Das treue Füllchen

von Johann Wilhelm Wolf

~24 Min

Hans hat­te sich beim Müller ver­dun­gen um drei Ohrfeigen, welche er dem Müller geben dürfte. Der Müller wäre ihn aber bald gern wieder los gewe­sen, hieß ihn in den Brun­nen steigen und die Knechte, ihm einen Mühlstein nach­w­er­fen. Aber der Mühlstein fiel dem Hans auf die Schul­tern, so dass sein Kopf durch das Loch schaute und Hans rief, als er aus dem Brun­nen kam: Seht meinen schö­nen Hal­skra­gen!“ und tanzte mit dem Mühlstein herum. Noch anderes ver­suchte der Müller, ihn in die andre Welt zu befördern, aber es nützte ihm nichts, er musste die drei Ohrfeigen aushal­ten. Die erste gab Hans ihm mit zwei Fin­gern, davon lag er acht Tage krank, von der zweit­en wäre er fast tot geblieben. Die dritte schenk­te der gutherzige Hans ihm und zog weit­er zu einem Schäfer, bei welchem er sich als Hirte verdingte.

Als er nun am fol­gen­den Mor­gen das erste Mal aus­treiben wollte, sagte der Schäfer: Hans, du kannst über­all hin­treiben, nur nicht auf die Riesen­wei­de!“ Es ist schon gut“, sagte Hans und trieb ger­ade dahin. Er war kaum da, als schon ein Riese vom Berge her her­an­polterte und rief: Was hast du auf mein­er Wei­de zu tun?“ Das geht dich nichts an“, sprach Hans und schlug ihn mit drei Fin­gern hin­ters Ohr, da fiel der Riese hin, so lang wie er gewach­sen war. Abends erzählte Hans dem Schäfer die Geschichte, aber der schüt­telte den Kopf und sprach: Solch Ding tut wohl ein­mal gut, aber das zweite Mal nicht. Treibe die Schafe mor­gen einen andern Weg.“ Es ist schon gut“ sprach Hans.

Am fol­gen­den Mor­gen fuhr Hans mit der Herde aber­mals der Riesen­wei­de zu. Sogle­ich erschien ein Riese vom Berge her, der rief: Was hast du auf mein­er Wei­de zu tun?“ Das geht dich nichts an“, sprach Hans und schlug ihn mit vier Fin­gern an die Ohren, so dass sie ihm sein Leb­tag nicht mehr weh tat­en. Wer nun wüsste, was da jen­seits der Berge für ein Land liegt, dachte Hans; wenn das nicht etwas ganz beson­deres wäre, wür­den die Riesen nicht hier Wache ste­hen. Er ging zum Schäfer und sprach: Nimm deine Herde zurück, ich bin des Schäferns müde und gehe in das Riesen­land.“ Der Schäfer ver­suchte wohl, ihm abzu­rat­en, aber Hans hörte nicht auf ihn und zog weg gegen die Berge hin.

Das war ein hoher, hoher Berg, den er da erklet­tern musste und hin­ter dem Berge lag ein tiefes, tiefes Tal, darin stand ein her­rlich­es Schloss. Das gefiel dem Hans nicht schlecht. Da muss es bess­er Leben sein als in des Müllers Haus und in des Schäfers Hütte“ sprach er und stieg den Berg hinab und ging in das Schloss hinein. Hei das war eine Pracht und Her­rlichkeit, ein Zim­mer schön­er wie das andre und im let­zten hin­gen lauter Riesen­röcke. Dann ging Hans auch in den Stall, da standen drei Pferde und was für Pferde! Schön­er gibt’s keine in des Kaisers Marstall. Das erste war ein Schim­mel, das andre ein Rappe, das dritte ein Brauner, und er ging und strich sie und klopfte sie, einen nach dem andern. Da hörte er plöt­zlich rufen: Hans, Hans.“ Er guck­te sich um, aber da war kein Men­sch zu sehn. Hans, Hans“, rief es aber­mals und da merk­te er, dass die Stimme aus der Ecke kam, wo der Schim­mel stand und als er hing­ing, war das der Schim­mel sel­ber, der rief zum drit­ten Mal: Hans, Hans.“ Was hättest du gern?“ fragte Hans. Der Schim­mel antwortete: Sat­tle mich, Hans, und reite auf den gläser­nen Berg, aber lass dich droben nicht fes­thal­ten, es wird dein Glück sein.“ Mich fes­thal­ten?“ fragte Hans, dafür lass du mich sor­gen.“ Er sat­telte den Schim­mel und ritt hin­aus, da hink­te der Schim­mel und schnappte, dass es zum Erbar­men war. Hin­term Schloss grade vor dem gläser­nen Berg lag ein Dorf, als Hans hin­durch ritt, liefen ihm die Kinder nach und die Alten lacht­en ihn aus und riefen: Was will der auf seinem schnap­peri­gen krum­men Gaul“, aber Hans ließ sich nicht irre machen und dachte, wer zulet­zt lacht, lacht am besten. Als er jen­seits des Dor­fes an den gläser­nen Berg kam, da schüt­telte sich der Schim­mel dreimal. Augen­blick­lich hörte sein Hinken auf und Hans war ganz über­schmuckt; er hat­te eine goldne Rüs­tung an, einen gold­nen Helm auf dem Haupte und an sein­er Seite hing ein mächtiges Schlachtschw­ert. Ach was bin ich für ein schön­er Bursche gewor­den, so gefalle ich mir!“ rief Hans, der sich in dem gläser­nen Berge abge­spiegelt sah. Da sprach der Schim­mel: Jet­zt halte dich fest im Sat­tel, Hans, und lass dich durch nichts irre machen, hau aber droben brav zu.“ Schim­melchen, du kennst den Hans noch nicht“, sprach Hans, son­st wüsstest du, dass der zuschla­gen kann.“ Da erhob sich der Schim­mel und sprengte in mächti­gen Sätzen den gläser­nen Berg hinan, dass die Funken und die Split­ter davon sto­ben. Droben lief er mit Hans auf einen großen Platz, wo aller­lei Waf­fen­spiel gehal­ten wurde und waren da wohl tausend Rit­ter ver­sam­melt. Da kamen ihrer viele, um mit Hans einen Straus zu beste­hen, aber er teilte solche Hiebe aus, dass es seinen Geg­n­ern bald Angst wurde und sie sich gefan­gen gaben. Als der König ihn aber bewil­lkom­men wollte, wandte er plöt­zlich seinen Schim­mel und weg war er. Als er drun­ten ankam war es Nacht, so dass Hans in sein­er gold­nen Rüs­tung in das Schloss zurück­re­it­en kon­nte, ohne dass ihn jemand bemerkte.

Am andern Mor­gen ging er in den Stall, um nach den Pfer­den zu sehen, da rief es wiederum: Hans, Hans.“ Was hättest du gern, mein Schim­melchen?“ fragte Hans, aber der Schim­mel sprach: Ich habe dir nicht gerufen, son­dern der Braune.“ Hans ging zum Braunen und fragte: Was hättest du gern mein Bräunchen?“ Sat­tle mich, Hans und reite auf den gläser­nen Berg, aber lass dich droben nicht fes­thal­ten, es wird dein Glück sein“, antwortete der Braune. Fes­thal­ten sagst du? frage das Schim­melchen, ob Hans sich fes­thal­ten lässt“, sagte Hans, nahm Sat­tel und Zaum, machte den Braunen zurecht und sprang drauf. Als er hin­aus­ritt hink­te das Bräunchen, dass es ein Jam­mer war und das ganze Dorf den Hans aus­lachte, aber der saß wie ein Kaiser so ernst auf seinem lah­men Gaul und lachte sie erst recht aus, denn er dachte: Wüsstet ihr, was ich weiß!“ jen­seits des Dor­fes am gläser­nen Berge schüt­telte sich das Bräunchen dreimal, da kan­nte der Hans sein Bräunchen und sich sel­ber nicht mehr, so sehr glänzte er in sein­er Rüs­tung von rotem Gold und seinem Helm mit prächti­gen Fed­ern drauf. Nun halte dich fest im Sat­tel Hans und haue droben brav zu“, sprach der Braune und Hans erwiderte: Es ist schon gut, ich weiß das alles schon; nur vor­wärts.“ Da set­zte der Braune seine Hufe ein und sprengte den gläser­nen Berg hinan, dass es nicht anders schien, als er flöge hin­auf; Hans saß aber im Sat­tel, wie der beste Reit­ers­mann, so fest und so stolz. Droben lief der Braune wieder auf den Platz, wo das Turnier auch dies­mal stat­tfand. Als Hans here­in­ritt, wandten sich des Königs und aller Zuschauer Augen auf ihn, denn ein so schön­er Rit­ter war noch nie gese­hen wor­den. Jet­zt zog Hans sein Schw­ert und schwang es und rief: Ihr Her­rn, ihr Her­ren, wer will, ich habe große Fechtlust, als her­an, als her­an!“ Da sprengten sie ein­er nach dem andern auf Hans los und focht­en mit ihm, aber kein­er kon­nte gegen ihn ankom­men; wem er mit seinem Schw­ert zu nahe kam, der hat­te soviel, dass er nicht mehr begehrte. Plöt­zlich wur­den die Trompe­ten geblasen zum Zeichen, dass das Turnier zu Ende sei. Da stand der König auf um Hans zu begrüßen, aber der wandte seinen Braunen und fort war er. Drun­ten ritt er unbe­merkt wieder in das Riesen­schloss und schlief prächtig auf die Strapaze.

Am fol­gen­den Mor­gen als er im Stall nach den Pfer­den sah, rief es aber­mals: Hans, Hans.“ Was willst du, mein Bräunchen?“ fragte Hans, aber der Braune sprach: Ich habe dir nicht gerufen, son­dern der Rappe.“ Hans ging zum Rap­pen und fragte: Was hättest du gern, mein Räp­pchen?“ Sat­tle mich Hans und reite auf den gläser­nen Berg, aber lass dich droben nicht fes­thal­ten, es wird dein Glück sein.“ Mit dem Fes­thal­ten hat’s keine Not“ sprach Hans, sat­telte und zäumte den Rap­pen und ritt fort. Draus fing der Rappe wieder an zu hinken, ach das war nicht anzuse­hen und das ganze Dorf lachte und höh­nte den armen Hans aus, der aber ein ganz vergnügtes Gesicht dazu machte. Am gläser­nen Berg schüt­telte sich der Rappe dreimal und da funkelte der ganze Hans von Gold und Edel­steinen, dass es nicht zu sagen ist, und des Rap­pen Sat­tel und Zaum war so kost­bar, dass er seines Gle­ichen nicht hat­te. Nun halte dich fest im Sat­tel Hans und haue droben brav zu“, sprach der Rappe, und Hans: Lass mich nur gehen, ich kenne das Ding schon.“ Wie der Wind sprengte der Rappe jet­zt den Berg hinan und grade auf den Turnier­platz zu. Dies­mal räumte der Hans aber unter den Rit­tern auf! Er schlug auf sie los, dass die Stücke von den Hel­men und Panz­ern fuhren und Schw­ert­er und Schilde zer­brachen. Da fin­gen plöt­zlich die Trompe­ten an zu blasen und Hans wandte seinen Rap­pen, um nach Hause zu spren­gen. Aber der König hat­te Befehl gegeben das Tor des Platzes zu schließen und wollte den Hans fan­gen, tot oder lebendig, stand auch sel­ber mit bloßem Schw­ert an dem Tor. Als der Hans dahin kam und sich eingeschlossen sah, lenk­te er seinen Rap­pen ein wenig zurück und set­zte über das Tor hin­weg, da schlug der König mit dem Schw­erte nach ihm, um ihn wenig­stens zu zeich­nen. Hans hat­te aber eine so harte Haut, dass die Spitze des Schw­ertes darin steck­en blieb und abbrach. Jet­zt wollen wir ihn schon kriegen“ sprach der König.

Am fol­gen­den Tage schick­te der König von dem gläser­nen Berge nach allen Seit­en Boten aus, welche verkündi­gen mussten: Der Rit­ter in dessen Bein des Königs Schw­ert­spitze steckt, soll die Prinzessin zur Gemahlin bekom­men.“ Da brach manch­er Rit­ter ein Stück von seinem Schw­ert ab, bohrte es in sein Bein und ließ sich zum König tra­gen, aber sie fuhren alle mit Schande ab, denn keine der Spitzen passte an des Königs Schw­ert. Hans hat­te Anfangs seine Wunde nicht geachtet, denn die Schw­ert­spitze galt ihm so viel, als unser einem ein Split­ter Holz. Nach und nach aber eit­erte die Wunde und wurde so schlimm, dass er nicht mehr gehen kon­nte und einen Arzt holen lassen musste. Als dieser die Wunde sah und die Schw­ert­spitze her­aus­zog, sprach er: Warum meldet ihr euch nicht an des Königs Hof, da ihr doch des Königs Tochter zur Gemahlin bekom­men kön­nt? Denn das ist des Königs Schw­ert­spitze, seine Kro­ne ste­ht darauf.“ Ei sage du es ihm, wenn du Lust hast und dir einen Boten­lohn ver­di­enen willst“ sprach Hans. Da ver­band der Arzt die Wunde schnell und eilte zum König. Dieser set­zte sich in einen stolzen Wagen und fahr sogle­ich zu Hans. Als er in das Zim­mer des Schloss­es kam, wo Hans zu Bette lag, erkan­nte er ihn sogle­ich und rief: Du tapfer­ster von allen Rit­tern, warum hast du dich mir nicht eher zu erken­nen gegeben? Wie freue ich mich, dass ich dich finde!“ Es ist ja immer noch früh genug“, sprach Hans. Wann soll denn die Hochzeit sein?“ Wenn du erst wieder gesund bist“, antwortete der König. Dann lasst nur schnell Anstalt dazu machen“, sprach Hans und sprang aus seinem Bett auf; der Mück­en­stich an meinem Bein hat nichts zu bedeuten.“ So wurde die Hochzeit mit großer Feier­lichkeit began­gen und Hans war ein königlich­er Prinz.

Nach einem Jahre gebar die Prinzessin ihm einen Sohn, und kaum war der auf der Welt, so warf der Schim­mel im Stall ein Füllen. Das hat also sein sollen und muss seine Bedeu­tung haben“ sprach Hans. dass mir das Füllchen nur gut gepflegt werde!“ Er hat­te aber nicht lange Freude an dem Knaben und dem Füllchen, denn als Bei­de ein Jahr alt waren, brach ein Krieg aus und Prinz Hans zog ins Feld und blieb sieben Jahre aus, denn so lange währte der Krieg. Der Knabe wuchs aber mit dem Füllchen auf, und als er drei Jahre alt war, ritt er schon auf ihm, und Bei­de hat­ten einan­der so lieb, dass sie stets beisam­men waren, vom Mor­gen bis zum Abend.

Hans hat­te in sein­er Stadt einen Hofju­den wohnen, der mauschelte der Prinzessin so viel vor, dass sie dem Hans ihre Treue brach und mit dem Juden hielt; es war über­haupt nicht manch gutes Haar an ihr. Das dauerte also über sechs Jahre lang, da kamen Boten, welche melde­ten, dass Prinz Hans bald zurück­kehre, da er all seine Feinde geschla­gen habe. Da sprach der Jud: Au waih geschrieen, wenn der Prinz heim kommt und der kleine Bub ihm sagt, dass wir zu einan­der gehal­ten haben. Du musst den Buben töten, wenn er nicht plaud­ern soll.“ Sprach das ruchlose Weib: Das will ich schon wenn ich nur wüsste, wie ich das anfan­gen soll.“ Der Jud gab ihr Gift und sprach: Mis­che ihm das in seinen Kaf­fee, dann plaud­ert er nicht mehr.“

Als der Knabe Nach­mit­tags aus der Schule kam, rief ihn die Köni­gin und sprach: Da mein lieb­stes Söh­nchen, trink deinen Kaf­fee.“ Stell ihn auf mein Tis­chlein, liebe Mut­ter“, erwiderte das Kind. Ich laufe ein­mal schnell in den Stall, um nach meinem Füllchen zu schauen.“ Als der Knabe in den Stall kam lag das Füllchen da und war sehr trau­rig. Füllchen, ach liebes Füllchen, was fehlt dir?“ fragte der Knabe und das Füllchen sprach: Ach mein lieb­ster Sohn, ach mein lieb­ster Sohn, trink deinen Kaf­fee nicht, son­dern gib nur ein wenig der Katze und du wirst sehn, was drin ist.“ Da sprang das Kind zurück und gab der Katze ein wenig von dem Kaf­fee und kaum hat­te sie es getrunk­en, da flog sie wider die Decke und zer­platzte: so stark war das Gift.

Der Jud wusste gar nicht, was er dazu denken sollte, dass das Kind nicht ster­ben wollte, kam zu der Köni­gin und sprach: Au waih geschrieen, der Bub muss ster­ben, wenn er uns nicht ver­rat­en soll. Hier hast du Stoff zu einem Kit­telchen, den trage zu den neun und neun­zig Schnei­dern, und lass ihn schnell zurecht machen, dann muss er zu Grunde gehen.“ Die Köni­gin tat, wie der Jud gesagt und gegen Mit­tag war das Kit­telchen fer­tig. Als nun das Kind aus der Schule kam, rief sie es zu sich und sprach: Sieh ein­mal, mein lieb­stes Söh­nchen, was habe ich dir für ein schönes Kit­telchen machen lassen!“ Lege es auf mein Tis­chlein, lieb­ste Mut­ter“, antwortete das Kind; ich laufe ein­mal schnell in den Stall, um nach meinem Füllchen zu schauen.“ Als der Knabe in den Stall kam, lag das Füllchen da und ließ den Kopf hän­gen. Füllchen, ach liebes Füllchen, was fehlt dir?“ fragte der Knabe. Ach mein lieb­ster Sohn, ach mein lieb­ster Sohn“, sprach das Füllchen; ziehe das Kit­telchen von dein­er Mut­ter nicht an. Droben in mein­er Krippe liegt ein Stoff, der sieht eben so aus, trag ihn zu den neun und neun­zig Schnei­dern und lass dir ein Kit­telchen daraus machen und das ziehe an. In das andere sollst du den Haushund wick­eln und du wirst sehen, was drin ist.“ Der Knabe tat also und als der Haushund in dem Kit­telchen steck­te, drehte er sich hun­dert­mal im Kreis herum und war tot. Dann ging das Kind wieder zu den neun und neun­zig Schnei­dern, holte sein anderes Kit­telchen und zog es an, das stand ihm gar zu schön.

Am fol­gen­den Tage kam Prinz Hans von seinem Feldzug zurück. Als er eben am Tor anlangte, lief der schlechte Hofjud zu der Prinzessin und sprach: Au waih geschrieen, der Prinz kommt und der Bub plaud­ert. Leg dich schnell ins Bett, stell dich tod­krank und tue was ich dir sage, dann geht Alles gut.“ Dann gab er ihr einen bösen falschen Rat und lief weg.

Wo ist meine herza­ller­lieb­ste Frau?“ fragte Hans, als er in das Schloss kam und er war ganz untröstlich, als er hörte, sie sei plöt­zlich tod­krank gewor­den. Er eilte zu ihr und da tat sie ger­ade, als liege sie in den let­zten Zügen. Ach ist denn nichts, was dir helfen kann?“ rief Hans. Da sprach sie: Alle Ärzte sind hier gewe­sen und kein­er kon­nte nur einen Rat geben, außer einem, der hat aber sofort weit­er reisen müssen, weil er so gar viel zu tun hat. Aber was der mir gesagt hat, kann ich nicht tun, ja nicht ein­mal sagen, ach es ist allzu erschreck­lich.“ Sage es nur“, sprach Hans, mir ist nichts zu teuer, wenn ich meine her­zliebe Frau vom Tode ret­ten kann.“ Wenn ich es denn sagen muss“, sprach sie und seufzte heuch­lerisch dazu, nun gut, dann will ich es sagen. Das einzige Mit­tel mich zu ret­ten, ist dass du unseres lieben Söh­nchens Zunge in Milch kochen lässt.“ Da war Hans noch viel unglück­lich­er. Er ging hin­aus, da sprang ihm der Knabe mit dem Füllchen ent­ge­gen und Hans dachte bei sich: Das Füllen ist mit dem Kinde zu ein und der­sel­ben Stunde geboren, wir wollen dem Tier die Zunge auss­chnei­den lassen.“ Während nun ein Feld­scher­er geholt wurde, sprach das Füllen zu dem Knaben: Mein lieber Sohn, ach mein lieber Sohn, gle­ich kom­men sie und wollen mir die Zunge auss­chnei­den. Bitte aber deinen Vater, er möge dich vorher dreimal herum­re­it­en lassen und halte dich fest im Sat­tel.“ Gle­ich darauf kam der Feld­scher­er mit Messern und Scheren und Hans sprach: Hole dein Füllen, lieber Sohn, wir müssen ihm die Zunge auss­chnei­den und sie dein­er Mut­ter als Arznei geben, son­st stirbt sie.“ Der Knabe sagte: Lieber Vater, lass mich vorher noch dreimal herum­re­it­en, ehe mein armes Füllchen stirbt.“ Hans war damit zufrieden, der Knabe schwang sich auf das Füllen und ritt herum. Beim drit­ten Mal aber erhob es sich plöt­zlich von der Erde und stob durch die Luft fort, immer höher und immer weit­er, bis es ganz ver­schwand. Da hat­te Hans das Nach­se­hen, das Weib wurde aber ohne die Zunge gesund.

Also flog der Knabe über drei Kön­i­gre­iche weg, erst in dem vierten ließ das Pfer­d­chen sich nieder. Da sprach es: Nun geh‘ ins Schloss und nimm Dienst an. Was du siehst, das kannst du machen und noch dreimal schön­er, als jed­er andre. Wenn du aber in Not kom­men soll­test, oder dir etwas wün­schest, dann rassle nur mit diesem Kettchen und ich bin bei dir.“ Es gab ihm noch die Kette, nahm Abschied von ihm und flog durch die Luft davon.

Der Knabe ging in das Schloss und suchte Dienst. Er wurde als Pfer­deputzer im Hof­stall angenom­men und Alles ging ihm so flink von der Hand und gelang ihm so gut, dass der Stallmeis­ter mit keinem Knechte so zufrieden war, als mit ihm. So lebte er wohl sechs Jahre in dem Stalle. Eines Sam­stags ging er nach getan­er Arbeit in den Hof­garten, wo der Gärt­ner eben Sträuße für die Königstochter band. Der Knabe sprach: Las­set mich ver­suchen, auch einen Strauß zu binden.“ Du magst gut die Pferde putzen kön­nen, aber du musst die Hände von den Blu­men lassen“, sprach der Gärt­ner. Es kommt auf einen Ver­such an“, meinte der Knabe, pflück­te sich ein paar Blu­men und etwas Grün dazu und machte einen Strauß, dass dem Gärt­ner alle fünf Sinne still standen. Du darf­st nicht im Pfer­destall bleiben“, sprach der Gärt­ner, meldete Alles dem Könige und erwirk­te, dass der Knabe sofort zum Gärt­ner­burschen ernan­nt wurde. Da sah man bald dem Garten an, dass eine andere Hand darin wal­tete; die Blu­men blüht­en schön­er und reich­er, neue Blu­men aller Art wuch­sen aus dem Boden her­aus und die Bäume tru­gen Frucht, dass die Äste fast brachen. Jeden Sam­stag wenn seine Arbeit getan war und Nie­mand mehr in den Garten kam, ras­selte der Knabe, der unter­dessen zum Jüngling wurde, mit seinem Kettchen, dann stand sein Pfer­d­chen bei ihm. Er schwang sich auf, das Pfer­d­chen schüt­telte sich und sogle­ich strahlte und funkelte er von Gold und Sil­ber. So ritt er in dem Garten umher und das war all seine Freude. Nun schaut­en aber die Zim­mer der Prinzessin mit ihren Fen­stern in den Garten und sie sah jeden Sam­stag den schö­nen Reit­er, sagte aber nichts davon, denn sie meinte, es könne nur ein Engel sein, der da erschiene und von Erschei­n­un­gen soll man nicht reden, son­st ver­schwinden sie und man sieht sie nicht mehr. Eines Tages aber sah sie, wie der Gärt­ner­bursche in den Garten trat, sein Kettchen her­vor­zog und damit ras­selte, wie das Pfer­d­chen kam, er sich auf­schwang und augen­blick­lich in Gold und Sil­ber strahlend in dem Garten herum­ritt. Da ent­bran­nte sie in Liebe zu ihm und diese war so heftig, dass sie krank wurde. Sie schlich nur noch wie ein Schat­ten umher. Als der Jüngling das hörte, brachte er ihr jeden Tag zwei Sträuße, ihr Gemüt zu erfreuen und zu erheit­ern. Dann bot sie ihm jedes Mal die Hand zum Danke und schaute ihn so fre­undlich dabei an, sprach auch so schön mit ihm, dass er seines Herzens nicht lange Meis­ter blieb. Auf so viel Glück hat die liebe Sonne niemals hernieder geschaut, als das war, wie der Jüngling ihr sein Herz eröffnete und sie ihm ihr Herz auf­schloss und sie Bei­de eins im andern einen so großen Liebess­chatz fan­den. Wer aber rechte Liebe hat, der hat auch einen recht­en Mut. Am fol­gen­den Mor­gen ging die Prinzessin zu ihrem Vater und bat ihn, er möge sie dem Gärt­ner­burschen anver­mählen; wenn sie auch mit ihm arbeit­en und sich pla­gen müsste, das tue Alles nichts, anders könne sie nie glück­lich wer­den. Der König erzürnte sehr, als er solch­es hörte und sprach: Besinne dich drei Tage, bleib­st du auf deinem Sinne, dann gewähre ich dir zur Strafe deine Bitte und gebe euch als Woh­nung das Hinkel­haus.“ Ich wohne lieber mit dem Gärt­ner­burschen in dem Hinkel­haus, als ohne ihn in dem schön­sten Schloss der Welt“, sprach die Prinzessin, und nach­dem die Hochzeit im Stillen gehal­ten wor­den war, zog sie mit ihrem Gemahl in das Hinkel­haus. Da arbeit­ete sie nun wie eine gewöhn­liche Bürg­ers­frau von Mor­gens früh bis Abends spät und hat­te viel zu tun, da sie auf Rein­lichkeit hielt, was die Hinkel nicht tun. Das hätte sie nun gerne Alles getan, wenn sie nicht von den Hofher­ren und Hof­damen immer verspot­tet wor­den wäre; ach das schnitt ihr durchs Herz. Sie klagte es oft ihrem Manne, wenn er aus dem Garten von der Arbeit kam, dann sprach er aber stets: Warte nur, lieb­ste Frau, du wirst noch lachen, wenn diese alle weinen müssen.“

Plöt­zlich brach ein Krieg aus und des Königs Land kam in große Not. Da musste Alles zur Vertei­di­gung ins Feld rück­en und auch der Gärt­ner­bursche sollte mit ausziehen. Um sich aber lustig über ihn zu machen, gab ihm der König ein hink­endes Pferd, ein hölz­ernes Schw­ert und eine Flinte ohne Hahn; so ritt er aus und der ganze Hof ver­höh­nte ihn, so dass seine Frau meinte, vor Ärg­er und Scham in die Erde sinken zu müssen. Er tat, als höre und sehe er nicht. Vor dem Tore blieb er hin­ter dem Heer zurück und ritt dann abseits in einen Wald. Da ras­selte er mit seinem Kettchen und sogle­ich stand sein Pfer­d­chen vor ihm. Er band den lah­men Gaul an einen Baum und schwang sich auf sein liebes Pferd, das schüt­telte sich, da glänzte er von Gold und Sil­ber und an sein­er Seite hing ein Schw­ert, vor dem Alles floh und sank, wenn er es schwang. So ritt er dem Heere nach, da kam dies ihm schon ent­ge­gen und war bere­its auf der Flucht und der Feind hin­ter ihm drein. Mir nach!“ rief er den Sol­dat­en zu. Als diese ihn sahen, wie er so mutig auf die Feinde hinein­sprengte und sie zusam­men­schlug, wie der Schmied das alte Eisen, da gewan­nen sie wieder Mut, wandten sich um und schlu­gen auch drauf los. Jet­zt war das Fliehen am Feinde, der König siegte und machte so viel Beute, dass alle Pferde der Haupt­stadt geholt wur­den, um sie heimz­u­fahren. Der König eilte sel­ber dem Gärt­ner­burschen, den er jedoch nicht erkan­nte, ent­ge­gen, um ihm zu danken, und als er sah, dass der­selbe am Bein ver­wun­det war und das Blut herunter lief, ver­band er sel­ber ihm die Wunde mit seinem Tuche, wor­ein die Königskro­ne gestickt war. Kaum war das geschehen, so sprengte der Gärt­ner­bursch fort und in den Wald, wo sein lah­mer Gaul hielt. Da steck­te er sich wieder in seinen alten Aufzug und ritt heim, während alle Sol­dat­en und der König mit ihn verspotteten.

Seine Frau sah sogle­ich, dass er etwas am Beine hat­te und wollte ihn bess­er verbinden, da fand sie des Königs Tuch. Zugle­ich hörte sie, wie draußen aus­gerufen wurde, der König lasse den Gen­er­al zu sich ent­bi­eten, der ihm die Schlacht gewon­nen und den er sel­ber mit seinem Tuche ver­bun­den habe. Bring ihm das Tuch und sage, dass sein Gen­er­al im Hinkel­haus liege“, sprach er und die Prinzessin eilte entzückt zu ihrem Vater. Unter­dessen ging er in den Garten und ras­selte mit seinem Kettchen. Da stand sein Pfer­d­chen da, er schwang sich drauf, es schüt­telte sich und er leuchtete in sein­er prachtvollen Rüs­tung. Wenn du deine Frau im Schlosshofe siehst, nimm sie zu dir“, sprach das Pfer­d­chen. Da ritt er in den Schlosshof, wo der König mit seinem ganzen Hof­s­taat schon stand und ihn suchte. Jet­zt kon­nte der König kom­men, um ihm schöne Worte zu sagen, er hörte nicht darauf, son­dern warf ihm mit harten Reden vor, dass er seine eigne Tochter so schlecht behan­delt habe und erzählte zulet­zt, wie er nicht ein gewöhn­lich­er Gärt­ner­bursch, son­dern ein geborner Prinz sei. Dann ritt er zu der Prinzessin, sein­er Frau, hob sie zu sich aufs Pferd und fort ging’s durch die Luft dahin. Da hat­te der König das Nachsehen.

Auf ein­er freien Wald­wiese ließ das Pfer­d­chen sich nieder, die lag hart an einem Berge. Jet­zt steiget ab“ sprach es, und du nimm dein Schw­ert, schwenke es gegen den Berg und schlage mir den Kopf herunter.“ Der Prinz war gewohnt, dem Pfer­d­chen in Allem zu fol­gen und wie leid es ihm tat, so fol­gte er doch auch dies­mal. Als aber das Blut auf den Boden floss, da sprang der Berg unter schreck­lichem Krachen von einan­der und vor ihnen lag ein großes Königss­chloss, der Wald wurde zum prächti­gen Garten und das Gebirge hin­ter dem Schloss zu ein­er schö­nen Stadt. Aus dem Schlosse kamen Diener und Hofher­ren und aus der Stadt die Bürg­er und grüßten sie als König. Da war all ihr Leid zu Ende und das Glück trat an seine Stelle