Das Totenhemdchen

von Brüder Grimm

~3 Min

Es hat­te eine Mut­ter ein Büblein von sieben Jahren, das war so schön und lieblich, dass es nie­mand anse­hen kon­nte, ohne mit ihm gut zu sein, und sie hat­te es auch lieber als alles auf der Welt. Nun geschah es, dass es plöt­zlich krank ward, und der liebe Gott es zu sich nahm; darüber kon­nte sich die Mut­ter nicht trösten und weinte Tag und Nacht. Bald darauf aber, nach­dem es begraben war, zeigte sich das Kind nachts an den Plätzen, wo es son­st im Leben gesessen und gespielt hat­te; weinte die Mut­ter, so weinte es auch, und wenn der Mor­gen kam, war es ver­schwun­den. Als aber die Mut­ter gar nicht aufhören wollte zu weinen, kam es in ein­er Nacht mit seinem weis­sen Toten­hemd­chen, in welchem es in den Sarg gelegt war, und mit dem Kränzchen auf dem Kopf, set­zte sich zu ihren Füssen auf das Bett und sprach ach Mut­ter, höre doch auf zu weinen, son­st kann ich in meinem Sarge nicht ein­schlafen, denn mein Toten­hemd­chen wird nicht trock­en von deinen Trä­nen, die alle darauf fall­en.‘ Da erschrak die Mut­ter, als sie das hörte, und weinte nicht mehr. Und in der andern Nacht kam das Kind­chen wieder, hielt in der Hand ein Lichtchen und sagte siehst du, nun ist mein Hemd­chen bald trock­en, und ich habe Ruhe in meinem Grab.‘ Da befahl die Mut­ter dem lieben Gott ihr Leid und ertrug es still und geduldig, und das Kind kam nicht wieder, son­dern schlief in seinem unterirdis­chen Bettchen.