Das kleine bucklige Mädchen

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Es war ein­mal eine Frau, die hat­te ein einziges Töchterchen, das war sehr klein und blaß und wohl etwas anders wie andre Kinder. Denn wenn die Frau mit ihm aus­ging, blieben oft die Leute ste­hen, sahen dem Kinde nach und raun­ten sich etwas zu. Wenn dann das kleine Mäd­chen seine Mut­ter fragte, weshalb die Leute es so son­der­bar ansähen, ent­geg­nete die Mut­ter jedes­mal: Weil du ein so wun­der­schönes, neues Klei­d­chen anhast.
“ Darauf gab sich die Kleine zufrieden. Kamen sie jedoch nach Hause zurück, so nahm die Mut­ter ihr Töchterchen auf die Arme, küßte es wieder und immer wieder und sagte: Du lieber, süßer Herzensen­gel, was soll aus dir wer­den, wenn ich ein­mal tot bin? Kein Men­sch weiß es, was du für ein lieber Engel bist; nicht ein­mal dein Vater!“

Nach einiger Zeit wurde die Mut­ter plöt­zlich krank, und am neun­ten Tage starb sie. Da warf sich der Vater des kleinen Mäd­chens verzweifelt auf das Toten­bett und wollte sich mit sein­er Frau begraben lassen. Seine Fre­unde jedoch rede­ten ihm zu und trösteten ihn; da ließ er es, und nach einem Jahre nahm er sich eine andere Frau, schön­er, jünger und reich­er als die erste, aber so gut war sie lange nicht. Und das kleine Mäd­chen hat­te die ganze Zeit, seit seine Mut­ter gestor­ben war, jeden Tag von früh bis Abend in der Stube auf dem Fen­ster­brett gesessen; denn es fand sich nie­mand, der mit ihm aus­ge­hen wollte. Es war noch bläss­er gewor­den, und gewach­sen war es in dem let­zten Jahre gar nicht.

Als nun die neue Mut­ter ins Haus kam, dachte es: Jet­zt wirst du wieder Spazierenge­hen, vor die Stadt, im lusti­gen Son­nen­schein auf den hüb­schen Wegen, an denen die schö­nen Sträuche und Blu­men ste­hen und wo die vie­len geputzten Men­schen sind.“ Denn es wohnte in einem kleinen, engen Gäßchen, in welch­es die Sonne nur sel­ten hinein­schien; und wenn man auf dem Fen­ster­brette saß, sah man nur ein Stückchen blauen Him­mel, so groß wie ein Taschen­tuch. Die neue Mut­ter ging auch jeden Tag aus, vor­mit­tags und nach­mit­tags. Dazu zog sie jedes­mal ein wun­der­schönes buntes Kleid an, viel schön­er, als die alte Mut­ter je eins besessen hat­te. Doch das kleine Mäd­chen nahm sie nie mit sich.

Da faßte sich das let­ztere endlich ein Herz, und eines Tages bat es sie recht inständig, sie möchte es doch mit­nehmen. Allein die neue Mut­ter schlug es ihr rund ab, indem sie sagte: Du bist wohl nicht recht gescheit! Was sollen wohl die Leute denken, wenn ich mich mit dir sehen lasse? Du bist ja ganz buck­lig. Buck­lige Kinder gehen nie spazieren, die bleiben immer zu Hause.“

Darauf wurde das kleine Mäd­chen ganz still, und sobald die neue Mut­ter das Haus ver­lassen, stellte es sich auf einen Stuhl und besah sich im Spiegel; und wirk­lich, es war buck­lig, sehr buck­lig! Da set­zte es sich wieder auf sein Fen­ster­brett und sah hinab auf die Straße und dachte an seine gute alte Mut­ter, die es doch jeden Tag mitgenom­men hat­te. Dann dachte es wieder an seinen Buckel:

Was nur da drin ist?“ sagte es zu sich selb­st, es muß doch etwas in so einem Buck­el drin sein.“

Und der Som­mer verg­ing, und als der Win­ter kam, war das kleine Mäd­chen noch bläss­er und so schwach gewor­den, daß es sich gar nicht mehr auf das Fen­ster­brett set­zen kon­nte, son­dern stets im Bett liegen mußte. Und als die Schneeglöckchen ihre ersten grü­nen Spitzchen aus der Erde her­vorstreck­ten, kam eines Nachts die alte, gute Mut­ter zu ihm und erzählte ihm, wie gold­en und her­rlich es im Him­mel aussähe.

Am andern Mor­gen war das kleine Mäd­chen tot.

Weine nicht, Mann!“ sagte die neue Mut­ter; es ist für das arme Kind so am besten!“ Und der Mann erwiderte kein Wort, son­dern nick­te stumm mit dem Kopfe.
Als nun das kleine Mäd­chen begraben war, kam ein Engel mit großen, weißen Schwa­nen­flügeln vom Him­mel her­abge­flo­gen, set­zte sich neben das Grab und klopfte daran, als wenn es eine Türe wäre. Als­bald kam das kleine Mäd­chen aus dem Grabe her­vor, und der Engel erzählte ihm, er sei gekom­men, um es zu sein­er Mut­ter in den Him­mel zu holen. Da fragte das kleine Mäd­chen schüchtern, ob denn buck­lige Kinder auch in den Him­mel kämen. Es könne sich das gar nicht vorstellen, weil es doch im Him­mel so schön und vornehm wäre.

Jedoch der Engel erwiderte: Du gutes, liebes Kind, du bist ja gar nicht mehr buck­lig!“ und berührte ihm den Rück­en mit sein­er weißen Hand. Da fiel der alte garstige Buck­el ab wie eine große hohle Schale. Und was war darin?

Zwei her­rliche, weiße Engelflügel! Die span­nte es aus, als wenn es schon immer fliegen gekon­nt hätte, und flog mit dem Engel durch den blitzen­den Son­nen­schein in den blauen Him­mel hin­auf. Auf dem höch­sten Platze im Him­mel aber saß seine gute, alte Mut­ter und bre­it­ete ihm die Arme ent­ge­gen. Der flog es ger­ade auf den Schoß.