Das Natterkrönlein

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Großväter und Großmüt­ter haben ihren Enkeln und Urenkeln schon oft von schö­nen Schlangen erzählt, die gold­ene Krön­lein auf ihrem Haupte tra­gen. Diese beka­men mancher­lei Namen, wie Otterkönig, Krön­lein­nat­ter, Schlangenköni­gin und der­gle­ichen mehr. Und die Alten sagten, der Besitz eines solchen Krön­leins bringe großes Glück.

Vor langer Zeit diente eine fromme und gutherzige Magd bei einem geizigen Bauern. Im Kuh­stall des Bauern wohnte auch eine Krön­lein­nat­ter, die man nachts zuweilen gar wun­der­schön sin­gen hörte.

Jeden Tag kam die treue Magd in den Stall, um die Kühe zu melken. Auch füt­terte sie die Kühe und streute den ganzen Stall mit großer Sorgfalt ein, denn des Bauern Vieh ging ihr über alles. Manch­mal kroch aber die Krön­lein­nat­ter aus ein­er Mauerspalte, wo sie auch wohnte. Dieses Schlän­glein war so weiß wie ein weißes Mäuschen, und sah mit klu­gen Augen der Magd bei ihrer Arbeit zu. Die Magd hat­te jedes Mal das Gefühl, als wolle die Schlange etwas von ihr haben.

Mit der Zeit gewöh­nte sich die Magd an, warme Kuh­milch in ein kleines Untertäss­chen zu gießen und dem Schlän­glein hinzustellen. Es trank die Milch mit Wohlbe­ha­gen und drehte dabei sein Köpfchen hin und her. So funkelte dann das Krön­lein wie ein Dia­mant und leuchtete recht ordentlich in dem Stalle.

Die gute Magd freute sich über die weiße Schlange gar sehr. Und die Kühe gaben viel mehr Milch und bracht­en beson­ders schöne Käl­bchen zur Welt, seit sie das Schlän­glein mit Milch tränkte.

Da traf es sich ein­mal, dass der Bauer in den Stall trat, ger­ade als die Krön­lein­nat­ter ihr Töpfchen Milch schleck­te. Und weil der Bauer über alle Maßen geizig war, schimpfte er wie ein Rohrspatz, als ob die arme Magd die Milch gle­ich eimer­weise weggeschenkt hätte.

Du mis­er­able, nicht­snutze Magd!”, schrie der Bauer zornig. So gehst du also mit dem Hab und Gut deines Her­rn um? Schämst du dich nicht, solch einen gifti­gen Wurm, der ohnedies den Kühen die Milch aus den Eutern saugt, auch noch zu füt­tern und an den Stall zu gewöh­nen? Schi­er glaub’ ich, dass du eine böse Hexe bist und dein Satan­swe­sen es mit dem Teufel­swurm treibt!”

Das arme Mäd­chen kon­nte diesen Vor­wür­fen nur mit Trä­nen begeg­nen, aber dem Bauern war es egal. Er schrie und zank­te sich mehr und mehr in Zorn, ver­gaß die Treue und den Fleiß der Magd und hörte nicht auf zu toben. Aus dem Hause, auf der Stelle!”, wütete der Bauer. Ich brauche keine Schlangen als Kost­gänger! Ich brauche auch keine Milchdiebe und Hex­endirnen! Schnür dein Bün­del, aber gle­ich! Und mach, dass du aus dem Dorfe kommst. Lass dich nie mehr hier blick­en, son­st zeig ich dich beim Amte an. Dann wirst du ins Loch gesteckt und kriegst den Staubbesen!”

Laut weinend ran­nte die gescholtene Magd aus dem Stalle, ging hin­auf in ihre Kam­mer, und pack­te ihre Klei­der zusam­men. Ihr Bün­del war schnell geschnürt, dann trat sie aus dem Hause und ging über den Hof. Da hörte sie im Stalle das Blöken ihrer Lieblingskuh. Der Bauer war aber schon weit­er gegan­gen, also ging sie noch ein­mal hinein, um Abschied von ihrem lieben Vieh zu nehmen. Sie stre­ichelte jede Kuh, und ihr Liebling leck­te ihr noch ein­mal die Hand.

Da kam auch die Schlange mit dem Krön­lein gekrochen und die Magd sagte: Lebe wohl, du armer Wurm, jet­zt wird dich nie­mand mehr füt­tern.” Da hob sich das Schlän­glein empor, als wollte es seinen Kopf in die Hand der Magd leg­en. Aber es war das Nat­terkrön­lein, das in die Hand des Mäd­chens fiel, und die Schlange glitt aus dem Stalle.

Das arme Mäd­chen machte sich nun auf den Weg und wusste gar nicht, wie reich sie war. Denn wer das Nat­terkrön­lein besitzt und bei sich trägt, dem gelingt alles zum Glücke. Er ist allen Men­schen angenehm, und ihm wird Ehre und Freude zuteil.

Draußen vor dem Dorfe traf die Magd den reichen Sohn des Bürg­er­meis­ters. Er war der schön­ste Bursche im ganzen Dorfe, und sein Herz war schon länger in Liebe zu der jun­gen Magd ent­bran­nt. Der junge Bursche grüßte sie und fragte, wohin sie denn gehe und warum sie aus dem Dienst schei­de. Da klagte sie ihr Leid, doch der Bürg­er­meis­ter­sohn schick­te sie kurz­er Hand zu sein­er Mut­ter. Wie nun die Magd zu der Frau Bürg­er­meis­ter kam, da fasste die alte Frau gle­ich großes Ver­trauen und behielt sie im Hause.

Am Abend kamen die Knechte und die Mägde zum Essen zusam­men, da musste die neue Magd gle­ich das Tis­chge­bet sprechen. Es war allen so, als kämen die Gebetsworte von den Lip­pen eines Engels, und alle wur­den von ein­er wun­der­samen Andacht bewegt. Als das Gesinde dann die Stube ver­lassen hat­te, fasste der Bürg­er­meis­ter­sohn die Hand des armen Mäd­chens, trat mit ihr vor seine Mut­ter und sagte: Frau Mut­ter, seg­net uns, denn ich will diese hier zur Frau nehmen, son­st keine. Sie hat es mir angetan!”

Sie hat es uns allen ange­tan”, antwortete die alte Frau Bürg­er­meis­ter. Sie ist so fromm, schön, demütig und makel­los. In Gottes Namen und im Namen meines kür­zlich ver­stor­be­nen Mannes seg­ne ich euch und nehme das Mäd­chen von Herzen gern zur Schwiegertochter.” So wurde die arme Magd zur reich­sten Frau im Dorfe und zu ein­er glück­lichen noch dazu.

Mit dem geizigen Bauern aber, der die treueste Magd wegen ein­er Hand voll Milch aus dem Hause getrieben hat­te, ging es im Nu bergab. Zuerst musste er sein Vieh verkaufen, dann auch noch seine Äck­er. Der reiche Bürg­er­meis­ter­sohn kaufte alles nur zu gern, und so kon­nte seine Frau die lieben Kühe, mit grü­nen Kränzen geschmückt, in ihren Stall führen. Sie stre­ichelte die Kühe wieder und ließ sich die Hände von ihnen leck­en. Auch das Melken und Füt­tern besorgte sie wieder gerne mit eigen­er Hand.

Und mit einem Male zeigte sich auch die weiße Schlange im Stalle. Da zog die Magd schnell das Krön­lein her­vor und sagte: Das ist schön von dir, dass du zu mir kommst. Nun sollst du auch alle Tage frische Milch haben, so viel du willst. Hier hast du auch dein Krön­lein wieder, mit tausend Dank, dass du mir so wohl geholfen hast. Ich brauche es nun nicht mehr, denn ich bin reich und glück­lich durch Liebe, Treue und durch Fleiß.” Da nahm die weiße Schlange ihr Krön­lein wieder und wohnte for­t­an im Stalle der jun­gen Frau. So ruhte auf dem ganzen bäuer­lichen Anwe­sen Friede, Glück und Gottes Segen.