Das Mädchen ohne Hände

von Brüder Grimm

~12 Min

Ein Müller war nach und nach in Armut ger­at­en und hat­te nichts mehr als seine Müh­le und einen grossen Apfel­baum dahin­ter. Ein­mal war er in den Wald gegan­gen, Holz zu holen, da trat ein alter Mann zu ihm, den er noch niemals gese­hen hat­te, und sprach was quälst du dich mit Holzhack­en, ich will dich reich machen, wenn du mir ver­sprichst, was hin­ter dein­er Müh­le ste­ht.‘ Was kann das anders sein als mein Apfel­baum?‘ dachte der Müller, sagte ja,‘ und ver­schrieb es dem frem­den Manne. Der aber lachte höh­nisch und sagte nach drei Jahren will ich kom­men und abholen, was mir gehört,‘ und ging fort. Als der Müller nach Haus kam, trat ihm seine Frau ent­ge­gen und sprach sage mir, Müller, woher kommt der plöt­zliche Reich­tum in unser Haus? auf ein­mal sind alle Kisten und Kas­ten voll, kein Men­sch hats hereinge­bracht, und ich weiss nicht, wie es zuge­gan­gen ist.‘ Er antwortete das kommt von einem frem­den Manne, der mir im Walde begeg­net ist und mir grosse Schätze ver­heis­sen hat; ich habe ihm dage­gen ver­schrieben, was hin­ter der Müh­le ste­ht: den grossen Apfel­baum kön­nen wir wohl dafür geben.‘ Ach, Mann,‘ sagte die Frau erschrock­en, das ist der Teufel gewe­sen: den Apfel­baum hat er nicht gemeint, son­dern unsere Tochter, die stand hin­ter der Müh­le und kehrte den Hof.‘

Die Müller­stochter war ein schönes und frommes Mäd­chen und lebte die drei Jahre in Gottes­furcht und ohne Sünde. Als nun die Zeit herum war, und der Tag kam, wo sie der Böse holen wollte, da wusch sie sich rein und machte mit Krei­de einen Kranz um sich. Der Teufel erschien ganz frühe, aber er kon­nte ihr nicht nahekom­men. Zornig sprach er zum Müller tu ihr alles Wass­er weg, damit sie sich nicht mehr waschen kann, denn son­st habe ich keine Gewalt über sie.‘ Der Müller fürchtete sich und tat es. Am andern Mor­gen kam der Teufel wieder, aber sie hat­te auf ihre Hände geweint, und sie waren ganz rein. Da kon­nte er ihr wiederum nicht nahen und sprach wütend zu dem Müller hau ihr die Hände ab, son­st kann ich ihr nichts anhab­en.‘ Der Müller entset­zte sich und antwortete wie kön­nt ich meinem eige­nen Kinde die Hände abhauen!‘ Da dro­hte ihm der Böse und sprach wo du es nicht tust, so bist du mein, und ich hole dich sel­ber.‘ Dem Vater ward angst, und er ver­sprach, ihm zu gehorchen. Da ging er zu dem Mäd­chen und sagte mein Kind, wenn ich dir nicht bei­de Hände abhaue, so führt mich der Teufel fort, und in der Angst hab ich es ihm ver­sprochen. Hilf mir doch in mein­er Not und verzei­he mir, was ich Bös­es an dir tue.‘ Sie antwortete lieber Vater, macht mit mir, was Ihr wollt, ich bin Euer Kind.‘ Darauf legte sie bei­de Hände hin und liess sie sich abhauen. Der Teufel kam zum drit­ten­mal, aber sie hat­te so lange und so viel auf die Stümpfe geweint, dass sie doch ganz rein waren. Da musste er weichen und hat­te alles Recht auf sie verloren.

Der Müller sprach zu ihr ich habe so gross­es Gut durch dich gewon­nen, ich will dich zeitlebens aufs köstlich­ste hal­ten.‘ Sie antwortete aber hier kann ich nicht bleiben: ich will fort­ge­hen: mitlei­di­ge Men­schen wer­den mir schon so viel geben, als ich brauche.‘ Darauf liess sie sich die ver­stüm­melten Arme auf den Rück­en binden, und mit Son­nenauf­gang machte sie sich auf den Weg und ging den ganzen Tag, bis es Nacht ward. Da kam sie zu einem königlichen Garten, und beim Mond­schim­mer sah sie, dass Bäume voll schön­er Früchte darin standen; aber sie kon­nte nicht hinein, denn es war ein Wass­er darum. Und weil sie den ganzen Tag gegan­gen war und keinen Bis­sen genossen hat­te, und der Hunger sie quälte, so dachte sie ach, wäre ich darin, damit ich etwas von den Frücht­en ässe, son­st muss ich ver­schmacht­en.‘ Da kni­ete sie nieder, rief Gott den Her­rn an und betete. Auf ein­mal kam ein Engel daher, der machte eine Schleuse in dem Wass­er zu, so dass der Graben trock­en ward und sie hin­durchge­hen kon­nte. Nun ging sie in den Garten, und der Engel ging mit ihr. Sie sah einen Baum mit Obst, das waren schöne Bir­nen, aber sie waren alle gezählt. Da trat sie hinzu und ass eine mit dem Munde vom Baume ab, ihren Hunger zu stillen, aber nicht mehr. Der Gärt­ner sah es mit an, weil aber der Engel dabei­s­tand, fürchtete er sich und meinte, das Mäd­chen wäre ein Geist, schwieg still und getraute nicht zu rufen oder den Geist anzure­den. Als sie die Birne gegessen hat­te, war sie gesät­tigt, und ging und ver­steck­te sich in das Gebüsch. Der König, dem der Garten gehörte, kam am andern Mor­gen herab, da zählte er und sah, dass eine der Bir­nen fehlte, und fragte den Gärt­ner, wo sie hingekom­men wäre: sie läge nicht unter dem Baume und wäre doch weg. Da antwortete der Gärt­ner vorige Nacht kam ein Geist here­in, der hat­te keine Hände und ass eine mit dem Munde ab.‘ D er König sprach wie ist der Geist über das Wass­er hereingekom­men? und wo ist er hinge­gan­gen, nach­dem er die Birne gegessen hat­te?‘ Der Gärt­ner antwortete es kam jemand in schneeweis­sem Klei­de vom Him­mel, der hat die Schleuse zugemacht und das Wass­er gehemmt, damit der Geist durch den Graben gehen kon­nte. Und weil es ein Engel muss gewe­sen sein, so habe ich mich gefürchtet, nicht gefragt und nicht gerufen. Als der Geist die Birne gegessen hat­te, ist er wieder zurück­ge­gan­gen.‘ Der König sprach ver­hält es sich, wie du sagst, so will ich diese Nacht bei dir wachen.‘

Als es dunkel ward, kam der König in den Garten, und brachte einen Priester mit, der sollte den Geist anre­den. Alle drei set­zten sich unter den Baum und gaben acht. Um Mit­ter­nacht kam das Mäd­chen aus dem Gebüsch gekrochen, trat zu dem Baum, und ass wieder mit dem Munde eine Birne ab; neben ihr aber stand der Engel im weis­sen Klei­de. Da ging der Priester her­vor und sprach bist du von Gott gekom­men oder von der Welt? bist du ein Geist oder ein Men­sch?‘ Sie antwortete ich bin kein Geist, son­dern ein armer Men­sch, von allen ver­lassen, nur von Gott nicht.‘ Der König sprach wenn du von aller Welt ver­lassen bist, so will ich dich nicht ver­lassen.‘ Er nahm sie mit sich in sein königlich­es Schloss, und weil sie so schön und fromm war, liebte er sie von Herzen, liess ihr sil­berne Hände machen und nahm sie zu sein­er Gemahlin.

Nach einem Jahre musste der König über Feld ziehen, da befahl er die junge Köni­gin sein­er Mut­ter und sprach wenn sie ins Kind­bett kommt, so hal­tet und verpflegt sie wohl und schreibt mirs gle­ich in einem Briefe.‘ Nun gebar sie einen schö­nen Sohn. Da schrieb es die alte Mut­ter eilig und meldete ihm die fro­he Nachricht. Der Bote aber ruhte unter­wegs an einem Bache, und da er von dem lan­gen Wege ermüdet war, schlief er ein. Da kam der Teufel, welch­er der from­men Köni­gin immer zu schaden tra­chtete, und ver­tauschte den Brief mit einem andern, darin stand, dass die Köni­gin einen Wech­sel­balg zur Welt gebracht hätte. Als der König den Brief las, erschrak er und betrübte sich sehr, doch schrieb er zur Antwort, sie soll­ten die Köni­gin wohl hal­ten und pfle­gen bis zu sein­er Ankun­ft. Der Bote ging mit dem Brief zurück, ruhte an der näm­lichen Stelle und schlief wieder ein. Da kam der Teufel aber­mals und legte ihm einen andern Brief in die Tasche, darin stand, sie soll­ten die Köni­gin mit ihrem Kinde töten. Die alte Mut­ter erschrak heftig, als sie den Brief erhielt, kon­nte es nicht glauben und schrieb dem Könige noch ein­mal, aber sie bekam keine andere Antwort, weil der Teufel dem Boten jedes­mal einen falschen Brief unter­schob: und in dem let­zten Briefe stand noch, sie soll­ten zum Wahrze­ichen Zunge und Augen der Köni­gin aufheben.

Aber die alte Mut­ter weinte, dass so unschuldiges Blut sollte ver­gossen wer­den, liess in der Nacht eine Hirschkuh holen, schnitt ihr Zunge und Augen aus und hob sie auf. Dann sprach sie zu der Köni­gin ich kann dich nicht töten lassen, wie der König befiehlt, aber länger darf­st du nicht hier bleiben: geh mit deinem Kinde in die weite Welt hinein und komm nie wieder zurück.‘ Sie band ihr das Kind auf den Rück­en, und die arme Frau ging mit weiniglichen Augen fort. Sie kam in einen grossen wilden Wald, da set­zte sie sich auf ihre Knie und betete zu Gott, und der Engel des Her­rn erschien ihr und führte sie zu einem kleinen Haus, daran war ein Schild­chen mit den Worten hier wohnt ein jed­er frei.‘ Aus dem Häuschen kam eine schneeweisse Jungfrau, die sprach willkom­men, Frau Köni­gin,‘ und führte sie hinein. Da band sie ihr den kleinen Knaben von dem Rück­en und hielt ihn an ihre Brust, damit er trank, und legte ihn dann auf ein schönes gemacht­es Bettchen. Da sprach die arme Frau woher weisst du, dass ich eine Köni­gin war?‘ Die weisse Jungfrau antwortete ich bin ein Engel, von Gott gesandt, dich und dein Kind zu verpfle­gen.‘ Da blieb sie in dem Hause sieben Jahre, und war wohl verpflegt, und durch Gottes Gnade wegen ihrer Fröm­migkeit wuch­sen ihr die abge­haue­nen Hände wieder.

Der König kam endlich aus dem Felde wieder nach Haus, und sein erstes war, dass er seine Frau mit dem Kinde sehen wollte. Da fing die alte Mut­ter an zu weinen und sprach du bös­er Mann, was hast du mir geschrieben, dass ich zwei unschuldige See­len ums Leben brin­gen sollte!‘ und zeigte ihm die bei­den Briefe, die der Böse ver­fälscht hat­te, und sprach weit­er ich habe getan, wie du befohlen hast,‘ und wies ihm die Wahrze­ichen, Zunge und Augen. Da fing der König an noch viel bit­ter­lich­er zu weinen über seine arme Frau und sein Söhn­lein, dass es die alte Mut­ter erbarmte und sie zu ihm sprach gib dich zufrieden, sie lebt noch. Ich habe eine Hirschkuh heim­lich schlacht­en lassen und von dieser die Wahrze­ichen genom­men, dein­er Frau aber habe ich ihr Kind auf den Rück­en gebun­den, und sie geheis­sen, in die weite Welt zu gehen, und sie hat ver­sprechen müssen, nie wieder hier­her zu kom­men, weil du so zornig über sie wärst.‘ Da sprach der König ich will gehen, so weit der Him­mel blau ist, und nicht essen und nicht trinken, bis ich meine liebe Frau und mein Kind wiederge­fun­den habe, wenn sie nicht in der Zeit umgekom­men oder Hungers gestor­ben sind.‘

Darauf zog der König umher, an die sieben Jahre lang, und suchte sie in allen Stein­klip­pen und Felsen­höhlen, aber er fand sie nicht und dachte, sie wäre ver­schmachtet. Er ass nicht und trank nicht während dieser ganzen Zeit, aber Gott erhielt ihn. Endlich kam er in einen grossen Wald und fand darin das kleine Häuschen, daran das Schild­chen war mit den Worten hier wohnt jed­er frei.‘ Da kam die weisse Jungfrau her­aus, nahm ihn bei der Hand, führte ihn hinein und sprach seid willkom­men, Herr König,‘ und fragte ihn, wo er herkäme. Er antwortete ich bin bald sieben Jahre umherge­zo­gen, und suche meine Frau mit ihrem Kinde, ich kann sie aber nicht find­en.‘ Der Engel bot ihm Essen und Trinken an, er nahm es aber nicht, und wollte nur ein wenig ruhen. Da legte er sich schlafen, und deck­te ein Tuch über sein Gesicht.

Darauf ging der Engel in die Kam­mer, wo die Köni­gin mit ihrem Sohne sass, den sie gewöhn­lich Schmerzen­re­ich nan­nte, und sprach zu ihr geh her­aus mit­samt deinem Kinde, dein Gemahl ist gekom­men.‘ Da ging sie hin, wo er lag, und das Tuch fiel ihm vom Angesicht. Da sprach sie Schmerzen­re­ich, heb deinem Vater das Tuch auf und decke ihm sein Gesicht wieder zu.‘ Das Kind hob es auf und deck­te es wieder über sein Gesicht. Das hörte der König im Schlum­mer und liess das Tuch noch ein­mal gerne fall­en. Da ward das Knäbchen ungeduldig und sagte liebe Mut­ter, wie kann ich meinem Vater das Gesicht zudeck­en, ich habe ja keinen Vater auf der Welt. Ich habe das Beten gel­ernt, unser Vater, der du bist im Him­mel; da hast du gesagt, mein Vater wär im Him­mel und wäre der liebe Gott: wie soll ich einen so wilden Mann ken­nen? der ist mein Vater nicht.‘ Wie der König das hörte, richtete er sich auf und fragte, wer sie wäre. Da sagte sie ich bin deine Frau, und das ist dein Sohn Schmerzen­re­ich.‘ Und er sah ihre lebendi­gen Hände und sprach meine Frau hat­te sil­berne Hände.‘ Sie antwortete die natür­lichen Hände hat mir der gnädi­ge Gott wieder wach­sen lassen;‘ und der Engel ging in die Kam­mer, holte die sil­ber­nen Hände und zeigte sie ihm. Da sah er erst gewiss, dass es seine liebe Frau und sein liebes Kind war, und küsste sie und war froh, und sagte ein schw­er­er Stein ist von meinem Herzen gefall­en.‘ Da speiste sie der Engel Gottes noch ein­mal zusam­men, und dann gin­gen sie nach Haus zu sein­er alten Mut­ter. Da war grosse Freude über­all, und der König hiel­ten noch ein­mal Hochzeit, und sie lebten vergnügt bis an ihr seliges Ende.