Das Lumpengesindel

von Brüder Grimm

~4 Min

Häh­nchen sprach zu Hüh­nchen: Jet­zt ist die Zeit, wo die Nüsse reif wer­den, da wollen wir zusam­men auf den Berg gehen und uns ein­mal recht satt essen, ehe sie das Eich­horn alle wegholt.“ – Ja,“ antwortete das Hüh­nchen, komm, wir wollen uns eine Lust miteinan­der machen.“ Da gin­gen sie zusam­men fort auf den Berg, und weil es ein heller Tag war, blieben sie bis zum Abend. Nun weiss ich nicht, ob sie sich so dick gegessen hat­ten, oder ob sie über­mütig gewor­den waren, kurz, sie woll­ten nicht zu Fuss nach Haus gehen, und das Häh­nchen musste einen kleinen Wagen von Nusss­chalen bauen. Als er fer­tig war, set­zte sich Hüh­nchen hinein und sagte zum Häh­nchen: Du kannst dich nur immer vorspan­nen.“ – Du kommst mir recht,“ sagte das Häh­nchen, lieber geh ich zu Fuss nach Haus, als dass ich mich vorspan­nen lasse. Nein, so haben wir nicht gewet­tet. Kutsch­er will ich wohl sein und auf dem Bock sitzen, aber selb­st ziehen, das tu ich nicht.“

Wie sie so strit­ten, schnat­terte eine Ente daher: Ihr Diebesvolk, wer hat euch geheis­sen, in meinen Nuss­berg gehen? Wartet, das soll euch schlecht bekom­men!“ Ging also mit aufges­per­rtem Schn­abel auf das Häh­nchen los. Aber Häh­nchen war auch nicht faul und stieg der Ente tüchtig zu Leib, endlich hack­te es mit seinen Sporn so gewaltig auf sie los, dass sie um Gnade bat und sich gern zur Strafe vor den Wagen span­nen liess. Häh­nchen set­zte sich nun auf den Bock und war Kutsch­er, und darauf ging es in einem Jagen: Ente, lauf zu, was du kannst!“ Als sie ein Stück Weges gefahren waren, begeg­neten sie zwei Fuss­gängern, ein­er Steck­nadel und ein­er Näh­nadel. Sie riefen: Halt halt!“ und sagten, es würde gle­ich stich­dunkel wer­den, da kön­nten sie keinen Schritt weit­er, auch wäre es so schmutzig auf der Strasse, ob sie nicht ein wenig ein­sitzen kön­nten, sie wären auf der Schnei­der­her­berge vor dem Tore gewe­sen und hät­ten sich beim Bier verspätet. 

Häh­nchen, da es magere Leute waren, die nicht viel Platz ein­nah­men, liess sie bei­de ein­steigen, doch mussten sie ver­sprechen, ihm und seinem Hüh­nchen nicht auf die Füsse zu treten. Spät abends kamen sie zu einem Wirtshaus, und weil sie die Nacht nicht weit­er­fahren woll­ten, die Ente auch nicht gut zu Fuss war und von ein­er Seite auf die andere fiel, so kehrten sie ein. Der Wirt machte anfangs viel Ein­wen­dun­gen, sein Haus wäre schon voll, gedachte auch wohl, es möchte keine vornehme Herrschaft sein, endlich aber, da sie süsse Reden führten, er solle das Ei haben, welch­es das Hüh­nchen unter­wegs gelegt hat­te, auch die Ente behal­ten, die alle Tage eins legte, so sagte er endlich, sie möcht­en die Nacht über bleiben. Nun liessen sie wieder frisch auf­tra­gen und lebten in Saus und Braus. Früh­mor­gens, als es däm­merte und noch alles schlief, weck­te Häh­nchen das Hüh­nchen, holte das Ei, pick­te es auf, und sie verzehrten es zusam­men; die Schalen aber war­fen sie auf den Feuer­herd. Dann gin­gen sie zu der Näh­nadel, die noch schlief, pack­ten sie beim Kopf und steck­ten sie in das Ses­selkissen des Wirts, die Steck­nadel aber in sein Hand­tuch, endlich flo­gen sie, mir nichts, dir nichts, über die Hei­de voran. Die Ente, die gern unter freiem Him­mel schlief und im Hof geblieben war, hörte sie fortschnur­ren, machte sich munter und fand einen Bach, auf dem sie hin­ab­schwamm; und das ging geschwinder als vor dem Wagen. Ein paar Stun­den später machte sich erst der Wirt aus den Fed­ern, wusch sich und wollte sich am Hand­tuch abtrock­nen, da fuhr ihm die Steck­nadel über das Gesicht und machte ihm einen roten Strich von einem Ohr zum andern. Dann ging er in die Küche und wollte sich eine Pfeife ansteck­en. Wie er aber an den Herd kam, sprangen ihm die Eier­schalen in die Augen. Heute mor­gen will mir alles an meinen Kopf,“ sagte er, und liess sich ver­driesslich auf seinen Gross­vater­stuhl nieder; aber geschwind fuhr er wieder in die Höhe und schrie: Auweh!“ Denn die Näh­nadel hat­te ihn noch schlim­mer und nicht in den Kopf gestochen. Nun war er vol­lends böse und hat­te Ver­dacht auf die Gäste, die so spät gestern abend gekom­men waren. Und wie er ging und sich nach ihnen umsah, waren sie fort. Da tat er einen Schwur, kein Lumpen­gesin­del mehr in sein Haus zu nehmen, das viel verzehrt, nichts bezahlt und zum Dank noch oben­drein Sch­aber­nack treibt.