Das klagende Lied

von Ludwig Bechstein

~10 Min

Es war ein­mal ein König, der starb und hin­ter­ließ seine Frau, die Köni­gin, und zwei Kinder, einen Sohn und eine Tochter. Die Tochter war aber ein Jahr älter als der Sohn. Und eines Tages strit­ten die bei­den Königskinder miteinan­der, welch­es von ihnen bei­den König wer­den sollte, denn der Brud­er sagte: »Ich bin ein Prinz, und wenn Prinzen da sind, kom­men Prinzessin­nen nicht zur Regierung.«

Die Tochter aber sprach dage­gen: »Ich bin die erst­ge­borene und älteste, mir gebührt der Vor­rang.« Bei­des, was die Kinder da sagten, sagten sie in aller Unschuld und hat­ten die Worte nur so aufgeschnappt von dem Hof­gesinde, ohne den Sinn so recht eigentlich zu verstehen.

Da sie nun über ihren Stre­it nicht einig wur­den, so gin­gen sie miteinan­der zur Mut­ter und fragten diese: »Sage, liebe Mut­ter, welch­es von uns bei­den wird dere­inst König werden?«

Diese Frage betrübte die Mut­ter, denn es blick­te der Keim der Herrschsucht durch dieselbe, die nicht wurzeln soll im Gemüte eines Kindes, und sie antwortete: »Liebe Kinder! Seht ein­mal hier das schöne Blüm­lein recht genau an, und dann gehet in den Wald und suchet. Wer von euch bei­den dieses Blüm­chen zuerst find­et, der wird dere­inst König werden.«

Die Kinder sahen sich voll Aufmerk­samkeit das Blüm­chen an; sein Sten­gel war gestal­tet wie ein Szepter­lein und endete in ein­er hal­baufgeschlosse­nen Lilie . Und die Kinder gin­gen ganz harm­los zusam­men in den Wald und began­nen zu suchen, und wie sie so sucht­en, so kamen sie bald auseinan­der, daß eins das andere aus den Augen ver­lor. Und da fand die kleine Prinzessin zuerst das Blüm­chen und freute sich darüber und sah sich nach dem Brud­er um, der war aber nicht da. Und da dachte das Kind, er wird wohl bald kom­men, ich will hier auf ihn warten, und legte sich auf den weichen Rasen und in den kühlen Baum­schat­ten, und es war so still im Walde, Käfer und Bienen summten bloß, und eine nahe Quelle murmelte leise, und der Him­mel blick­te tief­blau durch die grü­nen Baumwipfel herab auf den grü­nen Waldesrasen. Die kleine Prinzessin hat­te ihr Blüm­chen in die Hand genom­men, und weil es so still und sie ein wenig müde war, so entschlum­merte sie in Gottes Namen.

Es dauerte nur eine kleine Weile, so kam der Brud­er an die Wald­stelle, wo seine Schwest­er schlief; er hat­te aber das Blüm­chen, welch­es er suchte, nicht gefun­den; und da sah er die Schwest­er am Boden liegen, süß schlum­mernd, und die hat­te das Blüm­chen in ihrer Hand.

Da stiegen in des Prinzen Seele schwarze Gedanken auf, und Schreck­lich­es kam ihm in den Sinn.

Ich muß König wer­den, ich! dachte er, und die Schwest­er soll es nicht wer­den! Lieber will ich sie töten und will die Blume nehmen und damit heimge­hen, und dann werde ich König.

Ach, da hieß es recht: gedacht und getan. Der Prinz ermordete sein unschuldiges Schwest­er­lein im Schlafe, ver­schar­rte es im Walde und deck­te Erde darauf und Rasen auf die Erde, und kein Men­sch erfuhr etwas von dieser bösen Tat, denn wie der Prinz nach Hause kam, so sagte er, seine Schwest­er sei im Walde von ihm hin­weg und ihren eige­nen Weg gegan­gen. Wie er die Blume gefun­den gehabt, habe er den Rück­weg nach Hause ange­treten und geglaubt, sie sei auch schon nach Hause.

Und da sind viele Jahre hinge­gan­gen, und die alte Köni­gin hat fort und fort getrauert über die ver­lorene Tochter, die sie im ganzen Walde frucht­los suchen ließ, und hat sich den Tod gewün­scht, weil sie selb­st die geliebte Tochter fort­geschickt hat­te, und als ihr Sohn nun die Jahre sein­er Mündigkeit erre­icht hat­te, so ward er König.

Und nach manchem, manchem Jahre kam ein Hirtenkn­abe in jenen Wald, der hütete dort seine Herde und stocherte zum Zeitvertreibe und aus Langeweile mit sein­er Schippe in dem Rasen herum, wie die Hirten öfter tun, die manch­es­mal Herzen und Namen und Kreuze in den grü­nen Rasen graben, und da grub er von ohnge­fähr ein Toten­bein­lein aus von der getöteten Prinzessin, das war so rein und weiß wie Schnee. Und der Hirtenkn­abe machte ein paar Löch­lein in das Bein­lein, so wurde daraus eine kleine Flöte, und diese set­zte der Hirtenkn­abe an seine Lip­pen und blies. Da quollen kla­gende Töne aus dem Toten­beine, ach, so unendlich trau­rig, und es war ordentlich, als singe in dem­sel­ben eine weinende Kindesstimme, daß der Hirtenkn­abe selb­st weinen mußte, und kon­nte doch nicht aufhören zu blasen. Es lautete aber das kla­gende Lied also.

»O Hirte mein, o Hirte mein, Du flötest auf meinem Toten­bein! Mein Brud­er erschlug mich im Haine. Nahm aus mein­er Hand Die Blum, die ich fand, Und sagte, sie sei die seine. Er schlug mich im Schlaf, er schlug mich so hart – Hat ein Grab gewühlt, hat mich hier ver­schar­rt – Mein Brud­er – in jun­gen Tagen. Nun durch deinen Mund Soll es wer­den kund, Will es Gott und Men­schen klagen.«

Und immer war nur das eine und immer das eine Lied aus der bein­er­nen Flöte zu brin­gen, und immer blies es der junge Hirte wieder, während ihm jedes­mal die hellen Trä­nen über die Wan­gen herabrollten.

Wenn das kla­gende Lied im Walde erk­lang, da wur­den alle Vögelein stumm und trau­rig, hin­gen Köpflein und Flügel und schwiegen; auch die Käfer und Bienen summten nicht mehr, und selb­st das Murmeln der plätsch­ern­den, geschwätzi­gen Quelle war nicht mehr zu hören – es wurde so recht, was man sagt: totenstill.

Schallte das kla­gende Lied über eine Trift, so hin­gen die Tiere der Wei­de wehmütig die Häupter, und keines gab einen Laut; auch der Hund bellte nicht mehr und sprang nicht, wie son­st, fröh­lich umher, vielmehr duck­te er sich und win­selte ganz leise, denn es war für alle Krea­tur etwas Herzzer­schnei­den­des in dem kla­gen­den Liede. Aber der Hirtenkn­abe kon­nte nicht müde wer­den, dieses Lied zu flöten, bis einst ein Rit­ters­mann am Hang vorüberkam, der hörte auch das Lied und fühlte, daß seine Augen tropften, und hielt und ließ nicht nach, bis der Hirtenkn­abe ihm, dem Rit­ter, die kleine Flöte käu­flich abtrat. Und nun zog der Rit­ter im ganzen Lande herum, blies das Lied und brachte mit dem­sel­ben alle Welt zu Tränen.

So kam dieser auch an den Hof, wo der junge König auf dem Throne saß, von dem das Lied sang und klagte und die alte Köni­gin Mut­ter lebte auch noch, und es wurde ihr Kunde gebracht von dem rit­ter­lichen Spiel­manne, der ein Lied flöte, von dessen Melodei alle Herzen erzit­terten und alle See­len mit tiefer Trauer erfüllt würden.

Die alte Köni­gin aber, die stets trau­rig war, sprach: »Was kön­nte es in der Welt geben, das trau­riger wäre als meine Trauer? Ich wüßte nichts, mich wird das kla­gende Lied des Spiel­mannes nicht trau­riger machen, als ich ohne­hin bin. Las­set ihn immer­hin kommen.«

Der rit­ter­liche Spiel­mann kam und blies:

»O Rit­ter mein, o Rit­ter mein, Du flötest auf meinem Toten­bein! Mein Brud­er erschlug mich im Haine.«

Kaum hat­te die alte Köni­gin diese weni­gen Worte ver­nom­men, so schoß schon ein Trä­nen­strom aus ihren Augen – aber als es weit­er tönte:

»Nahm aus mein­er Hand Die Blum, die ich fand, Und sprach, sie wäre die seine« –

da stieß die Köni­gin einen gel­tenden Schrei aus und fiel in eine tiefe Ohn­macht. Der Spiel­mann erschrak darüber und wollte abset­zen, aber das kon­nte er nicht – das Lied wollte jedes­mal, wenn es begonnen war, zu Ende gespielt sein – und als der let­zte Ton mit tiefer Klage verzit­terte, da erwachte die Köni­gin aus ihrer Ohn­macht und rief: »Mir, mir die Flöte! Um alle meine Schätze – mir diese Flöte!«

Und der rit­ter­liche Spiel­mann ließ der Köni­gin die bein­erne Flöte und sagte, er begehre keine Schätze – und nahm nichts an und zog weiter.

Und die Köni­gin schloß sich ganz allein in ihre tief­sten Gemäch­er und blies das Lied und weinte so lange, bis sie fast keine Trä­nen mehr hatte.

Der König aber war ein lebenslustiger fro­her Herr gewor­den, der hat­te seine Freude an Sang und Klang, feierte gern heit­ere Feste und freute sich seines Lebens. Einst geschah es, daß er auch ein Fest zu feiern beschlossen hat­te, und es waren zahlre­iche Sänger und Spielleute bestellt und zahlre­iche Gäste ein­ge­laden wor­den. Der Sitte gemäß hat­te der junge König nie unter­lassen, seine Mut­ter auch jedes­mal einzu­laden zu seinen Fes­ten, aber sie hat­te niemals teilgenom­men, weil sie, wie sie dem Sohne dank­end sagen ließ, zu viele Trauer im Herzen habe. Als aber dieses­mal die Ein­ladung wiederum an sie gelangte, da ließ sie sagen, sie werde teil­nehmen. Dies wun­derte den König und befremdete ihn, und er wußte nicht, ob er sich darüber freuen sollte.

Da nun alle Gäste in bunter Pracht ver­sam­melt waren und alle Sänger und Spielleute bere­it und der Hof ein­trat in den her­rlich geschmück­ten Königssaal, darin das Fest stat­tfand, so erregte es fast eine bange Ver­wun­derung, die alte Köni­gin zu sehen in langem schlep­pen­den, schwarzen Trauerge­wande und im Witwen­schleier – der Jubel der Instru­mente, der Har­fen und Pauken, Flöten und Cym­beln aber brach los, und die Chöre der Sänger began­nen in erhabenen Weisen eine Hymne zum Preise des Königs.

Was aber tut die alte Köni­gin? Sie set­zt sich nicht, sie ste­ht starr, wie ein Mar­mor­bild. Was hält sie denn für ein selt­sames kleines Szepter in der Hand? Das ist ja kein Szepter, das ist ein Toten­bein. Und warum hebt sie denn dies Toten­bein zum Munde? Warum hält sie es so, wie Spielleute ihre Flöten halten?

Horch! Ein Ton – und es ver­s­tum­men alle Pauken und Har­fen und Cym­beln – noch ein Ton, und jed­er Sänger­mund wird stumm.

Dort aber sitzt der König und blickt entset­zt, von unge­heuerem Grauen durchrieselt, auf seine Mut­ter, und alle, alle blick­en auf die alte Königin.

Die alte Köni­gin spielt ein Flötensolo.

»O Mut­ter mein, o Mut­ter mein – Du flötest auf meinem Totenbein!«

Da erbeben, erzit­tern schon alle Herzen, da bleibt schon kein Auge trock­en, Hof­s­taat und Gäste, Sänger und Spielleute, alle weinen.

»Mein Brud­er erschlug mich im Haine.«

Ha!« schre­it der König, und das Szepter entsinkt sein­er Hand, und er faßt mit bei­den Hän­den nach sein­er Krone.

»Nahm aus mein­er Hand Die Blum, die ich fand, Und sagte, sie sei die seine.«

Da rollte die Kro­ne von des Königes Haupte herab, fiel auf den Mar­mor­bo­den und zer­schellte. Es klang, als ob ein Toten­schädel auf dem Mar­mor rasselte.

»Er schlug mich im Schlaf – er schlug mich so hart – Hat ein Grab gewühlt, mich im Walde verscharrt -«

Da stürzte der König selb­st vom Throne herab und fiel auf sein Angesicht und stöh­nte und wimmerte.

»Mein Brud­er – in jun­gen Tagen«.

Der König wand sich in Todeszuck­un­gen und bäumte sich und schrie: »Ende! Mut­ter – ende!«

Aber die alte Köni­gin kon­nte nicht von selb­st das kla­gende Lied beendi­gen, es tönte fort:

»Nun durch deinen Mund Soll es wer­den kund, Will es Gott und Men­schen klagen.«

Da flo­hen, während diese Worte entset­zlich und zer­mal­mend, und doch gar nicht laut, ver­nom­men wur­den, alle Gäste, Spielleute, Sänger und Hof­di­ener­schaft zu allen Türen des Saales hin­aus – darüber Instru­mente und Ses­sel viele zer­brachen, und die Kerzen löscht­en aus, bis auf zwei – und als das Lied zu Ende gek­lun­gen war, war nie­mand mehr im weit­en Saale als nur die Köni­gin im Trauerge­wande und ihr ster­ben­der Sohn in seinem bun­ten Flit­ter­staate, reich beset­zt mit Gold und Perlen. Und sie kni­ete neben dem noch immer am Boden liegen­den Sohne nieder, hielt sein Haupt in ihren Hän­den und weinte heiße Trä­nen darauf. Da löschte langsam die eine der bei­den noch bren­nen­den Kerzen aus.

Die alte Köni­gin aber weinte und betete noch bis Mit­ter­nacht – dann ver­löschte sie selb­st die let­zte Kerze und zer­brach die Flöte, auf daß nie­mand mehr das kla­gende Lied vernehme.