnchen 
Und du schöne bunte Kuh, 
Was sagst du dazu?“

Die Tiere antworteten aber­mals: Duks!,“ und es geschah alles wie am vorigen Tag. Das Mäd­chen kochte eine gute Speise, ass und trank mit dem Alten und küm­merte sich nicht um die Tiere. Und als es sich nach seinem Nacht­lager erkundigte, antworteten sie:

Du hast, mit ihm gegessen, 
Du hast mit ihm getrunken, 
Du hast an uns gar nicht gedacht, 
Nun sieh auch, wo du bleib­st die Nacht.“

Als es eingeschlafen war, kam der Alte, betra­chtete es mit Kopf­schüt­teln und liess es in den Keller hinab. Am drit­ten Mor­gen sprach der Holzhack­er zu sein­er Frau: Schick unser jüng­stes Kind mit dem Essen hin­aus, das ist immer gut und gehor­sam gewe­sen, das wird auf dem recht­en Weg bleiben und nicht wie seine Schwest­ern, die wilden Hum­meln, herum­schwär­men.“ Die Mut­ter wollte nicht und sprach: Soll ich mein lieb­stes Kind auch noch ver­lieren?“ – Sei ohne Sorge,“ antwortete er, das Mäd­chen verir­rt sich nicht, es ist zu klug und ver­ständig; zum Über­fluss will ich Erb­sen mit­nehmen und ausstreuen, die sind noch gröss­er als Lin­sen und wer­den ihm den Weg zeigen.“ Aber als das Mäd­chen mit dem Korb am Arm hin­auskam, so hat­ten die Wald­tauben die Erb­sen schon im Kropf, und es wusste nicht, wohin es sich wen­den sollte. Es war voll Sor­gen und dachte beständig daran, wie der arme Vater hungern und die gute Mut­ter jam­mern würde, wenn es aus­blieb. Endlich, als es fin­ster ward, erblick­te es das Lichtchen und kam an das Wald­haus. Es bat ganz fre­undlich, sie möcht­en es über Nacht beherber­gen, und der Mann mit dem weis­sen Bart fragte wieder seine Tiere:

Schön Hühnchen, 
Schön Hähnchen 
Und du schöne bunte Kuh, 
Was sagst du dazu?“

Duks!“ sagten sie. Da trat das Mäd­chen an den Ofen, wo die Tiere lagen, und liebkoste Hüh­nchen und Häh­nchen, indem es mit der Hand über die glat­ten Fed­ern hin­strich, und die bunte Kuh kraute es zwis­chen den Hörn­ern. Und als es auf Geheiss des Alten eine gute Suppe bere­it­et hat­te und die Schüs­sel auf dem Tisch stand, so sprach es: Soll ich mich sät­ti­gen, und die guten Tiere sollen nichts haben? Draussen ist die Hülle und Fülle, erst will ich für sie sor­gen.“ Da ging es, holte Ger­ste und streute sie dem Hüh­nchen und Häh­nchen vor und brachte der Kuh wohlriechen­des Heu, einen ganzen Arm voll. Lasst’s euch schmeck­en, ihr lieben Tiere,“ sagte es, und wenn ihr durstig seid, sollt ihr auch einen frischen Trunk haben.“ Dann trug es einen Eimer voll Wass­er here­in, und Hüh­nchen und Häh­nchen sprangen auf den Rand, steck­ten den Schn­abel hinein und hiel­ten den Kopf dann in die Höhe, wie die Vögel trinken, und die bunte Kuh tat auch einen herzhaften Zug. Als die Tiere gefüt­tert waren, set­zte sich das Mäd­chen zu dem Alten an den Tisch und ass, was er ihm übrigge­lassen hat­te. Nicht lange, so fing das Hüh­nchen und Häh­nchen an, das Köpfchen zwis­chen die Flügel zu steck­en, und die bunte Kuh blinzelte mit den Augen. Da sprach das Mäd­chen: Sollen wir uns nicht zur Ruhe begeben?“

Schön Hühnchen, 
Schön Hähnchen 
Und du schöne, bunte Kuh, 
Was sagst du dazu?“

Die Tiere antworteten: Duks,

Du hast mit uns gegessen, 
Du hast mit uns getrunken, 
Du hast uns alle wohlbedacht, 
Wir wün­schen dir eine gute Nacht.“

Da ging das Mäd­chen die Treppe hin­auf, schüt­telte die Fed­erkissen und deck­te frisches Lin­nen auf, und als es fer­tig war, kam der Alte und legte sich in das eine Bett, und sein weiss­er Bart reichte ihm bis an die Füsse. Das Mäd­chen legte sich in das andere, tat sein Gebet und schlief ein​.Es schlief ruhig bis Mit­ter­nacht, da ward es so unruhig in dem Hause, dass das Mäd­chen erwachte. Da fing es an, in den Eck­en zu knit­tern und zu knat­tern, und die Türe sprang auf und schlug an die Wand; die Balken dröh­n­ten, als wenn sie aus ihren Fugen geris­sen wür­den, und es war, als wenn die Treppe her­ab­stürzte, und endlich krachte es, als wenn das ganze Dach zusam­men­fiele. Da es aber wieder still ward und dem Mäd­chen nichts zuleid geschah, so blieb es ruhig liegen und schlief wieder ein.Als es aber am Mor­gen bei hellem Son­nen­schein aufwachte, was erblick­ten seine Augen? Es lag in einem grossen Saal, und ring­sumher glänzte alles in königlich­er Pracht: An den Wän­den wuch­sen auf grün­sei­den­em Grund gold­ene Blu­men in die Höhe, das Bett war von Elfen­bein und die Decke darauf von rotem Samt, und auf einem Stuhl daneben stand ein Paar mit Perlen gestick­te Pantoffeln.Das Mäd­chen glaubte, es wäre ein Traum, aber es trat­en drei reichgek­lei­dete Diener here­in und fragten, was es zu befehlen hätte. Geht nur,“ antwortete das Mäd­chen ich will gle­ich auf­ste­hen und dem Alten eine Suppe kochen und dann auch schön Hüh­nchen, schön Häh­nchen und die schöne bunte Kuh füt­tern.“ Es dachte, der Alte wäre schon aufge­s­tanden, und sah sich nach seinem Bette um, aber er lag nicht darin, son­dern ein fremder Mann. Und als es ihn betra­chtete und sah, dass er jung und schön war, erwachte er, richtete sich auf und sprach: Ich bin ein Königssohn und war von ein­er bösen Hexe ver­wün­scht wor­den, als ein alter, eis­grauer Mann in dem Wald zu leben, nie­mand durfte um mich sein als meine drei Diener in der Gestalt eines Hüh­nchens, eines Häh­nchens und ein­er bun­ten Kuh. Und nicht eher sollte die Ver­wün­schung aufhören, als bis ein Mäd­chen zu uns käme, so gut von Herzen, dass es nicht nur gegen die Men­schen allein, son­dern auch gegen die Tiere sich liebre­ich bezeigte, und das bist du gewe­sen, und heute um Mit­ter­nacht sind wir durch dich erlöst und das alte Wald­haus ist wieder in meinen königlichen Palast ver­wan­delt wor­den.“ Und als sie aufge­s­tanden waren, sagte der Königssohn den drei Dienern, sie soll­ten hin­aus­fahren und Vater und Mut­ter des Mäd­chens zur Hochzeit her­bei­holen. Aber wo sind meine zei Schwest­ern?“ Fragte das Mid­chen. Die habe ich in den Keller ges­per­rt, und mor­gen sollen sie in den Wald geführt wer­den und sollen be; dem Köh­ler so lange aIs Mägde dienen, bis sie sich gebessert haben und auch die armen Tiere nicht hungern lassen.“