Das Lämmchen und Fischchen

von Brüder Grimm

~3 Min

Es war ein­mal ein Brüderchen und Schwest­erchen, die hat­ten sich her­zlich lieb. Ihre rechte Mut­ter war aber tot, und sie hat­ten eine Stief­mut­ter, die war ihnen nicht gut und tat ihnen heim­lich alles Leid an. Es trug sich zu, dass die zwei mit andern Kindern auf ein­er Wiese vor dem Haus spiel­ten, und an der Wiese war ein Teich, der ging bis an die eine Seite vom Haus. Die Kinder liefen da herum, kriegten sich und spiel­ten Abzählens:

Eneke, Beneke, lat mi liewen, 
will di ock min Vügelken giewen. 
Vügelken sall mi Strau söken, 
Ser­au will ick den Köseken giewen, 
Köseken sall mie Melk giewen, 
Melk will ich den Bäck­er giewen, 
Bäck­er sall mie n Kock­en backen, 
Kock­en will ick den Kätken giewen, 
Kätken sall mie Müse fangen, 
Müse will ick in n Rauck hangen 
un will se anschnien.‘

Dabei standen sie in einem Kreis, und auf welchen nun das Wort anschnien‘ fiel, der musste fort­laufen, und die anderen liefen ihm nach und fin­gen ihn. Wie sie so fröh­lich dahin­sprangen, sahs die Stief­mut­ter vom Fen­ster mit an und ärg­erte sich. Weil sie aber Hex­enkün­ste ver­stand, so ver­wün­schte sie bei­de, das Brüderchen in einen Fisch und das Schwest­erchen in ein Lamm. Da schwamm das Fis­chchen im Teich hin und her, und war trau­rig, das Lämm­chen ging auf der Wiese hin und her, und war trau­rig und frass nicht und rührte kein Hälm­chen an. So ging eine lange Zeit hin, da kamen fremde Gäste auf das Schloss. Die falsche Stief­mut­ter dachte jet­zt ist die Gele­gen­heit gut,‘ rief den Koch und sprach zu ihm geh und hol das Lamm von der Wiese und schlachts, wir haben son­st nichts für die Gäste.‘ Da ging der Koch hin und holte das Lämm­chen und führte es in die Küche und band ihm die Füss­chen; das litt es alles geduldig. Wie er nun sein Mess­er her­aus­ge­zo­gen hat­te und auf der Schwelle wet­zte, um es abzustechen, sah es, wie ein Fis­chlein in dem Wass­er vor dem Gossen­stein hin und her schwamm und zu ihm hin­auf­blick­te. Das war aber das Brüderchen, denn als das Fis­chchen gese­hen hat­te, wie der Koch das Lämm­chen fort­führte, war es im Teich mit­geschwom­men bis zum Haus. Da rief das Lämm­chen hinab

ach Brüderchen im tiefen See, 
wie tut mir doch mein Herz so weh! 
der Koch, der wet­zt das Messer, 
will mir mein Herz durchstechen.‘

Das Fis­chchen antwortete

ach Schwest­erchen in der Höh, 
wie tut mir doch mein Herz so weh 
in dieser tiefen See!‘

Wie der Koch hörte, dass das Lämm­chen sprechen kon­nte um! so trau­rige Worte zu dem Fis­chchen hinabrief, erschrak er und dachte, es müsste kein natür­lich­es Lämm­chen sein, son­dern wäre von der bösen Frau im Haus ver­wün­scht. Da sprach er sei ruhig, ich will dich nicht schlacht­en,‘ nahm ein anderes Tier und bere­it­ete das für die Gäste, und brachte das Lämm­chen zu ein­er guten Bäuerin, der erzählte er alles, was er gese­hen und gehört hat­te. Die Bäuerin war aber ger­ade die Amme von dem Schwest­erchen gewe­sen, ver­mutete gle­ich, wers sein würde, und ging mit ihm zu ein­er weisen Frau. Da sprach die weise Frau einen Segen über das Lämm­chen und Fis­chchen, wovon sie ihre men­schliche Gestalt wieder­beka­men, und danach führte sie bei­de in einen grossen Wald in ein klein Häuschen wo sie ein­sam, aber zufrieden und glück­lich lebten.