Das Mandelkörbchen

von Johann Wilhelm Wolf

~8 Min

Ein Bauer hat­te drei Söhne, die mussten tüchtig arbeit­en und ihrem Vater Geld ver­di­enen helfen. Eines Tages schick­te er sie in den Wald zum Roden, aber anstatt zu arbeit­en, spiel­ten die zwei ältern mit Glick­ern. Als es gegen Mit­tag ging, woll­ten sie schnell noch ein wenig nach­holen, doch da brach dem einen die Hacke und dem andern die Axt. Da standen sie nun und lamen­tierten, denn sie wussten wohl, dass es Schläge geben werde, wenn sie nach Hause kämen. Als sie so wein­ten, kam ein Greis daher, der fragte: Ihr Buben, was fehlt euch?“ Da klagten sie ihm ihr Leid und er sprach: Ihr kön­nt drei Wün­sche tun, die sollen euch als­bald erfüllt wer­den, aber gebt Acht und seid nicht zu rasch, damit ihr euch das rechte wün­scht.“ Ich wün­sche mir eine neue Hacke“, rief der Älteste sogle­ich und da lag die Hacke vor ihm. Ich wün­sche mir eine schöne Frau“, sprach der Zweite und da kam sie schon daher. Ich wün­sche mir ein Schloss mit einem Garten, worin ein Man­del­baum ste­ht; wer von dessen Frücht­en isst, der muss sofort gesund wer­den“, sprach der Dritte, welch­er der Jüng­ste war, und da stand das Schloss schon da. Jet­zt zog die ganze Fam­i­lie zu dem Jüng­sten, der Vater und die zwei Ältesten.

Als sie so eine Zeit­lang in dem schö­nen Schloss gewohnt hat­ten, wurde des Königs Tochter krank und kein Arzt kon­nte sie wieder gesund machen. Da ließ der König aus­rufen, wer die Prinzessin vom Tode errette, der solle sie zur Gemahlin haben. Als das der Bauer hörte, dachte er gle­ich an den Man­del­baum, brach ein Kör­bchen voll frisch­er Man­deln ab und gab es seinem ältesten Sohn, dass der es in das Schloss des Königs trage. Der nahm es und ging der Stadt zu. Unter­wegs begeg­nete ihm ein graues Män­nchen, das fragte ihn: Was hast du in deinem Kör­bchen?“ Nichts“, sagte der Junge und das Män­nchen sprach: Ist es nichts, dann bleibt es nichts.“ Der Junge lachte und ging weit­er und kam in das Schloss zum König und gab ihm das Kör­bchen, das mit einem reinen, weißen Tüch­lein verdeckt war. Mein Vater lässt grüßen und hier wären die Man­deln um die Königstochter damit gesund zu machen“ sprach er und der König war über die Maßen froh und deck­te das Tüch­lein auf – aber das Kör­bchen war leer. Da wurde der König blitzböse, warf den Jun­gen vor die Tür und ließ ihm von seinem Kam­mer­di­ener fün­fundzwanzig überzählen. Damit kon­nte er nach Hause gehen, als er aber heimkam, da gab ihm sein Vater noch ein­mal fün­fundzwanzig, so dass er im Ganzen fün­fzig hat­te und die Man­deln und das Män­nchen und den König in Grund und Boden hinein ver­wün­schte. Das war auch ein schlechter Botenlohn.

Am andern Mor­gen sprach der zweite Sohn, er wolle es schon bess­er machen, und der Vater füllte ihm das Kör­bchen mit Man­deln und er zog ab. Nicht weit von der Stadt kam das graue Män­nchen auch zu ihm und fragte: Was hast du in deinem Kör­bchen?“ Nichts!“ sagte der Junge unwirsch, und das Män­nchen sprach: Gut, dann sollst du auch nichts haben.“ Der Junge spot­tete dem Män­nchen nach und lachte und ging in die Stadt zum König und bot ihm das Kör­bchen mit dem weißen Tüchelchen verdeckt, indem er sagte: Einen schö­nen Gruß vom Vater an den Her­rn König und hier wären die Man­deln um die Jungfer Prinzessin gesund zu machen.“ Lass ein­mal sehn“, sagte der König und hob das Tüch­lein auf – und das Kör­bchen war leer. Was?“ rief der König, willst du mich auch zum Nar­ren hal­ten? wart, du sollst ler­nen, was frische Man­deln sind!“ Und er ließ den Kam­mer­di­ener kom­men und der gab dem Jun­gen fün­fzig Man­deln um die Ohren, aber die waren so bit­ter, dass sie ihm das Wass­er in die Augen trieben. Wie schmeck­ten die?“ fragte der König. Schlecht!“ rief der Junge und lief nach Haus, und da kriegte er von seinem Vater noch fün­fzig dazu. Das machte zusam­men hun­dert und war ihm mehr als zuviel.

Der Jüng­ste war zwar nicht so schön von Angesicht, wie seine zwei Brüder, doch er hat­te ein Herz, das war um so viel schön­er. Der sprach am andern Mor­gen, er wolle es auch ver­suchen mit den Man­deln, vielle­icht habe er mehr Glück. Tu es“, sprach der Vater, aber wenn du wieder kommst, wie deine Brüder, dann schlag ich dich but­ter­we­ich.“ In Gottes Namen“, sprach der Jüng­ste, und der Vater machte ihm ein Kör­bchen voll Man­deln zurecht und legte ein weiß Tüch­lein drauf, und der Junge machte sich auf den Weg. Bald begeg­nete ihm das Män­nchen und fragte ihn, was er in dem Kör­bchen habe? Man­deln um die Königstochter gesund zu machen“ sprach er. Willst du vielle­icht ein paar haben, es kommt nicht darauf an, denn ich habe doch genug.“ Ich danke dir“, sprach das graue Män­nchen. Weil du aber so gut bist, so will ich dich belohnen. Wenn du mit diesem Pfeifchen pfeif­st, dann hast du Alles, was dein Herz begehrt.“ Mit den Worten reichte das Män­nchen ihm ein Pfeifchen und fort war’s.

Der Junge ging jet­zt in die Stadt und grade auf das Schloss zu und zum König. Einen schö­nen Gruß vom Vater und hier wären die Man­deln, wom­it ich die Prinzessin gesund machen kann“, sprach er und bot dem König sein Kör­bchen. Der König deck­te es auf und da lagen die schön­sten Man­deln drin, die man mit Augen sehen kann und lacht­en ihn ordentlich an. Er ging gle­ich damit zur Prinzessin und kaum hat­te sie eine gegessen, da wurde ihr schon wohler und als sie drei gegessen hat­te, da war sie schon halb gesund. Jet­zt wollte der jüng­ste sie auch zur Frau haben, aber der König sprach: Nein, noch nicht, du musst erst drei Auf­gaben erfüllen, wenn du das voll­bringst, dann ist die Hochzeit.“ Das sagte er aber, weil ihm der Jüngling als Schwiegersohn nicht gefiel. Dieser fragte, was das sei? Da sprach der König: Draußen ste­ht ein Maß Hirsen, die lasse ich jet­zt säen und du musst bis mor­gen alle Körn­er zusam­men­le­gen, so dass das Maß wieder ganz voll ist.“ Das betrübte den Jüngling Anfangs, doch er erin­nerte sich bald seines Pfeifchens und dachte, das müsse ihn ret­ten. Er ließ den Hirsen ruhig säen, set­zte sich auf den Ack­er und pfiff. Da krabbelte ihm etwas am Bein, das war der Ameisenkönig und der sprach: Was befiehlst du, das ich tun soll?“ Sei so gut und lies die Hirsen zusam­men“, sprach der Jüngling, und da erteilte der Ameisenkönig seine Befehle, und ehe es Abend wurde, war das Maß Hirsen wieder voll, so dass kein Körnchen daran fehlte.

Das ärg­erte den König, darum machte er die zweite Auf­gabe viel schw­er­er. Er ging mit dem Jüngling ans Meer und warf einen Schlüs­sel hinein, wo es ger­ade am aller­tief­sten war. Den Schlüs­sel sollst du mir wieder­schaf­fen!“ sprach er zum Jüngling; und wenn du das nicht kannst, dann bekommst du meine Tochter nicht.“ Ich will sehn, ob ich’s kann“, sprach der Jüngling, und set­zte sich ans Meer, und als es Abend war, da pfiff er auf seinem Pfeifchen. Als­bald regte sich’s im Wass­er und ein Fisch mit ein­er Kro­ne auf dem Kopf schaute aus dem Wass­er und sprach: Ich bin der Fis­chkönig, was befiehlst du, das ich tun soll?“ Sei so gut und lass mir den Schlüs­sel holen, den der König ins Meer gewor­fen hat“, sprach der Jüngling. Da ließ der König alle Fis­che zusam­men kom­men und gab ihnen auf, den Schlüs­sel zu suchen, und wer ihn brächte, der bekäme ein gutes Trinkgeld. In Einem Augen­blicke schossen die Fis­che auseinan­der und bald kam ein­er aus der tief­sten Tiefe her­auf und hat­te den Schlüs­sel im Maul und gab ihn dem Fis­chkönig, und der gab ihn dem Jüngling, welch­er sich fre­undlich dafür bedankte.

Nun ärg­erte sich der König erst recht und sann von Neuem, um etwas noch viel Schw­er­eres auszusin­nen. Es dauerte auch nicht lange, da hat­te er’s gefun­den. Er ließ den Jüngling kom­men und sprach: Wenn du nun auch hun­dert Schafe einen Monat lang auf einem Fleck wei­dest, ohne dass sie mager­er oder fet­ter wer­den und ohne dass du eines von ihnen ver­lierst oder dass ihrer mehr wer­den, dann bekommst du meine Tochter ganz gewiss.“ Der Fleck war aber so klein, dass die hun­dert Schafe kaum darauf ste­hen, viel weniger ordentlich darauf wei­den kon­nten, und außer­dem war das Gras sehr dünn gesät. Doch das ängstigte den Jüngling nicht; er trieb die Schafe hin­aus und Abends here­in und pfiff lustig dazu, ließ sie gar übers Stadt­tor sprin­gen, wenn es geschlossen war und im Schlosshof auf­marschieren, wie ein halbes Batail­lon Sol­dat­en, so dass jed­er­mann seine Freude daran hat­te. Mitunter ver­lief sich wohl eins, oder es starb eins, doch das tat nichts, denn sobald er pfiff, warf ein anderes ein Junges, welch­es als­bald wuchs und so groß ward, wie die andern. Dazu lern­ten die Schafe jeden Tag schön­er tanzen, so dass sie es am Ende des Monats trotz dem besten Tanzmeis­ter ver­standen. Kurz der Jüngling brachte auch diese Auf­gabe zu Stande und da kon­nte der König, wie sehr er sich auch ärg­erte, doch nichts weit­er ein­wen­den und musste ihm seine Tochter zur Frau geben. Die Heirat aber wurde sehr prächtig gefeiert und der Jüngling war glück­lich für sein Leben lang. Als er später König wurde, machte er seinen Vater zum Min­is­ter und gab auch seinen Brüdern hohe Stellen, so dass sie alle gut ver­sorgt waren.