Das singende, springende Löweneckerchen

von Brüder Grimm

~12 Min

Es war ein­mal ein Mann, der hat­te eine grosse Reise vor, und beim Abschied fragte er seine drei Töchter, was er ihnen mit­brin­gen sollte. Da wollte die älteste Perlen, die zweite wollte Dia­man­ten, die dritte aber sprach: Lieber Vater, ich wün­sche mir ein sin­gen­des, sprin­gen­des Löwe­neck­erchen (Lerche).“ Der Vater sagte: Ja, wenn ich es kriegen kann, sollst du es haben,“ küsste alle drei und zog fort. Als nun die Zeit kam, dass er wieder auf dem Heimweg war, so hat­te er Perlen und Dia­man­ten für die ältesten gekauft, aber das sin­gende, sprin­gende Löwe­neck­erchen für die Jüng­ste hat­te er umson­st aller Orten gesucht, und das tat ihm leid, denn sie war sein lieb­stes Kind.

Da führte ihn der Weg durch einen Wald, und mit­ten darin war ein prächtiges Schloss, und nah am Schloss stand ein Baum, ganz oben auf der Spitze des Baums aber sah er ein Löwe­neck­erchen sin­gen und sprin­gen. Ei, du kommst mir ger­ade recht“ sagte er ganz vergnügt und rief seinem Diener, er sollte hin­auf­steigen und das Tierchen fan­gen. Wie er aber zu dem Baum trat, sprang ein Löwe darunter auf, schüt­telte sich und brüllte, dass das Laub an den Bäu­men zit­terte. Wer mir mein sin­gen­des, sprin­gen­des Löwe­neck­erchen stehlen will,“ rief er, den fresse ich auf!“ Da sagte der Mann: Ich habe nicht gewusst, dass der Vogel dir gehört, ich will mein Unrecht wieder gut­machen und mich mit schw­erem Gelde loskaufen: lass mir nur das Leben!“ Der Löwe sprach: Dich kann nichts ret­ten, als wenn du mir zu eigen ver­sprichst, was dir daheim zuerst begeg­net; willst du das aber tun, so schenke ich dir das Leben und den Vogel für deine Tochter oben­drein.“ Der Mann aber weigerte sich und sprach: Das kön­nte meine jüng­ste Tochter sein, die hat mich am lieb­sten und läuft mir immer ent­ge­gen, wenn ich nach Haus komme.“ Dem Diener aber war angst, und er sagte: Muss Euch denn ger­ade Eure Tochter begeg­nen, es kön­nte ja auch eine Katze oder ein Hund sein.“ Da liess sich der Mann überre­den, nahm das sin­gende, sprin­gende Löwe­neck­erchen und ver­sprach dem Löwen zu eigen, was ihm daheim zuerst begeg­nen würde.

Wie er daheim anlangte und in sein Haus ein­trat, war das erste, was ihm begeg­nete, nie­mand anders als seine jüng­ste, lieb­ste Tochter: Die kam gelaufen, küsste und herzte ihn, und als sie sah, dass er ein sin­gen­des, sprin­gen­des Löwe­neck­erchen mit­ge­bracht hat­te, war sie auss­er sich vor Freude. Der Vater aber kon­nte sich nicht freuen, son­dern fing an zu weinen und sagte: Mein lieb­stes Kind, den kleinen Vogel habe ich teuer gekauft, ich habe dich dafür einem wilden Löwen ver­sprechen müssen, und wenn er dich hat, wird er dich zer­reis­sen und fressen,“ und erzählte ihr da alles wie es zuge­gan­gen war, und bat sie, nicht hinzuge­hen, es möchte auch kom­men, was da wolle. Sie tröstete ihn aber und sprach: Lieb­ster Vater, was Ihr ver­sprochen habt, muss auch gehal­ten wer­den: Ich will hinge­hen und will den Löwen schon besän­fti­gen, dass ich wieder gesund zu Euch komme.“

Am andern Mor­gen liess sie sich den Weg zeigen, nahm Abschied und ging get­rost in den Wald hinein. Der Löwe aber war ein verza­ubert­er Königssohn und war bei Tag ein Löwe, und mit ihm wur­den alle seine Leute Löwen, in der Nacht aber hat­ten sie ihre natür­liche men­schliche Gestalt. Bei ihrer Ankun­ft ward sie fre­undlich emp­fan­gen und in das Schloss geführt. Als die Nacht kam, war er ein schön­er Mann, und die Hochzeit ward mit Pracht gefeiert. Sie lebten vergnügt miteinan­der, wacht­en in der Nacht und schliefen am Tag.

Zu ein­er Zeit kam er und sagte: Mor­gen ist ein Fest in deines Vaters Haus, weil deine älteste Schwest­er sich ver­heiratet, und wenn du Lust hast hinzuge­hen, so sollen dich meine Löwen hin­führen.“ Da sagte sie, ja, sie möchte gerne ihren Vater wieder­se­hen, fuhr hin und ward von den Löwen begleit­et. Da war grosse Freude, als sie ankam, denn sie hat­ten alle geglaubt, sie wäre von dem Löwen zer­ris­sen wor­den und schon lange nicht mehr am Leben. Sie erzählte aber, was sie für einen schö­nen Mann hätte und wie gut es ihr gin­ge, und blieb bei ihnen, so lang die Hochzeit dauerte, dann fuhr sie wieder zurück in den Wald. Wie die zweite Tochter heiratete und sie wieder zur Hochzeit ein­ge­laden war, sprach sie zum Löwen: Dies­mal will ich nicht allein sein, du musst mit­ge­hen!“ Der Löwe aber sagte, das wäre zu gefährlich für ihn, denn wenn dort der Strahl eines bren­nen­den Lichts ihn berührte, so würde er in eine Taube ver­wan­delt und müsste sieben Jahre lang mit den Tauben fliegen. Ach,“ sagte sie, geh nur mit mir! Ich will dich schon hüten und vor allem Licht bewahren.“ Also zogen sie zusam­men und nah­men auch ihr kleines Kind mit. Sie liess dort einen Saal mauern, so stark und dick, dass kein Strahl durch­drin­gen kon­nte, darin sollt‘ er sitzen, wann die Hochzeit­slichter angesteckt wür­den. Die Tür aber war von frischem Holz gemacht, das sprang und bekam einen kleinen Ritz, den kein Men­sch bemerk­te. Nun ward die Hochzeit mit Pracht gefeiert, wie aber der Zug aus der Kirche zurück­kam mit den vie­len Fack­eln und Lichtern an dem Saal vor­bei, da fiel ein haar­bre­it­er Strahl auf den Königssohn, und wie dieser Strahl ihn berührt hat­te, in dem Augen­blick war er auch ver­wan­delt, und als sie hineinkam und ihn suchte, sah sie ihn nicht, aber es sass da eine weisse Taube. Die Taube sprach zu ihr: Sieben Jahr muss ich in die Welt fort­fliegen; alle sieben Schritte aber will ich einen roten Blut­stropfen und eine weisse Fed­er fall­en lassen, die sollen dir den Weg zeigen, und wenn du der Spur fol­gst, kannst du mich erlösen.“

Da flog die Taube zur Tür hin­aus, und sie fol­gte ihr nach, und alle sieben Schritte fiel ein rotes Blut­ströpfchen und ein weiss­es Fed­erchen herab und zeigte ihr den Weg. So ging sie immerzu in die weite Welt hinein und schaute nicht um sich und ruhte nicht, und waren fast die sieben Jahre herum: Da freute sie sich und meinte, sie wären bald erlöst, und war noch so weit davon. Ein­mal, als sie so fort­ging, fiel kein Fed­erchen mehr und auch kein rotes Blut­ströpfchen, und als sie die Augen auf­schlug, so war die Taube ver­schwun­den. Und weil sie dachte: Men­schen kön­nen dir da nicht helfen, so stieg sie zur Sonne hin­auf und sagte zu ihr: Du sche­inst in alle Ritzen und über alle Spitzen, hast du keine weisse Taube fliegen sehen?“ – Nein,“ sagte die Sonne, ich habe keine gese­hen, aber da schenk ich dir ein Kästchen, das mach auf, wenn du in gross­er Not bist.“ Da dank­te sie der Sonne und ging weit­er, bis es Abend war und der Mond schien, da fragte sie ihn: Du sche­inst ]a die ganze Nacht und durch alle Felder und Wälder, hast du keine weisse Taube fliegen sehen?“ – Nein,“ sagte der Mond, ich habe keine gese­hen, aber da schenk ich dir ein Ei, das zer­brich, wenn du in gross­er Not bist.“ Da dank­te sie dem Mond und ging weit­er, bis der Nachtwind her­ankam und sie anblies. Da sprach sie zu ihm: Du wehst ja über alle Bäume und unter allen Blät­tern weg, hast du keine weisse Taube fliegen sehen?“ – Nein,“ sagte der Nachtwind, ich habe keine gese­hen, aber ich will die drei andern Winde fra­gen, die haben sie vielle­icht gese­hen.“ Der Ost­wind und der West­wind kamen und hat­ten nichts gese­hen, der Süd­wind aber sprach: Die weisse Taube habe ich gese­hen, sie ist zum Roten Meer geflo­gen, da ist sie wieder ein Löwe gewor­den, denn die sieben Jahre sind herum, und der Löwe ste­ht dort im Kampf mit einem Lind­wurm, der Lind­wurm ist aber eine verza­uberte Königstochter.“ Da sagte der Nachtwind zu ihr: Ich will dir Rat geben, geh zum Roten Meer, am recht­en Ufer da ste­hen grosse Ruten, die zäh­le, und die elfte schneid ab und schlag den Lind­wurm damit, dann kann ihn der Löwe bezwin­gen, und bei­de bekom­men auch ihren men­schlichen Leib wieder. Her­nach schau dich um, und du wirst den Vogel Greif sehen, der am Roten Meer sitzt, schwing dich mit deinem Lieb­sten auf seinen Rück­en; der Vogel wird euch übers Meer nach Haus tra­gen. Da hast du auch eine Nuss, wenn du mit­ten über dem Meere bist, lass sie her­ab­fall­en, als­bald wird sie aufge­hen, und ein gross­er Nuss­baum wird aus dem Wass­er her­vor wach­sen, auf dem sich der Greif aus­ruht; und kön­nte er nicht ruhen, so wäre er nicht stark genug, euch hinüberzu­tra­gen. Und wenn du ver­gisst, die Nuss herab zuw­er­fen, so lässt er euch ins Meer fallen.“

Da ging sie hin und fand alles, wie der Nachtwind gesagt hat­te. Sie zahlte die Ruten am Meer und schnitt die elfte ab, damit schlug sie den Lind­wurm, und der Löwe bezwang ihn; als­bald hat­ten bei­de ihren men­schlichen Leib wieder. Aber wie die Königstochter, die vorher ein Lind­wurm gewe­sen war, vom Zauber frei war, nahm sie den Jüngling in den Arm, set­zte sich auf den Vogel Greif und führte ihn mit sich fort. Da stand die arme Weit­ge­wan­derte und war wieder ver­lassen und set­zte sich nieder und weinte. Endlich aber ermutigte sie sich und sprach: Ich will noch so weit gehen, als der Wind weht und so lange als der Hahn kräht, bis ich ihn finde.“ Und ging fort lange, lange Wege, bis sie endlich zu dem Schloss kam, wo bei­de zusam­men lebten. Da hörte sie, dass bald ein Fest wäre, wo sie Hochzeit miteinan­der machen woll­ten. Sie sprach aber: Gott hil­ft mir noch,“ und öffnete das Kästchen, das ihr die Sonne gegeben hat­te, da lag ein Kleid darin, so glänzend wie die Sonne sel­ber. Da nahm sie es her­aus und zog es an und ging hin­auf in das Schloss und alle Leute und die Braut sel­ber sahen sie mit Ver­wun­derung an. Und das Kleid gefiel der Braut so gut, dass sie dachte, es kön­nte ihr Hochzeit­skleid geben, und fragte, ob es nicht feil wäre. Nicht für Geld und Gut,“ antwortete sie,“ aber für Fleisch und Blut.“ Die Braut fragte, was sie damit meinte. Da sagte sie: Lasst mich eine Nacht in der Kam­mer schlafen, wo der Bräutigam schläft.“ Die Braut wollte nicht und wollte doch gerne das Kleid haben, endlich willigte sie ein, aber der Kam­mer­di­ener musste dem Königssohn einen Schlaftrunk geben. Als es nun Nacht war und der Jüngling schon schlief, ward sie in die Kam­mer geführt. Da set­zte sie sich ans Bett und sagte: Ich bin dir nachge­fol­gt sieben Jahre, bin bei Sonne und Mond und bei den vier Winden gewe­sen und habe nach dir gefragt und habe dir geholfen gegen den Lind­wurm; willst du mich denn ganz vergessen?“ Der Königssohn aber schlief so hart, dass es ihm nur vorkam, als rauschte der Wind draussen in den Tan­nen­bäu­men. Wie nun der Mor­gen anbrach, da ward sie wieder hin­aus­ge­führt und musste das gold­ene Kleid hingeben. Und als auch das nichts geholfen hat­te, ward sie trau­rig, ging hin­aus auf eine Wiese, set­zte sich da hin und weinte. Und wie sie so sass, da fiel ihr das Ei noch ein, das ihr der Mond gegeben hat­te. Sie schlug es auf, da kam eine Glucke her­aus mit zwölf Küch­lein ganz von Gold, die liefen herum und piepten und krochen der Alten wieder unter die Flügel, so dass nichts Schöneres auf der Welt zu sehen war. Da stand sie auf, trieb sie auf der Wiese vor sich her, so lange, bis die Braut aus dem Fen­ster sah, und da gefie­len ihr die kleinen Küch­lein so gut, dass sie gle­ich her­abkam und fragte, ob sie nicht feil wären. Nicht für Geld und Gut, aber für Fleisch und Blut; lasst mich noch eine Nacht in der Kam­mer schlafen wo der Bräutigam schläft!“ Die Braut sagte ja und wollte sie betrü­gen wie am vorigen Abend. Als aber der Königssohn zu Bett ging, fragte er seinen Kam­mer­di­ener, was das Murmeln und Rauschen in der Nacht gewe­sen sei. Da erzählte der Kam­mer­di­ener alles, dass er ihm einen Schlaftrunk hätte geben müssen, weil ein armes Mäd­chen heim­lich in der Kam­mer geschlafen hätte, und heute Nacht sollte er ihm wieder einen geben! Sagte der Königssohn: Giess den Trank neben das Bett!“ Zur Nacht wurde sie wieder hereinge­führt und als sie anf­ing zu erzählen, wie es ihr trau­rig ergan­gen wäre, da erkan­nte er gle­ich an der Stimme seine liebe Gemahlin, sprang auf und rief: Jet­zt bin ich erst recht erlöst, mir ist gewe­sen wie in einem Traum, denn die fremde Königstochter hat­te mich beza­ubert dass ich dich vergessen musste, aber Gott hat noch zu rechter Stunde die Betörung von mir genom­men.“ Da gin­gen sie bei­de in der Nacht heim­lich aus dem Schloss, denn sie fürchteten sich vor dem Vater der Königstochter, der ein Zauber­er war, und set­zten sich auf den Vogel Greif, der trug sie über das Rote Meer, und als sie in der Mitte waren, liess sie die Nuss fall­en. Als­bald wuchs ein gross­er Nuss­baum, darauf ruhte sich der Vogel und dann führte er sie nach Haus, wo sie ihr Kind fan­den, das war gross und schön gewor­den, und sie lebten von nun an vergnügt bis an ihr Ende.