Das tapfere Schneiderlein

von Brüder Grimm

~16 Min

An einem Som­mer­mor­gen sass ein Schnei­der­lein auf seinem Tisch am Fen­ster, war guter Dinge und nähte aus Leibeskräften. Da kam eine Bauers­frau die Strasse herab und rief: Gut Mus feil! Gut Mus feil!“ Das klang dem Schnei­der­lein lieblich in die Ohren, er steck­te sein zartes Haupt zum Fen­ster hin­aus und rief: Hier her­auf, liebe Frau, hier wird sie ihre Ware los.“

Die Frau stieg die drei Trep­pen mit ihrem schw­eren Korbe zu dem Schnei­der her­auf und musste die Töpfe sämtlich vor ihm aus­pack­en. Er besah sie alle, hob sie in die Höhe, hielt die Nase dran und sagte endlich: Das Mus scheint mir gut, wieg sie mir doch vier Lot ab, liebe Frau, wenn’s auch ein Viertelp­fund ist, kommt es mir nicht darauf an.“ Die Frau, welche gehofft hat­te, einen guten Absatz zu find­en, gab ihm, was er ver­langte, ging aber ganz ärg­er­lich und brum­mig fort. Nun, das Mus soll mir Gott geseg­nen,“ rief das Schnei­der­lein, und soll mir Kraft und Stärke geben,“ holte das Brot aus dem Schrank, schnitt sich ein Stück über den ganzen Laib und strich das Mus darüber. Das wird nicht bit­ter schmeck­en,“ sprach er, aber erst will ich den Wams fer­tig machen, eh ich anbeisse.“ Er legte das Brot neben sich, nähte weit­er und machte vor Freude immer grössere Stiche.

Indes stieg der Geruch von dem süssen Mus hin­auf an die Wand, wo die Fliegen in gross­er Menge sassen, so dass sie herange­lockt wur­den und sich scharen­weis darauf nieder­liessen. Ei, wer hat euch ein­ge­laden?“ sprach das Schnei­der­lein und jagte die unge­bete­nen Gäste fort. Die Fliegen aber, die kein Deutsch ver­standen, liessen sich nicht abweisen, son­dern kamen in immer grösser­er Gesellschaft wieder. Da lief dem Schnei­der­lein endlich, wie man sagt, die Laus über die Leber, es langte aus sein­er Hölle nach einem Tuch­lap­pen, und wart, ich will es euch geben!“ schlug es unbarmherzig drauf. Als es abzog und zählte, so lagen nicht weniger als sieben vor ihm tot und streck­ten die Beine. Bist du so ein Kerl?“ sprach er und musste selb­st seine Tapfer­keit bewun­dern, das soll die ganze Stadt erfahren.“ Und in der Hast schnitt sich das Schnei­der­lein einen Gür­tel, nähte ihn und stick­te mit grossen Buch­staben darauf siebene auf einen Streich!“

Ei was Stadt!“ sprach er weit­er, die ganze Welt soll’s erfahren! Und sein Herz wack­elte ihm vor Freude wie ein Läm­mer­schwänzchen. Der Schnei­der band sich den Gür­tel um den Leib und wollte in die Welt hin­aus, weil er meinte, die Werk­stätte sei zu klein für seine Tapfer­keit. Eh er abzog, suchte er im Haus herum, ob nichts da wäre, was er mit­nehmen kön­nte, er fand aber nichts als einen alten Käs, den steck­te er ein. Vor dem Tore bemerk­te er einen Vogel, der sich im Gesträuch gefan­gen hat­te, der musste zu dem Käse in die Tasche. Nun nahm er den Weg tapfer zwis­chen die Beine, und weil er leicht und behend war, fühlte er keine Müdigkeit.

Der Weg führte ihn auf einen Berg, und als er den höch­sten Gipfel erre­icht hat­te, so sass da ein gewaltiger Riese und schaute sich ganz gemäch­lich um. Das Schnei­der­lein ging beherzt auf ihn zu, redete ihn an und sprach: Guten Tag, Kam­er­ad, gelt, du sitzest da und besiehst dir die weitläu­fige Welt? Ich bin eben auf dem Wege dahin und will mich ver­suchen. Hast du Lust mitzugehen?“

Der Riese sah den Schnei­der verächtlich an und sprach: Du Lump! du mis­er­abler Kerl!“ – Das wäre!“ antwortete das Schnei­der­lein, knöpfte den Rock auf und zeigte dem Riesen den Gür­tel, da kannst du lesen, was ich für ein Mann bin.“ Der Riese las: Siebene auf einen Stre­ich,“ meinte, das wären Men­schen gewe­sen, die der Schnei­der erschla­gen hätte, und kriegte ein wenig Respekt vor dem kleinen Kerl. Doch wollte er ihn erst prüfen, nahm einen Stein in die Hand, und drück­te ihn zusam­men, dass das Wass­er her­aus­tropfte. Das mach mir nach,“ sprach der Riese, wenn du Stärke hast.“

Ist’s weit­er nichts?“ sagte das Schnei­der­lein, das ist bei unsere­inem Spiel­w­erk,“ griff in die Tasche, holte den weichen Käs und drück­te ihn, dass der Saft her­aus­lief. Gelt,“ sprach er, das war ein wenig besser?“

Der Riese wusste nicht, was er sagen sollte, und kon­nte es von dem Männlein nicht glauben. Da hob der Riese einen Stein auf und warf ihn so hoch, dass man ihn mit Augen kaum noch sehen kon­nte: Nun, du Erpelmän­nchen, das tu mir nach.“

Gut gewor­fen,“ sagte der Schnei­der, aber der Stein hat doch wieder zur Erde her­ab­fall­en müssen, ich will dir einen wer­fen, der soll gar nicht wiederkom­men“; griff in die Tasche, nahm den Vogel und warf ihn in die Luft. Der Vogel, froh über seine Frei­heit, stieg auf, flog fort und kam nicht wieder. Wie gefällt dir das Stückchen, Kam­er­ad?“ fragte der Schnei­der. Wer­fen kannst du wohl,“ sagte der Riese, aber nun wollen wir sehen, ob du imstande bist, etwas Ordentlich­es zu tra­gen.“ Er führte das Schnei­der­lein zu einem mächti­gen Eich­baum, der da gefällt auf dem Boden lag, und sagte wenn du stark genug bist, so hilf mir den Baum aus dem Walde heraustragen.“

Gerne,“ antwortete der kleine Mann, nimm du nur den Stamm auf deine Schul­ter, ich will die Äste mit dem Gezweig aufheben und tra­gen, das ist doch das Schw­er­ste.“ Der Riese nahm den Stamm auf die Schul­ter, der Schnei­der aber set­zte sich auf einen Ast, und der Riese, der sich nicht umse­hen kon­nte, musste den ganzen Baum und das Schnei­der­lein noch oben­drein fort­tra­gen. Es war da hin­ten ganz lustig und guter Dinge, pfiff das Lied­chen es rit­ten drei Schnei­der zum Tore hin­aus,“ als wär das Baum­tra­gen ein Kinder­spiel. Der Riese, nach­dem er ein Stück Wegs die schwere Last fort­geschleppt hat­te, kon­nte nicht weit­er und rief: Hör, ich muss den Baum fall­en lassen.“

Der Schnei­der sprang behendiglich herab, fasste den Baum mit bei­den Armen, als wenn er ihn getra­gen hätte, und sprach zum Riesen: Du bist ein so gross­er Kerl und kannst den Baum nicht ein­mal tragen.“

Sie gin­gen zusam­men weit­er, und als sie an einem Kirschbaum vor­beigin­gen, fasste der Riese die Kro­ne des Baums, wo die zeit­ig­sten Früchte hin­gen, bog sie herab, gab sie dem Schnei­der in die Hand und hiess ihn essen. Das Schnei­der­lein aber war viel zu schwach, um den Baum zu hal­ten, und als der Riese losliess, fuhr der Baum in die Höhe, und der Schnei­der ward mit in die Luft geschnellt. Als er wieder ohne Schaden her­abge­fall­en war, sprach der Riese: Was ist das, hast du nicht Kraft, die schwache Gerte zu halten?“

An der Kraft fehlt es nicht,“ antwortete das Schnei­der­lein, meinst du, das wäre etwas für einen, der siebene mit einem Stre­ich getrof­fen hat? Ich bin über den Baum gesprun­gen, weil die Jäger da unten in das Gebüsch schiessen. Spring nach, wenn dus ver­magst.“ Der Riese machte den Ver­such, kon­nte aber nicht über den Baum kom­men, son­dern blieb in den Ästen hän­gen, also dass das Schnei­der­lein auch hier die Ober­hand behielt.

Der Riese sprach: Wenn du ein so tapfer­er Kerl bist, so komm mit in unsere Höh­le und über­nachte bei uns.“ Das Schnei­der­lein war bere­it und fol­gte ihm. Als sie in der Höh­le anlangten, sassen da noch andere Riesen beim Feuer, und jed­er hat­te ein gebratenes Schaf in der Hand und ass davon. Das Schnei­der­lein sah sich um und dachte: Es ist doch hier viel weitläu­figer als in mein­er Werk­statt.“ Der Riese wies ihm ein Bett an und sagte, er sollte sich hinein­le­gen und auss­chlafen. Dem Schnei­der­lein war aber das Bett zu gross, er legte sich nicht hinein, son­dern kroch in eine Ecke.

Als es Mit­ter­nacht war und der Riese meinte, das Schnei­der­lein läge in tiefem Schlafe, so stand er auf, nahm eine grosse Eisen­stange und schlug das Bett mit einem Schlag durch, und meinte, er hätte dem Grashüpfer den Garaus gemacht.

Mit dem früh­sten Mor­gen gin­gen die Riesen in den Wald und hat­ten das Schnei­der­lein ganz vergessen, da kam es auf ein­mal ganz lustig und ver­we­gen dahergeschrit­ten. Die Riesen erschrak­en, fürchteten, es schlüge sie alle tot, und liefen in ein­er Hast fort.

Das Schnei­der­lein zog weit­er, immer sein­er spitzen Nase nach. Nach­dem es lange gewan­dert war, kam es in den Hof eines königlichen Palastes, und da es Müdigkeit emp­fand, so legte es sich ins Gras und schlief ein. Während es da lag, kamen die Leute, betra­chteten es von allen Seit­en und lasen auf dem Gür­tel: Siebene auf einen Stre­ich.“ – Ach,“ sprachen sie, was will der grosse Kriegsheld hier mit­ten im Frieden? Das muss ein mächtiger Herr sein.“ Sie gin­gen und melde­ten es dem König, und mein­ten, wenn Krieg aus­brechen sollte, wäre das ein wichtiger und nüt­zlich­er Mann, den man um keinen Preis fort­lassen dürfte.

Dem König gefiel der Rat, und er schick­te einen von seinen Hofleuten an das Schnei­der­lein ab, der sollte ihm, wenn es aufgewacht wäre, Kriegs­di­en­ste anbi­eten. Der Abge­sandte blieb bei dem Schläfer ste­hen, wartete, bis er seine Glieder streck­te und die Augen auf­schlug, und brachte dann seinen Antrag vor. Eben deshalb bin ich hier­her gekom­men,“ antwortete er, ich bin bere­it, in des Königs Dien­ste zu treten.“ Also ward er ehren­voll emp­fan­gen und ihm eine beson­dere Woh­nung angewiesen. Die Kriegsleute aber waren dem Schnei­der­lein aufge­sessen und wün­scht­en, es wäre tausend Meilen weit weg. Was soll daraus wer­den?“ sprachen sie untere­inan­der, wenn wir Zank mit ihm kriegen und er haut zu, so fall­en auf jeden Stre­ich siebene. Da kann unsere­in­er nicht beste­hen.“ Also fassten sie einen Entschluss, begaben sich alle­samt zum König und bat­en um ihren Abschied. Wir sind nicht gemacht,“ sprachen sie, neben einem Mann auszuhal­ten, der siebene auf einen Stre­ich schlägt.“ Der König war trau­rig, dass er um des einen willen alle seine treuen Diener ver­lieren sollte, wün­schte, dass seine Augen ihn nie gese­hen hät­ten, und wäre ihn gerne wieder los gewe­sen. Aber er getrauete sich nicht, ihm den Abschied zu geben, weil er fürchtete, er möchte ihn samt seinem Volke totschla­gen und sich auf den königlichen Thron setzen.

Er sann lange hin und her, endlich fand er einen Rat. Er schick­te zu dem Schnei­der­lein und liess ihm sagen, weil er ein so gross­er Kriegsheld wäre, so wollte er ihm ein Aner­bi­eten machen. In einem Walde seines Lan­des hausten zwei Riesen, die mit Rauben, Mor­den, Sen­gen und Bren­nen grossen Schaden stifteten, nie­mand dürfte sich ihnen nahen, ohne sich in Lebens­ge­fahr zu set­zen. Wenn er diese bei­den Riesen über­wände und tötete, so wollte er ihm seine einzige Tochter zur Gemahlin geben und das halbe Kön­i­gre­ich zur Ehes­teuer; auch soll­ten hun­dert Reit­er mitziehen und ihm Bei­s­tand leis­ten. Das wäre so etwas für einen Mann, wie du bist,“ dachte das Schnei­der­lein, eine schöne Königstochter und ein halbes Kön­i­gre­ich wird einem nicht alle Tage angeboten.“

O ja,“ gab er zur Antwort, die Riesen will ich schon bändi­gen, und habe die hun­dert Reit­er dabei nicht nötig: wer siebene auf einen Stre­ich trifft, braucht sich vor zweien nicht zu fürchten.“

Das Schnei­der­lein zog aus, und die hun­dert Reit­er fol­gten ihm. Als er zu dem Rand des Waldes kam, sprach er zu seinen Begleit­ern: Bleibt hier nur hal­ten, ich will schon allein mit den Riesen fer­tig wer­den.“ Dann sprang er in den Wald hinein und schaute sich rechts und links um. Über ein Weilchen erblick­te er bei­de Riesen: sie lagen unter einem Baume und schliefen und schnar­cht­en dabei, dass sich die Äste auf- und nieder­bo­gen. Das Schnei­der­lein, nicht faul, las bei­de Taschen voll Steine und stieg damit auf den Baum. Als es in der Mitte war, rutschte es auf einen Ast, bis es ger­ade über die Schläfer zu sitzen kam, und liess dem einen Riesen einen Stein nach dem andern auf die Brust fall­en. Der Riese spürte lange nichts, doch endlich wachte er auf, stiess seinen Gesellen an und sprach: Was schlägst du mich?“

Du träumst,“ sagte der andere, ich schlage dich nicht.“ Sie legten sich wieder zum Schlaf, da warf der Schnei­der auf den zweit­en einen Stein herab. Was soll das?“ rief der andere, warum wirf­st du mich?“

Ich werfe dich nicht,“ antwortete der erste und brummte. Sie zank­ten sich eine Weile herum, doch weil sie müde waren, liessen sies gut sein, und die Augen fie­len ihnen wieder zu. Das Schnei­der­lein fing sein Spiel von neuem an, suchte den dick­sten Stein aus und warf ihn dem ersten Riesen mit aller Gewalt auf die Brust. Das ist zu arg!“ schrie er, sprang wie ein Unsin­niger auf und stiess seinen Gesellen wider den Baum, dass dieser zit­terte. Der andere zahlte mit gle­ich­er Münze, und sie geri­eten in solche Wut, dass sie Bäume aus­ris­sen, aufeinan­der loss­chlu­gen, so lang, bis sie endlich bei­de zugle­ich tot auf die Erde fie­len. Nun sprang das Schnei­der­lein herab. Ein Glück nur,“ sprach es, dass sie den Baum, auf dem ich sass, nicht aus­geris­sen haben, son­st hätte ich wie ein Eich­hörnchen auf einen andere sprin­gen müssen; doch unsere­in­er ist flüchtig!“ Es zog sein Schw­ert und ver­set­zte jedem ein paar tüchtige Hiebe in die Brust, dann ging es hin­aus zu den Reit­ern und sprach: Die Arbeit ist getan, ich habe bei­den den Garaus gemacht; aber hart ist es herge­gan­gen, sie haben in der Not Bäume aus­geris­sen und sich gewehrt, doch das hil­ft alles nichts, wenn ein­er kommt wie ich, der siebene auf einen Stre­ich schlägt.“

Seid Ihr denn nicht ver­wun­det?“ fragten die Reit­er. Das hat gute Wege,“ antwortete der Schnei­der, kein Haar haben sie mir gekrümmt.“ Die Reit­er woll­ten ihm keinen Glauben beimessen und rit­ten in den Wald hinein; da fan­den sie die Riesen in ihrem Blute schwim­mend, und ring­sherum lagen die aus­geris­se­nen Bäume. Das Schnei­der­lein ver­langte von dem König die ver­sproch­ene Beloh­nung, den aber reute sein Ver­sprechen und er sann aufs neue, wie er sich den Helden vom Halse schaf­fen kön­nte. Ehe du meine Tochter und das halbe Reich erhältst,“ sprach er zu ihm, musst du noch eine Helden­tat voll­brin­gen. In dem Walde läuft ein Ein­horn, das grossen Schaden anrichtet, das musst du erst einfangen.“

Vor einem Ein­horne fürchte ich mich noch weniger als vor zwei Riesen; siebene auf einen Stre­ich, das ist meine Sache.“ Er nahm sich einen Strick und eine Axt mit, ging hin­aus in den Wald, und hiess aber­mals die, welche ihm zuge­ord­net waren, aussen warten.

Er bauchte nicht lange zu suchen, das Ein­horn kam bald daher und sprang ger­adezu auf den Schnei­der los, als wollte es ihn ohne Umstände auf­spiessen. Sachte, sachte,“ sprach er, so geschwind geht das nicht,“ blieb ste­hen und wartete, bis das Tier ganz nahe war, dann sprang er behendiglich hin­ter den Baum. Das Ein­horn ran­nte mit aller Kraft gegen den Baum und spiesste sein Horn so fest in den Stamm, dass es nicht Kraft genug hat­te, es wieder her­auszuziehen, und so war es gefan­gen. Jet­zt hab ich das Vöglein,“ sagte der Schnei­der, kam hin­ter dem Baum her­vor, legte dem Ein­horn den Strick erst um den Hals, dann hieb er mit der Axt das Horn aus dem Baum, und als alles in Ord­nung war, führte er das Tier ab und brachte es dem König.

Der König wollte ihm den ver­heis­se­nen Lohn noch nicht gewähren und machte eine dritte Forderung. Der Schnei­der sollte ihm vor der Hochzeit erst ein Wild­schwein fan­gen, das in dem Wald grossen Schaden tat; die Jäger soll­ten ihm Bei­s­tand leis­ten. Gerne,“ sprach der Schnei­der, das ist ein Kinder­spiel.“ Die Jäger nahm er nicht mit in den Wald, und sie warens wohl zufrieden, denn das Wild­schwein hat­te sie schon mehrmals so emp­fan­gen, dass sie keine Lust hat­ten, ihm nachzustellen.

Als das Schwein den Schnei­der erblick­te, lief es mit schäu­men­dem Munde und wet­zen­den Zäh­nen auf ihn zu und wollte ihn zur Erde wer­fen; der flüchtige Held aber sprang in eine Kapelle, die in der Nähe war, und gle­ich oben zum Fen­ster in einem Satze wieder hin­aus. Das Schwein war hin­ter ihm herge­laufen, er aber hüpfte aussen herum und schlug die Türe hin­ter ihm zu; da war das wütende Tier gefan­gen, das viel zu schw­er und unbe­hil­flich war, um zu dem Fen­ster hin­auszus­prin­gen. Das Schnei­der­lein rief die Jäger her­bei, die mussten den Gefan­genen mit eige­nen Augen sehen; der Held aber begab sich zum Könige, der nun, er mochte wollen oder nicht, sein Ver­sprechen hal­ten musste und ihm seine Tochter und das halbe Kön­i­gre­ich über­gab. Hätte er gewusst, dass kein Kriegsheld, son­dern ein Schnei­der­lein vor ihm stand, es wäre ihm noch mehr zu Herzen gegan­gen. Die Hochzeit ward also mit gross­er Pracht und klein­er Freude gehal­ten, und aus einem Schnei­der ein König gemacht.

Nach einiger Zeit hörte die junge Köni­gin in der Nacht, wie ihr Gemahl im Traume sprach: Junge, mach mir den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schla­gen.“ Da merk­te sie, in welch­er Gasse der junge Herr geboren war, klagte am andern Mor­gen ihrem Vater ihr Leid und bat, er möchte ihr von dem Manne helfen, der nichts anders als ein Schnei­der wäre. Der König sprach ihr Trost zu und sagte: Lass in der näch­sten Nacht deine Schlafkam­mer offen, meine Diener sollen aussen ste­hen und, wenn er eingeschlafen ist, hineinge­hen, ihn binden und auf ein Schiff tra­gen, das ihn in die weite Welt führt.“ Die Frau war damit zufrieden, des Königs Waf­fen­träger aber, der alles mit ange­hört hat­te, war dem jun­gen Her­rn gewogen und hin­ter­brachte ihm den ganzen Anschlag. Dem Ding will ich einen Riegel vorschieben,“ sagte das Schneiderlein.

Abends legte es sich zu gewöhn­lich­er Zeit mit sein­er Frau zu Bett; als sie glaubte, er sei eingeschlafen, stand sie auf, öffnete die Tür und legte sich wieder. Das Schnei­der­lein, das sich nur stellte, als wenn es schlief, fing an mit heller Stimme zu rufen: Junge, mach den Wams und flick mir die Hosen, oder ich will dir die Elle über die Ohren schla­gen! Ich habe siebene mit einem Stre­iche getrof­fen, zwei Riesen getötet, ein Ein­horn fort­ge­führt und ein Wild­schwein gefan­gen, und sollte mich vor denen fürcht­en, die draussen vor der Kam­mer ste­hen!“ Als diese den Schnei­der sprechen hörten, überkam sie eine grosse Furcht, sie liefen, als wenn das wilde Heer hin­ter ihnen wäre, und kein­er wollte sich mehr an ihn wagen. Also war und blieb das Schnei­der­lein sein Leb­tag König.