Das Schneiderlein und die drei Hunde

von Johann Wilhelm Wolf

~8 Min

Ein armes Schnei­der­lein hat­te zu Hause nichts zu ver­lieren und ging auf Reisen. Es war schon lange marschiert, da kam es eines Tags in einen großen dunkeln Tan­nen­wald und es pfiff und sang und war von Herzen vergnügt. Als es eine kurze Strecke in dem Walde gegan­gen war, kam ein großer Hund daherge­laufen, der bot dem Schnei­der­lein die Zeit und fragte, ob es ihn mit­nehmen wolle? Ich will dich schon mit­nehmen, wenn du hin­ter mir her­laufen und mir untertänig sein willst.“ Das will ich“ sprach der Hund und lief hin­ter ihm drein.

Als das Schnei­der­lein ein Stück Wegs weit­er gegan­gen war, kam ein zweit­er Hund gelaufen, bot ihm die Zeit und fragte, ob es ihn mit­nehmen wolle? Eigentlich habe ich mit einem Hunde schon zu viel“ sprach das Rit­ter­lein von der Elle, wenn du mir aber untertänig sein willst und gehor­sam, so magst du hin­ter mir her­laufen, dem andern zur Gesellschaft.“ Das will ich“ sprach der Hund.

So ging’s weit­er und weit­er und als die drei Reisenden wieder ein Stück Wegs hin­ter sich hat­ten, kam ein drit­ter Hund, der fragte auch, ob ihn das Schnei­der­lein mit­nehmen wolle? Da stutzte es aber, denn es wusste schon nicht, woher es das Fut­ter für die zwei andern Hunde hernehmen sollte, doch dachte es zulet­zt: Aller guten Dinge sind drei“ und sprach zu dem Hunde: Wenn du mir treu und untertänig sein willst, magst du in Gottes Namen hin­ter mir her­laufen, wie die bei­den andern.“

Gegen Abend kamen sie aus dem Walde und sahen ein Dorf vor sich und das erste Haus war ein Wirtshaus. Sprach das Schnei­der­lein: Hunger haben wir alle vier, aber wie ein Sech­skreuzer­stück aussieht, habe ich seit lange vergessen.“ Nichts weit­er als das?“ sagte der erste Hund. Geh du nur hinein und bestelle für vier Mann Essen und Trinken und küm­mere dich nicht um das Bezahlen; dafür lass du uns sor­gen.“ Dem Schnei­der­lein wuchs der Mut, als es das hörte, es schwang seine Elle dreimal lustig überm Kopf, ging in das Wirtshaus, schlug mit der Faust auf den Tisch und bestellte vier Gedecke und Essen, soviel das Haus ver­mochte, Gesottenes und Gebratenes neb­st Wein und Bier. Dann warf es sein Felleisen und seinen Hut auf die Bank, die Elle in die Ecke und sich selb­st in einen beque­men Lehnstuhl.

Als nun das Essen aufge­tra­gen war, ging die Tür auf und die drei Hunde stürzten here­in, sprangen jed­er auf einen Stuhl und fin­gen an zu essen und zu trinken, wie die Men­schen, so dass die Wirtin über solchen Ver­stand die Hände überm Kopf zusam­men­schlug. Nach dem Essen sprach der eine Hund: Nimm den Weg zwis­chen die Beine, lass aber Alles hier liegen, es kommt dir nichts fort.“ Da ging das Schnei­der­lein mir nichts, dir nichts weg und die Wirtin ließ ihn gehen, weil er sein Felleisen, seinen Hut und seine Elle zurück­ge­lassen; er wird gle­ich wiederkom­men, dachte sie, und will sich nur im Ort umsehn. Sobald die Wirtin aber den Rück­en gewandt hat­te, pack­te jed­er der Hunde eins der drei Stücke, sprangen zur Tür hin­aus und bracht­en sie ihrem Her­rn; da hat­te die Wirtin das Nachsehen.

Guten Mutes zog das Schnei­der­lein weit­er; ein­er der Hunde lief voraus und zeigte den Weg. Bald kamen sie wieder in den Wald und nach­dem sie schon manchen Schritt und Tritt darin getan hat­ten, an einen freien Wald­platz, worauf ein großes Schloss stand. Da blieb der Hund ste­hen. Hast du Mut?“ fragte er das Schnei­der­lein. Mehr als Geld“, war die Antwort. Dann binde uns an ein Seil, führe uns in das Schloss und verkaufe uns den Riesen, die da wohnen. Trau ihnen aber nicht, denn sie sind tück­isch und arglistig. Damit du vor ihnen sich­er bist wollen wir dir jed­er etwas schenken, das wende wohl und klug an und dein Glück ist gemacht.“ Sprachs und gab ihm ein Sal­ben­töpfchen. Wenn man mit der Salbe einen Stuhl bestrich, dann blieb jed­er daran hän­gen, der sich drauf set­zte. Der zweite Hund gab ihm ein Stöck­lein, wen man damit aufs Haupt schlug, der tat keinen Pieps mehr. Der dritte gab ihm ein Hörn­lein: Wenn du in Not kom­men soll­test, blasé nur darauf und wir wer­den dir helfen.“ Ich muss erst ver­suchen ob ich auch darauf spie­len kann“, sagte das Schnei­der­lein, wenn man so harte Arbeit tut wie ich, dann wird einem der Atem kurz“, set­zte das Hörn­lein an den Mund und blies hinein. Ach was das für einen Klang hat­te! Es war aber nicht des Schnei­der­leins Atem, der ihm den Klang gab, denn der war so dünn, wie eine Nähnadel.

Es steck­te jet­zt get­rost die drei Stücke ein, band die Hunde an und ging mit ihnen in das Schloss. Da kam es oben an der großen Treppe in einen weit­en und hohen Saal, wo die Riesen an ein­er lan­gen Tafel saßen und aus Bech­ern tranken, deren jed­er wohl ein Viertelohm fasste. Das Schnei­der­lein zog höflich seinen Hut und fragte, ob die Her­ren Riesen nicht drei schöne Hunde kaufen woll­ten? Sie beschaut­en die Hunde rechts und links, sprachen: Wir behal­ten sie und wollen sie gle­ich in den Stall sper­ren, warte du der­weil, bis wir wiederkom­men, dann bekommst du dein Geld.“ Dabei lacht­en sie boshaft einan­der zu und war­fen Blicke auf das Schnei­der­lein, von denen es sich nichts Gutes ver­sprach. Pfeift der Wind aus dem Loche“ dachte der Rit­ter von der Elle, dann will ich euch schon den Spaß verder­ben“, und er klet­terte an allen Stühlen hin­auf und schmierte sie mit sein­er Salbe ein, oben und unten, vorn und hin­ten. Das war sein Glück, denn draußen hiel­ten die Riesen Rat, wie sie das Schnei­der­lein mit Ehren todt­machen und fressen kön­nten; es sei zwar ein mager­er Bis­sen, aber Men­schen­fleisch war ihnen etwas Neues und sie woll­ten vor­lieb nehmen, bis sie etwas Besseres bekämen.

Als sie wieder here­in kamen, sprachen sie das Schnei­der­lein habe sie im Han­del bet­ro­gen, die Hunde seien nicht so viel wert und es müsse gefressen wer­den. Sprach das Schnei­der­lein: Ich will gern ster­ben, wenn ich es ver­di­ent habe, aber nicht ohne Urteil und Recht. Hal­tet zuvor ordentlich Gericht über mich, dann will ich mich vertei­di­gen.“ Die Riesen lacht­en, rück­ten die Stüh­le in einen Hal­bkreis und sprachen: Nun fange an, du Erd­wurm.“ Set­zt euch alle zuvor, wie es einem ordentlichen Gericht gebührt.“ Als sie dies getan hat­ten, nahm das Schnei­der­lein einen Schemel, set­zte sich vor sie hin, stopfte sich eine Pfeife und blies die dick­en Wolken so vor sich hin. Wird’s bald?“ fragten die Riesen. Ei ich bin schon fer­tig, nun mögt ihr euch vertei­di­gen, denn ich verurteile euch alle zum Tode.“ Die Riesen lacht­en Anfangs, als ihnen die Sache aber zu lange dauerte woll­ten sie auf­ste­hen und das Schnei­der­lein fassen, da klebten sie alle fest und kein­er kon­nte ein Glied rühren. Nun wird’s bald?“ fragte das Schnei­der­lein und lachte, nahm sein Stöckchen und schlug sie alle auf die Köpfe, einen nach dem andern, da fie­len sie hin und waren tot.

Jet­zt will ich von der Arbeit aus­ruhen“ sprach das Schnei­der­lein zu sich selb­st, aber darin bet­rog es sich gewaltig. Im sel­ben Augen­blick hörte es, wie ein­er mit schw­eren Trit­ten die Treppe her­auf kam, die Tür flog auf und here­in schritt ein Riese, noch ein­mal so groß als die andern. Das war aber der Riesenkönig, der eben von der Jagd nach Hause kam. Als dieser sah, was vorge­gan­gen war, fragte er das Schnei­der­lein, wer die Riesen ermordet habe? Das habe ich getan.“ Hast du das getan dann bekommst du deine Strafe dafür. Zum Fressen bist du zu schlecht, aber als Spatzen­scheuche kannst du allen­falls dienen, darum will ich dich in den Garten aufhän­gen.“ Sprachs, hob das Schnei­der­lein bei den Beinen auf und trug es in den Garten, wo ein hoher Gal­gen stand. Er set­zte es oben drauf und fing an die Schlinge zu drehen. Da besann es sich kurz, zog sein Hörn­lein aus dem Sack und blies aus Leibeskräften hinein, dass es zehn Meilen in die Runde scholl. Mit einem­mal standen die drei Hunde da und hat­ten ihre zer­ris­se­nen Ket­ten am Halse. Schnei­der­lein steig herab!“ sprach der Erste. Ich darf nicht, der da will mich hän­gen.“ Da fie­len die drei Hunde über den Riesenkönig her und zer­ris­sen ihn in tausend Stücke.

Das Schnei­der­lein warf sich vor lauter Freude den Hun­den an die Hälse und tanzte wie besessen auf einem Bein herum. Der erste von den Hun­den aber sprach: Jet­zt ist das Schloss von den Riesen befre­it und erlöst, nun musst du uns dreien noch die Köpfe abhauen.“ Das tue ich nun und nim­mer­mehr“ sprach das Schnei­der­lein. Dann zer­reißen wir dich wie den Riesen.“ Ja wenn ihr dur­chaus nicht anders wollt, dann tue ich euch den Gefall­en.“ Er holte ein Schw­ert, fasste es mit bei­den Hän­den und schlug den Hun­den die Hälse ab, drehte sich dann aber schnell herum, denn er kon­nte kein Blut sehen. Da rief es hin­ter ihm seinen Namen, erschrock­en fuhr das Schnei­der­lein auf und siehe da stand ein König vor ihm mit zwei wun­der­schö­nen Prinzessin­nen. Der sprach: Du bist unser Erlös­er, denn wir waren die drei Hunde und waren ver­wün­scht. Zum Danke dafür gebe ich dir eine von meinen Töchtern zur Frau.“ Da griff das Schnei­der­lein rasch nach der Ältesten und sie gin­gen zum Schlosse. Aller Zauber, welchen die Riesen darüber gesprochen, war gelöst und die Zim­mer wim­melten von Hofher­ren und Dienern. Als sie aber durch die Fen­ster schaut­en, war der ganze Wald zu ein­er prächti­gen Stadt gewor­den, die kleinen Bäume zu Häusern, die großen zu Kirchen und Kirchtür­men, die Vögel zu aller­lei fleißi­gen Men­schen und Jubel und Freude war wohin man schaute. Am fol­gen­den Tag wurde die Hochzeit gehal­ten und wären du und ich dazu gekom­men, denk mal, was wäre das für Freude gewesen!