Das Meerhäschen

von Brüder Grimm

~6 Min

Es war ein­mal eine Königstochter, die hat­te in ihrem Schloss hoch unter der Zinne einen Saal mit zwölf Fen­stern, die gin­gen nach allen Him­mels­ge­gen­den, und wenn sie hin­auf­stieg und umher­schaute, so kon­nte sie ihr ganzes Reich überse­hen. Aus dem ersten sah sie schon schär­fer als andere Men­schen, in dem zweit­en noch bess­er, in dem drit­ten noch deut­lich­er, und so immer weit­er, bis in dem zwölften, wo sie alles sah, was über und unter der Erde war, und ihr nichts ver­bor­gen bleiben kon­nte. Weil sie aber stolz war, sich nie­mand unter­w­er­fen wollte und die Herrschaft allein behal­ten, so liess sie bekan­nt­machen, es sollte nie­mand ihr Gemahl wer­den, der sich nicht so vor ihr ver­steck­en kön­nte, dass es ihr unmöglich wäre, ihn zu find­en. Wer es aber ver­suche und sie ent­decke ihn, so werde ihm das Haupt abgeschla­gen und auf einen Pfahl gesteckt. Es standen schon siebe­nund­ne­un­zig Pfäh­le mit toten Häuptern vor dem Schloss, und in langer Zeit meldete sich nie­mand. Die Königstochter war vergnügt und dachte ich werde nun für mein Leb­tag frei bleiben.‘ Da erschienen drei Brüder vor ihr und kündigten ihr an, dass sie ihr Glück ver­suchen woll­ten. Der älteste glaubte sich­er zu sein, wenn er in ein Kalk­loch krieche, aber sie erblick­te ihn schon aus dem ersten Fen­ster, liess ihn her­ausziehen und ihm das Haupt abschla­gen. Der zweite kroch in den Keller des Schloss­es, aber auch diesen erblick­te sie aus dem ersten Fen­ster, und es war um ihn geschehen: sein Haupt kam auf den neu­nund­ne­un­zig­sten Pfahl. Da trat der jüng­ste vor sie hin und bat, sie möchte ihm einen Tag Bedenkzeit geben, auch so gnädig sein, es ihm zweimal zu schenken, wenn sie ihn ent­decke: misslinge es ihm zum drit­ten­mal, so wolle er sich nichts mehr aus seinem Leben machen. Weil er so schön war und so her­zlich bat, so sagte sie ja, ich will dir das bewil­li­gen, aber es wird dir nicht glücken.‘

Den fol­gen­den Tag sann er lange nach, wie er sich ver­steck­en wollte, aber es war verge­blich. Da ergriff er seine Büchse und ging hin­aus auf die Jagd. Er sah einen Raben und nahm ihn aufs Korn; eben wollte er los­drück­en, da rief der Rabe schiess nicht, ich will dirs vergel­ten!‘ Er set­zte ab, ging weit­er und kam an einen See, wo er einen grossen Fisch über­raschte, der aus der Tiefe her­auf an die Ober­fläche des Wassers gekom­men war. Als er angelegt hat­te, rief der Fisch schiess nicht, ich will dirs vergel­ten!‘ Er liess ihn unter­tauchen, ging weit­er und begeg­nete einem Fuchs, der hink­te. Er schoss und ver­fehlte ihn, da rief der Fuchs komm lieber her und zieh mir den Dorn aus dem Fuss.‘ Er tat es zwar, wollte aber dann den Fuchs töten und ihm den Balg abziehen. Der Fuchs sprach lass ab, ich will dirs vergel­ten!‘ Der Jüngling liess ihn laufen, und da es Abend war, kehrte er heim.

Am andern Tag sollte er sich verkriechen, aber wie er sich auch den Kopf darüber zer­brach, er wusste nicht wohin. Er ging in den Wald zu dem Raben und sprach ich habe dich leben lassen, jet­zt sage mir, wohin ich mich verkriechen soll, damit mich die Königstochter nicht sieht.‘ Der Rabe senk­te den Kopf und bedachte sich lange. Endlich schnar­rte er ich habs her­aus!‘ Er holte ein Ei aus seinem Nest, zer­legte es in zwei Teile und schloss den Jüngling hinein: dann machte er es wieder ganz und set­zte sich darauf. Als die Königstochter an das erste Fen­ster trat, kon­nte sie ihn nicht ent­deck­en, auch nicht in den fol­gen­den, und es fing an ihr bange zu wer­den, doch im elften erblick­te sie ihn. Sie liess den Raben schiessen, das Ei holen und zer­brechen, und der Jüngling musste her­auskom­men. Sie sprach ein­mal ist es dir geschenkt, wenn du es nicht bess­er machst, so bist du ver­loren.‘ Am fol­gen­den Tag ging er an den See, rief den Fisch her­bei und sprach ich habe dich leben lassen, nun sage, wohin soll ich mich ver­ber­gen, damit mich die Königstochter nicht sieht.‘ Der Fisch besann sich, endlich rief er ich habs her­aus! ich will dich in meinem Bauch ver­schliessen.‘ Er ver­schluck­te ihn und fuhr hinab auf den Grund des Sees. Die Königstochter blick­te durch ihre Fen­ster, auch im elften sah sie ihn nicht und war bestürzt, doch endlich im zwölften ent­deck­te sie ihn. Sie liess den Fisch fan­gen und töten, und der Jüngling kam zum Vorschein. Es kann sich jed­er denken, wie ihm zumut war. Sie sprach Zweimal ist dirs geschenkt, aber dein Haupt wird wohl auf den hun­dert­sten Pfahl kommen.‘

An dem let­zten Tag ging er mit schw­erem Herzen aufs Feld und begeg­nete dem Fuchs. Du weisst alle Schlupfwinkel zu find­en,‘ sprach er, ich habe dich leben lassen, jet­zt rat mir, wohin ich mich ver­steck­en soll, damit mich die Königstochter nicht find­et.‘ Ein schw­eres Stück,‘ antwortete der Fuchs und machte ein beden­klich­es Gesicht. Endlich rief er ich habs her­aus!‘ Er ging mit ihm zu ein­er Quelle, tauchte sich hinein und kam als ein Mark­tkrämer und Tier­händler her­aus. Der Jüngling musste sich auch in das Wass­er tauchen, und ward in ein kleines Meer­häschen ver­wan­delt. Der Kauf­mann zog in die Stadt und zeigte das artige Tierchen. Es lief viel Volk zusam­men, um es anzuse­hen. Zulet­zt kam auch die Königstochter, und weil sie grossen Gefall­en daran hat­te, kaufte sie es und gab dem Kauf­mann viel Geld dafür. Bevor er es ihr hin­re­ichte, sagte er zu ihm wenn die Königstochter ans Fen­ster geht, so krieche schnell unter ihren Zopf.‘ Nun kam die Zeit, wo sie ihn suchen sollte. Sie trat nach der Rei­he an die Fen­ster vom ersten bis zum elften und sah ihn nicht. Als sie ihn auch bei dem zwölften nicht sah, war sie voll Angst und Zorn und schlug es so gewaltig zu, dass das Glas in allen Fen­stern in tausend Stücke zer­sprang und das ganze Schloss erzitterte.

Sie ging zurück und fühlte das Meer­häschen unter ihrem Zopf, da pack­te sie es, warf es zu Boden und rief fort mir aus den Augen!‘ Es lief zum Kauf­mann, und bei­de eil­ten zur Quelle, wo sie sich unter­taucht­en und ihre wahre Gestalt zurück­er­hiel­ten. Der Jüngling dank­te dem Fuchs und sprach der Rabe und der Fisch sind blitz­dumm gegen dich, du weisst die recht­en Pfiffe, das muss wahr sein!‘

Der Jüngling ging ger­adezu in das Schloss. Die Königstochter wartete schon auf ihn und fügte sich ihrem Schick­sal. Die Hochzeit ward gefeiert, und er war jet­zt der König und Herr des ganzen Reichs. Er erzählte ihr niemals, wohin er sich zum drit­ten­mal ver­steckt und wer ihm geholfen hat­te, und so glaubte sie, er habe alles aus eigen­er Kun­st getan und hat­te Achtung vor ihm, denn sie dachte bei sich der kann doch mehr als du!‘