Das Kind vom Grabe

von Johann Wilhelm Wolf

~8 Min

In der Türkei lebte ein Kauf­mann, der war sehr reich und hat­te Alles, was er sich nur wün­schte, nur hat­te er keine Kinder und das war doch sein höch­ster Wun­sch. Nach eini­gen Jahren starb seine Frau und da war er denn recht unglück­lich; er fühlte sich so ein­sam und ver­lassen in der Welt, dass er des Lebens fast müde war und sein einziger Trost blieb, dass er jeden Abend an das Grab sein­er Frau ging, wo er bis gegen Mit­ter­nacht blieb und betete.

Zu der­sel­ben Zeit regierte ein Sul­tan in der Türkei, der hat­te von allen seinen Frauen nicht ein Kind bekom­men. Als aber nach langem Har­ren die Sul­tanin eines Tages ihm verkün­dete, sie werde ihm bald ein Kindlein schenken, da wurde er krank und starb. Die Sul­tanin über­nahm nun die Regierung und führte sie so gut, dass alle Leute im Lande glück­lich und zufrieden waren. Sie hat­te aber einen Min­is­ter, das war ein ehrgeiziger Mann und der hätte gern seinen Sohn auf den Thron geset­zt. Wenn die Sul­tanin keine Kinder bekom­men hätte, dann wäre das nach ihrem Ableben schon zu machen gewe­sen, nun aber rück­te der Augen­blick immer näher her­an, wo sie eines Kindes gene­sen sollte, und war das ein Knäblein, dann musste der Min­is­ter all seine Hoff­nun­gen aufgeben. Darum sann und grü­belte er Tag und Nacht, was da wohl zu machen wäre. Da hörte er plöt­zlich eines Mor­gens, der Storch habe der Sul­tanin ein schönes Knäblein gebracht. Er eilte als­bald in das Schloss, gab der Hebamme und einem Kin­der­mäd­chen viel, viel Geld und bekam also das Kind in seine Hände; dann ließ er es in ein sei­dnes Tuch gewick­elt in ein Kästchen leg­en und befahl dem Mäd­chen, das Kästchen in die See zu tra­gen. Das Mäd­chen hat­te aber Mitleid mit dem schö­nen Knäblein, trug es gegen Abend auf den Kirch­hof und legte es auf das let­zte frische Grab, worin die Frau des Kauf­mannes lag. Der Sul­tanin wurde gesagt, das Kind sei tot auf die Welt gekom­men und sofort begraben worden.

Es dauerte nicht lange, da kam der Kauf­mann, um nach sein­er Gewohn­heit an dem Grabe zu beten. Als er das Kästchen sah, öffnete er es neugierig, da lachte ihm das Knäblein hold­selig ent­ge­gen. Ach, sprach er, meine Frau schenkt mir im Grabe noch ein Kind, damit ich nicht allein sei, und er küsste das Kind wie sein eignes und trug es voller Freude mit sich nach Haus. Dort nahm er dem Kinde eine Amme und als es größer wurde, ließ er es in allem Möglichen unter­richt­en. Also wurde das Kind zum der Knabe zum Jüngling und der Kauf­mann hat­te ihn so lieb, dass er keinen Augen­blick ohne ihn sein konnte.

Eines Tages wollte der Kauf­mann eine große Reise machen, worauf ihn der Jüngling begleit­en sollte. Er ließ ein Schiff aus­rüsten und fuhr eines Mor­gens mit gün­stigem Wind ab. Es dauerte aber nicht lange, da erhob sich ein schreck­lich­er Sturm, so dass die Wellen haushoch gin­gen und das Schiff so lang herumwar­fen, bis es an einen Felsen fuhr und zertrüm­merte. Die ganze Mannschaft und all die kost­baren Güter, wom­it es beladen war, gin­gen zu Grunde. Der Kauf­mann und der Jüngling ret­teten sich mit viel­er Not und Mühe an einem Balken, welch­er eine Zeit­lang auf der See umher­trieb und dann an ein­er Insel ans Land gewor­fen wurde. Da standen sie nun arm und ein­sam auf der Insel und hat­ten nichts, als ihr Leben und ein paar Kräuter, welche da wuch­sen. Sie hat­ten aber einen Schatz mit sich gerettet, der war sehr groß und das war ihr Ver­trauen auf Gott, das hielt sie aufrecht, dass sie nicht verza­gten. Sie baut­en sich aus dür­rem Holz eine Hütte, darin wohn­ten sie. Dann höhlten sie einen Baum­stamm zum Kahne aus und macht­en sich ein Netz, und jeden Tag fuhr der Jüngling auf das Meer hin­aus und fing Fis­che, davon lebten sie.

Eines Tages hat­te der Jüngling sich weit­er als son­st in die See gewagt, da sah er von ferne ein schönes goldnes Schif­flein her­ankom­men, darin saßen drei Jungfrauen, welche spiel­ten und san­gen. Die eine trug eine Kro­ne auf dem Haupt und war über die Maßen schön, die bei­den andern waren ihre Diener­in­nen. Der Fährmann kan­nte aber die See an der Stelle schlecht, denn da war ein ver­bor­gen­er Felsen. Das Schif­flein fuhr mit vollen Segeln gegen den Stein an und brach, so dass alle ins Meer stürzten. Der Jüngling sprang sogle­ich aus seinem Boot und ret­tete zuerst die Königstochter, dann die bei­den Diener­in­nen, der Fährmann war unter den Wellen begraben wor­den. Die schöne Jungfrau war lauter Dank und wollte ihren Ret­ter mit Gold über­häufen lassen, wenn er nur mit ihr in ihr Schloss ging, er nahm aber nichts an, als nur eine goldne Blume, welche sie in der Hand hielt. Da sprach sie: Willst du weit­er nichts, so gewähre mir noch eins und bringe uns jeden Tag Fis­che in das Schloss.“ Das sagte sie aber, weil sie den schö­nen Jüngling gern öfter gese­hen hätte. Er willigte sogle­ich in ihre Bitte, denn sie gefiel auch ihm gar zu gut und er hätte sie nicht gern zum let­zten Mal gese­hen. Als sie an das Land kamen und an dem Garten des Schloss­es anlangten, erkan­nte der Jüngling, dass es das Schloss der Stadt war, wo er mit dem Kauf­mann gewohnt hat­te. Er sagte es seinem Pflegevater und fragte ihn, ob er nicht nach Hause zurück­kehren wolle, doch der sprach: Da wir mit unserm Schiffe Alles ver­loren haben, so sind wir zu Hause arm, hier aber auf unser­er Insel reich; lass uns hier bleiben.“ Dem Jüngling war das ganz recht, denn nun kon­nte er ungestört jeden Tag die schöne Königstochter sehen. Es ver­hielt sich aber also mit ihr. Als die Sul­tanin ihres Kindes so schmäh­lich beraubt wor­den war, ver­lor sie alle Lust am Regieren und über­gab das Land dem Brud­er ihres Mannes, welch­er eine schöne Tochter hat­te. Diese erzog sie und lehrte sie alle schö­nen Kün­ste, Tanz und Musik und Gesang; das war aber die Jungfrau, welche der Jüngling gerettet hatte.

Jeden Tag zog er nun auf den Fis­chfang aus und brachte die schön­sten Fis­che in den Schloss­garten, wo die Diener­in­nen der Prinzessin sie ihm abnah­men. Während sie diesel­ben ins Schloss tru­gen, saß er bei der Königstochter. Sie erzählten sich Anfangs nur ihre Geschichte, bald aber erzählte ihr der Jüngling auch, wie er sie vom ersten Augen­blick, wo er sie gese­hen, in sein Herz geschlossen habe und so liebe, dass er ohne sie nicht leben könne. Da ges­tand sie ihm, dass auch sie ihn über Alles liebe und also waren sie ein Herz und eine Seele. Die Diener­in­nen merk­ten wohl, was vorg­ing, doch sie ver­ri­eten es nicht, weil sie die Prinzessin und den schö­nen Jüngling zu lieb hat­ten, als dass sie Bei­de hät­ten unglück­lich machen sollen. Da kam aber eines Mor­gens die Sul­tanin daher gegan­gen, um zu sehen, wo die Prinzessin sei, und da die Bei­den so in ihr Gespräch ver­tieft waren, dass sie nichts hörten und sahen, so kon­nte sie ungestört Alles abhorchen. Plöt­zlich stand sie vor ihnen, so dass der arme Jüngling nicht mehr ent­fliehen kon­nte. Sie hielt ihn fest, und wink­te den Schildwachen, welche auf den Mauern standen; diese stürzten hinzu und führten ihn mit der Prinzessin in ein Gefäng­nis, jedes in seine eigne Zelle.

Am drit­ten Tage nach­her war das Ver­hör. Zuerst wurde der Jüngling vor das Gericht geführt und die Sul­tanin saß sel­ber dabei. Er solle vor Allem sagen, wer er sei, da fing er an, seine Geschichte zu erzählen, wie er in einem schö­nen Kästchen auf dem Grabe der Frau des Kauf­mannes gefun­den wor­den sei. Das Tuch wor­ein er gewick­elt gewe­sen war trug er seit sein­er ersten Jugend stets auf der Brust bei sich; das zog er nun her­aus und sprach: Dieses Tuch war meine Windel und das ist neben der gold­nen Blume der Prinzessin mein kost­barstes Gut.“ Als er aber in sein­er Erzäh­lung fort­fahren wollte, schrie die Sul­tanin plöt­zlich: Schweige und lass mich ein­mal das Tuch sehen.“ Da gab er ihr das­selbe und kaum hat­te sie es näher betra­chtet, da erkan­nte sie ihrer eignen Hände Arbeit, stürzte auf den Jüngling zu und rief: Ach mein lieb­ster Sohn, du bist ja mein lieb­ster Sohn!“ Der Jüngling wusste nicht, was er dazu sagen sollte, da befahl sie den Richtern nach Hause zu gehen und nahm den Jüngling mit sich in ihren Palast. Sogle­ich musste die Hebamme her­bei; als die Sul­tanin sie bedro­hte, bekan­nte sie, dass sie das Kind dem Mäd­chen gegeben habe. Da wurde auch das Mäd­chen geholt und bedro­ht, und es bekan­nte, dass es das Kind ins Wass­er hätte wer­fen sollen, aber statt dessen es in ein feines Tuch gewick­elt in ein Kästchen gelegt und auf ein frisches Grab gestellt hätte. Statt des Jünglings wurde nun der böse Min­is­ter in das Gefäng­nis gewor­fen, die Jungfrau aber aus dem­sel­ben erlöst und noch am sel­ben Mor­gen die Ver­lobung gehal­ten. Dann kehrte der Jüngling in einem großen und prächti­gen Schiffe zu der Insel zurück und holte seinen Pflegevater ab, welch­er sofort die Stelle des ersten Min­is­ters erhielt, der alte Min­is­ter aber wurde enthauptet. Der Brud­er des ver­stor­be­nen Sul­tans entsagte nun frei­willig der Regierung und statt sein­er bestieg der Jüngling den Thron.