Das Kind im Grabe

von Hans Christian Andersen

~9 Min

Trauer erfüllte das Haus, Trauer die Herzen; das jüng­ste Kind, ein Knabe von vier Jahren, die Freude und Hoff­nung der Eltern, war gestor­ben. Es blieben ihnen zwar noch zwei Töchter, von denen die älteste ger­ade kon­fir­miert wer­den sollte, brave, her­rliche Mäd­chen bei­de, aber das Kind, das man ver­loren hat, ist doch immer das lieb­ste, und hier war es das jüng­ste und ein Sohn. Es war eine schwere Prü­fung. Die Schwest­ern trauerten, wie es junge Herzen tun, und waren namentlich von dem Schmerz der Eltern ergrif­f­en, der Vater war tief gebeugt, die Mut­ter aber von dem großen Kum­mer über­wältigt. Tag und Nacht war sie um das kranke Kind gewe­sen, hat­te es gepflegt, gehoben, getra­gen; sie hat­te gefühlt, wie es ein Teil ihrer selb­st war. Sie kon­nte es nicht fassen, daß das Kind tot war, daß es in den Sarg gelegt wer­den und im Grabe ruhen sollte. Gott könne ihr dies Kind nicht nehmen, hat­te sie gemeint, und als es doch so geschah und kein Zweifel mehr darüber aufkom­men kon­nte, da sprach sie in ihrem krankhaften Schmerz: Gott hat es nicht gewußt; er hat her­zlose Diener hier auf Erden, die nach eigen­em Gut­dünken ver­fahren, die die Gebete ein­er Mut­ter nicht beacht­en.” Sie ließ in ihrem Schmerz von Gott ab, und siehe, da kamen fin­stere Gedanken, die Gedanken des Todes, des ewigen Todes her­auf, daß der Men­sch Erde in der Erde wer­den und daß damit alles vor­bei sei. Bei solchen Gedanken hat­te sie aber keinen Halt, nichts, an das sie sich anklam­mern kon­nte, und die ver­sank in das boden­lose Nichts der Verzweiflung.

In den schw­er­sten Stun­den kon­nte sie nicht mehr weinen, sie dachte nicht an die jun­gen Töchter, die sie noch besaß; die Trä­nen des Mannes fie­len auf ihre Stirn, aber sie blick­te ihn nicht an; ihre Gedanken waren bei dem toten Kind, ihr ganzes Sin­nen und Tra­cht­en war nur darauf gerichtet, jede Erin­nerung an den Kleinen, jedes sein­er unschuldigen Kindesworte zurückzurufen.

Der Tag der Beerdi­gung kam her­an; Nächte vorher hat­te die Mut­ter nicht geschlafen; in der Mor­gendäm­merung dieses Tages aber schlum­merte sie, von Müdigkeit über­wältigt, ein wenig ein; unter­dessen trug man den Sarg in ein abgele­genes Zim­mer, und dort wurde er zuge­nagelt, damit sie den Schlag des Ham­mers nicht höre.

Als sie erwachte und ihr Kind sehen wollte, sagte der Mann unter Trä­nen: Wir haben den Sarg geschlossen; es mußte geschehen.”

Wenn Gott hart gegen mich ist, wie soll­ten die Men­schen dann bess­er sein?” rief sie unter Schluchzen und Tränen.

Der Sarg wurde zu Grabe getra­gen; die untröstliche Mut­ter saß bei ihren jun­gen Töchtern; sie sah die Töchter an und sah sie doch nicht, ihre Gedanken hat­ten nun­mehr nichts am heimatlichen Herd zu schaf­fen, sie gab sich dem Kum­mer hin, und dieser warf sie ruh­e­los hin und her wie die See ein Schiff ohne Rud­er und Führer. So ver­strich der Tag des Begräb­niss­es, und ähn­liche Tage, voll des dumpfen, las­ten­den Schmerzes, fol­gten. Mit feucht­en Augen und betrübten Blick­en betra­chteten die trauern­den Töchter und der gebeugte Mann sie, die ihre Trost­worte nicht hörte, und was kon­nten sie ihr auch zum Trost sagen, waren sie doch sel­ber schw­er gebeugt.

Es war, als ken­nte sie den Schlaf nicht mehr, und der allein wäre doch jet­zt ihr bester Fre­und gewe­sen, hätte den Kör­p­er gestärkt, Friede in die Seele gegossen; man überre­dete sie, das Lager aufzusuchen, und sie lag auch still dort, wie eine Schlafende. Eines Nachts lauschte der Mann, wie so oft, ihrem Atemzug und war überzeugt, daß sie nun Ruhe und Erle­ichterung gefun­den habe; er fal­tete betend die Hände und schlief bald sel­ber gesund und fest ein, merk­te nicht, wie die Frau sich erhob, ihre Klei­der über sich warf und still aus dem Hause schlich, um dor­thin zu gelan­gen, wo ihre Gedanken bei Tag und bei Nacht weil­ten, zu dem Grab, das ihr Kind barg. Sie schritt durch den Garten des Haus­es, über die Felder, wo ein Pfad zum Fried­hof führte; nie­mand sah sie auf ihrem Gang, sie hätte auch nie­man­den erblickt, ihr Auge war starr nur auf das eine Ziel gerichtet.

Es war eine her­rliche, ster­nen­klare Nacht; die Luft war noch mild, es war Anfang Sep­tem­ber. Sie betrat den Kirch­hof, sie stand an dem kleinen Grab, das gle­ich­sam nur ein großer Strauß von duf­ten­den Blu­men war. Sie set­zte sich hin und beugte ihr Haupt tief über das Grab, als kon­nte sie durch die feste Erden­schicht hin­durch ihr Knäblein schauen, dessen Lächeln ihr doch so leb­haft vorschwebte, dessen liebevoller Aus­druck der Augen, selb­st auf dem Kranken­lager, ja nim­mer zu vergessen war; wie sprechend war sein Blick gewe­sen, wenn sie sich über ihn beugte und seine zarte Hand ergriff, die er sel­ber nicht mehr erheben kon­nte. Wie sie an seinem Lager gesessen hat­te, so saß sie jet­zt an seinem Grabe, nur daß ihre Trä­nen hier freien Lauf hat­ten; sie fie­len auf das Grab.

Du möcht­est zu deinem Kinde hinab”, sprach eine Stimme ganz in ihrer Nähe; sie tönte so klar, so tief, sie klang ihr ins Herz hinein. Sie schaute empor, und neben ihr stand ein Mann, in einem schwarzen Man­tel gehüllt, die Kapuze tief über den Kopf gezo­gen; aber sie blick­te hin­auf und in sein Gesicht unter der Kapuze hinein, es war streng, aber doch Zutrauen erweck­end, seine Augen strahlten mit dem Glanz der Jugend.

Hinab zu meinem Kinde!” wieder­holte sie, und eine Bitte der Verzwei­flung sprach aus ihren Worten.

Getraust du dich, mir zu fol­gen?” fragte die Gestalt. Ich bin der Tod.”

Und sie senkt beja­hend ihr Haupt. Da war es in einem Nu, als leuchteten droben die Sterne alle mit dem Glanz des Voll­mondes, sie sah die bunte Far­ben­pracht der Blu­men auf dem Grab, die Erd­decke hier gab san­ft und allmäh­lich nach wie ein schweben­des Tuch, sie sank, und die Gestalt deck­te sie mit dem schwarzen Man­tel zu; es ward Nacht, die Nacht des Todes, sie sank tiefer, als der Spat­en ein­drin­gen kann. Der Kirch­hof lag wie ein Dach über ihrem Haupt.

Der Zipfel des Man­tels glitt herunter, sie stand in ein­er mächti­gen Halle, die sich groß und fre­undlich aus­dehnte. Däm­merung herrschte ring­sum, aber in dem­sel­ben Augen­blick lag ihr Kind eng an ihr Herz geschmiegt, ihr zulächel­nd, und zwar in ein­er Schön­heit, wie sie es noch nie zuvor gese­hen hat­te. Sie stieß einen Schrei aus, doch ward der­selbe nicht hör­bar, denn ganz nahe und dann wieder weit ent­fer­nt und wieder ihr näher tönte eine her­rliche, lieblich schwellende Musik; noch nie hat­ten solche seligstim­menden Töne ihr Ohr erre­icht; sie tön­ten jen­seits des nachtschwarzen, dicht­en Vorhangs, der die Halle von dem großen Land der Ewigkeit trennte.

Meine süße, meine Herzens­mut­ter”, hörte sie ihr Kind sprechen. Es war die bekan­nte, geliebte Stimme, und Kuß fol­gte auf Kuß in unendlich­er Glück­seligkeit; und das Kind deutete auf den dun­klen Vorhang. So schön ist es doch nicht auf Erden! Siehst du, Mut­ter, siehst du sie alle? Oh, welche Seligkeit!”

Aber die Mut­ter sah nichts dort, wohin das Kind zeigte, nichts als fin­stere Nacht; sie sah mit irdis­chen Augen, sah nicht wie das Kind, welch­es Gott zu sich gerufen hat­te, sie hörte auch nur den Klang der Musik, die Töne, allein sie ver­nahm das Wort nicht, das Wort, an das sie zu glauben hatte.

Jet­zt kann ich fliegen, Mut­ter, fliegen mit all den anderen fröh­lichen Kindern, ganz dort hinein zu Gott. Ich möchte es so gerne; wenn du aber weinst, wie du jet­zt weinst, kön­nte ich dir ver­loren gehen, und ich möchte doch so gerne! Nicht wahr, ich darf fliegen? Du wirst ja doch recht bald zu mir dort hineinkom­men, liebe Mutter!”

O bleibe, o bleibe!” sprach die Mut­ter, nur noch einen Augen­blick, nur noch ein einziges Mal möchte ich dich anschauen, dich küssen, dich in meine Arme drück­en.” Und sie küßte und herzte das Kind. Da tönte ihr Name von oben her, wie kla­gend tönte er. Was das doch sein mochte? Hörst du”, sagte das Kind, der Vater ist es, der dich ruft.” Und wiederum, nach weni­gen Augen­blick­en, wur­den tiefe Seufz­er laut wie von weinen­den Kindern. Es sind meine Schwest­ern”, sagte das Kind, Mut­ter, du hast sie doch nicht vergessen?”

Und sie erin­nerte sich der Zurück­ge­bliebe­nen. Angst überkam sie, sie schaute in den Raum hin­aus, und immer schwebten Gestal­ten vorüber. Sie glaubte einige der­sel­ben zu erken­nen, sie schwebten durch die Halle des Todes auf den dun­klen Vorhang zu, dort ver­schwan­den sie. Ob wohl ihr Mann, ihre Töchter auch vorüber­schweben wür­den? Nein, ihr Rufen, ihre Seufz­er tön­ten noch von dort oben her, fast hätte sie sie über den Toten ganz vergessen.

Mut­ter, jet­zt läuten die Glock­en des Him­mel­re­ichs”, sagte das Kind, Mut­ter, jet­zt geht die Sonne auf!”

Und ein über­wälti­gen­des Licht strömte auf sie ein — das Kind war ver­schwun­den, und sie wurde in die Höhe getra­gen; es ward kalt rings um sie, sie erhob den Kopf und gewahrte, daß sie auf dem Fried­hof lag, auf dem Grabe ihres Kindes. Allein Gott war im Traum eine Stütze für ihren Fuß gewor­den, ein Licht für ihren Ver­stand; sie beugte ihr Knie und betete:

Herr, mein Gott! Vergib mir, daß ich eine ewige Seele von ihrem Flug zurück­hal­ten wollte, daß ich meine Pflicht­en ver­gaß gegen die Leben­den, die du mir hier geschenkt hast!”

Und bei diesen Worten war es, als finde ihr Herz Erle­ichterung. Da brach die Sonne her­vor, ein Vöglein sang über ihrem Haupt, und die Kirchen­glock­en läuteten zum Früh­gottes­di­enst. Alles ward heilig um sie her, gewei­ht wie in ihrem Herzen. Sie erkan­nte ihren Gott, sie erkan­nte ihre Pflicht­en, und mit Sehn­sucht eilte sie nach Hause. Sie beugte sich über ihren noch schlum­mern­den Gat­ten, ihr warmer, inniger Kuß weck­te ihn, und Worte des Herzens und der Innigkeit flossen von bei­der Lip­pen; und sie war stark und mild, wie es sie Gat­tin sein kann, von ihr kam der Quell des Trostes: Das Beste stets ist Gottes Wille.” Und der Mann fragte sie: Woher kam dir auf ein­mal diese Kraft, dieser trös­ten­den Sinn?” Und sie küßte ihn und küßte ihre Kinder: Sie kamen mir von Gott, durch das Kind im Grabe!”