Das Klapperstorch-Märchen

von Richard von Volkmann-Leander

~6 Min

Wovon die Beine der Teck­el so kurz sind, und daß sie sich diesel­ben abge­laufen haben, weiß jed­er. Wie aber der Storch zu seinen lan­gen Beinen gekom­men ist, das ist eine ganz andere Geschichte. Drei Tage näm­lich, ehe der Storch ein kleines Kind bringt, klopft er mit seinem roten Schn­abel an das Fen­ster der Leute, welche es bekom­men sollen, und ruft: Schafft eine Wiege,
Ein‘ Schleier für Fliegen,
Ein buntes Röck­lein,
Ein weißes Jäck­lein,
Mützchen und Windel:
Bring‘ ein klein Kindel!“
Dann wis­sen die Leute, woran sie sind. Doch zuweilen, wenn er sehr viel zu tun hat, vergißt er es, und dann gibt‘s große Not, weil nichts fer­tig ist. Bei zwei armen Leuten, welche im Dorf in ein­er kleinen Hütte wohn­ten, hat­te es der Storch auch vergessen. Als er mit dem Kinde kam, war nie­mand zu Hause. Mann und Frau waren auf Fel­dar­beit gegan­gen und Türe und Fen­ster ver­schlossen; auch war nicht ein­mal eine Treppe vor dem Hause, auf die er es hätte leg­en kön­nen. Da flog er aufs Dach und klap­perte so lange, bis das ganze Dorf zusam­men­lief und eine alte Frau eilends aufs Feld hin­aussprang, um die Leute zu holen. Herr Nach­bar, Frau Nach­barin! Herr Nach­bar, Frau Nach­barin!“ rief sie schon von weit­em, ganz außer Atem, um Gottes Willen! Der Storch sitzt auf eurem Hause und will euch ein kleines Kind brin­gen. Nie­mand ist da, der ihm‘s Fen­ster auf­machen kann. Wenn ihr nicht bald kommt, läßt er‘s fall­en, und s gibt ein Unglück. Oben beim Müller hat er es vor drei Jahren auch fall­en lassen, und das arme Wurm ist heute noch buck­lig.“ Da liefen die bei­den Hals über Kopf nach Haus und nah­men dem Storche das Kind ab. Wie sie es besa­hen, war es ein wun­der­hüb­sch­er klein­er Junge, und Mann und Frau waren vor Freude außer sich. Doch der Storch hat­te sich über das lange Warten so geärg­ert, daß er sich vor­nahm, ganz bes­timmt den bei­den Leuten nie wieder ein Kind zu brin­gen. Als sie endlich kamen, sah er sie schon ganz schief und ärg­er­lich an, und während er fort­flog, sagte er noch: Heute wird‘s auch wieder spät wer­den, ehe ich zu mein­er Frau Storchen in den Sumpf komme. Ich habe noch zwölf Kinder auszu­tra­gen, und es ist schon spät. Das Leben wird einem doch recht sauer!“ Doch die bei­den Leute hat­ten in ihrer Herzens­freude es gar nicht bemerkt, daß sich der Storch so schw­er geärg­ert. Eigentlich war er ja auch ganz allein daran schuld, daß er so lange hat­te warten müssen, weil er es ihnen doch vergessen hat­te, es ihnen vorher zu sagen. Wie nun das Kind wuchs und täglich hüb­sch­er wurde, sagte eines Tages die Frau: Wenn wir dem guten Storch, der uns das wun­der­hüb­sche Kind gebracht hat, nur irgend etwas schenken kön­nten, was ihm Spaß macht! Weißt du nichts? Mir will gar nichts ein­fall­en!“ Das wird schw­er­hal­ten“, erwiderte der Mann; er hat schon alles!“ Am näch­sten Mor­gen jedoch kam er zu sein­er Frau und sagte zu ihr: Was meinst du, wenn ich dem Storch beim Tis­chler ein paar recht schöne Stelzen machen ließe? Er muß doch immer in den Sumpf, um Frösche zu fan­gen, und dann wieder in den großen Teich hin­term Dorf, aus dem er die kleinen Knaben her­ausholt. Da muß er doch sehr oft nasse Füße bekom­men! Ich dächte auch, er hätte damals, als er zu uns kam, ganz heis­er geklap­pert.“ Das ist ein her­rlich­er Ein­fall!“ ent­ge­genete die Frau. Aber der Tis­chler muß die Stelzen recht schön rot lack­ieren, damit sie zu seinem Schn­abel passen!“ So?“ sagte der Mann; meinst du wirk­lich rot? Ich hat­te an Grün gedacht.“ Aber, bester Schatz!“ fiel die Frau ein, wo denkst du hin? Ihr Män­ner wißt doch niemals, was zusam­men­paßt und gut ste­ht. Sie müssen unbe­d­ingt rot sein!“ Da nun der Mann sehr ver­ständig war und stets auf seine Frau hörte, so bestellte er denn wirk­lich rote Stelzen, und als sie fer­tig waren, ging er an den Sumpf und brachte sie dem Storch. Und der Storch war sehr erfreut, pro­bierte sie gle­ich und sagte: Eigentlich war ich auf euch recht böse, weil ihr mich damals so lange habt warten lassen. Weil ihr aber so gute Leute seid und mir die schö­nen roten Stelzen schenkt, so will ich euch auch noch ein kleines Mäd­chen brin­gen. Heute über vier Wochen werde ich kom­men. Daß ihr mir dann aber auch hüb­sch zu Hause seid, und expreß es erst noch ein­mal ansagen werde ich nun nicht. Den Weg kann ich mir sparen! – Hörst du?“ Nein, nein!“ erwiderte der Mann. Wir wer­den sich­er zu Hause sein. Du sollst dies­mal keinen Ärg­er davon haben.“ Als die vier Wochen um waren, kam richtig der Storch geflo­gen und brachte ein kleines Mäd­chen; das war noch hüb­sch­er als der kleine Junge, und war nun ger­ade das Pärchen voll. Auch blieben bei­de Kinder hüb­sch und gesund, und die Eltern auch, so daß es eine rechte Freude war. – Nun wohnte aber im Dorf noch ein reich­er Bauer, der besaß eben­falls nur einen Knaben, und der war noch dazu ziem­lich garstig, und der Bauer wün­schte sich auch noch ein Mäd­chen dazu. Als er ver­nahm, wie es die armen Leute ange­fan­gen, dachte er bei sich, es könne ihm gar nicht fehlen. Er ging sofort zum Tis­chler und bestellte eben­falls ein paar Stelzen, viel schön­er wie die, welche die armen Leute hat­ten anfer­ti­gen lassen. Oben und unten mit gold­e­nen Knöpfen und in der Mitte grün, gelb und blau geringelt. Als sie fer­tig waren, sahen sie in der Tat ungewöhn­lich schön aus. Darauf zog er sich seinen besten Rock an, nahm die Stelzen unter den Arm und ging hin­aus an den Sumpf, wo er auch gle­ich den Storch fand. Ganz gehor­samer Diener, Euer Gnaden!“ sagte er zu ihm und machte ein tiefes Kom­pli­ment. Meinst du mich?“ fragte der Storch, der auf seinen schö­nen roten Stelzen behaglich im Wass­er stand. Ich bin so frei!“ erwiderte der Bauer. Nun, was willst du?“ Ich möchte gern ein kleines Mäd­chen haben, und da hat sich meine Frau erlaubt, Euer Gnaden ein kleines Geschenk zu schick­en. Ein Paar ganz beschei­dene Stelzen.“ Da mach nur, daß du wieder nach Hause kommst!“ ent­geg­nete der Storch, indem er sich auf einem Bein umdrehte und den Bauer gar nicht wieder ansah. Ein kleines Mäd­chen kannst du nicht bekom­men; und deine Stelzen brauche ich auch nicht! Ich habe schon zwei sehr schöne rote, und da ich meist nur eine auf ein­mal benutze, so wer­den sie wohl sehr lange vorhal­ten. – Außer­dem sind ja deine Stelzen ganz abscheulich häßlich. Pfui! blau, grün und gelb geringelt wie ein Han­swurst! Mit denen dürfte ich ja der Frau Storchen gar nicht unter die Augen kom­men.“ Da mußte der Bauer mit seinen schö­nen Stelzen abziehen, und ein kleines Mäd­chen hat er sein Leb­tag nicht bekommen.