Das Schneeglöckchen

von Johann Wilhelm Wolf

~6 Min

Es ist Win­ter­szeit, die Luft kalt, der Wind scharf, aber zu Hause ist es warm und gut; zu Hause lag die Blume, sie lag in ihrer Zwiebel unter Erde und Schnee.

Eines Tages fiel Regen. Die Tropfen drangen durch die Schneedecke in die Erde hinab, rührten die Blu­men­zwiebel an und melde­ten von der Lichtwelt über ihnen. Bald drang auch der Son­nen­strahl fein und bohrend durch den Schnee, bis zur Zwiebel hinab und stach sie.

»Here­in!« sagte die Blume.

»Das kann ich nicht«, sagte der Son­nen­strahl, »ich bin nicht stark genug, um aufzu­machen; ich bekomme erst im Som­mer Kraft.«

»Wann ist es Som­mer?« fragte die Blume, und das wieder­holte sie, so oft ein neuer Son­nen­strahl hin­ab­drang. Aber es war noch weit bis zur Som­merzeit. Noch lag der Schnee, und das Wass­er gefror zu Eis jede einzige Nacht.

»Wie lange das doch dauert! Wie lange!« sagte die Blume. »Ich füh­le ein Kribbeln und Krabbeln, ich muß mich reck­en; ich muß mich streck­en. Ich muß auf­schließen, ich muß hin­aus, dem Som­mer einen Guten Mor­gen‘ zunick­en; das wird eine glück­selige Zeit!«

Und die Blume reck­te sich und streck­te sich drin­nen gegen die dünne Schale, die das Wass­er von außen her weich gemacht, die der Schnee und die Erde gewärmt und in die der Son­nen­strahl hineingestochen hat­te. Sie schoß unter dem Schnee empor mit ein­er weiß­grü­nen Knospe auf dem grü­nen Sten­gel, mit schmalen, dick­en Blät­tern, die sie gle­ich­sam beschützen woll­ten. Der Schnee war kalt, aber vom Lichte durch­strahlt, dazu so leicht zu durch­brechen, und hier traf sie auch der Son­nen­strahl mit stärk­er­er Macht als zuvor.

»Willkom­men! Willkom­men!« sang und klang jed­er Strahl, und die Blume erhob sich über den Schnee in die Welt des Licht­es hin­aus. Die Son­nen­strahlen stre­ichel­ten und küßten sie, bis sie sich ganz öffnete, weiß wie Schnee und mit grü­nen Streifen geputzt. Sie beugte ihr Haupt in Freude und Demut.

»Liebliche Blume!« sang der Son­nen­strahl. »Wie frisch und leuch­t­end du bist! Du bist die erste, du bist die einzige, du bist unsere Liebe! Du läutest den Som­mer ein, den schö­nen Som­mer über Land und Stadt! Aller Schnee soll schmelzen, der kalte Wind wird fort­ge­jagt! Wir wer­den gebi­eten. Alles wird grü­nen! Und dann bekommst du Gesellschaft, Flieder und Gol­dregen und zulet­zt die Rosen; aber du bist die erste, so fein und leuchtend!«

Das war eine große Freude. Es war, als sänge und klänge die Luft, als drän­gen die Strahlen des Lichts in ihre Blät­ter und Sten­gel. Da stand sie, fein und leicht zer­brech­lich und doch so kräftig in ihrer jun­gen Schön­heit. Sie stand in weißem Gewande mit grü­nen Bän­dern und pries den Som­mer. aber es war noch lang bis zur Som­merzeit, Wolken ver­bar­gen die Sonne, scharfe Winde bliesen über sie hin.

»Du bist ein bißchen zu zeit­ig gekom­men«, sagten Wind und Wet­ter. »Wir haben noch die Macht. Die bekommst du zu fühlen und mußt dich drein­find­en. Du hättest zu Hause bleiben und nicht aus­ge­hen sollen, um Staat zu machen; dazu ist es noch nicht die Zeit.«

Es war schnei­dend kalt. Die Tage, die nun kamen, bracht­en nicht einen einzi­gen Son­nen­strahl; es war ein Wet­ter, um in Stücke zu frieren, beson­ders für eine so zarte, kleine Blume. Aber sie trug mehr Stärke in sich, als sie sel­ber wußte. Freude und Glauben an den Som­mer macht­en sie stark, er mußte ja kom­men; er war ihr von ihrer tiefen Sehn­sucht verkün­det und von dem war­men Son­nen­lichte bestätigt wor­den. So stand sie voller Hoff­nung in ihrer weißen Pracht, in dem weißen Schnee und beugte ihr Haupt, wenn die Schneeflock­en her­ab­fie­len, während die eisi­gen Winde über sie dahinfuhren.

»Du brichst entzwei!« sagten sie. »Ver­welke, Erfriere! Was willst du hier draußen! Weshalb ließest du dich ver­lock­en! Die Son­nen­strahlen haben dich genar­rt! Nun sollst du es gut haben, du Sommernarr!«

»Som­mernarr!« schallte es durch den kalten Mor­gen, den »Som­mernarr« heißt im Dänis­chen das Schneeglöckchen. »Som­mernarr« jubel­ten ein paar Kinder, die in den Garten hin­abka­men. »Da ste­ht ein­er, so lieblich, so schön, der erste, der einzige!«

Und die Worte tat­en der Blume so wohl, es waren Worte wie warme Son­nen­strahlen. Die Blume fühlte in ihrer Freude nicht ein­mal, daß sie gepflückt wurde. Sie lag in ein­er Kinder­hand, wurde von einem Kin­der­mund geküßt und hinein in die warme Stube gebracht, von milden Augen angeschaut, in Wass­er gestellt, so stärk­end, so belebend. Die Blume glaubte, daß sie mit einem Male mit­ten in den Som­mer hineingekom­men wäre.

Die Tochter des Haus­es, ein niedlich­es kleines Mäd­chen, war eben kon­fir­miert; sie hat­te einen lieben kleinen Fre­und, der auch kon­fir­miert wor­den war; nun arbeit­ete er auf eine feste Stel­lung hin. »Es soll mein Som­mernarr sein!« sagte sie. Dann nahm sie die feine Blume, legte sie in ein duf­ten­des Stück Papi­er, auf dem Verse geschrieben standen, Verse über die Blume, die mit »Som­mernarr« anfin­gen und mit »Som­mernarr« schlossen, das Ganze war eine zärtliche Neck­erei. Nun wurde alles in den Umschlag gelegt, die Blume lag darin, und es war dunkel um sie her, dunkel wie damals, als die noch in der Zwiebel lag. So kam die Blume auf Reisen, lag im Post­sack, wurde gedrückt und gestoßen; das war nicht behaglich. Aber es nahm ein Ende.

Die Reise war vor­bei, der Brief wurde geöffnet und von dem lieben Fre­unde gele­sen. Er war so erfreut, daß er die Blume küßte, und dann wurde sie mit den Versen zusam­men in einen Schubkas­ten gelegt, worin noch mehr solch­er schö­nen Briefe lagen, aber alle ohne Blume; sie war die erste, die einzige, wie die Son­nen­strahlen sie genan­nt hat­ten, und darüber nachzu­denken war schön.

Sie durfte auch lange darüber nach­denken, sie dachte, während der Som­mer verg­ing und der lange Win­ter verg­ing, und als es wieder Som­mer wurde, wurde sie wieder her­vorgenom­men. Aber da war der junge Mann gar nicht froh. Er faßte das Papi­er hart an und warf die Verse hin, daß die Blume zu Boden fiel. Flachgepreßt und trock­en war sie ja, aber deshalb hätte sie doch nicht auf den Boden gewor­fen wer­den müssen; doch dort lag sie bess­er als im Feuer, wo die Ferse und Briefe aufloderten. Was war geschehen? Was so oft geschieht. Die Blume hat­te ihn genar­rt, es war ein Scherz; die Jungfrau hat­te ihn genar­rt; das war kein Scherz, sie hat­te sich einen anderen Fre­und im schö­nen Som­mer erkoren.

Am Mor­gen schien die Sonne auf den flachge­drück­ten kleinen Som­mernar­ren herab, der aus­sah, als sei er auf den Boden gemalt. Das Mäd­chen, das auskehrte, nahm ihn auf und legte ihn in eins der Büch­er auf dem Tis­che, weil sie glaubte, daß er dort her­aus­ge­fall­en sei, als die aufräumte und das Zim­mer in Ord­nung brachte. Und die Blume lag wieder zwis­chen Versen, gedruck­ten Versen und die sind viel vornehmer als die geschriebe­nen. wenig­sten haben sie mehr gekostet.

So vergin­gen Jahre. Das Buch stand auf dem Bücher­brett. Nun wurde es her­vorge­holt, geöffnet und gele­sen. Es war ein gutes Buch, Verse und Lieder, die er wert sind, gekan­nt zu wer­den. Und der Mann, der das Buch las, wandte das Blatt um. »Da liegt ja eine Blume«, sagte er, »ein Som­mernarr! Es hat wohl seine Bedeu­tung, daß er ger­ade hier­hergelegt wor­den ist. Ja, liege als Zeichen hier im Buche, klein­er Sommernarr!«

Und so wurde das Schneeglöckchen wieder ins Buch gelegt und fühlte sich beehrt und erfreut, daß es als Zeichen von Bedeu­tung im Buche liegen­bleiben sollte.