Das Kätzchen und die Stricknadeln

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Es war ein­mal eine arme Frau, die in den Wald ging, um Holz zu lesen. Als sie mit ihrer Bürde auf dem Rück­wege war, sah sie ein krankes Kätzchen hin­ter einem Zaun liegen, das kläglich schrie. Die arme Frau nahm es mitlei­dig in ihre Schürze und trug es nach Hause zu. Auf dem Wege kamen ihre bei­den Kinder ihr ent­ge­gen, und als sie sahen, daß die Mut­ter etwas trug, fragten sie: Mut­ter, was trägst du?“ Und woll­ten gle­ich das Kätzchen haben; aber die mitlei­di­ge Frau gab den Kindern das Kätzchen nicht, aus Sorge, sie möcht­en es quälen, son­dern sie legte es zu Hause auf alte weiche Klei­der und gab ihm Milch zu trinken. Als das Kätzchen sich gelabt hat­te und wieder gesund war, war es mit einem Male fort und verschwunden.

Nach einiger Zeit ging die arme Frau wieder in den Wald, und als sie mit ihrer Bürde Holz auf dem Rück­wege wieder an die Stelle kam, wo das kranke Kätzchen gele­gen hat­te, da stand eine ganz vornehme Dame dort, wink­te die arme Frau zu sich und warf ihr fünf Strick­nadeln in die Schürze. Die Frau wußte nicht recht, was sie denken sollte, und dünk­te diese abson­der­liche Gabe ihr gar zu ger­ing; doch nahm sie die fünf Strick­nadeln des Abends auf den Tisch. Aber als die Frau des andern Mor­gens ihr Lager ver­ließ, da lag ein Paar neue, fer­tig gestrick­te Strümpfe auf dem Tisch. Das wun­derte die arme Frau über alle Maßen, und am näch­sten Abend legte sie die Nadeln wieder auf den Tisch, und am Mor­gen darauf lagen neue Strümpfe da. jet­zt merk­te sie, daß zum Lohn ihres Mitlei­ds mit dem kranken Kätzchen ihr diese fleißi­gen Nadeln beschert waren, und ließ diesel­ben nun jede Nacht strick­en, bis sie und die Kinder genug hat­ten. Dann verkaufte sie auch Strümpfe und hat­te genug, bis an ihr seliges Ende.