Das Schloss des Todes

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Ein armer Mann hat­te viel Kinder und dem­nach auch viel Gevat­ter­sleute. Da schenk­te ihm seine Frau in seinen alten Tagen noch ein Knäbchen. Er sprach: Wüsste ich jet­zt nur, wen ich zu Gevat­ter bit­ten soll!“ Die Frau sprach: Den Ersten Besten, der dir vor der Tür auf der Land­straße begeg­net.“ Da ging der Mann hin­aus, es war noch ganz früh, so dass die Sonne mit ihm her­auskam, und schritt auf der Land­straße auf und ab. Kam da ein kleines greis­graues Män­nchen, das war gar fre­undlichen Ausse­hens und fragte den Mann: Ei warum schon so früh auf den Beinen?“ Ich suche einen Gevat­ter zu meinem Kinde, wollt ihr mir vielle­icht den Gefall­en tun?“ fragte der Mann und das Män­nchen sagte: Von Herzen gern, sagt mir nur, wann die Taufe ist.“ Gle­ich mor­gen früh, wenn es euch geliebt.“ Es ist gut, ich habe dann ger­ade Geschäfte im näch­sten Ort und werde zur recht­en Zeit bei euch sein.“ Wie heißt ihr denn, Herr Gevat­ter?“ Ich bin der Tod“, antwortete das Män­nchen lächel­nd, grüßte den armen Mann sehr fre­undlich und ging weit­er. Am fol­gen­den Mor­gen fand es sich zur recht­en Stunde ein und hob das Kind aus der Taufe; dann sprach es: Wenn das Kind vierzehn Jahr alt ist komme ich wieder und dann braucht ihr nicht weit­er für das­selbe zu sor­gen, im Gegen­teil es wird für euch sor­gen.“ Da freuten sich die Leute, dank­ten dem guten Tod und er nahm fre­undlichen Abschied von ihnen.

Als der Knabe vierzehn Jahre alt war, kam der gute Pâté, nahm ihn mit sich in den Wald und sprach: Jet­zt will ich dich zum geschick­testen Arzt in der Welt machen, mein liebes Patenkind, höre nur fleißig zu, was ich dir sage. Wenn du zu einem Kranken kommst und ich ste­he zu Häupten des Bettes, dann sage dreist: Hier ist keine Ret­tung. Ste­he ich aber am Fußende, dann mache einen Trank aus süßer Milch und drei Körn­lein Salz und in Zeit von drei Tagen ist der Kranke gesund.“ Der Jüngling dank­te dem guten Pat­en und übte seine neue Kun­st sehr eifrig, wurde hochberühmt dadurch und reich dazu. Als des Königs Tochter krank war heilte er sie und bekam Gold, mehr als ein Pferd ziehen kann, und als er der Köni­gin Tod vorher­sagte und sie auch wirk­lich starb, da gab ihm der König dop­pelt so viel und heiratete acht Tage darauf eine andre.

Als er schon ein blühen­der Mann war und in seinen besten Jahren stand, kam er eines Tages durch den Wald, da begeg­nete ihm sein Pâté und die Bei­den gin­gen eine Strecke nebeneinan­der fort. An einem Kreuzwege sprach der Tod: Ich gehe nun rechts, gehe du links und es ist dein Glück; bald sehen wir uns wieder.“ Wohin gehst du denn?“ fragte der Arzt. Nach Hause, ich habe da zu tun“, antwortete der Tod. Dann will ich mit dir gehen, lieber Pâté“, sprach der Arzt: ich habe ja noch nie gese­hen, wo du wohnst.“ Der Tod wehrte ihm und bat ihn liebevoll, den andern Weg einzuschla­gen, doch der Arzt ließ sich nicht abweisen und fle­hte den Tod so lange, bis dieser sprach: Wohlan du kannst mit mir gehen bis an mein Schloss, aber nicht hinein.“ Sie kamen bald auf einen bre­it­en, gar glat­ten und schö­nen Weg, der sich wei­thin in den Wald erstreck­te; am Ende des­sel­ben stand ein schönes Schloss, daran waren alle Läden geschlossen. Als sie am Tore standen, sprach der Tod: Jet­zt lass es genug sein, lieber Sohn, und kehre um; tue mir den Gefall­en!“ Aber der Arzt war jet­zt ger­ade erst neugierig gewor­den zu sehn, wie es in des Todes Schloss aussähe, und wie sehr der Tod auch bat, er möge jet­zt zurück­kehren, er bestand darauf, bis er hinein kam. Da waren alle Zim­mer dunkel und voll Lichtchen, eins am andern. Was ist das?“ fragte der Arzt erstaunt und der Tod erwiderte: Das sind die Lebenslichter der Men­schen.“ Ach lieber Pâté, wo ist denn meines?“ fragte der Arzt und der Tod antwortete: Dar­nach frage nicht, das ist dir nicht gut zu wis­sen.“ Da ging es aber wiederum, wie vorher, der Arzt quälte ihn so lange, bis der gute Tod ihm ein ganz kleines Lichtchen zeigte, welch­es nicht weit vom Ver­löschen war. Nun gehst du mir aber und bleib­st keinen Augen­blick mehr“, sprach der Tod ernst, damit ich hier nicht mein Amt an dir üben muss;“ und er führte ihn rasch aus dem Schloss und in den Wald zurück.

Der Arzt eilte nach Hause und wurde noch am sel­ben Abend ern­stlich krank. Als er in der Nacht ein­mal erwachte, schaute er sich im Zim­mer um, da stand der Tod zu Häupten seines Bettes. Da wandte er sich rasch in dem Bette um und streck­te dem Tode die Beine ent­ge­gen. Ruhig ging der Tod an das andere Ende des Bettes, doch da wandte sich der Arzt aber­mals und trieb sein Spiel also fort bis gegen Mor­gen, so dass der Tod trotz all sein­er Güte und Fre­undlichkeit dessen doch endlich müde wurde. Mit dir einem habe ich mehr Not, als mit allen, die ich seit dem Vater Adam geholt habe“, sprach er. Aber lass uns fre­undlich schei­den, sage mir, willst du heute noch leben, so gewähre ich es dir gern.“ Nur noch ein Vaterun­ser­lang“, sagte der Arzt. Das sei dir gewährt“, sagte der Tod, der Arzt begann: Vater unser, der du bist – so und jet­zt bete ich fün­fzig Jahre lang daran.“ Da lachte der Tod und sprach: Ich werde mich hüten, noch einen Dok­tor meine Kun­st zu lehren.“