Das Märchen vom falschen Prinzen

von Wilhelm Hauff

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Es war ein­mal ein ehrsamer Schnei­derge­selle, namens Labakan, der bei einem geschick­ten Meis­ter in Alessan­dria sein Handw­erk lernte. Man kon­nte nicht sagen, daß Labakan ungeschickt mit der Nadel war, im Gegen­teil, er kon­nte recht feine Arbeit machen. Auch tat man ihm unrecht, wenn man ihn ger­adezu faul schalt; aber ganz richtig war es doch nicht mit dem Gesellen, denn er kon­nte oft stun­den­weis in einem fort nähen, daß ihm die Nadel in der Hand glühend ward und der Faden rauchte, da gab es ihm dann ein Stück wie keinem anderen; ein ander­mal aber, und dies geschah lei­der öfters, saß er in tiefen Gedanken, sah mit star­ren Augen vor sich hin und hat­te dabei in Gesicht und Wesen etwas so Eigenes, daß sein Meis­ter und die übri­gen Gesellen von diesem Zus­tand nie anders sprachen als: »Labakan hat wieder sein vornehmes Gesicht.«

Am Fre­itag aber, wenn andere Leute vom Gebet ruhig nach Haus an ihre Arbeit gin­gen, trat Labakan in einem schö­nen Kleid, das er sich mit viel­er Mühe zusam­menges­part hat­te, aus der Moschee, ging langsam und stolzen Schrittes durch die Plätze und Straßen der Stadt, und wenn ihm ein­er sein­er Kam­er­aden ein »Friede sei mit dir«, oder »Wie geht es, Fre­und Labakan?« bot, so wink­te er gnädig mit der Hand oder nick­te, wenn es hoch kam, vornehm mit dem Kopf. Wenn dann sein Meis­ter im Spaß zu ihm sagte: »An dir ist ein Prinz ver­lorenge­gan­gen, Labakan«, so freute er sich darüber und antwortete: »Habt Ihr das auch bemerkt?« oder: »Ich habe es schon lange gedacht!«

So trieb es der ehrsame Schnei­derge­selle Labakan schon eine ger­aume Zeit, sein Meis­ter aber duldete seine Nar­rheit, weil er son­st ein guter Men­sch und geschick­ter Arbeit­er war. Aber eines Tages schick­te Selim, der Brud­er des Sul­tans, der ger­ade durch Alessan­dria reiste, ein Fes­tk­leid zu dem Meis­ter, um einiges daran verän­dern zu lassen, und der Meis­ter gab es Labakan, weil dieser die fein­ste Arbeit machte. Als abends der Meis­ter und die Gesellen sich hin­weg­begeben hat­ten, um nach des Tages Last sich zu erholen, trieb eine unwider­stehliche Sehn­sucht Labakan wieder in die Werk­statt zurück, wo das Kleid des kaiser­lichen Brud­ers hing. Er stand lange sin­nend davor, bald den Glanz der Stick­erei, bald die schillern­den Far­ben des Samts und der Sei­de an dem Klei­de bewun­dernd. Er kon­nte nicht anders, er mußte es anziehen, und siehe da, es paßte ihm so tre­f­flich, wie wenn es für ihn wäre gemacht wor­den. »Bin ich nicht so gut ein Prinz als ein­er?« fragte er sich, indem er im Zim­mer auf und ab schritt. »Hat nicht der Meis­ter selb­st schon gesagt, daß ich zum Prinzen geboren sei?« Mit den Klei­dern schien der Geselle eine ganz königliche Gesin­nung ange­zo­gen zu haben; er kon­nte sich nicht anders denken, als er sei ein unbekan­nter Königssohn, und als solch­er beschloß er, in die Welt zu reisen und einen Ort zu ver­lassen, wo die Leute bish­er so töricht gewe­sen waren, unter der Hülle seines niederen Standes nicht seine ange­botene Würde zu erken­nen. Das prachtvolle Kleid schien ihm von ein­er güti­gen Fee geschickt, er hütete sich daher wohl, ein so teures Geschenk zu ver­schmähen, steck­te seine geringe Barschaft zu sich und wan­derte, begün­stigt von dem Dunkel der Nacht, aus Alessan­drias Toren.

Der neue Prinz erregte über­all auf sein­er Wan­der­schaft Ver­wun­derung, denn das prachtvolle Kleid und sein ern­stes, majestätis­ches Wesen woll­ten gar nicht passen für einen Fußgänger. Wenn man ihn darüber befragte, pflegte er mit geheimnisvoller Miene zu antworten, daß das seine eige­nen Ursachen habe. Als er aber merk­te, daß er sich durch seine Fußwan­derun­gen lächer­lich machte, kaufte er um gerin­gen Preis ein altes Roß, welch­es sehr für ihn paßte, da es ihn mit sein­er geset­zten Ruhe und San­ft­mut nie in die Ver­legen­heit brachte, sich als geschick­ter Reit­er zeigen zu müssen, was gar nicht seine Sache war.

Eines Tages, als er Schritt vor Schritt auf seinem Mur­va, so hat­te er sein Roß genan­nt,. seine Straße zog, schloß sich ein Reit­er an ihn an und bat ihn, in sein­er Gesellschaft reit­en zu dür­fen, weil ihm der Weg viel kürz­er werde im Gespräch mit einem anderen. Der Reit­er war ein fröh­lich­er, junger Mann, schön und angenehm im Umgang. Er hat­te mit Labakan bald ein Gespräch angeknüpft über Woher, und es traf sich, daß auch er, wie der Schnei­derge­selle, ohne Plan in die Welt hin­aus­zog. Er sagte, er heiße Omar, sei der Neffe Elfi Beys, des unglück­lichen Bas­sas von Kairo, und reise nun umher, um einen Auf­trag, den ihm sein Oheim auf dem Ster­be­bette erteilt habe, auszuricht­en. Labakan ließ sich nicht so offen­herzig über seine Ver­hält­nisse aus, er gab ihm zu ver­ste­hen, daß er von hoher Abkun­ft sei und zu seinem Vergnü­gen reise.

Die bei­den jun­gen Her­ren fan­den Gefall­en aneinan­der und zogen fürder. Am zweit­en Tage ihrer gemein­schaftlichen Reise fragte Labakan seinen Gefährten Omar nach den Aufträ­gen, die er zu besor­gen habe, und erfuhr zu seinem Erstaunen fol­gen­des: Elfi Bey, der Bas­sa von Kairo, hat­te den Omar seit sein­er früh­esten Kind­heit erzo­gen, und dieser hat­te seine Eltern nie gekan­nt. Als nun Elfi Bey von seinen Fein­den über­fall­en wor­den war und nach drei unglück­lichen Schlacht­en, tödlich ver­wun­det, fliehen mußte, ent­deck­te er seinem Zögling, daß er nicht sein Neffe sei, son­dern der Sohn eines mächti­gen Herrsch­ers, welch­er aus Furcht vor den Prophezeiun­gen sein­er Stern­deuter den jun­gen Prinzen von seinem Hofe ent­fer­nt habe, mit dem Schwur, ihn erst an seinem zweiundzwanzig­sten Geburt­stage wieder­se­hen zu wollen. Elfi Bey habe ihm den Namen seines Vaters nicht genan­nt, son­dern ihm nur aufs bes­timmteste aufge­tra­gen, am fün­ften Tage des kom­menden Monats Ramadan, an welchem Tage er zweiundzwanzig Jahre alt werde, sich an der berühmten Säule El-Seru­jah, vier Tagreisen östlich von Alessan­dria, einzufind­en; dort soll er den Män­nern, die an der Säule ste­hen wür­den, einen Dolch, den er ihm gab, über­re­ichen mit den Worten: »leer bin ich, den ihr suchet«; wenn sie antworteten: »Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!«, so solle er ihnen fol­gen, sie wür­den ihn zu seinem Vater führen. 

Der Schnei­derge­selle Labakan war sehr erstaunt über diese Mit­teilung, er betra­chtete von jet­zt an den Prinzen Omar mit nei­dis­chen Augen, erzürnt darüber, daß das Schick­sal jen­em, obgle­ich er schon für den Nef­fen eines mächti­gen Bas­sa galt, noch die Würde eines Fürsten­sohnes ver­liehen, ihm aber, den es mit allem, was einem Prinzen not­tut, aus­gerüstet, gle­ich­sam zum Hohn eine dun­kle Geburt und einen gewöhn­lichen Lebensweg ver­liehen habe. Er stellte Ver­gle­ichun­gen zwis­chen sich und dem Prinzen an. Er mußte sich geste­hen, es sei jen­er ein Mann von sehr vorteil­hafter Gesichts­bil­dung; schöne, leb­hafte Augen, eine küh­nge­bo­gene Nase, ein san­ftes, zuvork­om­mendes Benehmen, kurz, so viele Vorzüge des Äußeren, die jemand empfehlen kön­nen, waren jen­em eigen. Aber so viele Vorzüge er auch an seinem Begleit­er fand, so ges­tand er sich doch bei diesen Beobach­tun­gen, daß ein Labakan dem fürstlichen Vater wohl noch willkommen­er sein dürfte als der wirk­liche Prinz.

Diese Betra­ch­tun­gen ver­fol­gten Labakan den ganzen Tag, mit ihnen schlief er im näch­sten Nacht­lager ein, aber als er mor­gens aufwachte und sein Blick auf den neben ihm schlafend­en Omar fiel, der so ruhig schlafen und von seinem gewis­sen Glück träu­men kon­nte, da erwachte in ihm der Gedanke, sich durch List oder Gewalt zu erstreben, was ihm das ungün­stige Schick­sal ver­sagt hat­te. Der Dolch, das Erken­nungsze­ichen des heimkehren­den Prinzen, sah aus dem Gür­tel des Schlafend­en her­vor, leise zog er ihn her­vor, um ihn in die Brust des Eigen­tümers zu stoßen. Doch vor dem Gedanken des Mordes entset­zte sich die fried­fer­tige Seele des Gesellen; er beg­nügte sich, den Dolch zu sich zu steck­en, das schnellere Pferd des Prinzen für sich aufzäu­men zu lassen, und ehe Omar aufwachte und sich aller sein­er Hoff­nun­gen beraubt sah, hat­te sein treulos­er Gefährte schon einen Vor­sprung von mehreren Meilen.

Es war ger­ade der erste Tag des heili­gen Monats Ramadan, an welchem Labakan den Raub an dem Prinzen began­gen hat­te, und er hat­te also noch vier Tage, um zu der Säule El Seru­jah, welche ihm wohlbekan­nt war, zu gelan­gen. Obgle­ich die Gegend, worin sich diese Säule befand, höch­stens noch zwei Tagreisen ent­fer­nt sein kon­nte, so beeilte er sich doch hinzukom­men, weil er immer fürchtete, von dem wahren Prinzen einge­holt zu werden.

Am Ende des zweit­en Tages erblick­te Labakan die Säule El-Seru­jah. Sie stand auf ein­er kleinen Anhöhe in ein­er weit­en Ebene und kon­nte auf zwei bis drei Stun­den gese­hen wer­den. Labakans Herz pochte lauter bei diesem Anblick; obgle­ich er die let­zten zwei Tage hin­durch Zeit genug gehabt, über die Rolle, die er zu spie­len hat­te, nachzu­denken, so machte ihn doch das böse Gewis­sen etwas ängstlich, aber der Gedanke, daß er zum Prinzen geboren sei, stärk­te ihn wieder, so daß er getrösteter seinem Ziele entgegenging.

Die Gegend um die Säule El-Seru­jah war unbe­wohnt und öde, und der neue Prinz wäre wegen seines Unter­halts etwas in Ver­legen­heit gekom­men, wenn er sich nicht auf mehrere Tage verse­hen hätte. Er lagerte sich also neben seinem Pferd unter eini­gen Pal­men und erwartete dort sein ferneres Schicksal.

Gegen die Mitte des anderen Tages sah er einen großen Zug von Pfer­den und Kame­len über die Ebene her auf die Säule El-Seru­jah zuziehen. Der Zug hielt am Fuße des Hügels, auf welchem die Säule stand, man schlug prächtige Zelte auf, und das Ganze sah aus wie der Reisezug eines reichen Bas­sa oder Scheik. Labakan ahnte, daß die vie­len Leute, welche er sah, sich seinetwe­gen hier­her bemüht hat­ten, und hätte ihnen gerne schon heute ihren kün­fti­gen Gebi­eter gezeigt; aber er mäßigte seine Begierde, als Prinz aufzutreten, da ja doch der näch­ste Mor­gen seine kühn­sten Wün­sche vol­lkom­men befriedi­gen mußte.

Die Mor­gen­sonne weck­te den über­glück­lichen Schnei­der zu dem wichtig­sten Augen­blick seines Lebens, welch­er ihn aus einem niederen, unbekan­nten Sterblichen an die Seite eines fürstlichen Vaters erheben sollte; zwar fiel ihm, als er sein Pferd aufzäumte, um zu der Säule hinzure­it­en, wohl auch das Unrecht­mäßige seines Schrittes ein; zwar führten ihm seine Gedanken den Schmerz des in seinen schö­nen Hoff­nun­gen bet­ro­ge­nen Fürsten­sohnes vor, aber – der Wür­fel war gewor­fen, er kon­nte nicht mehr ungeschehen machen, was geschehen war, und seine Eigen­liebe flüsterte ihm zu, daß er stat­tlich genug ausse­he, um dem mächtig­sten König sich als Sohn vorzustellen; ermutigt durch diesen Gedanken, schwang er sich auf sein Roß, nahm alle seine Tapfer­keit zusam­men, um es in einen ordentlichen Galopp zu brin­gen, und in weniger als ein­er Vier­tel­stunde war er am Fuße des Hügels ange­langt. Er stieg ab von seinem Pferd und band es an eine Staude, deren mehrere an dem Hügel wuch­sen; hier­auf zog er den Dolch des Prinzen Omar her­vor und stieg den Hügel hinan. Am Fuß der Säule standen sechs Män­ner um einen Greis von hohem, königlichem Anse­hen; ein prachtvoller Kaf­tan von Gold­stoff, mit einem weißen Kaschmirschal umgürtet, der weiße, mit blitzen­den Edel­steinen geschmück­te Tur­ban beze­ich­neten ihn als einen Mann von Reich­tum und Würde.

Auf ihn ging Labakan zu, neigte sich tief vor ihm und sprach, indem er den Dolch dar­re­ichte: »Hier bin ich, den Ihr suchet. «

»Gelobt sei der Prophet, der dich erhielt!« antwortete der Greis mit Freuden­trä­nen. »Umarme deinen alten Vater, mein geliebter Sohn Omar!« Der gute Schnei­der war sehr gerührt durch diese feier­lichen Worte und sank mit einem Gemisch von Freude und Scham in die Arme des alten Fürsten.

Aber nur einen Augen­blick sollte er ungetrübt die Wonne seines neuen Standes genießen; als er sich aus den Armen des fürstlichen Greis­es aufrichtete, sah er einen Reit­er über die Ebene her auf den Hügel zueilen. Der Reit­er und sein Roß gewährten einen son­der­baren Anblick; das Roß schien aus Eigensinn oder Müdigkeit nicht vor­wärts zu wollen, in einem stolpern­den Gang, der wed­er Schritt noch Trab war, zog es daher, der Reit­er aber trieb es mit Hän­den und Füßen zu schnellerem Laufe an. Nur zu bald erkan­nte Labakan sein Roß Mur­va und den echt­en Prinzen Omar, aber der böse Geist der Lüge war ein­mal in ihn gefahren, und er beschloß, wie es auch kom­men möge, mit eis­ern­er Stirne seine ange­maßten Rechte zu behaupten. 

Schon aus der Ferne hat­te man den Reit­er winken gese­hen; jet­zt war er trotz des schlecht­en Trabes des Ross­es Mur­va am Fuße des Hügels angekom­men, warf sich vom Pferd und stürzte den Hügel hinan. »Hal­tet ein!« rief er. »Wer ihr auch sein möget, hal­tet ein und laßt euch nicht von dem schändlich­sten Betrüger täuschen; ich heiße Omar, und kein Sterblich­er wage es, meinen Namen zu mißbrauchen!«

Auf den Gesichtern der Umste­hen­den malte sich tiefes Erstaunen über diese Wen­dung der Dinge; beson­ders schien der Greis sehr betrof­fen, indem er bald den einen, bald den anderen fra­gend ansah; Labakan aber sprach mit müh­sam errun­gener Ruhe: »Gnädig­ster Herr und Vater, laßt Euch nicht irremachen durch diesen Men­schen da! Es ist, soviel ich weiß, ein wahnsin­niger Schnei­derge­selle aus Alessan­dria, Labakan geheißen, der mehr unser Mitleid als unseren Zorn verdient.«

Bis zur Raserei aber bracht­en diese Worte den Prinzen; schäu­mend vor Wut wollte er auf Labakan ein­drin­gen, aber die Umste­hen­den war­fen sich dazwis­chen und hiel­ten ihn fest, und der Fürst sprach: »Wahrhaftig, mein lieber Sohn, der arme Men­sch ist ver­rückt; man binde ihn und set­ze ihn auf eines unser­er Drom­e­dare, vielle­icht, daß wir dem Unglück­lichen Hil­fe schaf­fen können.«

Die Wut des Prinzen hat­te sich gelegt, weinend rief er dem Fürsten zu: »Mein Herz sagt mir, daß Ihr mein Vater seid; bei dem Andenken mein­er Mut­ter beschwöre ich Euch, hört mich an!«

»Ei, Gott bewahre uns!« antwortete dieser, »er fängt schon wieder an, irre zu reden, wie doch der Men­sch auf so tolle Gedanken kom­men kann!« Damit ergriff er Labakans Arm und ließ sich von ihm den Hügel hin­un­tergeleit­en; sie set­zten sich bei­de auf schöne, mit reichen Deck­en behängte Pferde und rit­ten an der Spitze des Zuges über die Ebene hin. Dem unglück­lichen Prinzen aber fes­selte man die Hände und band ihn auf einem Drom­e­dar fest, und zwei Reit­er waren ihm immer zur Seite, die ein wach­sames Auge auf jede sein­er Bewe­gun­gen hatten.

Der fürstliche Greis war Saaud, der Sul­tan der Wech­abiten. Er hat­te lange ohne Kinder gelebt, endlich wurde ihm ein Prinz geboren, nach dem er sich so lange gesehnt hat­te; aber die Stern­deuter, welche er um die Vorbe­deu­tun­gen des Knaben befragte, tat­en den Ausspruch, »daß er bis ins zweiundzwanzig­ste Jahr in Gefahr ste­he, von einem Feinde ver­drängt zu wer­den«, deswe­gen, um recht sicherzuge­hen, hat­te der Sul­tan den Prinzen seinem alten, erprobten Fre­unde Elfi-Bey zum Erziehen gegeben und zweiundzwanzig schmer­zliche Jahre auf seinen Anblick geharrt.

Dieses hat­te der Sul­tan seinem (ver­meintlichen) Sohne erzählt und sich ihm außeror­dentlich zufrieden mit sein­er Gestalt und seinem würde­vollen Benehmen gezeigt.

Als sie in das Land des Sul­tans kamen, wur­den sie über­all von den Ein­wohn­ern mit Freudengeschrei emp­fan­gen; denn das Gerücht von der Ankun­ft des Prinzen hat­te sich wie ein Lauf­feuer durch alle Städte und Dör­fer ver­bre­it­et. Auf den Straßen, durch welche sie zogen, waren Bögen von Blu­men und Zweigen errichtet, glänzende Tep­piche von allen Far­ben schmeck­ten die Häuser, und das Volk pries laut Gott und seinen Propheten, der ihnen einen so schö­nen Prinzen gesandt habe. Alles dies erfüllte das stolze Herz des Schnei­ders mit Wonne; desto unglück­lich­er mußte sich aber der echte Omar fühlen, der, noch immer gefes­selt, in stiller Verzwei­flung dem Zuge fol­gte. Nie­mand küm­merte sich um ihn bei dem all­ge­meinen Jubel, der doch ihm galt; den Namen Omar riefen tausend und wieder tausend Stim­men, aber ihn, der diesen Namen mit Recht trug, ihn beachtete kein­er; höch­stens fragte ein­er oder der andere, wen man denn so fest gebun­den mit fort­fahre, und schreck­lich tönte in das Ohr des Prinzen die Antwort sein­er Begleit­er, es sei ein wahnsin­niger Schneider.

Der Zug war endlich in die Haupt­stadt des Sul­tans gekom­men, wo alles noch glänzen­der zu ihrem Emp­fang bere­it­et war als in den übri­gen Städten. Die Sul­tanin, eine ältliche, ehrwürdi­ge Frau, erwartete sie mit ihrem ganzen Hof­s­taat in dem prachtvoll­sten Saal des Schloss­es. Der Boden dieses Saales war mit einem unge­heuren Tep­pich bedeckt, die Wände waren mit hell­blauem Tuch geschmeckt, das in gold­e­nen Quas­ten und Schnüren an großen, sil­ber­nen Hak­en hing.

Es war schon dunkel, als der Zug anlangte, daher waren im Saale viele kugel­runde, far­bige Lam­p­en angezün­det, welche die Nacht zum Tag erhell­ten. Am klarsten und viel­far­big­sten strahlten sie aber im Hin­ter­grund des Saales, wo die Sul­tanin auf einem Throne saß. Der Thron stand auf vier Stufen und war von lauterem Golde und mit großen Amethys­ten aus­gelegt. Die vier vornehm­sten Emire hiel­ten einen Bal­dachin von rot­er Sei­de über dem Haupte der Sul­tanin, und der Scheik von Med­i­na fächelte ihr mit ein­er Wind­fuch­tel von weißen Pfauen­fed­ern Küh­lung zu.

So erwartete die Sul­tanin ihren Gemahl und ihren Sohn, auch sie hat­te ihn seit sein­er Geburt nicht mehr gese­hen, aber bedeut­sam Träume hat­ten ihr den Ersehn­ten gezeigt, daß sie ihn aus Tausenden erken­nen wollte. Jet­zt hörte man das Geräusch des nahen­den Zuges, Trompe­ten und Trom­meln mis­cht­en sich in das Zujauchzen der Menge, der Huf­schlag der Rosse tönte im Hof des Palastes, näher und näher rauscht­en die Tritte der Kom­menden, die Türen des Saales flo­gen auf, und durch die Rei­hen der nieder­fal­l­en­den Diener eilte der Sul­tan an der Hand seines Sohnes vor den Thron der Mutter.

»Hier«, sprach er, »bringe ich dir den, nach welchem du dich so lange gesehnet.« 

Die Sul­tanin aber fiel ihm in die Rede: »Das ist mein Sohn nicht!« rief sie aus, »das sind nicht die Züge, die mir der Prophet im Traume gezeigt hat!«

Ger­ade, als ihr der Sul­tan ihren Aber­glauben ver­weisen wollte, sprang die Türe des Saales auf. Prinz Omar stürzte here­in, ver­fol­gt von seinen Wächtern, denen er sich mit Anstren­gung aller sein­er Kraft entris­sen hat­te, er warf sich atem­los vor dem Throne nieder: »leer will ich ster­ben, laßt mich töten, grausamer Vater; denn diese Schmach dulde ich nicht länger!«

Alles war bestürzt über diese Reden; man drängte sich um den Unglück­lichen her, und schon woll­ten ihn die her­beieilen­den Wachen ergreifen und ihm wieder seine Bande anle­gen, als die Sul­tanin, die in sprachlosem Erstaunen dieses alles mit ange­se­hen hat­te, von dem Throne auf­sprang. »Hal­tet ein!« rief sie, »dieser und kein ander­er ist der Rechte, dieser ist’s, den meine Augen nie gese­hen und den mein Herz doch gekan­nt hat!«

Die Wächter hat­ten unwillkür­lich von Omar abge­lassen, aber der Sul­tan, ent­flammt von wüten­dem Zorn, rief ihnen zu, den Wahnsin­ni­gen zu binden: »Ich habe hier zu entschei­den«, sprach er mit gebi­etender Stimme, »und hier richtet man nicht nach den Träu­men der Weiber, son­dern nach gewis­sen, untrüglichen Zeichen. Dieser hier (indem er auf Labakan zeigte) ist mein Sohn; denn er hat mir das Wahrze­ichen meines Fre­un­des Elfi, den Dolch, gebracht.«

»Gestohlen hat er ihn«, schrie Omar, »mein arglos­es Ver­trauen hat er zum Ver­rat mißbraucht!« Der Sul­tan aber hörte nicht auf die Stimme seines Sohnes; denn er war in allen Din­gen gewohnt, eigensin­nig nur seinem Urteil zu fol­gen; daher ließ er den unglück­lichen Omar mit Gewalt aus dem Saal schlep­pen. Er selb­st aber begab sich mit Labakan in sein Gemach, voll Wut über die Sul­tanin, seine Gemahlin, mit der er doch seit fün­fundzwanzig Jahren in Frieden gelebt hatte.

Die Sul­tanin aber war voll Kum­mer über diese Begeben­heit­en; sie war vol­lkom­men überzeugt, daß ein Betrüger sich des Herzens des Sul­tans bemächtigt hat­te, denn jenen Unglück­lichen hat­ten ihr so viele bedeut­sam Träume als ihren Sohn gezeigt.

Als sich ihr Schmerz ein wenig gelegt hat­te, sann sie auf Mit­tel, um ihren Gemahl von seinem Unrecht zu überzeu­gen. Es war dies allerd­ings schwierig; denn jen­er, der sich für ihren Sohn aus­gab, hat­te das Erken­nungsze­ichen, den Dolch, über­re­icht und hat­te auch, wie sie erfuhr, so viel von Omars früherem Leben von diesem selb­st sich erzählen lassen, daß er seine Rolle, ohne sich zu ver­rat­en, spielte.

Sie berief die Män­ner zu sich, die den Sul­tan zu der Säule El-Seru­jah begleit­et hat­ten, um sich alles genau erzählen zu lassen, und hielt dann mit ihren ver­trautesten Sklavin­nen Rat. Sie wählten und ver­war­fen dies und jenes Mit­tel; endlich sprach Melech­salah, eine alte, kluge Zierkassierin: »Wenn ich recht gehört habe, verehrte Gebi­eterin, so nan­nte der Über­bringer des Dolch­es den, welchen du für deinen Sohn hältst, Labakan, einen ver­wirrten Schneider?«

»Ja, so ist es«, antwortete die Sul­tanin, »aber was willst du damit?«

»Was meint Ihr«, fuhr jene fort, »wenn dieser Betrüger Eurem Sohn seinen eige­nen Namen aufge­heftet hätte? – Und wenn dies ist, so gibt es ein her­rlich­es Mit­tel, den Betrüger zu fan­gen, das ich Euch ganz im geheimen sagen will.« Die Sul­tanin bot ihrer Sklavin das Ohr, und diese flüsterte ihr einen Rat zu, der ihr zu beha­gen schien, denn sie schick­te sich an, sogle­ich zum Sul­tan zu gehen.

Die Sul­tanin war eine kluge Frau, welche wohl die schwachen Seit­en des Sul­tans kan­nte und sie zu benützen ver­stand. Sie schien daher, ihm nachgeben und den Sohn anerken­nen zu wollen, und bat sich nur eine Bedin­gung aus; der Sul­tan, dem sein Auf­brausen gegen seine Frau leid tat, ges­tand die Bedin­gung zu, und sie sprach: »Ich möchte gerne den bei­den eine Probe ihrer Geschick­lichkeit aufer­legen; eine andere würde sie vielle­icht reit­en, fecht­en oder Speere wer­fen lassen, aber das sind Sachen, die ein jed­er kann; nein, ich will ihnen etwas geben, wozu Scharf­sinn gehört! Es soll näm­lich jed­er von ihnen einen Kaf­tan und ein Paar Bein­klei­der ver­fer­ti­gen, und da wollen wir ein­mal sehen, wer die schön­sten macht.«

Der Sul­tan lachte und sprach: »Ei, da hast du ja etwas recht Kluges aus­geson­nen. Mein Sohn sollte mit deinem wahnsin­ni­gen Schnei­der wet­teifern, wer den besten Kaf­tan macht? Nein, das ist nichts.«

Die Sul­tanin aber berief sich darauf, daß er ihr die Bedin­gung zum Voraus zuge­sagt habe, und der Sul­tan, welch­er ein Mann von Wort war, gab endlich nach, obgle­ich er schwor, wenn der wahnsin­nige Schnei­der seinen Kaf­tan auch noch so schön mache, könne er ihn doch nicht für seinen Sohn erkennen.

Der Sul­tan ging selb­st zu seinem Sohn und bat ihn, sich in die Grillen sein­er Mut­ter zu schick­en, die nun ein­mal dur­chaus einen Kaf­tan von sein­er Hand zu sehen wün­sche. Dem guten Labakan lachte das Herz vor Freude; wenn es nur an dem fehlt, dachte er bei sich, da soll die Frau Sul­tanin bald Freude an mir erleben.

Man hat­te zwei Zim­mer ein­gerichtet, eines für den Prinzen, das andere für den Schnei­der; dort soll­ten sie ihre Kun­st erproben, und man hat­te jedem nur ein hin­länglich­es Stück Sei­den­zeug, Schere, Nadel und Faden gegeben.

Der Sul­tan war sehr begierig, was für ein Ding von Kaf­tan wohl sein Sohn zutage fördern werde, aber auch der Sul­tanin pochte unruhig das Herz, ob ihre List wohl gelin­gen werde oder nicht. Man hat­te den bei­den zwei Tage zu ihrem Geschäft aus­ge­set­zt, am drit­ten ließ der Sul­tan seine Gemahlin rufen, und als sie erschienen war, schick­te er in jene zwei Zim­mer, um die bei­den Kaf­tane und ihre Ver­fer­tiger holen zu lassen. Tri­um­phierend trat Labakan ein und bre­it­ete seinen Kaf­tan vor den erstaunten Blick­en des Sul­tans aus. »Siehe her, Vater«, sprach er, »siehe her, verehrte Mut­ter, ob dies nicht ein Meis­ter­stück von einem Kaf­tan ist? Da laß ich es mit dem geschick­testen Hof­schnei­der auf eine Wette ankom­men, ob er einen solchen herausbringt.« 

Die Sul­tanin lächelte und wandte sich zu Omar: »Und was hast du her­aus­ge­bracht, mein Sohn?«

Unwillig warf dieser den Sei­den­stoff und die Schere auf den Boden: »Man hat mich gelehrt, ein Roß zu bändi­gen und einen Säbel zu schwin­gen, und meine Lanze trifft auf sechzig Gänge ihr Ziel – aber die Kün­ste der Nadel sind mir fremd, sie wären auch unwürdig für einen Zögling Elfi Beys, des Beherrsch­ers von Kairo.«

»Oh, du echter Sohn meines Her­rn«, rief die Sul­tanin, »ach, daß ich dich umar­men, dich Sohn nen­nen dürfte! Verzei­het, mein Gemahl und Gebi­eter«, sprach sie dann, indem sie sich zum Sul­tan wandte, »daß ich diese List gegen Euch gebraucht habe; sehet Ihr jet­zt noch nicht ein, wer Prinz und wer Schnei­der ist; für­wahr, der Kaf­tan ist köstlich, den Euer Herr Sohn gemacht hat, und ich möchte ihn gerne fra­gen, bei welchem Meis­ter er gel­ernt habe.«

Der Sul­tan saß in tiefen Gedanken, miß­trauisch bald seine Frau, bald Labakan anschauend, der umson­st sein Erröten und seine Bestürzung, daß er sich so dumm ver­rat­en habe, zu bekämpfen suchte. »Auch dieser Beweis genügt nicht«, sprach er, »aber ich weiß, Allah sei es gedankt, ein Mit­tel, zu erfahren, ob ich bet­ro­gen bin oder nicht.«

Er befahl, sein schnell­stes Pferd vorz­u­fahren, schwang sich auf und ritt in einen Wald, der nicht weit von der Stadt begann. Dort wohnte nach ein­er alten Sage eine gütige Fee, Adolzaide geheißen, welche oft schon den Köni­gen seines Stammes in der Stunde der Not mit ihrem Rat beige­s­tanden war; dor­thin eilte der Sultan.

In der Mitte des Waldes war ein freier Platz, von hohen Zed­ern umgeben. Dort wohnte nach der Sage die Fee, und sel­ten betrat ein Sterblich­er diesen Platz, denn eine gewisse Scheu davor hat­te sich aus alten Zeit­en vom Vater auf den Sohn vererbt.

Als der Sul­tan dort angekom­men war, stieg er ab, band sein Pferd an einen Baum, stellte sich in die Mitte des Platzes und sprach mit lauter Stimme: »Wenn es wahr ist, daß du meinen Vätern güti­gen Rat erteil­test in der Stunde der Not, so ver­schmähe nicht die Bitte ihres Enkels und rate mir, wo men­schlich­er Ver­stand zu kurzsichtig ist!«

Er hat­te kaum die let­zten Worte gesprochen, als sich eine der Zed­ern öffnete und eine ver­schleierte Frau in lan­gen, weißen Gewän­dern her­vor­trat. »Ich weiß, warum du zu mir kommst, Sul­tan Saaud, dein Wille ist redlich; darum soll dir auch meine Hil­fe wer­den. Nimm diese zwei Kistchen! Laß jene bei­den, welche deine Söhne sein wollen, wählen! Ich weiß, daß der, welch­er der echte ist, das rechte nicht ver­fehlen wird.« So sprach die Ver­schleierte und reichte ihm zwei kleine Kistchen von Elfen­bein, reich mit Gold und Perlen verziert; auf den Deck­eln, die der Sul­tan vergebens zu öff­nen ver­suchte, standen Inschriften von einge­set­zten Diamanten.

Der Sul­tan besann sich, als er nach Hause ritt, hin und her, was wohl in den Kistchen sein kön­nte, welche er mit aller Mühe nicht zu öff­nen ver­mochte. Auch die Auf­schrift gab ihm kein Licht in der Sache; denn auf dem einen stand: »Ehre und Ruhm«, auf dem anderen: »Glück und Reich­tum«. Der Sul­tan dachte bei sich, da würde auch ihm die Wahl schw­er wer­den unter diesen bei­den Din­gen, die gle­ich anziehend, gle­ich lock­end seien.

Als er in seinen Palast zurück­gekom­men war, ließ er die Sul­tanin rufen und sagte ihr den Ausspruch der Fee, und eine wun­der­bare Hoff­nung erfüllte sie, daß jen­er, zu dem ihr Herz sie hin­zog, das Kistchen wählen Würde, welch­es seine königliche Abkun­ft beweisen sollte.

Vor dem Ibrone des Sul­tans wur­den zwei Tis­che aufgestellt; auf sie set­zte der Sul­tan mit eigen­er Hand die bei­den Kistchen, bestieg dann den Thron und wink­te einem sein­er Sklaven, die Pforte des Saales zu öff­nen. Eine glänzende Ver­samm­lung von Bas­sas und Emiren des Reich­es, die der Sul­tan berufen hat­te, strömte durch die geöffnete Pforte. Sie ließen sich auf prachtvollen Pol­stern nieder, welche die Wände ent­lang aufgestellt waren.

Als sie sich alle niederge­lassen hat­ten, wink­te der König zum zweit­en­mal, und Labakan wurde hereinge­führt. Mit stolzem Schritte ging er durch den Saal, warf sich vor dem Throne nieder und sprach: »Was befiehlt mein Herr und Vater?«

Der Sul­tan erhob sich auf seinem Thron und sprach: »Mein Sohn! Es sind Zweifel an der Echtheit dein­er Ansprüche auf diesen Namen erhoben wor­den; eines jen­er Kistchen enthält die Bestä­ti­gung dein­er echt­en Geburt, wäh­le! Ich zwei­fle nicht, du wirst das rechte wählen!«

Labakan erhob sich und trat vor die Kistchen, er erwog lange, was er wählen sollte, endlich sprach er: »Verehrter Vater! Was kann es Höheres geben als das Glück, dein Sohn zu sein, was Edleres als den Reich­tum dein­er Gnade? Ich wäh­le das Kistchen, das die Auf­schrift Gli­ick und Reich­tum“ zeigt.«

»Wir wer­den nach­her erfahren, ob du recht gewählt hast; einst­weilen set­ze dich dort auf das Pol­ster zum Bas­sa von Med­i­na«, sagte der Sul­tan und wink­te seinen Sklaven.

Omar wurde hereinge­führt; sein Blick war düster, seine Miene trau­rig, und sein Anblick erregte all­ge­meine Teil­nahme unter den Anwe­senden. Er warf sich vor dem Throne nieder und fragte nach dem Willen des Sultans.

Der Sul­tan deutete ihm an, daß er eines der Kistchen zu wählen habe, er stand auf und trat vor den Tisch. 

Er las aufmerk­sam bei­de Inschriften und sprach: »Die let­zten Tage haben mich gelehrt, wie unsich­er das Glück, wie vergänglich der Reich­tum ist; sie haben mich aber auch gelehrt, daß ein unz­er­stör­bares Gut in der Brust des Tapfer­en wohnt, die Ehre, und daß der leuch­t­ende Stern des Ruhmes nicht mit dem Glück zugle­ich verge­ht. Und sollte ich ein­er Kro­ne entsagen, der Wür­fel liegt – Ehre und Ruhm, ich wäh­le euch!«

Er set­zte seine Hand auf das Kistchen, das er erwählt hat­te; aber der Sul­tan befahl ihm, einzuhal­ten; er wink­te Labakan, gle­ich­falls vor seinen Tisch zu treten, und auch dieser legte seine Hand auf sein Kistchen.

Der Sul­tan aber ließ sich ein Beck­en mit Wass­er von dem heili­gen Brun­nen Zemzem in Mek­ka brin­gen, wusch seine Hände zum Gebet, wandte sein Gesicht nach Osten, warf sich nieder und betete: »Gott mein­er Väter! Der du seit Jahrhun­derten unsern Stamm rein und unver­fälscht bewahrtest, gib nicht zu, daß ein Unwürdi­ger den Namen der Abassi­den schände, sei mit deinem Schutze meinem echt­en Sohne nahe in dieser Stunde der Prüfung!«

Der Sul­tan erhob sich und bestieg seinen Thron wieder; all­ge­meine Erwartung fes­selte die Anwe­senden, man wagte kaum zu atmen, man hätte ein Mäuschen über den Saal gehen hören kön­nen, so still und ges­pan­nt waren alle, die hin­ter­sten macht­en lange Hälse, um über die vorderen nach den Kistchen sehen zu kön­nen. Jet­zt sprach der Sul­tan: »Öffnet die Kistchen«, und diese, die vorher keine Gewalt zu öff­nen ver­mochte, sprangen von selb­st auf.

In dem Kistchen, das Omar gewählt hat­te, lagen auf einem samte­nen Kissen eine kleine gold­ene Kro­ne und ein Zepter; in Labakans Kistchen – eine große Nadel und ein wenig Zwirn! Der Sul­tan befahl den bei­den, ihre Kistchen vor ihn zu brin­gen. Er nahm das Krönchen von dem Kissen in seine Hand, und wun­der­bar war es anzuse­hen, wie er es nahm, wurde es größer und größer, bis es die Größe ein­er recht­en Kro­ne erre­icht hat­te. Er set­zte die Kro­ne seinem Sohn Omar, der vor ihm kni­ete, auf das Haupt, küßte ihn auf die Stirne und hieß ihn zu sein­er Recht­en sich nieder­set­zen. Zu Labakan aber wandte er sich und sprach: »Es ist ein altes Sprich­wort: Der Schus­ter bleibe bei seinem Leis­ten! Es scheint, als soll­test du bei der Nadel bleiben. Zwar hast du meine Gnade nicht ver­di­ent, aber es hat jemand für dich gebeten, dem ich heute nichts abschla­gen kann; drum schenke ich dir dein arm­seliges Leben, aber wenn ich dir guten Rates bin, so beeile dich, daß du aus meinem Lande kommst!«

Beschämt, ver­nichtet, wie er war, ver­mochte der arme Schnei­derge­selle nichts zu erwidern; er warf sich vor dem Prinzen nieder, und Trä­nen drangen ihm aus den Augen: »Kön­nt Ihr mir vergeben, Prinz?« sagte er.

»Treue gegen den Fre­und, Groß­mut gegen den Feind ist des Abassi­den Stolz«, antwortete der Prinz, indem er ihn aufhob, »gehe hin in Frieden!«

»O du mein echter Sohn!« rief gerührt der alte Sul­tan und sank an die Brust des Sohnes; die Emire und Bas­sa und alle Großen des Reich­es standen auf von ihren Sitzen und riefen: »Heil dem neuen Königssohn!« Und unter dem all­ge­meinen Jubel schlich sich Labakan, sein Kistchen unter dem Arm, aus dem Saal.

Er ging hin­unter in die Ställe des Sul­tans, zäumte sein Roß Mur­va auf und ritt zum Tore hin­aus, Alessan­dria zu. Sein ganzes Prinzen­leben kam ihm wie ein Traum vor, und nur das prachtvolle Kistchen, reich mit Perlen und Dia­man­ten geschmückt, erin­nerte ihn, daß er doch nicht geträumt habe.

Als er endlich wieder nach Alessan­dria kam, ritt er vor das Haus seines alten Meis­ters, stieg ab, band sein Rößlein an die Türe und trat in die Werk­statt. Der Meis­ter, der ihn nicht gle­ich kan­nte, machte ein großes Wesen und fragte, was ihm zu Dienst ste­he; als er aber den Gast näher ansah und seinen alten Labakan erkan­nte, rief er seine Gesellen und Lehrlinge her­bei, und alle stürzten sich wie wütend auf den armen Labakan, der keines solchen Emp­fangs gewär­tig war, stießen und schlu­gen ihn mit Bügeleisen und Ellen­maß, stachen ihn mit Nadeln und zwick­ten ihn mit schar­fen Scheren, bis er erschöpft auf einen Haufen alter Klei­der niedersank.

Als er nun so dalag, hielt ihm der Meis­ter eine Strafrede über das gestoh­lene Kleid; vergebens ver­sicherte Labakan, daß er nur deswe­gen wiedergekom­men sei, um ihm alles zu erset­zen, vergebens bot er ihm den dreifachen Schaden­er­satz, der Meis­ter und seine Gesellen fie­len wieder über ihn her, schlu­gen ihn wei­dlich und war­fen ihn zur Türe hin­aus; zer­schla­gen und zer­fet­zt stieg er auf das Roß Mur­va und ritt in eine Karawanserei. Dort legte er sein müdes, zer­schla­genes Haupt nieder und stellte Betra­ch­tun­gen an über die Lei­den der Erde, über das so oft verkan­nte Ver­di­enst und über die Nichtigkeit und Flüchtigkeit aller Güter. Er schlief mit dem Entschluß ein, aller Größe zu entsagen und ein ehrsamer Bürg­er zu werden.

Und den andere Tag gereute ihn sein Entschluß nicht; denn die schw­eren Hände des Meis­ters und sein­er Gesellen schienen alle Hoheit aus ihm her­aus­geprügelt zu haben.

Er verkaufte um einen hohen Preis sein Kistchen an einen Juwe­len­händler, kaufte sich ein Haus und richtete sich eine Werk­statt zu seinem Gewerbe ein. Als er alles ein­gerichtet und auch ein Schild mit der Auf­schrift Labakan, Klei­der­ma­ch­er vor sein Fen­ster gehängt hat­te, set­zte er sich und begann mit jen­er Nadel und dem Zwirn, die er in dem Kistchen gefun­den, den Rock zu flick­en, welchen ihm sein Meis­ter so grausam zer­fet­zt hat­te. Er wurde von seinem Geschäft abgerufen, und als er sich wieder an die Arbeit set­zen wollte, welch son­der­bar­er Anblick bot sich ihm dar! Die Nadel nähte emsig fort, ohne von jemand geführt zu wer­den; sie machte feine, zier­liche Stiche, wie sie selb­st Labakan in seinen kun­stre­ich­sten Augen­blick­en nicht gemacht hatte! 

Wahrlich, auch das ger­ing­ste Geschenk ein­er güti­gen Fee ist nüt­zlich und von großem Wert! Noch einen andere Wert hat­te aber dies Geschenk, näm­lich: Das Stückchen Zwirn ging nie aus, die Nadel mochte so fleißig sein, als sie wollte.

Labakan bekam viele Kun­den und war bald der berühmteste Schnei­der weit und bre­it; er schnitt die Gewän­der zu und machte den ersten Stich mit der Nadel daran, und flugs arbeit­ete diese weit­er ohne Unter­laß, bis das Gewand fer­tig war. Meis­ter Labakan hat­te bald die ganze Stadt zu Kun­den; denn er arbeit­ete schön und außeror­dentlich bil­lig, und nur über eines schüt­tel­ten die Leute von Alessan­dria den Kopf, näm­lich: daß er ganz ohne Gesellen und bei ver­schlosse­nen Türen arbeitete.

So war der Spruch des Kistchens, Glück und Reich­tum ver­heißend, in Erfül­lung gegan­gen; Glück und Reich­tum begleit­eten, wenn auch in beschei­den­em Maße, die Schritte des guten Schnei­ders, und wenn er von dem Ruhm des jun­gen Sul­tans Omar, der in aller Munde lebte, hörte, wenn er hörte, daß dieser Tapfere der Stolz und die Liebe seines Volkes und der Schreck­en sein­er Feinde sei, da dachte der ehe­ma­lige Prinz bei sich: »Es ist doch bess­er, daß ich ein Schnei­der geblieben bin; denn um die Ehre und den Ruhm ist es eine gar gefährliche Sache.« So lebte Labakan, zufrieden mit sich, geachtet von seinen Mit­bürg­ern, und wenn die Nadel indes nicht ihre Kraft ver­loren, so näht sie noch jet­zt mit dem ewigen Zwirn der güti­gen Fee Adolzaide.

Mit Son­nenauf­gang brach die Karawane auf und gelangte bald nach Bir­ket el Had oder dem Pil­grims­brun­nen, von wo es nur noch drei Stun­den Weges nach Kairo waren – Man hat­te um diese Zeit die Karawane erwartet, und bald hat­ten die Kau­fleute die Freude, ihre Fre­unde aus Kairo ihnen ent­ge­genkom­men zu sehen. Sie zogen in die Stadt durch das Tor Bebel Falch; denn es wird für eine glück­liche Vorbe­deu­tung gehal­ten, wenn man von Mek­ka kommt, durch dieses Tor einzuziehen, weil der Prophet hin­durchge­zo­gen ist.

Auf dem Markt ver­ab­schiede­ten sich die vier türkischen Kau­fleute von dem Frem­den und dem griechis­chen Kauf­mann Zaleukos und gin­gen mit ihren Fre­un­den nach Haus. Zaleukos aber zeigte dem Frem­den eine gute Karawanserei und lud ihn ein, mit ihm das Mit­tags­mahl zu nehmen. Der Fremde sagte zu und ver­sprach, wenn er nur vorher sich umgek­lei­det habe, zu erscheinen.

Der Grieche hat­te alle Anstal­ten getrof­fen, den Frem­den, welchen er auf der Reise liebge­won­nen hat­te, gut zu bewirten, und als die Speisen und Getränke in gehöriger Ord­nung aufgestellt waren, set­zte er sich, seinen Gast zu erwarten.

Langsam und schw­eren Schrittes hörte er ihn den Gang, der zu seinem Gemach führte, her­aufkom­men. Er erhob sich, um ihm fre­undlich ent­ge­gen­zuse­hen und ihn an der Schwelle zu bewil­lkomm­nen; aber voll Entset­zen fuhr er zurück, als er die Türe öffnete; denn jen­er schreck­liche Rot­man­tel trat ihm ent­ge­gen; er warf noch einen Blick auf ihn, es war keine Täuschung; dieselbe hohe, gebi­etende Gestalt, die Larve, aus welch­er ihn die dun­klen Augen anblitzten, der rote Man­tel mit der gold­e­nen Stick­erei waren ihm nur allzu­wohl bekan­nt aus den schreck­lich­sten Stun­den seines Lebens.

Wider­stre­i­t­ende Gefüh­le wogten in Zaleukos Brust; er hat­te sich mit diesem Bild sein­er Erin­nerung längst aus­gesöh­nt und ihm vergeben, und doch riß sein Anblick alle seine Wun­den wieder auf; alle jene qualvollen Stun­den der Tode­sangst, jen­er Gram, der die Blüte seines Lebens vergiftete, zogen im Flug eines Augen­blicks an sein­er Seele vorüber.

»Was willst du, Schreck­lich­er?« rief der Grieche aus, als die Erschei­n­ung noch immer regungs­los auf der Schwelle stand. »Weiche schnell von hin­nen, daß ich dir nicht fluche!«

»Zaleukos!« sprach eine bekan­nte Stimme unter der Larve her­vor. »Zaleukos! So empfängst du deinen Gast­fre­und?« Der Sprechende nahm die Larve ab, schlug den Man­tel zurück; es war Selim Baruch, der Fremde.

Aber Zaleukos schien noch nicht beruhigt, ihm graute vor dem Frem­den; denn nur zu deut­lich hat­te er in ihm den Unbekan­nten von der Ponte vec­chio erkan­nt; aber die alte Gewohn­heit der Gast­fre­und­schaft siegte; er wink­te schweigend dem Frem­den, sich zu ihm ans Mahl zu setzen.

»Ich errate deine Gedanken«, nahm dieser das Wort, als sie sich geset­zt hat­ten. »Deine Augen sehen fra­gend auf mich – ich hätte schweigen und mich deinen Blick­en nie mehr zeigen kön­nen, aber ich bin dir Rechen­schaft schuldig, und darum wagte ich es auch, auf die Gefahr hin, daß du mir flucht­est, vor dir in mein­er alten Gestalt zu erscheinen. Du sagtest einst zu mir: Der Glaube mein­er Väter befiehlt mir, ihn zu lieben, auch ist er wohl unglück­lich­er als ich; glaube dieses, mein Fre­und, und höre meine Rechtfertigung!

Ich muß weit aus­holen, um mich dir ganz ver­ständlich zu machen. Ich bin in Alessan­dria von christlichen Eltern geboren. Mein Vater, der jün­gere Sohn eines alten, berühmten franzö­sis­chen Haus­es, war Kon­sul seines Lan­des in Alessan­dria. Ich wurde von meinem zehn­ten Jahre an in Frankre­ich bei einem Brud­er mein­er Mut­ter erzo­gen und ver­ließ erst einige Jahre nach dem Aus­bruch der Rev­o­lu­tion mein Vater­land, um mit meinem Oheim, der in dem Lande sein­er Ahnen nicht mehr sich­er war, über dem Meer bei meinen Eltern eine Zuflucht zu suchen. Voll Hoff­nung, die Ruhe und den Frieden, den uns das empörte Volk der Fran­zosen entris­sen, im elter­lichen Hause wiederzufind­en, lan­de­ten wir. Aber ach! Ich fand nicht alles in meines Vaters Hause, wie es sein sollte; die äußeren Stürme der bewegten Zeit waren zwar noch nicht bis hier­her gelangt, desto uner­warteter hat­te das Unglück mein Haus im inner­sten Herzen heimge­sucht. Mein Brud­er, ein junger, hoff­nungsvoller Mann, erster Sekretär meines Vaters, hat­te sich erst seit kurzem mit einem jun­gen Mäd­chen, der Tochter eines flo­ren­tinis­chen Edel­manns, der in unser­er Nach­barschaft wohnte, ver­heiratet; zwei Tage vor unser­er Ankun­ft war diese auf ein­mal ver­schwun­den, ohne daß wed­er unsere Fam­i­lie noch ihr Vater die ger­ing­ste Spur von ihr auffind­en kon­nten. Man glaubte endlich, sie habe sich auf einem Spazier­gang zu weit gewagt und sei in Räu­ber­hände gefall­en. Beina­he tröstlich­er wäre dieser Gedanke für meinen armen Brud­er gewe­sen als die Wahrheit, die uns nur bald kund wurde. Die Treulose hat­te sich mit einem jun­gen Neapoli­tan­er, den sie im Hause ihres Vaters ken­nen­gel­ernt hat­te, eingeschifft. Mein Brud­er, aufs äußer­ste empört über diesen Schritt, bot alles auf, die Schuldige zur Strafe zu ziehen; doch vergebens; seine Ver­suche, die in Neapel und Flo­renz Auf­se­hen erregt hat­ten, dien­ten nur dazu, sein und unser aller Unglück zu vol­len­den. Der flo­ren­tinis­che Edel­mann reiste in sein Vater­land zurück, zwar mit dem Vorgeben, meinem Brud­er Recht zu ver­schaf­fen, der Tat nach aber, um uns zu verder­ben. Er schlug in Flo­renz alle jene Unter­suchun­gen, welche mein Brud­er angeknüpft hat­te, nieder und wußte seinen Ein­fluß, den er auf alle Art sich ver­schafft hat­te, so gut zu benützen, daß mein Vater und mein Brud­er ihrer Regierung verdächtig gemacht und durch die schändlich­sten Mit­tel gefan­gen, nach Frankre­ich geführt und dort vom Beil des Henkers getötet wur­den. Meine arme Mut­ter ver­fiel in Wahnsinn, und erst nach zehn lan­gen Monat­en erlöste sie der Tod von ihrem schreck­lichen Zus­tand, der aber in den let­zten Tagen zu vollem, klarem Bewußt­sein gewor­den war. So stand ich jet­zt ganz allein in der Welt, aber nur ein Gedanke beschäftigte meine Seele, nur ein Gedanke ließ mich meine Trauer vergessen, es war jene mächtige Flamme, die meine Mut­ter in ihrer let­zten Stunde in mir ange­facht hatte. 

In den let­zten Stun­den war, wie ich dir sagte, ihr Bewußt­sein zurück­gekehrt; sie ließ mich rufen und sprach mit Ruhe von unserem Schick­sal und ihrem Ende. Dann aber ließ sie alle aus dem Zim­mer gehen, richtete sich mit feier­lich­er Miene von ihrem ärm­lichen Lager auf und sagte, ich könne mir ihren Segen erwer­ben, wenn ich ihr schwöre, etwas ausz­u­fahren, das sie mir auf­tra­gen würde – Ergrif­f­en von den Worten der ster­ben­den Mut­ter, gelobte ich mit einem Eide zu tun, wie sie mir sagen werde. Sie brach nun in Ver­wün­schun­gen gegen den Flo­ren­tin­er und seine Tochter aus und legte mir mit den fürchter­lich­sten Dro­hun­gen ihres Fluches auf, mein unglück­lich­es Haus an ihm zu rächen. Sie starb in meinen Armen. Jen­er Gedanke der Rache hat­te schon lange in mein­er Seele geschlum­mert; jet­zt erwachte er mit aller Macht. Ich sam­melte den Rest meines väter­lichen Ver­mö­gens und schwor mir, alles an meine Rache zu set­zen oder selb­st mit unterzugehen.

Bald war ich in Flo­renz, wo ich mich so geheim als möglich aufhielt; mein Plan war um vieles erschw­ert wor­den durch die Lage, in welch­er sich meine Feinde befan­den. Der alte Flo­ren­tin­er war Gou­verneur gewor­den und hat­te so alle Mit­tel in der Hand, sobald er das ger­ing­ste ahnte, mich zu verder­ben. Ein Zufall kam mir zu Hil­fe. Eines Abends sah ich einen Men­schen in bekan­nter Livree durch die Straßen gehen; sein unsicher­er Gang, sein fin­ster­er Blick und das hal­blaut her­aus­gestoßene »San­to sacra­men­to«, »Maledet­to diavo­lo« ließen mich den alten Pietro, einen Diener des Flo­ren­tin­ers, den ich schon in Alessan­dria gekan­nt hat­te, erken­nen. Ich war nicht in Zweifel, daß er über seinen Her­rn in Zorn ger­at­en sei, und beschloß, seine Stim­mung zu benützen. Er schien sehr über­rascht, mich hier zu sehen, klagte mir sein Lei­den, daß er seinem Her­rn, seit er Gou­verneur gewor­den, nichts mehr recht machen könne, und mein Gold, unter­stützt von seinem Zorn, brachte ihn bald auf meine Seite. Das Schwierig­ste war jet­zt beseit­igt; ich hat­te einen Mann in meinem Sol­de, der mir zu jed­er Stunde die Türe meines Fein­des öffnete, und nun reifte mein Rache­p­lan immer schneller her­an. Das Leben des alten Flo­ren­tin­ers schien mir ein zu geringes Gewicht, dem Unter­gang meines Haus­es gegenüber, zu haben. Sein Lieb­stes mußte er gemordet sehen, und dies war Bian­ka, seine Tochter. Hat­te ja sie so schändlich an meinem Brud­er gefrev­elt, war ja doch sie die Ursache unseres Unglücks. Gar erwün­scht kam sog­ar meinem rachedürsti­gen Herzen die Nachricht, daß in dieser Zeit Bian­ka zum zweit­en­mal sich ver­mählen wollte, es war beschlossen, sie mußte ster­ben. Aber mir selb­st graute vor der Tat, und auch Pietro traute sich zu wenig Kraft zu; darum späht­en wir umher nach einem Mann, der das Geschäft voll­brin­gen könne. Unter den Flo­ren­tin­ern wagte ich keinen zu din­gen, denn gegen den Gou­verneur würde kein­er etwas Solch­es unter­nom­men haben. Da fiel Pietro der Plan ein, den ich nach­her aus­ge­führt habe; zugle­ich schlug er dich als Frem­den und Arzt als den Tauglich­sten vor. Den Ver­lauf der Sache weißt du. Nur an dein­er großen Vor­sicht und Ehrlichkeit schien mein Unternehmen zu scheit­ern. Daher der Zufall mit dem Mantel.

Pietro öffnete uns das Pförtchen an dem Palast des Gou­verneurs; er hätte uns auch eben­so heim­lich wieder hin­aus­geleit­et, wenn wir nicht, durch den schreck­lichen Anblick, der sich uns durch die Türspalte dar­bot, erschreckt, ent­flo­hen wären. Von Schreck­en und Reue gejagt, war ich über zwei­hun­dert Schritte fort­ger­an­nt, bis ich auf den Stufen ein­er Kirche nieder­sank. Dort erst sam­melte ich mich wieder, und mein erster Gedanke warst du und dein schreck­lich­es Schick­sal, wenn man dich in dem Hause fände. Ich schlich an den Palast, aber wed­er von Pietro noch von dir kon­nte ich eine Spur ent­deck­en; das Pförtchen aber war offen, so kon­nte ich wenig­stens hof­fen, daß du die Gele­gen­heit zur Flucht benützt haben könntest.

Als aber der Tag anbrach, ließ mich die Angst vor der Ent­deck­ung und ein unab­weis­bares Gefühl von Reue nicht mehr in den Mauern von Flo­renz. Ich eilte nach Rom. Aber denke dir meine Bestürzung, als man dort nach eini­gen Tagen über­all diese Geschichte erzählte mit dem Beisatz, man habe den Mörder, einen griechis­chen Arzt, gefan­gen. Ich kehrte in banger Besorg­nis nach Flo­renz zurück; denn schien mir meine Rache schon vorher zu stark, so ver­fluchte ich sie jet­zt, denn sie war mir durch dein Leben allzu teuer erkauft. Ich kam an dem­sel­ben Tage an, der dich der Hand beraubte. Ich schweige von dem, was ich fühlte, als ich dich das Schafott besteigen und so helden­mütig lei­den sah. Aber damals, als dein Blut in Strö­men auf­spritzte, war der Entschluß fest in mir, dir deine übri­gen Leben­stage zu ver­süßen. Was weit­er geschehen ist, weißt du, nur das bleibt mir noch zu sagen übrig, warum ich diese Reise mit dir machte.

Als eine schwere Last drück­te mich der Gedanke, daß du mir noch immer nicht vergeben habest; darum entschloß ich mich, viele Tage mit dir zu leben und dir endlich Rechen­schaft abzule­gen von dem, was ich mit dir getan.«

Schweigend hat­te der Grieche seinen Gast ange­hört; mit san­ftem Blick bot er ihm, als er geen­det hat­te, seine Rechte. »Ich wußte wohl, daß du unglück­lich­er sein müßtest als ich, denn jene grausame Tat wird wie eine dun­kle Wolke ewig deine Tage verfin­stern; ich vergebe dir von Herzen. Aber erlaube mir noch eine Frage: Wie kommst du unter dieser Gestalt in die Wüste? Was fin­gst du an, nach­dem du in Kon­stan­tinopel mir das Haus gekauft hattest?«

»ich ging nach Alessan­dria zurück«, antwortete der Gefragte . »Haß gegen alle Men­schen tobte in mein­er Brust, bren­nen­der Haß beson­ders gegen jene Natio­nen, die man die gebilde­ten nen­nt. Glaube mir, unter meinen Moslemiten war mir wohler! Kaum war ich einige Monate in Alessan­dria, als jene Lan­dung mein­er Land­sleute erfolgte.

Ich sah in ihnen nur die Henker meines Vaters und meines Brud­ers; darum sam­melte ich einige gle­ich­gesin­nte junge Leute mein­er Bekan­ntschaft und schloß mich jenen tapfer­en Mameluck­en an, die so oft der Schreck­en des franzö­sis­chen Heeres wur­den. Als der Feldzug beendigt war, kon­nte ich mich nicht entschließen, zu den Kün­sten des Friedens zurück­zukehren. Ich lebte mit ein­er kleinen Anzahl gle­ich­denk­ender Fre­unde ein unstetes und flüchtiges, dem Kampf und der Jagd gewei­ht­es Leben; ich lebe zufrieden unter diesen Leuten, die mich wie ihren Fürsten ehren; denn wenn meine Asi­at­en auch nicht so gebildet sind wie Eure Europäer, so sind sie doch weit ent­fer­nt von Neid und Ver­leum­dung, von Selb­st­sucht und Ehrgeiz.« 

Zaleukos dank­te dem Frem­den für seine Mit­teilung, aber er ver­barg ihm nicht, daß er es für seinen Stand, für seine Bil­dung angemessen­er fände, wenn er in christlichen, in europäis­chen Län­dern leben und wirken würde. Er faßte seine Hand und bat ihn, mit ihm zu ziehen, bei ihm zu leben und zu sterben.

Gerührt sah ihn der Gast­fre­und an. »Daraus erkenne ich«, sagte er, »daß du mir ganz vergeben hast, daß du mich lieb­st. Nimm meinen innig­sten Dank dafür!« Er sprang auf und stand in sein­er ganzen Größe vor dem Griechen, dem vor dem kriegerischen Anstand, den dunkel blitzen­den Augen, der tiefen Stimme seines Gastes beina­he graute. »Dein Vorschlag ist schön«, sprach jen­er weit­er, »er möchte für jeden andern lock­end sein – ich kann ihn nicht benützen. Schon ste­ht mein Roß gesat­telt, erwarten mich meine Diener; lebe wohl, Zaleukos!« Die Fre­unde, die das Schick­sal so wun­der­bar zusam­menge­führt, umarmten sich zum Abschied. »Und wie nenne ich dich? Wie heißt mein Gast­fre­und, der auf ewig in meinem Gedächt­nis leben wird?« fragte der Grieche.

Der Fremde sah ihn lange an, drück­te ihm noch ein­mal die Hand und sprach: »Man nen­nt mich den Her­rn der Wüste; ich bin der Räu­ber Orbasan.«