Das kalte Herz

von Wilhelm Hauff

~83 Min

Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, auch ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen; nicht der Bäume wegen, obgle­ich man nicht über­all solch uner­meßliche Menge her­rlich aufgeschossen­er Tan­nen find­et, son­dern wegen der Leute, die sich von den andern Men­schen ring­sumher merk­würdig unter­schei­den. Sie sind größer als gewöhn­liche Men­schen, bre­itschul­trig, von starken Gliedern, und es ist, als ob der stärk­ende Duft, der mor­gens durch die Tan­nen strömt, ihnen von Jugend auf einen freieren Atem, ein klar­eres Auge und einen fes­teren, wenn auch rauheren Mut als den Bewohn­ern der Strom­täler und Ebe­nen gegeben hätte. Und nicht nur durch Hal­tung und Wuchs, auch durch ihre Sit­ten und Tra­cht­en son­dern sie sich von den Leuten, die außer­halb des Waldes wohnen, streng ab. Am schön­sten klei­den sich die Bewohn­er des baden­schen Schwarzwaldes; die Män­ner lassen den Bart wach­sen, wie er von Natur dem Mann ums Kinn gegeben ist; ihre schwarzen Wämser, ihre unge­heuren, engge­fal­teten Pluder­ho­sen, ihre roten Strümpfe und die spitzen Hüte, von ein­er weit­en Scheibe umgeben, ver­lei­hen ihnen etwas Frem­dar­tiges, aber etwas Ern­stes, Ehrwürdi­ges. Dort beschäfti­gen sich die Leute gewöhn­lich mit Glas­machen; auch ver­fer­ti­gen sie Uhren und tra­gen sie in der hal­ben Welt umher.

Auf der andern Seite des Waldes wohnt ein Teil des­sel­ben Stammes, aber ihre Arbeit­en haben ihnen andere Sit­ten und Gewohn­heit­en gegeben als den Glas­mach­ern. Sie han­deln mit ihrem Wald; sie fällen und behauen ihre Tan­nen, flößen sie durch die Nagold in den Neckar und von dem oberen Neckar den Rhein hinab, bis weit hinein nach Hol­land, und am Meer ken­nt man die Schwarzwälder und ihre lan­gen Flöße; sie hal­ten an jed­er Stadt, die am Strom liegt, an und erwarten stolz, ob man ihnen Balken und Bret­ter abkaufen werde; ihre stärk­sten und läng­sten Balken aber ver­han­deln sie um schw­eres Geld an die Myn­heers, welche Schiffe daraus bauen. Diese Men­schen nun sind an ein rauh­es, wan­dern­des Leben gewöh­nt. Ihre Freude ist, auf ihrem Holz die Ströme hin­abz­u­fahren, ihr Leid, am Ufer wieder her­aufzuwan­deln. Darum ist auch ihr Prach­tanzug so ver­schieden von dem der Glas­män­ner im andern Teil des Schwarzwaldes. Sie tra­gen Wämser von dun­kler Lein­wand, einen hand­bre­it­en grü­nen Hosen­träger über die bre­ite Brust, Bein­klei­der von schwarzem Led­er, aus deren Tasche ein Zoll­stab von Mess­ing wie ein Ehren­ze­ichen her­vorschaut; ihr Stolz und ihre Freude aber sind ihre Stiefel, die größten wahrschein­lich, welche auf irgen­deinem Teil der Erde Mode sind; denn sie kön­nen zwei Span­nen weit über das Knie hin­aufge­zo­gen wer­den, und die »Flöz­er« kön­nen damit in drei Schuh tiefem Wass­er umher­wan­deln, ohne sich die Füße naß zu machen. 

Noch vor kurz­er Zeit glaubten die Bewohn­er dieses Waldes an Waldgeis­ter, und erst in neuer­er Zeit hat man ihnen diesen töricht­en Aber­glauben benehmen kön­nen. Son­der­bar ist es aber, daß auch die Waldgeis­ter, die der Sage nach im Schwarzwalde hausen, in diese ver­schiede­nen Tra­cht­en sich geteilt haben. So hat man ver­sichert, daß das »Glas­männlein«, ein gutes Geistchen von dreiein­halb Fuß Höhe, sich nie anders zeige als in einem spitzen Hütlein mit großem Rand, mit Wams und Pluder­höschen und roten Strümpfchen. Der Hol­län­der-Michel aber, der auf der anderen Seite des Waldes umge­ht, soll ein riesen­großer, bre­itschul­triger Kerl in der Klei­dung der Flöz­er sein, und mehrere, die ihn gese­hen haben wollen, ver­sich­ern, daß sie die Käl­ber nicht aus ihrem Beu­tel bezahlen möcht­en, deren Felle man zu seinen Stiefeln brauchen würde. »So groß, daß ein gewöhn­lich­er Mann bis an den Hals hine­in­ste­hen kön­nte«, sagten sie und woll­ten nichts über­trieben haben.

Mit diesen Waldgeis­tern soll ein­mal ein junger Schwarzwälder eine son­der­bare Geschichte gehabt haben, die ich erza­̈hlen will. Es lebte näm­lich im Schwarzwald eine Witwe, Frau Bar­bara Munkin; ihr Gat­te war Kohlen­bren­ner gewe­sen, und nach seinem Tode hielt sie ihren sechzehn­jähri­gen Knaben nach und nach zu dem­sel­ben Geschäft an. 

Der junge Peter Munk, ein schlanker Bursche, ließ es sich gefall­en, weil er es bei seinem Vater auch nicht anders gese­hen hat­te, die ganze Woche über am rauchen­den Meil­er zu sitzen oder, schwarz und berußt und den Leuten ein Abscheu, hinab in die Städte zu fahren und seine Kohlen zu verkaufen. Aber ein Köh­ler hat viel Zeit zum Nach­denken über sich und andere, und wenn Peter Munk an seinem Meil­er saß, stimmten die dun­klen Bäume umher und die tiefe Waldesstille sein Herz zu Trä­nen und unbe­wußter Sehn­sucht. Es betrübte ihn etwas, es ärg­erte ihn etwas, er wußte nicht recht was. Endlich merk­te er sich ab, was ihn ärg­erte, und das war sein Stand. »Ein schwarz­er, ein­samer Kohlen­bren­ner!« sagte er sich. »Es ist ein elend Leben. Wie ange­se­hen sind die Glas­män­ner, die Uhrma­ch­er, selb­st die Musikan­ten am Son­ntag abends! Und wenn Peter Munk, rein gewaschen und geputzt, in des Vaters Ehren­wams mit sil­ber­nen Knöpfen und mit nagel­neuen roten Strümpfen erscheint, und wenn dann ein­er hin­ter mir herge­ht und denkt, wer ist wohl der schlanke Bursche? und lobt bei sich die Strümpfe und meinen stat­tlichen Gang sieh, wenn er vorüberge­ht und schaut sich um, sagt er gewiß: Ach, es ist nur der Kohlenmunk-Peter.’« 

Auch die Flöz­er auf der andern Seite waren ein Gegen­stand seines Nei­des. Wenn diese Waldriesen.herüberkamen, mit stat­tlichen Klei­dern, und an Knöpfen, Schnallen und Ket­ten einen hal­ben Zent­ner Sil­ber auf dem Leib tru­gen, wenn sie mit aus­ge­spreizten Beinen und vornehmen Gesichtern dem Tanz zuschaut­en, hol­ländisch flucht­en und wie die vornehm­sten Myn­heers aus ellen­lan­gen köl­nis­chen Pfeifen raucht­en, da stellte er sich als das vol­len­det­ste Bild eines glück­lichen Men­schen solch einen Flöz­er vor. Und wenn diese Glück­lichen dann erst in die Taschen fuhren, ganze Hände voll großer Taler her­aus­langten und um Sechs­bätzn­er wür­fel­ten, fünf Gulden hin, zehn her, so woll­ten ihm die Sinne verge­hen, und er schlich trüb­selig nach sein­er Hütte; denn an manchem Feiertagabend hat­te er einen oder den andern dieser »Holzher­ren« mehr ver­spie­len sehen, als der arme Vater Munk in einem Jahr ver­di­ente. Es waren vorzüglich drei dieser Män­ner, von welchen er nicht wußte, welchen er am meis­ten bewun­dern sollte. Der eine war ein dick­er, großer Mann mit rotem Gesicht und galt für den reich­sten Mann in der Runde. Man hieß ihn den dick­en Ezechiel. Er reiste alle Jahre zweimal mit Bauholz nach Ams­ter­dam und hat­te das Glück, es immer um so viel teur­er als andere zu verkaufen, daß er, wenn die übri­gen zu Fuß heimgin­gen, stat­tlich her­auf­fahren kon­nte. Der andere war der läng­ste und mager­ste Men­sch im ganzen Wald, man nan­nte ihn den lan­gen Schlurk­er, und diesen benei­dete Munk wegen sein­er aus­nehmenden Kühn­heit; er wider­sprach den ange­se­hen­sten Leuten, brauchte, wenn man noch so gedrängt im Wirtshaus saß, mehr Platz als vier der Dick­sten; denn er stützte entwed­er bei­de Ell­bo­gen auf den Tisch oder zog eines sein­er lan­gen Beine zu sich auf die Bank, und doch wagte ihm kein­er zu wider­sprechen, denn er hat­te unmen­schlich viel Geld. Der dritte war ein schön­er junger Mann, der am besten tanzte weit und bre­it und daher den Namen Tanz­bo­denkönig hat­te. Er war ein armer Men­sch gewe­sen und hat­te bei einem Holzher­rn als Knecht gedi­ent; da wurde er auf ein­mal stein­re­ich; die einen sagten, er habe unter ein­er alten Tanne einen Topf voll Geld gefun­den, die andern behaupteten, er habe unweit Bin­gen im Rhein mit der Stech­stange, wom­it die Flöz­er zuweilen nach den Fis­chen stechen, einen Pack mit Gold­stück­en her­aufge­fis­cht, und der Pack gehöre zu dem großen Nibelun­gen­hort, der dort ver­graben liegt; kurz, er war auf ein­mal reich gewor­den und wurde von jung und alt ange­se­hen wie ein Prinz.

An diese drei Män­ner dachte Kohlen­munk-Peter oft, wenn er ein­sam im Tan­nen­wald saß. Zwar hat­ten alle drei einen Haupt­fehler, der sie bei den Leuten ver­haßt machte, es war dies ihr unmen­schlich­er Geiz, ihre Gefüh­llosigkeit gegen Schuld­ner und Arme; denn die Schwarzwälder sind ein gut­mütiges Völk­lein; aber man weiß, wie es mit solchen Din­gen geht; waren sie auch wegen ihres Geizes ver­haßt, so standen sie doch wegen ihres Geldes in Anse­hen; denn wer kon­nte Taler weg­w­er­fen wie sie, als ob man das Geld von den Tan­nen schüttelte? 

»So geht es nicht mehr weit­er«, sagte Peter eines Tages schmer­zlich betrübt zu sich, denn tags zuvor war Feiertag gewe­sen und alles Volk in der Schenke, »wenn ich nicht bald auf den grü­nen Zweig komme, so tu ich mir etwas zuleid; wär’ich doch nur so ange­se­hen und reich wie der dicke Ezechiel oder so kühn und so gewaltig wie der lange Schlurk­er oder so berühmt und kön­nte den Musikan­ten Taler statt Kreuzer zuw­er­fen wie der Tanz­bo­denkönig! Wo nur der Bursche das Geld her hat?« Aller­lei Mit­tel ging er durch, wie man sich Geld erwer­ben könne, aber keines wollte ihm gefall­en; endlich fie­len ihm auch die Sagen von Leuten ein, die vor alten Zeit­en durch den Hol­län­der-NEchel und durch das Glas­männlein reich gewor­den waren. Solang’ sein Vater noch lebte, kamen oft andere arme Leute zu Besuch, und da wurde oft lang und bre­it von reichen Men­schen gesprochen, und wie sie reich gewor­den; da spielte nun oft das Glas­männlein eine Rolle; ja, wenn er recht nach­sann, kon­nte er sich beina­he noch des Ver­sleins erin­nern, das man am Tan­nen­bühl in der Mitte des Waldes sprechen mußte, wenn es erscheinen sollte. Es fing an: 

»Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, Bist schon viel hun­dert Jahre alt,
Dir gehört all Land, wo Tan­nen stehn« 

Aber er mochte sein Gedächt­nis anstren­gen, wie er wollte, weit­er kon­nte er sich keines Vers­es mehr entsin­nen. Er dachte oft, ob er nicht diesen oder jenen alten Mann fra­gen sollte, wie das Sprüch­lein heiße; aber immer hielt ihn eine gewisse Scheu, seine Gedanken zu ver­rat­en, ab, auch schloß er, es müsse die Sage vom Glas­männlein nicht sehr bekan­nt sein und den Spruch müssen nur wenige wis­sen; denn es gab nicht viele reiche Leute im Wald, und warum hat­ten denn nicht sein Vater und die andern armen Leute ihr Glück ver­sucht? Er brachte endlich ein­mal seine Mut­ter auf das Männlein zu sprechen, und diese erza­̈hlte ihm, was er schon wußte, kan­nte auch nur noch die erste Zeile von dem Spruch und sagte ihm endlich, nur Leuten, die an einem Son­ntag zwis­chen elf und zwei Uhr geboren seien, zeige sich das Geistchen. Er selb­st würde wohl dazu passen, wenn er nur das Sprüch­lein wüßte; denn er sei Son­ntags mit­tags zwölf Uhr geboren. 

Als dies der Kohlen­munk-Peter hörte, war er vor Freude und vor Begierde, dies Aben­teuer zu unternehmen, beina­he außer sich. Es schien ihm hin­länglich, einen Teil des Sprüch­leins zu wis­sen und am Son­ntag geboren zu sein, und Glas­männlein mußten sich ihm zeigen. Als er daher eines Tages seine Kohlen verkauft hat­te, zün­dete er keinen neuen Meil­er an, son­dern zog seines Vaters Staatswams und neue rote Strümpfe an, set­zte den Son­ntagshut auf, faßte seinen fünf Fuß hohen Schwarz­dorn­stock in die Hand und nahm von der Mut­ter Abschied: »Ich muß aufs Amt in die Stadt, denn wir wer­den bald spie­len müssen, wer Sol­dat wird, und da will ich dem Amt­mann nur noch ein­mal ein­schär­fen, daß Ihr Witwe seid und ich Euer einziger Sohn.« Die Mut­ter lobte seinen Entschluß, er aber machte sich auf nach dem Tan­nen­bühl. Der Tan­nen­bühl liegt auf der höch­sten Höhe des Schwarzwaldes, und auf zwei Stun­den im Umkreis stand damals kein Dorf, ja nicht ein­mal eine Hütte; denn die aber­gläu­bis­chen Leute mein­ten, es sei dort unsich­er. Man schlug auch, so hoch und prachtvoll dort die Tan­nen standen, ungern Holz in jen­em Revi­er; denn oft waren den Holzhauern, wenn sie dort arbeit­eten, die Äxte vom Stiel gesprun­gen und in den Fuß gefahren, oder die Bäume waren schnell umges­türzt und hat­ten die Män­ner mit umgeris­sen und beschädigt oder gar getötet; auch hätte man die schön­sten Bäume von dorther nur zu Brennholz brauchen kön­nen, denn die Floßher­ren nah­men nie einen Stamm aus dem Tan­nen­bühl unter ein Floß auf, weil die Sage ging, daß Mann und Holz verunglücke, wenn ein Tan­nen­büh­ler mit im Wass­er sei. Daher kam es, daß im Tan­nen­bühl die Bäume so dicht und so hoch standen, daß es am hellen Tag beina­he Nacht war, und Peter Munk wurde es ganz schau­rig dort zumute; denn er hörte keine Stimme, keinen Tritt als den seini­gen, keine Axt; selb­st die Vögel schienen diese dichte Tan­nen­nacht zu vermeiden.

Kohlen­munk-Peter hat­te jet­zt den höch­sten Punkt des Tan­nen­bühls erre­icht und stand vor ein­er Tanne von unge­heurem Umfang, um die ein hol­ländis­ch­er Schiff­sh­err an Ort und Stelle viele hun­dert Gulden gegeben hätte. »Hier«, dachte er, »wird wohl der Schatzhauser wohnen«, zog seinen großen Son­ntagshut, machte vor dem Baum eine tiefe Ver­beu­gung, räus­perte sich und sprach mit zit­tern­der Stimme: »Wün­sche glück­seli­gen Abend, Herr Glas­mann.« Aber es erfol­gte keine Antwort, und alles umher war so still wie zuvor. »Vielle­icht muß ich doch das Ver­slein sprechen«, dachte er weit­er und murmelte: 

»Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, Bist schon viel hun­dert Jahre alt,
Dir gehört all Land, wo Tan­nen stehn« 

Indem er diese Worte sprach, sah er zu seinem großen Schrekken eine ganz kleine, son­der­bare Gestalt hin­ter der dick­en Tanne her­vorschauen; es war ihm, als habe er das Glas­männlein gese­hen, wie man es beschrieben, das schwarze Wäm­schen, die roten Strümpfchen, das Hütchen, alles war so, selb­st das blasse, aber feine und kluge Gesichtchen, wovon man erza­̈hlte, glaubte er gese­hen zu haben. Aber ach, so schnell es her­vorgeschaut hat­te, das Glas­männlein, so schnell war es auch wieder ver­schwun­den! »Herr Glas­mann«, rief nach einigem Zögern Peter Munk, »seid so gütig und hal­tet mich nicht zum Nar­ren. Herr Glas­mann, wenn Ihr meint, ich habe Euch nicht gese­hen, so täuschet Ihr Euch sehr, ich sah Euch wohl hin­ter dem Baum her­vorguck­en.« Immer keine Antwort, nur zuweilen glaubte er ein leis­es, heis­eres Kich­ern hin­ter dem Baum zu vernehmen. Endlich über­wand seine Ungeduld die Furcht, die ihn bis jet­zt noch abge­hal­ten hat­te. »Warte, du klein­er Bursche«, rief er, »dich will ich bald haben!«, sprang mit einem Satz hin­ter die Tanne, aber da war kein Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, und nur ein kleines, zier­lich­es Eich­hörnchen jagte an dem Baum hinauf. 

Peter Munk schüt­telte den Kopf; er sah ein, daß er die Beschwörung bis auf einen gewis­sen Grad gebracht habe und daß ihm vielle­icht nur noch ein Reim zu dem Sprüch­lein fehle, so könne er das Glas­männlein her­vor­lock­en; aber er sann hin, er sann her, und fand nichts. Das Eich­hörnchen zeigte sich an den unter­sten Ästen der Tanne und schien ihn aufzu­muntern oder zu verspot­ten. Es putze sich, es rollte den schö­nen Schweif, es schaute ihn mit klu­gen Augen an, aber endlich fürchtete er sich doch beina­he, mit diesem Tier allein zu sein; denn bald schien das Eich­hörnchen einen Men­schenkopf zu haben und einen dreispitzi­gen Hut zu tra­gen, bald war es ganz wie ein anderes Eich­hörnchen und hat­te nur an den Hin­ter­füßen rote Strümpfe und schwarze Schuhe. Kurz, es war ein lustiges Tier; aber den­noch graute Kohlen­peter; denn er meinte, es gehe nicht mit recht­en Din­gen zu.

Mit schnelleren Schrit­ten, als er gekom­men war, zog Peter wieder ab. Das Dunkel des Tan­nen­waldes schien immer schwärz­er zu wer­den, die Bäume standen immer dichter, und ihm fing an so zu grauen, daß er im Trab davon­jagte, und erst, als er in der Ferne Hunde bellen hörte und bald darauf den Rauch ein­er Hütte erblick­te, wurde er wieder ruhiger. Aber als er näher kam und die Tra­cht der Leute in der Hütte erblick­te, fand er, daß er aus Angst ger­ade die ent­ge­genge­set­zte Rich­tung genom­men und statt zu den Glasleuten zu den Flöz­ern gekom­men sei. Die Leute, die in der Hütte wohn­ten, waren Holz­fäller; ein alter Mann, sein Sohn, der Hauswirt und einige erwach­sene Enkel. Sie nah­men Kohlen­munk- Peter, der um ein Nacht­lager bat, gut auf, ohne nach seinem Namen und Wohnort zu fra­gen, gaben ihm Apfel­wein zu trinken, und abends wurde ein großer Auer­hahn aufgesetzt. 

Nach dem Nacht­essen set­zten sich die Haus­frau und ihre Töchter mit ihren Kunkeln um den großen Lichtspan, den die Jun­gen mit dem fein­sten Tan­nen­harz unter­hiel­ten, der Groß­vater, der Gast und der Hauswirt raucht­en und schaut­en den Weibem zu, die Burschen aber waren beschäftigt, Löf­fel und Gabeln aus Holz zu schnitzeln. Draußen im Wald heulte der Sturm und raste in den Tan­nen, man hörte da und dort sehr heftige Schläge, und es schien oft, als ob ganze Bäume abgeknickt wür­den und zusam­menkracht­en. Die furcht­losen Jun­gen woll­ten hin­aus in den Wald laufen und dieses furcht­bar schöne Schaus­piel mit anse­hen, ihr Groß­vater aber hielt sie mit strengem Wort und Blick zurück. »Ich will keinem rat­en, daß er jet­zt vor die Tür geht«, rief er ihnen zu, »bei Gott, der kommt nim­mer­mehr wieder; denn der Hol­län­der-Michel haut sich heute nacht ein neues G’s­tair (Floßge­lenke) im Wald.« 

Die Kleinen staunten ihn an; sie mocht­en von dem Hol­län­der-Michel schon gehört haben, aber sie bat­en jet­zt den Ehni, ein­mal recht schön von jen­em zu erza­̈hlen. Auch Peter Munk, der vom Hol­län­der-Michel auf der anderen Seite des Waldes nur undeut­lich hat­te sprechen hören, stimmte mit ein und fragte den Alten, wer und wo er sei. »Er ist der Herr dieses Waldes, und nach dem zu schließen, daß Ihr in Eurem Alter dies noch nicht erfahren, müßt Ihr drüben über dem Tan­nen­bühl oder wohl gar noch weit­er zu Hause sein. Vom Hol­län­der- Michel will ich Euch aber erza­̈hlen, was ich weiß, und wie die Sage von ihm geht. Vor etwa hun­dert Jahren, so erza­̈hlte es wenig­stens mein Ehni, war weit und bre­it kein ehrlicheres Volk auf Erden als die Schwarzwälder. Jet­zt, seit so viel Geld im Land ist, sind die Men­schen unredlich und schlecht. Die jun­gen Burschen tanzen und johlen am Son­ntag und fluchen, daß es ein Schreck­en ist; damals war es aber anders, und wenn er jet­zt zum Fen­ster dort here­in­schaute, so sag’ ich’s und hab’ es oft gesagt, der Hol­län­der-Michel ist schuld an all dieser Verderb­nis. Es lebte also vor hun­dert Jahren und drüber ein reich­er Holzherr, der viel Gesind hat­te; er han­delte bis weit in den Rhein hinab, und sein Geschäft war geseg­net, denn er war ein from­mer Mann. Kommt eines Abends ein Mann an seine Türe, der­gle­ichen er noch nie gese­hen. Seine Klei­dung war wie die der Schwarzwälder Burschen, aber er war einen guten Kopf höher als alle, und man hat­te noch nie geglaubt, daß es einen solchen Riesen geben könne. Dieser bit­tet um Arbeit bei dem Holzher­rn, und der Holzherr, der ihm ansah, daß er stark und zu großen Las­ten tüchtig sei, rech­net mit ihm seinen Lohn, und sie schla­gen ein. Der Michel war ein Arbeit­er, wie sel­biger Holzherr noch keinen gehabt. Beim Baum­schla­gen galt er für drei, und wenn sechs an einem Ende schleppten, trug er allein das andere. Als er aber ein halb Jahr Holz geschla­gen, trat er eines Tages vor seinen Her­rn und begehrte von ihm: »Hab’ jet­zt lang genug hier Holz gehackt, und so möcht’ ich auch sehen, wohin meine Stämme kom­men, und wie wär’ es, wenn Ihr mich auch nmal auf das Floß ließet?«

Der Holzherr antwortete: »Ich will dir nicht im Weg sein, Michel, wenn du ein wenig hin­aus willst in die Welt, und zwar beim Holz­fällen brauche ich starke Leute, wie du bist, auf dem Floß aber kommt es auf Geschick­lichkeit an, aber es sei für diesmal.« 

Und so war es; das Floß, mit dem er abge­hen sollte, hat­te acht Glaich (Glieder), und waren im let­zten von den größten Zim­mer­balken. Aber was geschah? Am Abend zuvor bringt der lange Michel noch acht Balken ans Wass­er, so dick und lang, als man keinen je sah, und jeden trug er so leicht auf der Schul­ter wie eine Flöz­er­stange, so daß sich alles entset­zte. Wo er sie gehauen, weiß bis heute noch nie­mand. Dem Holzher­rn lachte das Herz, als er dies sah; denn er berech­nete, was diese Balken kosten kön­nten; Michel aber sagte: »So, die sind für mich zum Fahren; auf den kleinen Spä­nen dort kann ich nicht fortkom­men.« Sein Herr wollte ihm zum Dank ein paar Flöz­er­stiefel schenken; aber er warf sie auf die Seite und brachte ein Paar her­vor, wie es son­st keine gab; mein Groß­vater hat ver­sichert, sie haben hun­dert Pfund gewogen und seien fünf Fuß lang gewesen. 

Das Floß fuhr ab, und hat­te der Michel früher die Holzhauer in Ver­wun­derung geset­zt, so staunten jet­zt die Flöz­er; denn statt daß das Floß, wie man wegen der unge­heuern Balken geglaubt hat­te, langsamer auf dem Fluß ging, flog es, sobald sie in den Neckar kamen, wie ein Pfeil; machte der Neckar eine Wen­dung und hat­ten son­st die Flöz­er Mühe gehabt, das Floß in der Mitte zu hal­ten, um nicht auf Kies oder Sand zu stoßen, so sprang jet­zt Michel alle­mal ins Wass­er, rück­te mit einem Zug das Floß links oder rechts, so daß es ohne Gefahr vorüber­glitt, und kam dann eine ger­ade Stelle, so lief er aufs erste G’s­tair (Gelenk) vor, ließ alle ihre Stan­gen beiset­zen, steck­te seinen unge­heuren Weber­baum in den Kies, und mit einem Druck flog das Floß dahin, daß das Land und Bäume und Dör­fer vor­beizu­ja­gen schienen. So waren sie in der Hälfte der Zeit, die man son­st brauchte, nach Köln am Rhein gekom­men, wo sie son­st ihre Ladung verkauft hat­ten; aber hier sprach Michel: »Ihr seid mir rechte Kau­fleute und ver­ste­ht euren Nutzen! Meinet ihr denn, die Köl­ner brauchen all dies Holz, das aus dem Schwarzwald kommt, für sich? Nein, um den hal­ben Wert kaufen sie es euch ab und ver­han­deln es teuer nach Hol­land. Las­set uns die kleinen Balken hier verkaufen und mit den großen nach Hol­land gehen; was wir über den gewöhn­lichen Preis lösen, ist unser eigen­er Profit.« 

So sprach der arglistige Michel, und die anderen waren es zufrieden; die einen, weil sie gerne nach Hol­land gezo­gen wären, es zu sehen, die anderen des Geldes wegen. Nur ein einziger war redlich und mah­nte sie ab, das Gut ihres Her­rn der Gefahr auszuset­zen oder ihn um den höheren Preis zu betrü­gen, aber sie hörten nicht auf ihn und ver­gaßen seine Worte, aber der Hol­län­der-Michel ver­gaß sie nicht. Sie fuhren auch mit dem Holz den Rhein hinab, und Michel leit­ete das Floß und brachte sie schnell bis nach Rot­ter­dam. Dort bot man ihnen das Vier­fache von dem früheren Preis, und beson­ders die unge­heuren Balken des Michel wur­den mit schw­erem Geld bezahlt. Als die Schwarzwälder so viel Geld sahen, wußten sie sich vor Freude nicht zu fassen. Michel teilte ab, einen Teil dem Holzher­rn, die drei anderen unter die Män­ner. Und nun set­zten sie sich mit Matrosen und anderem schlecht­en Gesin­del in die Wirtshäuser, ver­schlemmten und ver­spiel­ten ihr Geld; den braven Mann aber, der ihnen abger­at­en, verkaufte der Hol­län­der-Michel an einen See­len­verkäufer, und man hat nichts mehr von ihm gehört. Von da an war den Burschen im Schwarzwald Hol­land das Paradies und Hol­län­der-Michel ihr König; die Holzher­ren erfuhren lange nichts von dem Han­del, und unver­merkt kamen Geld, Flüche, schlechte Sit­ten, Trunk und Spiel aus Hol­land herauf.

Der Hol­län­der-Michel war, als die Geschichte her­auskam, nir­gends zu find­en, aber tot ist er auch nicht; seit hun­dert Jahren treibt er seinen Spuk im Wald, und man sagt, daß er schon vie­len behil­flich gewe­sen sei, reich zu wer­den, aber auf Kosten ihrer armen Seele, und mehr will ich nicht sagen. Aber so viel ist gewiß, daß er noch jet­zt in solchen Sturm­nächt­en im Tan­nen­bühl, wo man nicht hauen soll, über­all die schön­sten Tan­nen aus­sucht, und mein Vater hat ihn eine vier Schuh dicke umbrechen sehen wie ein Rohr. Mit diesen beschenkt er die, welche sich vom Recht­en abwen­den und zu ihm gehen; um Mit­ter­nacht brin­gen sie dann die G’s­tair ins Wass­er, und er rud­ert mit ihnen nach Hol­land. Aber wäre ich Herr und König in Hol­land, ich ließe ihn mit Kar­tätschen in den Boden schmettern; denn alle Schiffe, die von dem Hol­län­der-Michel auch nur einen Balken haben, müssen unterge­hen. Daher kommt es, daß man von so vie­len Schiff­brüchi­gen hört; wie kön­nte denn son­st ein schönes, starkes Schiff , so groß als eine Kirche, zugrund gehen auf dem Wass­er? Aber so oft Hol­län­der-Michel in ein­er Sturm­nacht im Schwarzwald eine Tanne fällt, springt eine sein­er alten aus den Fugen des Schiffes; das Wass­er dringt ein, und das Schiff ist mit Mann und Maus ver­loren. Das ist die Sage vom Hol­län­der-Michel, und wahr ist es, alles Böse im Schwarzwald schreibt sich von ihm her; o! Er kann einen reich machen«, set­zte der Greis geheimnisvoll hinzu, »aber ich möchte nichts von ihm haben; ich möchte um keinen Preis in der Haut des dick­en Ezechiel und des lan­gen Schlurk­ers steck­en; auch der Tanz­bo­denkönig soll sich ihm ergeben haben!« Der Sturm hat­te sich während der Erza­̈h­lung des Alten gelegt; die Mäd­chen zün­de­ten schüchtern die Lam­p­en an und gin­gen weg; die Män­ner aber legten Peter Munk einen Sack voll Laub als Kopfkissen auf die Ofen­bank und wün­scht­en ihm gute Nacht. 

Kohlen­munk-Peter hat­te noch nie so schwere Träume gehabt wie in dieser Nacht; bald glaubte er, der fin­stere, riesige Hol­län­der-Michel reiße die Stuben­fen­ster auf und reiche mit seinem unge­heuer lan­gen Arm einen Beu­tel voll Gold­stücke here­in, die er untere­inan­der schüt­telte, daß es hell und lieblich klang; bald sah er wieder das kleine, fre­undliche Glas­män­nchen auf ein­er unge­heuren grü­nen Flasche im Zim­mer umher­re­it­en, und er meinte das heis­ere Lachen wiederzuhören wie im Tan­nen­bühl; dann brummte es ihm wieder ins linke Ohr: 

»In Hol­land gibt’s Gold! Kön­net’s haben, wenn Ihr wollt Um gerin­gen Sold Gold, Gold!«

Dann hörte er wieder in sein recht­es Ohr das Lied­chen vom Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, und eine zarte Stimme flüsterte: »Dum­mer Kohlen­peter, dum­mer Peter Munk, kannst kein Sprüch­lein reimen auf ste­hen, und bist doch am Son­ntag geboren Schlag zwölf Uhr. Reime, dum­mer Peter, reime!« 

Er ächzte, er stöh­nte im Schlaf, er mühte sich ab, einen Reim zu find­en, aber da er in seinem Leben noch keinen gemacht hat­te, war seine Mühe im Traume vergebens. Als er aber mit dem ersten Frührot erwachte, kam ihm doch sein Traum son­der­bar vor; er set­zte sich mit ver­schränk­ten Armen hin­ter den Tisch und dachte über die Ein­flüsterun­gen nach, die ihm noch immer im Ohr lagen; »reime, dum­mer Kohlen­munk-Peter, reime«, sprach er zu sich und pochte mit dem Fin­ger an seine Stirn, aber es wollte kein Reim her­vorkom­men. Als er noch so dasaß und trübe vor sich hin­schaute und an den Reim auf ste­hen dachte, da zogen drei Burschen vor dem Hause vor­bei in den Wald, und ein­er sang im Vorübergehen: 

»Am Berge tat ich ste­hen, Und schaute in das Tal, Da hab’ ich sie gese­hen Zum allerletztenmal.« 

Das fuhr wie ein leuch­t­en­der Blitz durch Peters Ohr, und hastig raffte er sich auf, stürzte aus dem Haus, weil er meinte, nicht recht gehört zu haben, sprang den drei Burschen nach und pack­te den Sänger hastig und unsan­ft beim Arm. »Halt, Fre­und!« rief er, »was habt Ihr da auf ste­hen gereimt, tut mir die Liebe und sprecht, was Ihr gesungen.« 

»Was ficht’s dich an, Bursche?« ent­geg­nete der Schwarzwälder. »Ich kann sin­gen, was ich will, und laß gle­ich meinen Arm los, oder« 

»Nein, sagen sollst du, was du gesun­gen hast!« schrie Peter beina­he außer sich und pack­te ihn noch fes­ter an; die zwei anderen aber, als sie dies sahen, zögerten nicht lange, son­dern fie­len mit der­ben Fäusten über den armen Peter her und walk­ten ihn derb, bis er vor Schmerzen das Gewand des drit­ten ließ und erschöpft in die Knie sank. »Jet­zt hast du dein Teil«, sprachen sie lachend, »und merk dir, toller Bursche, daß du Leute, wie wir sind, nim­mer anfällst auf offen­em Wege.« 

»Ach, ich will mir es gewißlich merken!« erwiderte Kohlen­peter seufzend, »aber so ich die Schläge habe, seid so gut und saget deut­lich, was jen­er gesungen!« 

Da lacht­en sie aufs neue und spot­teten ihn aus; aber der das Lied gesun­gen, sagte es ihm vor, und lachend und sin­gend zogen sie weiter. 

»Also sehen«, sprach der arme Geschla­gene, indem er sich müh­sam aufrichtete, » sehen auf ste­hen jet­zt, Glas­männlein, wollen wir wieder ein Wort zusam­men sprechen.« Er ging in die Hütte, holte seinen Hut und den lan­gen Stock, nahm Abschied von den Bewohn­ern der Hütte und trat seinen Rück­weg nach dem Tan­nen­bühl an. Er ging langsam und sin­nend seine Straße, denn er mußte ja einen Vers ersin­nen; endlich, als er schon in dem Bere­ich des Tan­nen­bühls ging und die Tan­nen höher und dichter wur­den, hat­te er auch seinen Vers gefun­den und machte vor Freude einen Sprung in die Höhe. Da trat ein riesen­großer Mann in Flöz­erklei­dung und eine Stange so lang wie ein Mast­baum in der Hand hin­ter den Tan­nen her­vor. Peter Munk sank beina­he in die Knie, als er jenen langsamen Schrittes neben sich wan­deln sah; denn er dachte, das ist der Hol­län­der-Michel und kein ander­er. Noch immer schwieg die furcht­bare Gestalt, und Peter schielte zuweilen furcht­sam nach ihm hin. Er war wohl einen Kopf größer als der läng­ste Mann, den Peter je gese­hen; sein Gesicht war nicht mehr jung, doch auch nicht alt, aber voll Furchen und Fal­ten; er trug ein Wams von Lein­wand, und die unge­heuren Stiefel, über die Leder­bein­klei­der her­aufge­zo­gen, waren Peter aus der Sage wohlbekannt.

»Peter Munk, was tust du im Tan­nen­bühl?« fragte der Wald­könig endlich mit tiefer, dröh­nen­der Stimme. 

»Guten Mor­gen, Lands­mann«, antwortete Peter, indem er sich uner­schrock­en zeigen wollte, aber heftig zit­terte, »ich will durch den Tan­nen­bühl nach Haus zurück.« 

»Peter Munk«, erwiderte jen­er und warf einen stechen­den, furcht­baren Blick nach ihm herüber, »dein Weg geht nicht durch diesen Hain.« 

»Nun, so ger­ade just nicht«, sagte jen­er, »aber es macht heute warm, da dachte ich, es wird hier küh­ler sein.« 

»Lüge nicht, du, Kohlen­peter!« rief Hol­län­der-Michel mit don­nern­der Stimme, »oder ich schlag’ dich mit der Stange zu Boden; meinst, ich hab’ dich nicht bet­teln sehen bei dem Kleinen?« set­zte er san­ft hinzu. »Geh, geh, das war ein dum­mer Stre­ich, und gut ist es, daß du das Sprüch­lein nicht wußtest; er ist ein Knauser, der kleine Kerl, und gibt nicht viel, und wem er gibt, der wird seines Lebens nicht froh. Peter, du bist ein armer Tropf und dauerst mich in der Seele; so ein munter­er, schön­er Bursche, der in der Welt was anfan­gen kön­nte, und sollst Kohlen bren­nen! Wenn andere große Taler oder Dukat­en aus dem Ärmel schüt­teln, kannst du kaum ein paar Sechser aufwen­den; s ist ein ärm­lich Leben.« 

»Wahr ist’s, und recht habt Ihr, ein elen­des Leben.« 

»Na, mir sol­l’s nicht drauf ankom­men«, fuhr der schreck­liche Michel fort, »hab’ schon manchem braven Kerl aus der Not geholfen, und du wärest nicht der erste. Sag’ ein­mal, wieviel hun­dert Taler brauchst du fürs erste?» 

Bei diesen Worten schüt­telte er das Geld in sein­er unge­heuren Tasche untere­inan­der, und es klang wieder wie diese Nacht im Traum. Aber Peters Herz zuck­te ängstlich und schmerzhaft bei diesen Worten, es wurde ihm kalt und warm, und der Hol­län­der-Michel sah nicht aus, wie wenn er aus Mitleid Geld wegschenk­te, ohne etwas dafür zu ver­lan­gen. Es fie­len ihm die geheimnisvollen Worte des alten Mannes über die reichen Men­schen ein, und von unerk­lär­lich­er Angst und Bangigkeit gejagt, rief er: »Schö­nen Dank, Herr! Aber mit Euch will ich nichts zu schaf­fen haben, und ich kenn’ Euch schon«, und lief, was er laufen kon­nte. Aber der Waldgeist schritt mit unge­heuren Schrit­ten neben ihm her und murmelte dumpf und dro­hend: »Wirst’s noch bereuen, Peter, auf dein­er Stirne ste­ht’s geschrieben, in deinem Auge ist’s zu lesen; du ent­gehst mir nicht. Lauf nicht so schnell, höre nur noch ein ver­nün­ft­ges Wort, dort ist schon meine Grenze!«

Aber als Peter dies hörte und unweit vor ihm einen kleinen Graben sah, beeilte er sich nur noch mehr, über die Gren­ze zu kom­men, so daß Michel am Ende schneller laufen mußte und unter Flüchen und Dro­hun­gen ihn ver­fol­gte. Der junge Mann set­zte mit einem verzweifel­ten Sprung über den Graben; denn er sah, wie der Waldgeist mit sein­er Stange ausholte und sie auf ihn nieder­schmettern lassen wollte; er kam glück­lich jen­seits an, und die Stange zer­split­terte in der Luft, wie an ein­er unsicht­baren Mauer, und ein langes Stück fiel zu, Peter herüber. Tri­um­phierend hob er es auf, um es dem groben Hol­län­der-Michel zuzuw­er­fen; aber in diesem Augen­blick fühlte er das Stück Holz in sein­er Hand sich bewe­gen, und zu seinem Entset­zen sah er, daß es eine unge­heure Schlange sei, was er in der Hand hielt, die sich schon mit geifer­n­der Zunge und mit blitzen­den Augen an ihm hin­auf­bäumte. Er ließ sie los; aber sie hat­te sich schon fest um seinen Arm gewick­elt und kam mit schwank­en­dem Kopfe seinem Gesicht immer näher; da rauschte auf ein­mal ein unge­heur­er Auer­hahn nieder, pack­te den Kopf der Schlange mit dem Schn­abel, erhob sich mit ihr in die Lüfte, und Hol­län­der-Michel, der dies alles von dem Graben aus gese­hen hat­te, heulte und schrie und raste, als die Schlange von einem Gewaltigeren ent­führt ward. 

Erschöpft und zit­ternd set­zte Peter seinen Weg fort; der Pfad wurde steil­er, die Gegend wilder, und bald befand er sich an der unge­heuren Tanne. Er machte wieder seine Ver­beu­gun­gen gegen das unsicht­bare Glas­männlein und hub dann an: 

»Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, Bist schon viel hun­dert Jahre alt,
Dein ist all Land, wo Tan­nen stehn, Läßt dich nur Son­ntagskindern sehn.« 

»Hast’s zwar nicht ganz getrof­fen; aber weil du es bist, Kohlen­munk-Peter, so soll es hinge­hen«, sprach eine zarte, feine Stimme neben ihm. Erstaunt sah er sich um, und unter ein­er schö­nen Tanne saß ein kleines, altes Männlein in schwarzem Wams und roten Strümpfen und den großen Hut auf dem Kopf. Er hat­te ein feines, fre­undlich­es Gesichtchen und ein Bärtchen so zart wie aus Spin­nweben; er rauchte, was son­der­bar anzuse­hen war, aus ein­er Pfeife von blauem Glas, und als Peter näher trat, sah er zu seinem Erstaunen, daß auch Klei­der, Schuhe und Hut des Kleinen aus gefärbtem Glas bestanden; aber es war geschmei­dig, als ob es noch heiß wäre; denn es schmiegte sich wie Tuch nach jed­er Bewe­gung des Männleins. 

»Du bist dem Flegel begeg­net, dem Hol­län­der-Michel?« sagte der Kleine, indem er zwis­chen jedem Wort son­der­bar hüstelte, »er hat dich recht ängsti­gen wollen, aber seinen Kun­st­prügel habe ich ihm abge­jagt, den soll er nim­mer wiederkriegen.« 

»Ja, Herr Schatzhauser«, erwiderte Peter mit ein­er tiefen Ver­beu­gung, »es war mir recht bange. Aber Ihr seid wohl der Herr Auer­hahn gewe­sen, der die Schlange tot­ge­bis­sen; da bedanke ich mich schön­stens. Ich komme aber, um mir Rat zu holen bei Euch; es geht mir gar schlecht und hin­der­lich; ein Kohlen­bren­ner bringt es nicht weit, und da ich noch jung bin, dächte ich doch, es kön­nte noch was Besseres aus mir wer­den; und wenn ich oft andere sehe, wie weit die es in kurz­er Zeit gebracht haben; wenn ich nur den Ezechiel nehme und den Tanz­bo­denkönig, die haben Geld wie Heu.«

»Peter«, sagte der Kleine sehr ernst und blies den Rauch aus sein­er Pfeife weit hin­weg; »Peter, sag mir nichts von diesen. Was haben sie davon, wenn sie hier ein paar Jahre dem Schein nach glück­lich und dann nach­her desto unglück­lich­er sind? Du mußt dein Handw­erk nicht ver­acht­en; dein Vater und Groß­vater waren Ehren­leute und haben es auch getrieben, Peter Munk! Ich will nicht hof­fen, daß es Liebe zum Müßig­gang ist, was dich zu mir führt.« 

Peter erschrak vor dem Ernst des Männleins und errötete. »Nein«, sagte er, »Müßig­gang ist aller Laster Anfang, aber das kön­net Ihr mir nicht übel­nehmen, wenn mir ein ander­er Stand bess­er gefällt als der meinige. Ein Kohlen­bren­ner ist halt so gar etwas Geringes auf der Welt, und die Glasleute und Flöz­er und Uhrma­ch­er und alle sind angesehener.« 

»Hochmut kommt oft vor dem Fall«, erwiderte der kleine Herr vom Tan­nen­wald etwas fre­undlich­er. »Ihr seid ein son­der­bar Geschlecht, ihr Men­schen! Sel­ten ist ein­er mit dem Stand ganz zufrieden, in dem er geboren und erzo­gen ist, und was gilt’s, wenn du ein Glas­mann wärest, möcht­est du gern ein Holzherr sein, und wärest du Holzherr, so stünde dir des Försters Dienst oder des Amt­manns Woh­nung an. Aber es sei: Wenn du ver­sprichst, brav zu arbeit­en, so will ich dir zu etwas Besserem ver­helfen, Peter. Ich pflege jedem Son­ntagskind, das sich zu mir zu find­en weiß, drei Wün­sche zu gewähren. Die ersten zwei sind frei; den drit­ten kann ich ver­weigern, wenn er töricht ist. So wün­sche dir also jet­zt etwas; aber Peter, etwas Gutes und Nützliches!« 

»Heisa! Ihr seid ein tre­f­flich­es Glas­männlein, und mit Recht nen­nt man Euch Schatzhauser, denn bei Euch sind die Schätze zu Hause. Nu und also darf ich wün­schen, wonach mein Herz begehrt, so will ich denn fürs erste, daß ich noch bess­er tanzen könne als der Tanz­bo­denkönig; und jedes­mal noch ein­mal so viel Geld ins Wirtshaus bringe als er.« 

»Du Tor!« erwiderte der Kleine zür­nend. »Welch ein erbärm­lich­er Wun­sch ist dies, gut tanzen zu kön­nen und Geld zum Spiel zu haben! Schämst du dich nicht, dum­mer Peter, dich selb­st so um dein Glück zu betrü­gen? Was nützt es dir und dein­er armen Mut­ter, wenn du tanzen kannst? Was nützt dir dein Geld, das nach deinem Wun­sch nur für das Wirtshaus ist und wie das des elen­den Tanz­bo­denkönigs dort bleibt? Dann hast du wieder die ganze Woche nichts und darb­st wie zuvor. Noch einen Wun­sch gebe ich dir frei; aber sieh dich vor, daß du ver­nün­ftiger wünschest!« 

Peter kratzte sich hin­ter den Ohren und sprach nach einigem Zögern: »Nun, so wün­sche ich mir die schön­ste und reich­ste Glashütte im ganzen Schwarzwald mit allem Zube­hör und Geld, sie zu leiten.« 

»Son­st nichts?« fragte der Kleine mit besor­glich­er Miene. »Peter, son­st nichts?» »Nun Ihr kön­net noch ein Pferd dazu­tun und ein Wägelchen« 

»Oh, du dum­mer Kohlen­munk-Peter!« rief der Kleine und warf seine gläserne Pfeife im Unmut an eine dicke Tanne, daß sie in hun­dert Stücke sprang. »Pferde? Wägelchen? Ver­stand, sag’ ich dir, Ver­stand, gesun­den Men­schen­ver­stand und Ein­sicht hättest du wün­schen sollen, aber nicht Pfer­d­chen und Wägelchen. Nun, werde nur nicht so trau­rig, wir wollen sehen, daß es auch so nicht zu deinem Schaden ist; denn der zweite Wun­sch war im ganzen nicht töricht. Eine gute Glashütte nährt auch ihren Mann und Meis­ter; nur hättest du Ein­sicht und Ver­stand dazu mit­nehmen kön­nen, Wagen und Pferde wären dann wohl von selb­st gekommen.«

»Aber, Herr Schatzhauser«, erwiderte Peter, »ich habe ja noch einen Wun­sch übrig; da kön­nte ich ja Ver­stand wün­schen, wenn er mir so nötig ist, wie Ihr meinet.« 

»Nichts da; du wirst noch in manche Ver­legen­heit kom­men, wo du froh sein wirst, wenn du noch einen Wun­sch frei hast; und nun mache dich auf den Weg nach Hause. Hier sind«, sprach der kleine Tan­nengeist, indem er ein kleines Beutelein aus der Tasche zog, »hier sind zweitausend Gulden, und damit genug, und komm mir nicht wieder, um Geld zu fordern, denn dann müßte ich dich an die höch­ste Tanne aufhän­gen! So hab’ ich’s gehal­ten, seit ich in dem Wald wohne. Vor drei Tagen aber ist der alte Wink­fritz gestor­ben, der die große Glashütte gehabt hat im Unter­wald. Dor­thin gehe mor­gen frühe und mach ein Bot auf das Gewerbe, wie es recht ist! Halt dich wohl, sei fleißig, und ich will dich zuweilen besuchen und dir mit Rat und Tat an die Hand gehen, weil du dir doch keinen Ver­stand erbeten. Aber, das sag’ ich dir ern­stlich, dein erster Wun­sch war böse. Nimm dich in acht vor dem Wirtshaus­laufen, Peter! s hat noch bei keinem lange gut getan.« Das Männlein hat­te, während es dies sprach, eine neue Pfeife vom schön­sten Bein­glas her­vorge­zo­gen, sie mit gedör­rten Tan­nen­zapfen gestopft und in den kleinen, zahn­losen Mund gesteckt. Dann zog es ein unge­heures Bren­n­glas her­vor, trat in die Sonne und zün­dete seine Pfeife an. Als er damit fer­tig war, bot er dem Peter fre­undlich die Hand, gab ihm noch ein paar gute Lehren auf den Weg, rauchte und blies immer schneller und ver­schwand endlich in ein­er Rauch­wolke, die nach echtem hol­ländis­chem Tabak roch und, langsam sich kräusel­nd, in den Tan­nen­wipfeln vorschwebte. 

Als Peter nach Hause kam, fand er seine Mut­ter sehr in Sor­gen um ihn; denn die gute Frau glaubte nicht anders, als ihr Sohn sei zum Sol­dat­en aus­ge­hoben wor­den. Er aber war fröh­lich und guter Dinge und erza­̈hlte ihr, wie er im Walde einen guten Fre­und getrof­fen, der ihm Geld vorgeschossen habe, um ein anderes Geschäft als Kohlen­bren­nen anz­u­fan­gen. Obgle­ich seine Mut­ter schon seit dreißig Jahren in der Köh­ler­hütte wohnte und an den Anblick berußter Leute so gewöh­nt war als jede Mül­lerin an das Mehl­gesicht ihres Mannes, so war sie doch eit­el genug, sobald ihr Peter ein glänzen­deres Los zeigte, ihren früheren Stand zu ver­acht­en und sprach: »Ja, als Mut­ter eines Mannes, der eine Glashütte besitzt, bin ich doch was anderes als Nach­barin Grete und Bete und set­ze mich in Zukun­ft vorne­hin in der Kirche, wo rechte Leute sitzen.« 

Ihr Sohn aber wurde mit den Erben der Glashütte bald han­del­seinig; er behielt die Arbeit­er, die er vor­fand, bei sich und ließ nun Tag und Nacht Glas machen. Anfangs gefiel ihm das Handw­erk wohl; er pflegte gemäch­lich in die Glashütte hin­abzusteigen, ging dort mit vornehmen Schrit­ten, die Hände in die Taschen gesteckt, hin und her, guck­te dahin, guck­te dor­thin, sprach dies und jenes, worüber seine Arbeit­er oft nicht wenig lacht­en, und seine größte Freude war, das Glas blasen zu sehen, und oft machte er sich selb­st an die Arbeit und formte aus der noch weichen Masse die son­der­barsten Fig­uren. Bald aber war ihm die Arbeit entlei­det, und er kam zuerst nur noch eine Stunde des Tages in die Hütte, dann nur alle zwei Tage, endlich die Woche nur ein­mal, und seine Gesellen macht­en, was sie wollten.

Das alles kam aber nur vom Wirtshaus­laufen. Den Son­ntag, nach­dem er vom Tan­nen­bühl zurück­gekom­men war, ging er ins Wirtshaus, und wer schon auf dem Tanz­bo­den sprang, war der Tanz­bo­denkönig, und der dicke Ezechiel saß auch schon hin­ter der Maßkanne und knöchelte um Kro­nen­taler. Da fuhr Peter schnell in die Tasche, zu sehen, ob ihm das Glas­männlein Wort gehal­ten, und siehe, seine Tasche strotzte von Sil­ber und Gold. Auch in seinen Beinen zuck­te und drück­te es, wie wenn sie tanzen und sprin­gen woll­ten, und als der erste Tanz zu Ende war, stellte er sich mit sein­er Tänz­erin oben an neben den Tanz­bo­denkönig, und sprang dieser drei Schuh hoch, so flog Peter vier, und machte dieser wun­der­liche und zier­liche Schritte, so ver­schlang und drehte Peter seine Füße, daß alle Zuschauer vor Lust und Ver­wun­derung beina­he außer sich kamen. Als man aber auf dem Tanz­bo­den ver­nahm, daß Peter eine Glashütte gekauft habe, als man sah, daß er, so oft er an den Musikan­ten vor­bei­tanzte, ihnen einen Sechs­bätzn­er zuwarf, da war des Staunens kein Ende. Die einen glaubten, er habe einen Schatz im Walde gefun­den, die anderen mein­ten, er habe eine Erb­schaft getan, aber alle verehrten ihn jet­zt und hiel­ten ihn für einen gemacht­en Mann, nur weil er Geld hat­te. Ver­spielte er doch noch an dem­sel­ben Abend zwanzig Gulden, und nichts­desto­min­der ras­selte und klang es in sein­er Tasche, wie wenn noch hun­dert Taler darin wären. 

Als Peter sah, wie ange­se­hen er war, wußte er sich vor Freude und Stolz nicht zu fassen. Er warf das Geld mit vollen Hän­den weg und teilte es den Armen reich­lich mit, wußte er doch, wie ihn selb­st einst die Armut gedrückt hat­te. Des Tanz­bo­denkönigs Kün­ste wur­den vor den über­natür­lichen Kün­sten des neuen Tänz­ers zuschan­den, und Peter führte jet­zt den Namen Tanz-Kaiser. Die unternehmend­sten Spiel­er am Son­ntag wagten nicht so viel wie er, aber sie ver­loren auch nicht so viel. Und je mehr er ver­lor, desto mehr gewann er. Das ver­hielt sich aber ganz so, wie er es vom kleinen Glas­männlein ver­langt hat­te. Er hat­te sich gewün­scht, immer so viel Geld in der Tasche zu haben, wie der dicke Ezechiel. Und ger­ade dieser war es, an welchen er sein Geld ver­spielte. Und wenn er zwanzig, dreißig Gulden auf ein­mal ver­lor, so hat­te er sie als­bald wieder in der Tasche, wenn sie Ezechiel ein­strich. Nach und nach brachte er es aber im Schlem­men und Spie­len weit­er als die schlecht­esten Gesellen im Schwarzwald, und man nan­nte ihn öfter Spielpeter als Tanzkaiser; denn er spielte jet­zt auch beina­he an allen Werk­ta­gen. Darüber kam aber seine Glashütte nach und nach in Ver­fall, und daran war Peters Unver­stand schuld. Glas ließ er machen, so viel man immer machen kon­nte; aber er hat­te mit der Hütte nicht zugle­ich das Geheim­nis gekauft, wohin man es am besten ver­schleißen könne. Er wußte am Ende mit der Menge Glas nichts anz­u­fan­gen und verkaufte es um den hal­ben Preis an herumziehende Händler, nur um seine Arbeit­er bezahlen zu können. 

Eines Abends ging er auch wieder vom Wirtshaus heim und dachte trotz des vie­len Weines, den er getrunk­en, um sich fröh­lich zu machen, mit Schreck­en und Gram an den Ver­fall seines Ver­mö­gens. Da bemerk­te er auf ein­mal, daß jemand neben ihm gehe; er sah sich um, und siehe da es war das Glas­männlein. Da geri­et er in Zorn und Eifer, ver­maß sich hoch und teuer und schwur, der Kleine sei an all seinem Unglück schuld. »Was tu’ ich nun mit Pferd und Wägelchen?« rief er. »Was nutzt mir die Hütte und all mein Glas? Selb­st als ich noch ein elen­der Köh­lers­bursch war, lebte ich fro­her und hat­te keine Sor­gen. Jet­zt weiß ich nicht, wann der Amt­mann kommt und meine Habe schätzt und ver­steigert, der Schulden wegen!«

»So?« ent­geg­nete das Glas­männlein. »So? Ich also soll schuld daran sein, wenn du unglück­lich bist? Ist dies der Dank für meine Wohltat­en? Wer hieß dich so töricht wün­schen? Ein Glas­mann woll­test du sein und wußtest nicht, wohin dein Glas verkaufen? Sagte ich dir nicht, du soll­test behut­sam wün­schen? Ver­stand, Peter, Klugheit hat dir gefehlt.« 

»Was, Ver­stand und Klugheit!« rief jen­er. »Ich bin ein so kluger Bursche als irgen­dein­er und will es dir zeigen, Glas­männlein«, und bei diesen Worten faßte er das Männlein unsan­ft am Kra­gen und schrie: »Hab’ ich dich jet­zt, Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald? Und den drit­ten Wun­sch will ich jet­zt tun, den sollst du mir gewähren. Und so will ich hier auf der Stelle zweimal­hun­dert­tausend harte Taler und ein Haus und o weh!« schrie er und schüt­telte die Hand; denn das Wald­männlein hat­te sich in glühen­des Glas ver­wan­delt und bran­nte in sein­er Hand wie sprühen­des Feuer. Aber von dem Männlein war nichts mehr zu sehen. 

Mehrere Tage lang erin­nerte ihn seine geschwol­lene Hand an seine Undankbarkeit und Torheit. Dann aber über­täubte er sein Gewis­sen und sprach: »Und wenn sie mir die Glashütte und alles verkaufen, so bleibt mir doch immer der dicke Ezechiel. So lange der Geld hat am Son­ntag, kann es mir nicht fehlen.« 

Ja, Peter! Aber wenn er keines hat? –; Und so geschah es eines Tages und war ein wun­der­lich­es Rech­enex­em­pel. Denn eines Son­ntags kam er ange­fahren ans Wirtshaus, und die Leute streck­ten die Köpfe durch die Fen­ster, und der eine sagte, da kommt der Spielpeter, und der andere, ja, der Tanzkaiser, der reiche Glas­mann, und ein drit­ter schüt­telte den Kopf und sprach: »Mit dem Reich­tum kann man es machen, man sagt aller­lei von seinen Schulden, und in der Stadt hat ein­er gesagt, der Amt­mann werde nicht mehr lange säu­men zum Auspfänden.« 

Indessen grüßte der reiche Peter die Gäste am Fen­ster vornehm und grav­i­tätisch, stieg vom Wagen und schrie: »Son­nen­wirt, guten Abend, ist der dicke Ezechiel schon da?« 

Und eine tiefe Stimme rief: »Nur here­in, Peter! Dein Platz ist dir auf­be­hal­ten, wir sind schon da und bei den Karten.« So trat Peter Munk in die Wirtsstube, fuhr gle­ich in die Tasche und merk­te, daß Ezechiel gut verse­hen sein müsse; denn seine Tasche war bis oben ange­füllt. Er set­zte sich hin­ter den Tisch zu den anderen und gewann und ver­lor hin und her, und so spiel­ten sie, bis andere ehrliche Leute nach Hause gin­gen, und spiel­ten bei Licht, bis zwei andere Spiel­er sagten: »Jet­zt ist’s genug, und wir müssen heim zu Frau und Kind.« 

Aber Spielpeter forderte den dick­en Ezechiel auf zu bleiben. Dieser wollte lange nicht, endlich aber rief er: »Gut, jet­zt will ich mein Geld zählen, und dann wollen wir knöch­ern, den Satz um fünf Gulden; denn nieder­er ist es doch nur Kinder­spiel.« Er zog den Beu­tel und zählte und fand hun­dert Gulden bar, und Spielpeter wußte nun, wieviel er selb­st habe, und brauchte es nicht erst zu zählen. Aber hat­te Ezechiel vorher gewon­nen, so ver­lor er jet­zt Satz für Satz und fluchte greulich dabei. Warf er einen Pasch, gle­ich warf Spielpeter auch einen und immer zwei Augen höher. Da set­zte er endlich die let­zten fünf Gulden auf den Tisch und rief: »Noch ein­mal, und wenn ich auch den noch ver­liere, so höre ich doch nicht auf; dann leihst du mir von deinem Gewinn, Peter! Ein ehrlich­er Kerl hil­ft dem anderen.«

»Soviel du willst, und wenn es hun­dert Gulden sein soll­ten«, sprach der Tanzkaiser, fröh­lich über seinen Gewinn, und der dicke Ezechiel schüt­telte die Wür­fel und warf fünfzehn. 

»Pasch!« rief er, »jet­zt wollen wir sehen!« 

Peter aber warf achtzehn, und eine heis­ere bekan­nte Stimme hin­ter ihm sprach: »So, das war der letzte.« 

Er sah sich um, und riesen­groß stand der Hol­län­der-Michel hin­ter ihm. Erschrock­en ließ er das Geld fall­en, das er schon einge­zo­gen hat­te. Aber der dicke Ezechiel sah den Wald­mann nicht, son­dern ver­langte, der Spielpeter sollte ihm zehn Gulden vorstreck­en zum Spiel; halb im Traum fuhr dieser mit der Hand in die Tasche, aber da war kein Geld, er suchte in der anderen Tasche, aber auch da fand sich nichts, er kehrte den Rock um, aber es fiel kein rot­er Heller her­aus, und jet­zt erst gedachte er seines eige­nen ersten Wun­sches, immer soviel Geld zu haben als der dicke Ezechiel. Wie Rauch war alles verschwunden. 

Der Wirt und Ezechiel sahen ihn staunend an, als er immer suchte und sein Geld nicht find­en kon­nte, sie woll­ten ihm nicht glauben, daß er keines mehr habe, aber als sie endlich selb­st in seinen Taschen sucht­en, wur­den sie zornig und schwuren, der Spielpeter sei ein bös­er Zauber­er und habe all das gewonnene Geld und sein eigenes nach Hause gewün­scht. Peter vertei­digte sich stand­haft; aber der Schein war gegen ihn. Ezechiel sagte, er wolle die schreck­liche Geschichte allen Leuten im Schwarzwald erza­̈hlen, und der Wirt ver­sprach ihm, mor­gen mit dem früh­esten in die Stadt zu gehen und Peter Munk als Zauber­er anzuk­la­gen, und er wolle es erleben, set­zte er hinzu, daß man ihn ver­brenne. Dann fie­len sie wü­tend über ihn her, ris­sen ihm das Wams vom Leib und war­fen ihn zur Tür hinaus. 

Kein Stern schien am Him­mel, als Peter trüb­selig sein­er Woh­nung zuschlich; aber den­noch kon­nte er eine dun­kle Gestalt erken­nen, die neben ihm her­schritt und endlich sprach: »Mit dir ist’s aus, Peter Munk, all deine Her­rlichkeit ist zu Ende, und das hätt’ ich dir schon damals sagen kön­nen, als du nichts von mir hören woll­test und zu dem dum­men Glaszw­erg lief­st. Da siehst du jet­zt, was man davon hat, wenn man meinen Rat ver­achtet. Aber ver­such es ein­mal mit mir, ich habe Mitlei­den mit deinem Schick­sal. Noch keinen hat es gereut, der sich an mich wandte, und wenn du den Weg nicht scheust, mor­gen den ganzen Tag bin ich am Tan­nen­bühl zu sprechen, wenn du mich ruf­st.« Peter merk­te wohl, wer so zu ihm spreche; aber es kam ihn ein Grauen an. Er antwortete nichts, son­dern lief seinem Haus zu.

Als Peter am Mon­tag­mor­gen in seine Glashütte ging, da waren nicht nur seine Arbeit­er da, son­dern auch andere Leute, die man nicht gerne sieht, näm­lich der Amt­mann und drei Gerichts­di­ener. Der Amt­mann wün­schte Peter einen guten Mor­gen, fragte, wie er geschlafen, und zog dann ein langes Reg­is­ter her­aus, und darauf waren Peters Gläu­biger verze­ich­net. »Kön­nt Ihr zahlen oder nicht?« fragte der Amt­mann mit strengem Blick. »Und macht es nur kurz, denn ich habe nicht viel Zeit zu ver­säu­men, und in den Turm ist es drei gute Stun­den.« Da verza­gte Peter, ges­tand, daß er nichts mehr habe, und über­ließ es dem Amt­mann, Haus und Hof, Hütte und Stall, Wagen und Pferde zu schätzen; und als die Gerichts­di­ener und der Amt­mann umhergin­gen und prüften und schätzten, dachte er, bis zum Tan­nen­bühl ist’s nicht weit, hat mir der Kleine nicht geholfen, so will ich es ein­mal mit dem Großen ver­suchen. Er lief dem Tan­nen­bühl zu, so schnell, als ob die Gerichts­di­ener ihm auf den Fersen wären, es war ihm, als er an dem Platz vor­beiran­nte, wo er das Glas­männlein zuerst gesprochen, als halte ihn eine unsicht­bare Hand auf, aber er riß sich los und lief weit­er bis an die Gren­ze, und kaum hat­te er »Hol­län­der-Michel, Herr Hol­län­der-Nüchel!« gerufen, als auch schon der riesen­große Flöz­er mit sein­er Stange vor ihm stand. 

»Kommst du?« sprach dieser lachend, »haben sie dir die Haut abziehen und deinen Gläu­bigern verkaufen wollen? Nu, sei ruhig! Dein ganz­er Jam­mer kommt, wie gesagt, von dem kleinen Glas­männlein, von dem Sep­a­ratis­ten und Frömm­ler her. Wenn man schenkt, muß man gle­ich recht schenken, und nicht wie dieser Knauser. Doch komm, folge mir in mein Haus; dort wollen wir sehen, ob wir han­del­seinig werden.« 

»Han­del­seinig?« dachte Peter. »Was kann er denn von mir ver­lan­gen, was kann ich an ihn ver­han­deln? Soll ich ihm etwa dienen, oder was will er?« Sie gin­gen zuerst über einen steilen Wald­steig hinan und standen dann mit einem­mal an ein­er dun­klen, tiefen, abschüs­si­gen Schlucht; Hol­län­der-Michel sprang den Felsen hinab, wie wenn es eine san­fte Mar­mortreppe wäre; aber bald wäre Peter in Ohn­macht gesunken, denn als jen­er unten angekom­men war, machte er sich so groß wie ein Kirch­turm und reichte ihm einen Arm, so lang als ein Weber­baum, und eine Hand daran, so bre­it als der Tisch im Wirtshaus, und rief mit ein­er Stimme, die her­auf­schallte wie eine tiefe Toten­glocke, »setz dich nur auf meine Hand und halte dich an den Fin­gern, so wirst du nicht fall­en!« Peter tat zit­ternd, wie jen­er befohlen, nahm Platz auf der Hand und hielt sich am Dau­men des Riesen. 

Es ging weit und tief hinab, aber den­noch ward es zu Peters Ver­wun­derung nicht dun­kler, im Gegen­teil, die Tageshelle schien sog­ar zuzunehmen in der Schlucht, aber er kon­nte sie lange in den Augen nicht ertra­gen. Der Hol­län­der-Michel hat­te sich, je weit­er Peter her­abkam, wieder klein­er gemacht und stand nun in sein­er früheren Gestalt vor einem Haus, so ger­ing oder gut, als es reiche Bauern auf dem Schwarzwald haben. Die Stube, wor­ein Peter geführt wurde, unter­schied sich durch nichts von den Stuben ander­er Leute als dadurch, daß sie ein­sam schien. 

Die hölz­erne Wan­duhr, der unge­heure Kach­e­lofen, die bre­it­en Bänke, die Ger­ätschaften auf den Ges­im­sen waren hier wie über­all. Michel wies ihm einen Platz hin­ter dem großen Tisch an, ging dann hin­aus und kam bald mit einem Krug Wein und Gläsern wieder. Er goß ein, und nun schwatzten sie, und Hol­län­der-Michel erza­̈hlte von den Freuden der Welt, von frem­den Län­dern, schö­nen Städten und Flüssen, daß Peter, am Ende große Sehn­sucht danach bek­om­mend, dies auch offen dem Hol­län­der sagte.

»Wenn du im ganzen Kör­p­er Mut und Kraft, etwas zu unternehmen, hat­test, da kon­nten ein paar Schläge des dum­men Herzens dich zit­tern machen; und dann die Kränkun­gen der Ehre, das Unglück, wozu soll sich ein ver­nün­ftiger Kerl um der­gle­ichen beküm­mern? Hast du’s im Kopfe emp­fun­den, als dich let­zthin ein­er einen Betrüger und schlecht­en Kerl nan­nte? Hat es dir im Magen wehe getan, als der Amt­mann kam, dich aus dem Haus zu wer­fen? Was, sag an, was hat dir wehe getan?« 

»Mein Herz«, sprach Peter, indem er die Hand auf die pochende Brust preßte, denn es war ihm, als ob sein Herz sich ängstlich hin und her wendete. 

»Du hast, nimm es mir nicht übel, hun­dert Gulden an schlechte Bet­tler und anderes Gesin­del wegge­wor­fen; was hat es dir genützt? Sie haben dir dafür Segen und einen gesun­den Leib gewün­scht; ja, bist du deswe­gen gesün­der gewor­den? Um die Hälfte des ver­schleud­erten Geldes hättest du einen Arzt gehal­ten. Segen, ja ein schön­er Segen, wenn man aus­gep­fän­det und aus­gestoßen wird! Und was war es, das dich getrieben, in die Tasche zu fahren, so oft ein Bet­tel­mann seinen zer­lumpten Hut hin­streck­te? Dein Herz, auch wieder dein Herz, und wed­er deine Augen noch deine Zunge, deine Arme noch deine Beine, son­dern dein Herz; du hast dir es, wie man richtig sagt, zu sehr zu Herzen genommen.« 

»Aber wie kann man sich denn ange­wöh­nen, daß es nicht mehr so ist? Ich gebe mir jet­zt alle Mühe, es zu unter­drück­en, und den­noch pocht mein Herz und tut mir wehe.« 

»Du freilich«, rief jen­er mit Lachen, »du armer Schelm, kannst nichts dage­gen tun; aber gib mir das kaum pochende Ding, und du wirst sehen, wie gut du es dann hast.« 

»Euch, mein Herz?« schrie Peter mit Entset­zen, »da müßte ich ja ster­ben auf der Stelle! Nimmermehr!« 

»Ja, wenn dir ein­er Eur­er Her­ren Chirur­gen das Herz aus dem Leibe operieren wollte, da müßtest du wohl ster­ben; bei mir ist dies ein anderes Ding; doch komm here­in und überzeuge dich selb­st!« Er stand bei diesen Worten auf, öffnete eine Kam­mer­türe und führte Peter hinein. Sein Herz zog sich krampfhaft zusam­men, als er über die Schwelle trat; aber er achtete es nicht; denn der Anblick, der sich ihm bot, war son­der­bar und über­raschend. Auf mehreren Ges­im­sen von Holz standen Gläs­er, mit durch­sichtiger Flüs­sigkeit gefüllt, und in jedem dieser Gläs­er lag ein Herz; auch waren an den Gläsern Zettel angek­lebt und Namen darauf geschrieben, die Peter neugierig las; da war das Herz des Amt­manns in E, das Herz des dick­en Ezechiel, das Herz des Tanz­bo­denkönigs, das Herz des Ober­försters; da waren sechs Herzen von Korn­wucher­ern, acht von Wer­be­of­fizieren, drei von Geld­mak­lern kurz, es war eine Samm­lung der ange­se­hen­sten Herzen in der Umge­bung von zwanzig Stun­den. »Schau!« sprach Hol­län­der-Michel, »diese alle haben des Lebens Äng­ste und Sor­gen wegge­wor­fen, keines dieser Herzen schlägt mehr ängstlich und besorgt, und ihre ehe­ma­li­gen Besitzer befind­en sich wohl dabei, daß sie den unruhi­gen Gast aus dem Hause haben.«

»Aber was tra­gen sie denn jet­zt dafür in der Brust?« fragte Peter, den dies alles, was er gese­hen, beina­he schwindeln machte. 

»Dies«, antwortete jen­er und reichte ihm aus einem Schub­fach ein stein­ernes Herz. 

»So?« erwiderte er und kon­nte sich eines Schauers, der ihm über die Haut ging, nicht erwehren. »Ein Herz von Marmel­stein? Aber, horch ein­mal, Herr Hol­län­der-Michel, das muß doch gar kalt sein in der Brust.« 

»Freilich, aber ganz angenehm kühl. Warum soll denn ein Herz warm sein? im Win­ter nützt dir die Wärme nichts, da hil­ft ein guter Kirschgeist mehr als ein warmes Herz, und im Som­mer, wenn alles schwül und heiß ist du glaub­st nicht, wie dann ein solch­es Herz abkühlt. Und wie gesagt, wed­er Angst noch Schreck­en, wed­er töricht­es Mitlei­den noch ander­er Jam­mer pocht an solch ein Herz.« 

»Und das ist alles, was Ihr mir geben kön­net?« fragte Peter unmutig, »ich hoff’ auf Geld, und Ihr wol­let mir einen Stein geben!« 

»Nun, ich denke, an hun­dert­tausend Gulden hättest du fürs erste genug. Wenn du es geschickt umtreib­st, kannst du bald ein Mil­lion­är werden.« 

»Hun­dert­tausend?« rief der arme Köh­ler freudig. »Nun, so poche doch nicht so unges­tüm in mein­er Brust! Wir wer­den bald fer­tig sein miteinan­der. Gut, Michel; gebt mir den Stein und das Geld, und die Unruh kön­net Ihr aus dem Gehäuse nehmen!« 

»Ich dachte es doch, daß du ein ver­nün­ftiger Bursche seiest«, antwortete der Hol­län­der, fre­undlich lächel­nd, »komm, laß uns noch eins trinken, und dann will ich das Geld auszahlen.« So set­zten sie sich wieder in die Stube zum Wein, tranken wieder, bis Peter in einen tiefen Schlaf verfiel. 

Kohlen­munk-Peter erwachte beim fröh­lichen Schmettern eines Posthorns, und siehe da, er saß in einem schö­nen Wagen, fuhr auf ein­er bre­it­en Straße dahin, und als er sich aus dem Wagen bog, sah er in blauer Ferne hin­ter sich den Schwarzwald liegen. Anfänglich wollte er gar nicht glauben, daß er es selb­st sei, der in diesem Wagen sitze; denn auch seine Klei­der waren gar nicht mehr diesel­ben, die er gestern getra­gen; aber er erin­nerte sich doch an alles so deut­lich, daß er endlich sein Nachsin­nen auf­gab und rief: »Der Kohlen­munk-Peter bin ich, das ist aus­gemacht, und kein anderer.« 

Er wun­derte sich über sich selb­st, daß er gar nicht wehmütig wer­den kon­nte, als er jet­zt zum ersten­mal aus der stillen Heimat, aus den Wäldern, wo er so lange gelebt, aus­zog; selb­st nicht, als er an seine Mut­ter dachte, die jet­zt wohl hil­f­los und im Elend saß, kon­nte er eine Träne aus dem Auge pressen oder nur seufzen; denn es war ihm alles so gle­ichgültig. »Ach, freilich«, sagte er dann, »Trä­nen und Seufz­er, Heimweh und Wehmut kom­men ja aus dem Herzen, und Dank dem Hol­län­der-Michel das meine ist kalt und von Stein.«

Er legte seine Hand auf die Brust, und es war ganz ruhig dort und rührte sich nichts. »Wenn er mit den Hun­dert­tausenden so gut Wort hielt wie mit dem Herz, so soll es mich freuen«, sprach er und fing an, seinen Wagen zu unter­suchen. Er fand Klei­dungsstücke von aller Art, wie er sie nur wün­schen kon­nte, aber kein Geld. Endlich stieß er auf eine Tasche und fand viele tausend Taler in Gold und Scheinen auf Hand­lung­shäuser in allen großen Städten. »Jet­zt hab’ ich’s, wie ich’s wollte«, dachte er, set­zte sich bequem in die Ecke des Wagens und fuhr in die weite Welt. 

Er fuhr zwei Jahre in der Welt umher und schaute aus seinem Wagen links und rechts an den Häusern hin­auf, schaute, wenn er anhielt, nichts als das Schild seines Wirtshaus­es an, lief dann in der Stadt umher und ließ sich die schön­sten Merk­würdigkeit­en zeigen. Aber es freute ihn nichts, kein Bild, kein Haus, keine Musik, kein Tanz; sein Herz von Stein nahm an nichts Anteil, und seine Augen, seine Ohren waren abges­tumpft für alles Schöne. Nichts war ihm mehr geblieben als die Freude an Essen und Trinken und der Schlaf, und so lebte er, indem er ohne Zweck durch die Welt reiste, zu sein­er Unter­hal­tung speiste und aus Langeweile schlief. Hier und da erin­nerte er sich zwar, daß er fröh­lich­er, glück­lich­er gewe­sen sei, als er noch arm war und arbeit­en mußte, um sein Leben zu fris­ten. Da hat­te ihn jede schöne Aus­sicht ins Tal, Musik und Gesang hat­ten ihn ergötzt, da hat­te er sich stun­den­lang auf die ein­fache Kost, die ihm die Mut­ter zu dem Meil­er brin­gen sollte, gefreut. Wenn er so über die Ver­gan­gen­heit nach­dachte, so kam es ihm ganz son­der­bar vor, daß er jet­zt nicht ein­mal lachen kon­nte, und son­st hat­te er über den kle­in­sten Scherz gelacht. Wenn andere lacht­en, so ver­zog er nur aus Höflichkeit den Mund, aber sein Herz lächelte nicht mit. Er fühlte dann, daß er zwar über­aus ruhig sei; aber zufrieden fühlte er sich doch nicht. Es war nicht Heimweh oder Wehmut, son­dern Öde, Über­druß, freuden­los­es Leben, was ihn endlich wieder zur Heimat trieb Als er von Straßburg herüber­fuhr und den dun­klen Wald sein­er Heimat erblick­te, als er zum ersten­mal wieder jene kräfti­gen Gestal­ten, jene fre­undlichen, treuen Gesichter der Schwarzwälder sah, als sein Ohr die heimatlichen Klänge, stark, tief, aber wohltö­nend ver­nahm, da fühlte er schnell an sein Herz; denn sein Blut wallte stärk­er, und er glaubte, er rnüsse sich freuen und müsse weinen zugle­ich, aber wie kon­nte er nur so töricht sein, er hat­te ja t, n Herz von Stein; und Steine sind tot und lächeln und weinen nicht. 

Sein erster Gang war zum Hol­län­der-Michel, der ihn mit alter Fre­undlichkeit auf­nahm. »Michel , sagte er zu ihm, »gereist bin ich nun und habe alles gese­hen, ist aber alles dummes Zeug, und ich hat­te nur Langeweile. Über­haupt, Euer stein­ernes Ding, das ich in der Brust trage, schützt mich zwar vor manchem; ich erzürne mich nie, bin nie trau­rig; aber ich freue mich auch nie, und es ist mir, als wenn ich nur halb lebe. Kön­net Ihr das Stein­herz nicht ein wenig beweglich­er machen? Oder gebt mir lieber mein altes Herz; ich hat­te mich in fün­fundzwanzig Jahren daran gewöh­nt, und wenn es zuweilen auch einen dum­men Stre­ich machte, so war es doch munter und ein fröh­lich­es Herz.« 

Der Waldgeist lachte grim­mig und bit­ter: »Wenn du ein­mal tot bist, Peter Munk«, antwortete er, »dann soll es dir nicht fehlen, dann sollst du dein weich­es, rührbares Herz wieder haben, und du kannst dann fühlen, was kommt, Freud’ oder Leid; aber hier oben kann es nicht mehr dein wer­den! Doch, Peter, gereist bist du wohl, aber, so wie du lebtest, kon­nte es dir nichts nützen Set­ze dich jet­zt hier irgend­wo im Wald, bau’ ein Haus, heirate, treibe dein Ver­mö­gen um, es hat dir nur an Arbeit gefehlt, weil du müßig warst, hat­test du Langeweile, und schieb­st jet­zt alles auf dieses unschuldige Herz.« Peter sah ein, daß Michel recht habe, was den Müßig­gang beträfe, und nahm sich vor, reich und immer reich­er zu wer­den. Michel schenk­te ihm noch ein­mal hun­dert­tausend Gulden und entließ ihn als seinen guten Freund.

Bald ver­nahm man im Schwarzwald die Märe, der Kohlen­munk-Peter oder Spielpeter sei wieder da und noch viel reich­er als zuvor. Es ging auch jet­zt wie immer; als er am Bet­tel­stab war, wurde er in der Sonne zur Türe hin­aus­ge­wor­fen, und als er jet­zt an einem Son­nta­gnach­mit­tag seinen ersten Einzug dort hielt, schüt­tel­ten sie ihm die Hand, lobten sein Pferd, fragten nach sein­er Reise, und als er wieder mit dem dick­en Ezechiel um harte Taler spielte, stand er in der Achtung so hoch als je. 

Er trieb jet­zt aber nicht mehr das Glashandw­erk, son­dern den Holzhan­del, aber nur zum Schein. Sein Haupt­geschäft war, mit Korn und Geld zu han­deln. Der halbe Schwarzwald wurde ihm nach und nach schuldig; aber er lieh Geld nur auf zehn Prozente aus oder verkaufte Korn an die Armen, die nicht gle­ich zahlen kon­nten, um den dreifachen Wert . Mit dem Amt­mann stand er jet­zt in enger Fre­und­schaft, und wenn ein­er Her­rn Peter Munk nicht auf den Tag bezahlte, so ritt der Amt­mann mit seinen Scher­gen hin­aus, schätzte Haus und Hof, verkaufte flugs und trieb Vater, Mut­ter und Kind in den Wald. Anfangs machte dies dem reichen Peter einige Unlust; denn die armen Aus­gep­fän­de­ten belagerten dann haufen­weise seine Türe, die Män­ner fle­ht­en um Nach­sicht, die Weiber sucht­en das stein­erne Herz zu erwe­ichen, und die Kinder win­sel­ten um ein Stück­lein Brot; aber als er sich ein paar tüchtige Fleis­cher­hunde angeschafft hat­te, hörte diese Katzen­musik, wie er es nan­nte, bald auf; er pfiff und het­zte, und die Bet­telleute flo­gen schreiend auseinan­der. Am meis­ten Beschw­erde machte ihm das »alte Weib«. Das war aber nie­mand anders als Frau Munkin, Peters Mut­ter. Sie war in Not und Elend ger­at­en, als man ihr Haus und Hof verkauft hat­te, und ihr Sohn, als er reich zurück­gekehrt war, hat­te nicht mehr nach ihr umge­se­hen. Da kam sie nun zuweilen, alt, schwach und gebrech­lich, an einem Stock vor das Haus. Hinein wagte sie sich nim­mer, denn er hat­te sie ein­mal wegge­jagt; aber es tat ihr wehe, von den Gut­tat­en ander­er Men­schen leben zu müssen, da der eigene Sohn ihr ein sor­gen­los­es Alter hätte bere­it­en kön­nen. Aber das kalte Herz wurde nim­mer gerührt von dem Anblicke der ble­ichen, wohlbekan­nten Züge, von den bit­ten­den Blick­en, von der welken, aus­gestreck­ten Hand, von der hin­fäl­li­gen Gestalt; mür­risch zog er, wenn sie sonnabends an die Türe pochte, einen Sechs­bätzn­er her­vor, schlug ihn in ein Papi­er und ließ ihn hin­aus­re­ichen durch einen Knecht. Er ver­nahm ihre zit­ternde Stimme, wenn sie dank­te und wün­schte, es möge ihm wohl gehen auf Erden, er hörte sie hüstel­nd von der Türe schle­ichen, aber er dachte weit­er nicht mehr daran, als daß er wieder sechs Batzen umson­st ausgegeben. 

Endlich kam Peter auch auf den Gedanken zu heirat­en. Er wußte, daß im ganzen Schwarzwald jed­er Vater ihm gerne seine Tochter geben werde; aber er war schwierig in sein­er Wahl; denn er wollte, daß man auch hierin sein Glück und seinen Ver­stand preisen sollte; daher ritt er umher im ganzen Wald, schaute hier, schaute dort, und keine der schö­nen Schwarzwälderin­nen deuchte ihm schön genug. Endlich, nach­dem er auf allen Tanzbö­den umson­st nach der Schön­sten aus­geschaut hat­te, hörte er eines Tages, die Schöne und Tugend­sam­ste im ganzen Wald sei eines armen Holzbauers Tochter. Sie lebe still und für sich, besorge geschickt und emsig ihres Vaters Haus und lasse sich nie auf dem Tanz­bo­den sehen, nicht ein­mal zu Pfin­g­sten oder Kirmes. Als Peter von diesem Wun­der des Schwarzwaldes hörte, beschloß er, um sie zu wer­ben, und ritt nach der Hütte, die man ihm beze­ich­net hat­te. Der Vater der schö­nen Lis­beth empf­ing den vornehmen Her­rn mit Staunen und erstaunte noch mehr, als er hörte, es sei dies der reiche Herr Peter und er wolle sein Schwiegersohn wer­den. Er besann sich auch nicht lange, denn er meinte, all seine Sorge und Armut werde nun ein Ende haben, sagte zu, ohne die schöne Lis­beth zu fra­gen, und das gute Kind war so fol­gsam, daß sie ohne Widerrede Frau Peter Munkin wurde.

Aber es wurde der Armen nicht so gut, als sie sich geträumt hat­te. Sie glaubte ihr Hauswe­sen wohl zu ver­ste­hen, aber sie kon­nte Her­rn Peter nichts zu Dank machen; sie hat­te Mitlei­den mit armen Leuten, und da ihr Ehe­herr reich war, dachte sie, es sei keine Sünde, einem armen Bet­tel­weib einen Pfen­nig oder einem alten Mann einen Schnaps zu reichen; aber als Herr Peter dies eines Tages merk­te, sprach er mit zür­nen­den Blick­en und rauher Stimme: »Warum ver­schleud­er­st du mein Ver­mö­gen an Lumpen und Straßen­läufer? Hast du was mit­ge­bracht ins Haus, das du wegschenken kön­ntest? Mit deines Vaters Bet­tel­stab kann man keine Suppe wär­men, und wirf­st das Geld aus wie eine Fürstin? Noch ein­mal laß dich betreten, so sollst du meine Hand fühlen!« Die schöne Lis­beth weinte in ihrer Kam­mer über den harten Sinn ihres Mannes, und sie wün­schte oft, lieber heim zu sein in ihres Vaters ärm­lich­er Hütte, als bei dem reichen, aber geizigen, hartherzi­gen Peter zu hausen. Ach, hätte sie gewußt, daß er ein Herz von Mar­mor habe und wed­er sie noch irgen­deinen Men­schen lieben könne, so hätte sie sich wohl nicht gewun­dert. So oft sie aber jet­zt unter der Türe saß, und es ging ein Bet­tel­mann vorüber und zog den Hut und hub an seinen Spruch, so drück­te sie die Augen zu, das Elend nicht zu schauen, sie ballte die Hand fes­ter, damit sie nicht unwillkür­lich in die Tasche fahre, ein Kreuzer­lein her­auszu­lan­gen. So kam es, daß die schöne Lis­beth im ganzen Wald ver­schrien wurde und es hieß, sie sei noch geiziger als Peter Munk. Aber eines Tages saß Frau Lis­beth wieder vor dem Haus und spann und murmelte ein Lied­chen dazu; denn sie war munter, weil es schönes Wet­ter und Herr Peter aus­gerit­ten war über Feld. Da kommt ein altes Männlein des Weges daher, das trägt einen großen, schw­eren Sack, und sie hört es schon von weit­em keuchen. Teil­nehmend sieht ihm Frau Lis­beth zu und denkt, einem so alten, kleinen Mann sollte man nicht mehr so schw­er aufladen. 

Indes keucht und wankt das Männlein her­an, und als es gegenüber von Frau Lis­beth war, brach es unter dem Sacke beina­he zusam­men. »Ach, habt die Barmherzigkeit, Frau, und reichet mir nur einen Trunk Wass­er!« sprach das Männlein. »Ich kam nicht weit­er, muß elend verschmachten.« 

»Aber Ihr soll­tet in Eurem Alter nicht mehr so schw­er tra­gen«, sagte Frau Lisbeth. 

»Ja, wenn ich nicht Boten gehen müßte, der Armut hal­ber und um mein Leben zu fris­ten«, antwortete er, »ach, so eine reiche Frau wie Ihr weiß nicht, wie wehe Armut tut und wie wohl ein frisch­er Trunk bei solch­er Hitze.« 

Als sie dies hörte, eilte sie in das Haus, nahm einen Krug vom Ges­ims und füllte ihn mit Wass­er; doch als sie zurück­kehrte und nur noch wenige Schritte von ihm war und das Männlein sah, wie es so elend und verküm­mert auf dem Sack saß, da fühlte sie inniges Mitleid, bedachte, daß ja ihr Mann nicht zu Hause sei, und so stellte sie den Wasserkrug bei­seite, nahm einen Bech­er und füllte ihn mit Wein, legte ein gutes Roggen­brot darauf und brachte es dem Alten. »So, und ein Schluck Wein mag Euch bess­er from­men als Wass­er, da Ihr schon so gar alt seid«, sprach sie, »aber trin­ket nicht so hastig und esset auch Brot dazu!«

Das Männlein sah sie staunend an, bis große Trä­nen in seinen alten Augen standen; es trank und sprach dann: »Ich bin alt gewor­den, aber ich hab’ wenige Men­schen gese­hen, die so mitlei­dig wären und ihre Gaben so schön und her­zlich zu spenden wüßten wie Ihr, Frau Lis­beth. Aber es wird Euch dafür auch recht wohl gehen auf Erden; solch ein Herz bleibt nicht unbelohnt.« 

»Nein, und den Lohn soll sie zur Stelle haben«, schrie eine schreck­liche Stimme, und als sie sich umsa­hen, war es Herr Peter mit blutrotem Gesicht. 

»Und sog­ar meinen Ehren­wein gießest du aus an Bet­telleute, und meinen Mund­bech­er gib­st du an die Lip­pen der Straßen­läufer? Da, nimm deinen Lohn!« Frau Lis­beth stürzte zu seinen Füßen und bat um Verzei­hung; aber das stein­erne Herz kan­nte kein Mitleid, er drehte die Peitsche um, die er in der Hand hielt, und schlug sie mit dem Hand­griff von Eben­holz so heftig vor die schöne Stirne, daß sie leb­los dem alten Mann in die Arme sank. Als er dies sah, war es doch, als reute ihn die Tat auf der Stelle; er bück­te sich herab, zu schauen, ob noch Leben in ihr sei, aber das Männlein sprach mit wohlbekan­nter Stimme: »Gib dir keine Mühe, Kohlen­peter; es war die schön­ste und lieblich­ste Blume im Schwarzwald, aber du hast sie zertreten, und nie mehr wird sie wieder blühen.« 

Da wich alles Blut aus Peters Wan­gen, und er sprach: »Also Ihr seid es, Herr Schatzhauser? Nun, was geschehen ist, ist geschehen, und es hat wohl so kom­men müssen. Ich hoffe aber, Ihr werdet mich nicht bei dem Gericht anzeigen als Mörder.« 

»Elen­der!« erwiderte das Glas­männlein. »Was würde es mir from­men, wenn ich deine sterbliche Hülle an den Gal­gen brächte? Nicht irdis­che Gerichte sind es, die du zu fürcht­en hast, son­dern andere und stren­gere; denn du hast deine Seele an den Bösen verkauft.« 

»Und hab’ ich mein Herz verkauft«, schrie Peter, »so ist nie­mand daran schuld als du und deine betrügerischen Schätze; du tück­isch­er Geist hast mich ins Verder­ben geführt, mich getrieben, daß ich bei einem anderen Hil­fe suchte, und auf dir liegt die ganze Verantwortung.« 

Aber kaum hat­te er dies gesagt, so wuchs und schwoll das Glas­männlein und wurde hoch und bre­it, und seine Augen sollen so groß gewe­sen sein wie Sup­pen­teller, und sein Mund war wie ein geheizter Back­ofen, und Flam­men blitzten daraus her­vor. Peter warf sich auf die Knie, und sein stein­ernes Herz schützte ihn nicht, daß nicht seine Glieder zit­terten wie eine Espe. Mit Geier­skrallen pack­te ihn der Waldgeist im Nack­en, drehte ihn um, wie ein Wirbel­wind dür­res Laub, und warf ihn dann zu Boden, daß ihm alle Rip­pen knack­ten. »Erden­wurm!« rief er mit ein­er Stimme, die wie der Don­ner rollte, »ich kön­nte dich zer­schmettern, wenn ich wollte; denn du hast gegen den Her­rn des Waldes gefrev­elt. Aber um dieses toten Weibes willen, die mich gespeist und getränkt hat, gebe ich dir acht Tage Frist. Bekehrst du dich nicht zum Guten, so komme ich und zer­malme dein Gebein, und du fährst hin in deinen Sünden.« 

Es war schon Abend, als einige Män­ner, die vor­beigin­gen, den reichen Peter Munk an der Erde liegen sahen. Sie wandten ihn hin und her und sucht­en, ob noch Atem in ihm sei; aber lange war ihr Suchen vergebens . Endlich ging ein­er in das Haus und brachte Wass­er her­bei und besprengte ihn. Da holte Peter tief Atem, stöh­nte und schlug die Augen auf, schaute lange um sich her und fragte dann nach Frau Lis­beth; aber kein­er hat­te sie gese­hen. Er dank­te den Män­nern für ihre Hil­fe, schlich sich in sein Haus und suchte über­all; aber Frau Lis­beth war wed­er im Keller noch auf dem Boden, und das, was er für einen schreck­lichen Traum gehal­ten, war bit­tere Wahrheit. Wie er nun so ganz allein war, da kamen ihm son­der­bare Gedanken; er fürchtete sich vor nichts, denn sein Herz war ja kalt; aber wenn er an den Tod sein­er Frau dachte kam ihm sein eigenes Hin­schei­den in den Sinn, und wie belastet er dahin­fahren werde, schw­er belastet mit Trä­nen der Armen, mit tausend ihrer Flüche, die sein Herz nicht erwe­ichen kon­nten, mit dem Jam­mer der Elen­den, auf die er seine Hunde gehet­zt, belastet mit der stillen Verzwei­flung sein­er Mut­ter, mit dem Blute der schö­nen, guten Lis­beth; und kon­nte er doch nicht ein­mal dem alten Mann, ihrem Vater, Rechen­schaft geben, wenn er käme und fragte: »Wo ist meine Tochter, dein Weib?« Wie wollte er einem anderen Frage ste­hen, dem alle Wälder, alle Seen, alle Berge gehören und die Leben der Menschen?

Es quälte ihn auch nachts im Traume, und alle Augen­blicke wachte er auf an ein­er süßen Stimme, die ihm zurief: »Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!« Und wenn er erwacht war, schloß er doch schnell wieder die Augen, denn der Stimme nach mußte es Frau Lis­beth sein, die ihm leise diese War­nung zurief. 

Den anderen Tag ging er ins Wirtshaus, um seine Gedanken zu zer­streuen, und dort traf er den dick­en Ezechiel. Er set­zte sich zu ihm, sie sprachen dies und jenes, vom schö­nen Wet­ter, vom Krieg, von den Steuern und endlich auch vom Tod und wie da und dort ein­er so schnell gestor­ben sei. Da fragte Peter den Dick­en, was er denn vom Tod halte, und wie es nach­her sein werde. Ezechiel antwortete ihm, daß man den Leib begrabe, die Seele aber fahre entwed­er auf zum Him­mel oder hinab in die Hölle. 

»Also begräbt man das Herz auch?« fragte der Peter gespannt. 

»Ei freilich, das wird auch begraben.« 

»Wenn aber ein­er sein Herz nicht mehr hat?« fuhr Peter fort. 

Ezechiel sah ihn bei diesen Worten schreck­lich an. »Was willst du damit sagen? Willst du mich fop­pen? Meinst du, ich habe kein Herz?« 

»Oh, Herz genug, so fest wie Stein«, erwiderte Peter. Ezechiel sah ihn ver­wun­dert an, schaute sich um, ob es nie­mand gehört habe, und sprach dann: »Woher weißt du es? Oder pocht vielle­icht das deinige auch nicht mehr?« 

»Pocht nicht mehr, wenig­stens nicht hier in mein­er Brust!« antwortete Peter Munk. »Aber sag mir, da du jet­zt weißt, was ich meine, wie wird es gehen mit unseren Herzen?« 

»Was küm­mert dich dies, Gesell?« fragte Ezechiel lachend. »Hast ja auf Erden vol­lauf zu leben und damit genug. Das ist ja ger­ade das Bequeme in unseren kalten Herzen, daß uns keine Furcht befällt vor solchen Gedanken.«

»Wohl wahr, aber man denkt doch daran, und wenn ich auch jet­zt keine Furcht mehr kenne, so weiß ich doch wohl noch, wie sehr ich mich vor der Hölle gefürchtet, als ich noch ein klein­er, unschuldiger Knabe war.« 

»Nun gut wird es uns ger­ade nicht gehen«, sagte Ezechiel. »Hab’ mal einen Schul­meis­ter darüber gefragt, der sagte mir, daß nach dem Tod die Herzen gewogen wer­den, wie schw­er sie sich ver­sündigt hät­ten. Die leicht­en steigen auf, die schw­eren sinken hinab, und ich denke, unsere Steine wer­den ein gutes Gewicht haben.« 

»Ach, freilich«, erwiderte Peter, »und es ist mir oft selb­st unbe­quem, daß mein Herz so teil­nahm­s­los und ganz gle­ichgültig ist, wenn ich an solche Dinge denke.« 

So sprachen sie; aber in der näch­sten Nacht hörte er fünf oder sechs­mal die bekan­nte Stimme in sein Ohr lispeln: »Peter, schaff dir ein wärmeres Herz!« 

Er emp­fand keine Reue, daß er sie getötet, aber wenn er dem Gesinde sagte, seine Frau sei ver­reist, so dachte er immer dabei: »Wohin mag sie wohl gereist sein?« Sechs Tage hat­te er es so getrieben, und immer hörte er nachts diese Stimme, und immer dachte er an den Waldgeist und seine schreck­liche Dro­hung; aber am sieben­ten Mor­gen sprang er auf von seinem Lager und rief: »Nun ja, will sehen, ob ich mir ein wärmeres schaf­fen kann; denn der gle­ichgültige Stein in mein­er Brust macht mir das Leben nur lang­weilig und öde.« Er zog schnell seinen Son­ntagsstaat an und set­zte sich auf sein Pferd und ritt dem Tan­nen­bühl zu. 

Im Tan­nen­bühl, wo die Bäume dichter standen, saß er ab, band sein Pferd an und ging schnellen Schrittes dem Gipfel des Hügels zu, und als er vor der dick­en Tanne stand, hub er seinen Spruch an: 

»Schatzhauser im grü­nen Tan­nen­wald, Bist viele hun­dert Jahre alt,
Dein ist all’ Land, wo Tan­nen ste­hen, Läßt dich nur Son­ntagskindern sehen.« 

Da kam das Glas­männlein her­vor, aber nicht fre­undlich und traulich wie son­st, son­dern düster und trau­rig; es hat­te ein Röck­lein an von schwarzem Glas, und ein langer Trauer­flor flat­terte herab vom Hut, und Peter wußte wohl, um wen er trauerte. 

»Was willst du von mir, Peter Munk?« fragte es mit dumpfer Stimme. 

»Ich hab’ noch einen Wun­sch, Herr Schatzhauser«, antwortete Peter mit niedergeschla­ge­nen Augen. 

»Kön­nen Stein­herzen noch wün­schen?« sagte jen­er. »Du hast alles, was du für deinen schlecht­en Sinn bedarf­st, und ich werde schw­er­lich deinen Wun­sch erfüllen.« 

»Aber Ihr habt mir doch drei Wün­sche zuge­sagt; einen hab’ ich immer noch übrig.«

»Doch kann ich ihn ver­sagen, wenn er töricht ist«, fuhr der Waldgeist fort, »aber wohlan, ich will hören, was du willst.« 

»So nehmet mir den toten Stein her­aus und gebet mir mein lebendi­ges Herz«, sprach Peter. 

»Hab’ ich den Han­del mit dir gemacht?« fragte das Glas­männlein, »bin ich der Hol­län­der- Michel, der Reich­tum und kalte Herzen schenkt? Dort, bei ihm mußt du dein Herz suchen.« 

»Ach, er gibt es nim­mer zurück«, antwortete Peter. 

»Du dauerst mich, so schlecht du auch bist«, sprach das Männlein nach einigem Nach­denken . »Aber weil dein Wun­sch nicht töricht ist, so kann ich dir wenig­stens meine Hil­fe nicht ver­sagen. So höre. Dein Herz kannst du mit kein­er Gewalt mehr bekom­men, wohl aber durch List, und es wird vielle­icht nicht schw­er­hal­ten; denn Michel bleibt doch nur der dumme Michel, obgle­ich er sich unge­mein klug dünkt. So gehe denn ger­adewegs zu ihm hin und tue, wie ich dich heiße!« Und nun unter­richtete er ihn in allem und gab ihm ein Kreu­zlein aus reinem Glas: »Am Leben kann er dir nicht schaden, und er wird dich frei lassen, wenn du ihm dies vorhal­ten und dazu beten wirst. Und hast du denn, was du ver­langt hast, erhal­ten, so komm wieder zu mir an diesen Ort!« 

Peter Munk nahm das Kreu­zlein, prägte sich alle Worte ins Gedächt­nis und ging weit­er nach Hol­län­der-Michels Behausung. Er rief dreimal seinen Namen, und alsobald stand der Riese vor ihm. »Du hast dein Weib erschla­gen?« fragte er ihn mit schreck­lichem Lachen. »Hätt’ es auch so gemacht; sie hat dein Ver­mö­gen an das Bet­telvolk gebracht. Aber du wirst auf einige Zeit außer Lan­des gehen müssen, denn es wird Lärm machen, wenn man sie nicht find­et; und du brauchst wohl Geld und kommst, um es zu holen?« 

»Du hast’s errat­en«, erwiderte Peter, »und nur recht viel dies­mal, denn nach Ameri­ka ist’s weit.« 

Michel ging voran und brachte ihn in seine Hütte; dort schloß er eine Truhe auf, worin viel Geld lag, und langte ganze Rollen Gold her­aus. Während er es so auf den Tisch hin­za­̈hlte, sprach Peter: »Du bist ein los­er Vogel, Michel, daß du mich bel­o­gen hast, ich hätte einen Stein in der Brust und du habest mein Herz!« 

»Und ist es denn nicht so?« fragte Michel staunend. »Fühlst du denn dein Herz? Ist es nicht kalt wie Eis? Hast du Furcht oder Gram, kann dich etwas reuen?« 

»Du hast mein Herz nur still­ste­hen lassen, aber ich hab’ es noch wie son­st in mein­er Brust, und Ezechiel auch, der hat es mir gesagt, daß du uns angel­o­gen hast; du bist nicht der Mann dazu, der einem das Herz so unbe­merkt und ohne Gefahr aus der Brust reißen kön­nte; da müßtest du zaubern können.« 

»Aber ich ver­sichere dir«, rief Michel unmutig, »du und Ezechiel und alle reichen Leute, die es mit mir gehal­ten, haben solche kalten Herzen wie du, und ihre recht­en Herzen habe ich hier in mein­er Kammer.«

»Ei, wie dir das Lü­gen von der Zunge geht!« lachte Peter. »Das mach du einem anderen weis! Meinst du, ich hab’ auf meinen Reisen nicht solche Kun­st­stücke zu Dutzen­den gese­hen? Aus Wachs nachgeahmt sind deine Herzen hier in der Kam­mer. Du bist ein reich­er Kerl, das geb’ ich zu; aber zaubern kannst du nicht.« 

Da ergrimmte der Riese und riß die Kam­mer­türe auf. »Komm here­in und lies die Zettel alle, und jenes dort, schau, das ist Peter Munks Herz; siehst du, wie es zuckt? Kann man das auch aus Wachs machen?« 

»Und doch ist es aus Wachs«, antwortete Peter. »So schlägt ein recht­es Herz nicht; ich habe das meinige noch in der Brust. Nein, zaubern kannst du nicht!« 

»Aber ich will es dir beweisen!« rief jen­er ärg­er­lich. »Du sollst es selb­st fühlen, daß dies dein Herz ist.« Er nahm es, riß Peters Wams auf und nahm einen Stein aus sein­er Brust und zeigte ihn vor. Dann nahm er das Herz, hauchte es an und set­zte es behut­sam an seine Stelle, und alsobald fühlte Peter, wie es pochte, und er kon­nte sich wieder darüber freuen. 

»Wie ist es dir jet­zt?« fragte Michel lächelnd. 

»Wahrhaftig, du hast doch recht gehabt«, antwortete Peter, indem er behut­sam sein Kreu­zlein aus der Tasche zog. »Hätt’ ich doch nicht geglaubt, daß man der­gle­ichen tun könne!« »Nicht wahr? Und zaubern kann ich, das siehst du; aber komm, jet­zt will ich dir den Stein wieder hineinsetzen.« 

»Gemach, Herr Michel!« rief Peter, trat einen Schritt zurück und hielt ihm das Kreu­zlein ent­ge­gen. »Mit Speck fängt man Mäuse, und dies­mal bist du der Bet­ro­gene.« Und zugle­ich fing er an zu beten, was ihm nur beifiel. 

Da wurde Michel klein­er und immer klein­er, fiel nieder und wand sich hin und her wie ein Wurm und ächzte und stöh­nte, und alle Herzen umher fin­gen an zu zuck­en und zu pochen, daß es tönte wie in der Werk­statt eines Uhrma­ch­ers. Peter aber fürchtete sich, und es wurde ihm ganz unheim­lich zumut, er ran­nte zur Kam­mer und zum Haus hin­aus und klimmte, von Angst getrieben, die Felsen­wand hinan; denn er hörte, daß Michel sich aufraffte, stampfte und tobte und ihm schreck­liche Flüche nach­schick­te. Als er oben war, lief er dem Tan­nen­bühl zu; ein schreck­lich­es Gewit­ter zog auf, Blitze fie­len links und rechts an ihm nieder und zer­schmetterten die Bäume, aber er kam wohlbe­hal­ten in dem Revi­er des Glas­männleins an. 

Sein Herz pochte freudig, und nur darum, weil es pochte. Dann aber sah er mit Entset­zen auf sein Leben zurück wie auf das Gewit­ter, das hin­ter ihm rechts und links den schö­nen Wald zer­split­terte. Er dachte an Frau Lis­beth, sein schönes, gutes Weib, das er aus Geiz gemordet, er kam sich selb­st wie der Auswurf der Men­schen vor, und er weinte heftig, als er an Glas­männleins Hügel kam. Der Schatzhauser saß schon unter dem Tan­nen­baum und rauchte aus ein­er kleinen Pfeife; doch sah er munter­er aus als zuvor. »Warum weinst du, Kohlen­peter?« fragte er. »Hast du dein Herz nicht erhal­ten? Liegt noch das kalte in dein­er Brust?«

»Ach, Herr!« seufzte Peter, »als ich noch das kalte Stein­herz trug, da weinte ich nie, meine Augen waren so trock­en wie das Land im Juli; jet­zt aber will es mir beina­he das alte Herz zer­brechen, was ich getan! Meine Schuld­ner habe ich ins Elend gejagt, auf Arme und Kranke die Hunde gehet­zt, und Ihr wißt es ja selb­st wie meine Peitsche auf ihre schöne Stirne fiel!« »Peter! Du warst ein großer Sün­der!« sprach das Männlein. »Das Geld und der Müßig­gang haben dich ver­dor­ben, bis dein Herz zu Stein wurde, nicht Freud’, nicht Leid, keine Reue, kein Mitleid mehr kan­nte. Aber Reue ver­söh­nt, und wenn ich nur wüßte, daß dir dein Leben recht leid tut, so kön­nte ich schon noch was für dich tun.« 

»Will nichts mehr«, antwortete Peter und ließ trau­rig sein Haupt sinken. »Mit mir ist es aus, kann mich mein Leb­tag nicht mehr freuen; was soll ich so allein auf der Welt tun? Meine Mut­ter verzei­ht mir nim­mer, was ich ihr getan, und vielle­icht hab’ ich sie unter den Boden gebracht, ich Unge­heuer! Und Lis­beth, meine Frau! Schlaget mich lieber auch tot, Herr Schatzhauser; dann hat mein elend Leben mit ein­mal ein Ende.« 

»Gut«, erwiderte das Männlein, »wenn du nicht anders willst, so kannst du es haben; meine Axt habe ich bei der Hand.« Er nahm ganz ruhig sein Pfei­flein aus dem Mund, klopfte es aus und steck­te es ein. Dann stand er langsam auf und ging hin­ter die Tan­nen. Peter aber set­zte sich weinend ins Gras, sein Leben war ihm nichts mehr, und er erwartete geduldig den Todesstre­ich. Nach einiger Zeit hörte er leise Tritte hin­ter sich und dachte: »Jet­zt wird er kommen.« 

»Schau dich noch ein­mal um, Peter Munk!« rief das Männlein. Er wis­chte sich die Trä­nen aus den Augen und schaute sich um und sah seine Mut­ter und Lis­beth, seine Frau, die ihn fre­undlich anblickten. 

Da sprang er freudig auf: »So bist du nicht tot, Lis­beth; und auch Ihr seid da, Mut­ter, und habt mir vergeben?« 

»Sie wollen dir verzei­hen«, sprach das Glas­männlein, »weil du wahre Reue fühlst, und alles soll vergessen sein. Zieh jet­zt heim in deines Vaters Hütte und sei ein Köh­ler wie zuvor; bist du brav und bieder, so wirst du dein Handw­erk ehren, und deine Nach­barn wer­den dich mehr lieben und acht­en, als wenn du zehn Ton­nen Goldes hättest.« So sprach das Glas­männlein und nahm Abschied von ihnen. 

Die drei lobten und seg­neten es und gin­gen heim. 

Das prachtvolle Haus des reichen Peters stand nicht mehr; der Blitz hat­te es angezün­det und mit all seinen Schätzen niederge­bran­nt; aber nach der väter­lichen Hütte war es nicht weit; dor­thin ging jet­zt ihr Weg, und der große Ver­lust beküm­merte sie nicht. Aber wie staunten sie, als sie an die Hütte kamen! Sie war zu einem schö­nen Bauern­haus gewor­den, und alles darin war ein­fach, aber gut und reinlich.

»Das hat das gute Glas­männlein getan!« rief Peter. 

»Wie schön!« sagte Frau Lis­beth. »Und hier ist mir viel heimis­ch­er als in dem großen Haus mit dem vie­len Gesinde.« 

Von jet­zt an wurde Peter Munk ein fleißiger und wack­er­er Mann. Er war zufrieden mit dem, was er hat­te, trieb sein Handw­erk unver­drossen, und so kam es, daß er durch eigene Kraft wohlhabend wurde und ange­se­hen und beliebt im ganzen Wald. Er zank­te nie mehr mit Frau Lis­beth, ehrte seine Mut­ter und gab den Armen, die an seine Türe pocht­en. Als nach Jahr und Tag Frau Lis­beth von einem schö­nen Knaben genas, ging Peter nach dem Tan­nen­bühl und sagte sein Sprüch­lein. Aber das Glas­männlein zeigte sich nicht. »Herr Schatzhauser!« rief er laut, »hört mich doch; ich will ja nichts anderes, als Euch zu Gevat­ter bit­ten bei meinem Söhn­lein!« Aber es gab keine Antwort; nur ein kurz­er Wind­stoß sauste durch die Tan­nen und warf einige Tan­nen­zapfen herab ins Gras. »So will ich dies zum Andenken mit­nehmen, weil Ihr Euch doch nicht sehen lassen wol­let«, rief Peter, steck­te die Zapfen in die Tasche und ging nach Hause; aber als er zu Hause das Son­ntagswams aus­zog und seine Mut­ter die Taschen umwandte und das Wams in den Kas­ten leg­en wollte, da fie­len vier stat­tliche Gel­drollen her­aus, und als man sie öffnete, waren es lauter gute, neue badis­che Taler, und kein einziger falsch­er darunter. Und das war das Patengeschenk des Männleins im Tan­nen­wald für den kleinen Peter. 

So lebten sie still und unver­drossen fort, und noch oft nach­her, als Peter Munk schon graue Haare hat­te, sagte er: »Es ist doch bess­er, zufrieden zu sein mit wenigem, als Gold und Güter haben und ein kaltes Herz.«