Das Rätsel

von Brüder Grimm

~5 Min

Es war ein­mal ein Königssohn, der bekam Lust, in der Welt umherzuziehen, und nahm nie­mand mit als einen treuen Diener. Eines Tags geri­et er in einen grossen Wald, und als der Abend kam, kon­nte er keine Her­berge find­en und wusste nicht, wo er die Nacht zubrin­gen sollte. Da sah er ein Mäd­chen, das nach einem kleinen Häuschen zug­ing, und als er näher kam, sah er, dass das Mäd­chen jung und schön war. Er redete es an und sprach liebes Kind, kann ich und mein Diener in dem Häuschen für die Nacht ein Unterkom­men find­en?“ – Ach ja,“ sagte das Mäd­chen mit trau­riger Stimme, das kön­nt ihr wohl, aber ich rate euch nicht dazu; geht nicht hinein.“ – Warum soll ich nicht?“ fragte der Königssohn. Das Mäd­chen seufzte und sprach meine Stief­mut­ter treibt böse Kün­ste, sie meints nicht gut mit den Fremden.“

Da merk­te er wohl, dass er zu dem Hause ein­er Hexe gekom­men war, doch weil es fin­ster ward und er nicht weit­er kon­nte, sich auch nicht fürchtete, so trat er ein. Die Alte sass auf einem Lehn­stuhl beim Feuer und sah mit ihren roten Augen die Frem­den an. Guten Abend,“ schnar­rte sie und tat ganz fre­undlich, lasst euch nieder und ruht euch aus.“ Sie blies die Kohlen an, bei welchen sie in einem kleinen Topf etwas kochte. Die Tochter warnte die bei­den, vor­sichtig zu sein, nichts zu essen und nichts zu trinken, denn die Alte braue böse Getränke.

Sie schliefen ruhig bis zum frühen Mor­gen. Als sie sich zur Abreise fer­tig macht­en und der Königssohn schon zu Pferde sass, sprach die Alte warte einen Augen­blick, ich will euch erst einen Abschied­strank reichen.“ Während sie ihn holte, ritt der Königssohn fort, und der Diener, der seinen Sat­tel festschnallen musste, war allein noch zuge­gen, als die böse Hexe mit dem Trank kam. Das bring deinem Her­rn,“ sagte sie, aber in dem Augen­blick sprang das Glas, und das Gift spritzte auf das Pferd, und war so heftig, dass das Tier gle­ich tot hinst ürzte. Der Diener lief seinem Her­rn nach und erzählte ihm, was geschehen war, wollte aber den Sat­tel nicht im Stich lassen und lief zurück, um ihn zu holen. Wie er aber zu dem toten Pferde kam, sass schon ein Rabe darauf und frass davon. Wer weiss, ob wir heute noch etwas Besseres find­en,“ sagte der Diener, tötete den Raben und nahm ihn mit.

Nun zogen sie in dem Walde den ganzen Tag weit­er, kon­nten aber nicht her­auskom­men. Bei Anbruch der Nacht fan­den sie ein Wirtshaus und gin­gen hinein. Der Diener gab dem Wirt den Raben, den er zum Aben­dessen bere­it­en sollte. Sie waren aber in eine Mörder­grube ger­at­en, und in der Dunkel­heit kamen zwölf Mörder und woll­ten die Frem­den umbrin­gen und berauben. Ehe sie sich aber ans Werk macht­en, set­zten sie sich zu Tisch, und der Wirt und die Hexe set­zten sich zu ihnen, und sie assen zusam­men eine Schüs­sel mit Suppe, in die das Fleisch des Raben gehackt war.

Kaum aber hat­ten sie ein paar Bis­sen hin­un­tergeschluckt, so fie­len sie alle tot nieder, denn dem Raben hat­te sich das Gift von dem Pfer­de­fleisch mit­geteilt. Es war nun nie­mand mehr im Hause übrig als die Tochter des Wirts, die es redlich meinte und an den got­t­losen Din­gen keinen Teil genom­men hat­te. Sie öffnete dem Frem­den alle Türen und zeigte ihm die ange­häuften Schätze. Der Königssohn aber sagte, sie möchte alles behal­ten, er wollte nichts davon, und ritt mit seinem Diener weiter.

Nach­dem sie lange herumge­zo­gen waren, kamen sie in eine Stadt, worin eine schöne, aber über­mütige Königstochter war, die hat­te bekan­nt­machen lassen, wer ihr ein Rät­sel vor­legte, das sie nicht errat­en kön­nte, der sollte ihr Gemahl wer­den: erri­ete sie es aber, so müsste er sich das Haupt abschla­gen lassen. Drei Tage hat­te sie Zeit, sich zu besin­nen, sie war aber so klug, dass sie immer die vorgelegten Rät­sel vor der bes­timmten Zeit erri­et. Schon waren neune auf diese Weise umgekom­men, als der Königssohn anlangte und, von ihrer grossen Schön­heit geblendet, sein Leben daranset­zen wollte.

Da trat er vor sie hin und gab ihr sein Rät­sel auf, was ist das,“ sagte er, ein­er schlug keinen und schlug doch zwölfe.“ Sie wusste nicht, was das war, sie sann und sann, aber sie brachte es nicht her­aus: sie schlug ihre Rät­sel­büch­er auf, aber es stand nicht darin: kurz, ihre Weisheit war zu Ende. Da sie sich nicht zu helfen wusste, befahl sie ihrer Magd, in das Schlafgemach des Her­rn zu schle­ichen, da sollte sie seine Träume behorchen, und dachte, er rede vielle­icht im Schlaf und ver­rate das Rät­sel. Aber der kluge Diener hat­te sich statt des Her­rn ins Bett gelegt, und als die Magd her­ankam, riss er ihr den Man­tel ab, in den sie sich ver­hüllt hat­te, und jagte sie mit Ruten hinaus.

In der zweit­en Nacht schick­te die Königstochter ihre Kam­mer­jungfer, die sollte sehen, ob es ihr mit Horchen bess­er glück­te, aber der Diener nahm auch ihr den Man­tel weg und jagte sie mit Ruten hin­aus. Nun glaubte der Herr für die dritte Nacht sich­er zu sein und legte sich in sein Bett, da kam die Königstochter selb­st, hat­te einen nebel­grauen Man­tel umge­tan und set­zte sich neben ihn. Und als sie dachte, er schliefe und träumte, so redete sie ihn an und hoffte, er werde im Traume antworten, wie viele tun.

Aber er war wach und ver­stand und hörte alles sehr wohl. Da fragte sie ein­er schlug keinen, was ist das?“ Er antwortete ein Rabe, der von einem toten und vergifteten Pferde frass und davon starb.“ Weit­er fragte sie und schlug doch zwölfe, was ist das?“ – Das sind zwölf Mörder, die den Raben verzehrten und daran starben.“

Als sie das Rät­sel wusste, wollte sie sich fortschle­ichen, aber er hielt ihren Man­tel fest, dass sie ihn zurück­lassen musste. Am andern Mor­gen verkündigte die Königstochter, sie habe das Rät­sel errat­en, und liess die zwölf Richter kom­men und löste es vor ihnen. Aber der Jüngling bat sich Gehör aus und sagte sie ist in der Nacht zu mir geschlichen und hat mich aus­ge­fragt, denn son­st hätte sie es nicht errat­en.“ Die Richter sprachen bringt uns ein Wahrze­ichen.“ Da wur­den die drei Män­tel von dem Diener her­beige­bracht, und als die Richter den nebel­grauen erblick­ten, den die Königstochter zu tra­gen pflegte, so sagten sie lasst den Man­tel stick­en mit Gold und Sil­ber, so wirds Euer Hochzeits­man­tel sein.“