Das Nußzweiglein

von Ludwig Bechstein

~7 Min

Es war ein­mal ein reich­er Kauf­mann, der mußte in seinen Geschäften in fremde Län­der reisen. Da er nun Abschied nahm, sprach er zu seinen drei Töchtern: »Liebe Töchter, ich möchte euch gerne bei mein­er Rück­kehr eine Freude bere­it­en, sagt mir daher, was ich euch mit­brin­gen soll?«

Die Älteste sprach: »Lieber Vater, mir eine schöne Perlenhalskette! «

Die andere sprach: »Ich wün­schte mir einen Fin­ger­ring mit einem Demantstein «

Die Jüng­ste schmiegte sich an des Vaters Herz und flüsterte: »Mir ein schönes, grünes Nußzwei­glein, Väterchen.«

»Gut, meine lieben Töchter!« sprach der Kauf­mann, »ich will mir’s aufmerken und dann lebet wohl.«

Weit fort reisete der Kauf­mann und machte große Einkäufe, gedachte aber auch treulich der Wün­sche sein­er Töchter. Eine kost­bare Per­len­hals­kette hat­te er bere­its in seinen Reisekof­fer gepackt, um seine Älteste damit zu erfreuen, und einen gle­ich wertvollen Demantring hat­te er für die mit­tlere Tochter eingekauft. Einen grü­nen Nußzweig aber kon­nte er nir­gends gewahren, wie er sich auch darum bemühte. Auf der Heim­reise ging er deshalb große Streck­en zu Fuß und hof­fle, da sein Weg ihn vielfach durch Wälder führte, endlich einen Nußbaum anzutr­e­f­fen; doch dies war lange verge­blich, und der gute Vater fing an betrübt zu wer­den, daß er die harm­lose Bitte seines jüng­sten und lieb­sten Kindes nicht zu erfüllen vermochte.

Endlich, als er so betrübt seines Weges dahin­zog, der ihn just durch einen dun­klen Wald und an dichtem Gebüsch vorüber­führte, stieß er mit seinem Hut an einen Zweig, und es raschelte, als fie­len Schlossen darauf; wie er auf­sah, war’s ein schön­er, grün­er Nußzweig, daran eine Traube gold­ner Nüsse hing. Da war der Mann sehr erfreut, langte mit der Hand empor und brach den her­rlichen Zweig ab. Aber in dem­sel­ben Augen­blicke schoß ein wilder Bär aus dem Dic­kicht und stellt sich grim­mig brum­mend auf die Hin­ter­tatzen, als wollte er den Kauf­mann gle­ich zer­reißen. Und mit furcht­bar­er Stimme brüllte er: »Warum hast du meinen Nußzweig abge­brochen, du? Warum? Ich werde dich auffressen.«

Bebend vor Schreck und zit­ternd sprach der Kauf­mann: »O lieber Bär, friß mich nicht, und laß mich mit dem Nußzwei­glein meines Weges ziehen, ich will dir auch einen großen Schinken und viele Würste dafür geben!«

Aber der Bär brüllte wieder: »Behalte deinen Schinken und deine Würste! Nur wenn du mir ver­sprichst, mir das­jenige zu geben, was dir zu Hause am ersten begeg­net, so will ich dich nicht fressen.« Dies ging der Kauf­mann gerne ein, denn er gedachte, wie sein Pudel gewöhn­lich ihm ent­ge­gen­laufe, und diesen wollte er, um sich das Leben zu ret­ten, gerne opfern. Nach derbem Hand­schlag tappte der Bär ruhig ins Dic­kicht zurück; und der Kauf­mann schritt, aufat­mend, rasch und fröh­lich von dannen.

Der gold­ene Nußzweig prangte her­rlich am Hut des Kauf­manns, als er sein­er Heimat zueilte. Freudig hüpfte das jüng­ste Mägdlein ihrem lieben Vater ent­ge­gen; mit tollen Sprün­gen kam der Pudel hin­ter­drein, und die ältesten Töchter und die Mut­ter schrit­ten etwas weniger schnell aus der Haustüre, um den Ank­om­menden zu begrüßen. Wie erschrak nun der Kauf­mann, als seine jüng­ste Tochter die erste war, die ihm ent­ge­gen­flog! Beküm­mert und betrübt ent­zog er sich der Umar­mung des glück­lichen Kindes und teilte nach den ersten Grüßen den Seini­gen mit, was ihm mit dem Nußzweig wider­fahren. Da wein­ten nun alle und wur­den betrübt, doch zeigte die jüng­ste Tochter den meis­ten Mut und nahm sich vor, des Vaters Ver­sprechen zu erfüllen. Auch ersann die Mut­ter bald einen guten Rat und sprach: »Ängsti­gen wir uns nicht, meine Lieben, sollte je der Bär kom­men und dich, mein lieber Mann, an dein Ver­sprechen erin­nern, so geben wir ihm, anstatt unsr­er Jüng­sten, die Hir­ten­tochter, mit dieser wird er auch zufrieden sein.« Dieser Vorschlag galt, und die Töchter waren wieder fröh­lich und freuten sich recht über diese schö­nen Geschenke. Die Jüng­ste trug ihren Nußzweig immer bei sich; sie gedachte bald gar nicht mehr an den Bären und an das Ver­sprechen ihres Vaters.

Aber eines Tages ras­selte ein dun­kler Wagen durch die Straße vor das Haus des Kauf­manns, und der häßliche Bär stieg her­aus und trat brum­mend in das Haus und vor den erschrock­e­nen Mann, der Erfül­lung seines Ver­sprechens begehrend. Schnell und heim­lich wurde die Hir­ten­tochter, die sehr häßlich war, her­beige­holt, schön geputzt und in den Wagen des Bären geset­zt. Und die Reise ging fort. Draußen legte der Bär sein wildes zot­telich­es Haupt auf den Schoß der Hirtin und brummte:

»Graue mich, grab­ble mich, Hin­ter den Ohren zart und fein, Oder ich freß dich mit Haut und Bein!«

Und das Mäd­chen fing an zu grabbeln; aber sie machte es dem Bären nicht recht, und er merk­te, daß er bet­ro­gen wurde; da wollte er die geputzte Hirtin fressen, doch diese sprang rasch in ihrer Tode­sangst aus dem Wagen.

Darauf fuhr der Bär aber­mals vor das Haus des Kauf­manns und forderte furcht­bar dro­hend die rechte Braut. So mußte denn das liebliche Mägdlein her­bei, um nach schw­erem bit­tren Abschied mit dem häßlichen Bräutigam fortz­u­fahren. Draußen brummte er wieder, seinen rauhen Kopf auf des Mäd­chens Schoß legend:

»Graue mich, grab­ble mich, Hin­ter den Ohren zart und fein, Oder ich freß dich mit Haut und Bein!«

Und das Mäd­chen grabbelte, und so san­ft, daß es ihm behagte und daß sein furcht­bar­er Bären­blick fre­undlich wurde, so daß allmäh­lich die arme Bären­braut einiges Ver­trauen zu ihm gewann. Die Reise dauerte nicht gar lange, denn der Wagen fuhr unge­heuer schnell, als brause ein Sturmwind durch die Luft. Bald kamen sie in einen sehr dun­klen Wald, und dort hielt plöt­zlich der Wagen vor ein­er fin­stergäh­nen­den Höh­le. Diese war die Woh­nung des Bären. Oh, wie zit­terte das Mäd­chen! Und zumal da der Bär sie mit seinen furcht­baren Klaue­n­ar­men umschlang und zu ihr fre­undlich brum­mend sprach: »Hier sollst du wohnen, Bräutchen, und glück­lich sein, so du drin­nen dich brav ben­immst, daß mein wildes Geti­er dich nicht zer­reißt.« Und er schloß, als bei­de in der dun­klen Höh­le einige Schritte getan, eine eis­erne Türe auf und trat mit der Braut in ein Zim­mer, das voll von giftigem Gewürm ange­füllt war, welch­es ihnen gierig ent­ge­gen­zün­gelte. Und der Bär brummte seinem Bräutchen ins Ohr:

»Seh dich nicht um! Nicht rechts, nicht links; Ger­ade zu, so hast du Ruh!«

Da ging auch das Mäd­chen, ohne sich umzublick­en, durch das Zirnin­er, und es regte und bewegte sich so lange kein Wurm. Und so ging es noch durch zehn Zim­mer, und das let­zte war von den scheußlich­sten Krea­turen ange­füllt, Drachen und Schlangen, gift­geschwol­lenen Kröten, Basilisken und Lind­würmern. Und der Bär brummte in jedem Zimmer:

»Seh dich nicht um! Nicht rechts, nicht links; Ger­ade zu, so hast du Ruh!«

Das Mäd­chen zit­terte und bebte vor Angst und Bangigkeit wie in Espen­laub, doch blieb sie stand­haft, sah sich nicht um, nicht rechts, nicht links. Als sich aber das zwölfte Zim­mer öffnete, strahlte bei­den ein glänzen­der Lichtschim­mer ent­ge­gen, es erschallte drin­nen eine liebliche Musik, und es jauchzte über­all wie Freudengeschrei, wie Jubel. Ehe sich die Braut nur ein wenig besin­nen kon­nte, noch zit­ternd vom Schauen des Entset­zlichen und nun wieder dieser über­raschen­den Lieblichkeit – tat es einen furcht­baren Don­ner­schlag, also daß sie dachte, es breche Erde und Him­mel zusam­men. Aber bald ward es wieder ruhig. Der Wald, die Höh­le, die Gift­tiere, der Bär – waren ver­schwun­den; ein prächtiges Schloß mit goldgeschmück­ten Zim­mern und schön gek­lei­de­ter Diener­schaft stand dafür da, und der Bär war ein schön­er junger Mann gewor­den, war der Fürst des her­rlichen Schloss­es, der nun sein liebes Bräutchen an das Herz drück­te und ihr tausend­mal dank­te, daß sie ihn und seine Diener, das Geti­er, so liebre­ich aus sein­er Verza­uberung erlöset.

Die nun so hohe, reiche Fürstin trug aber noch immer ihren schö­nen Nußzweig am Busen, der die Eigen­schaft hat­te, nie zu ver­welken, und trug ihn jet­zt nur noch um so lieber, da er der Schlüs­sel ihres hold­en Glück­es gewor­den. Bald wur­den ihre Eltern und ihre Geschwis­ter von diesem fre­undlichen Geschick benachrichtigt und wur­den für immer, zu einem her­rlichen Wohlleben, von dem Bären­fürsten auf das Schloß genommen.