Das häßliche junge Entlein

von Hans Christian Andersen

~19 Min

Es war so her­rlich draußen auf dem Lande. Es war Som­mer, das Korn stand gelb, der Hafer grün, das Heu war unten auf den grü­nen Wiesen in Schobern aufge­set­zt, und der Storch ging auf seinen lan­gen, roten Beinen und plap­perte ägyp­tisch, denn diese Sprache hat­te er von sein­er Frau Mut­ter gel­ernt. Rings um die Äck­er und die Wiesen gab es große Wälder und mit­ten in den Wäldern tiefe Seen. Ja, es war wirk­lich her­rlich da draußen auf dem Lande! Mit­ten im Son­nen­schein lag dort ein altes Landgut, von tiefen Kanälen umgeben; und von der Mauer bis zum Wass­er herunter wuch­sen große Klet­ten­blät­ter, die so hoch waren, daß kleine Kinder unter den höch­sten aufrecht ste­hen kon­nten; es war eben­so wild darin wie im tief­sten Walde. Hier saß eine Ente auf ihrem Nest, welche ihre Jun­gen aus­brüten mußte; aber es wurde ihr fast zu lang­weilig, bis die Jun­gen kamen. Dazu erhielt sie sel­ten Besuch; die andern Enten schwammen lieber in den Kanälen umher, als daß sie hin­au­fliefen, sich unter ein Klet­ten­blatt zu set­zen, um mit ihr zu schnattern.

Endlich platzte ein Ei nach dem anderen; »Piep! piep!« sagte es, und alle Eidot­ter waren lebendig gewor­den und steck­ten die Köpfe her­aus. »Rapp! rapp!« sagte sie; und so rap­pel­ten sich alle, was sie kon­nten, und sahen nach allen Seit­en unter den grü­nen Blät­tern; und die Mut­ter ließ sie sehen, so viel sie woll­ten, denn das Grüne ist gut für die Augen.

»Wie groß ist doch die Welt!« sagten alle Jun­gen, denn nun hat­ten sie freilich viel mehr Platz, als wie sie noch drin­nen im Ei lagen. »Glaubt ihr, daß dies die ganze Welt ist?« sagte die Mut­ter; »die erstreckt sich noch weit über die andere Seite des Gartens, ger­ade hinein in des Pfar­rers Feld; aber da bin ich noch nie gewe­sen!« »Ihr seid doch alle beisam­men?« fuhr sie fort und stand auf. »Nein, ich habe nicht alle; das größte Ei liegt noch da; wie lange soll denn das dauern! Jet­zt bin ich es bald über­drüs­sig!« und so set­zt sie sich wieder.

»Nun, wie geht es?« fragte eine alte Ente, welche gekom­men war, um ihr einen Besuch abzus­tat­ten. »Es währt recht lange mit dem einen Ei!« sagte die Ente, die da saß; es will nicht platzen; doch sieh nur die andern an; sind es nicht die niedlich­sten Entlein, die man je gese­hen? Sie gle­ichen alle­samt ihrem Vater; der Bösewicht kommt nicht, mich zu besuchen.«

»Laß mich das Ei sehen, welch­es nicht platzen will!« sagte die Alte. »Glaube mir, es ist ein Kalekuten-Ei! Ich bin auch ein­mal so ange­führt wor­den und hat­te meine große Sorge und Not mit den Jun­gen, denn ihnen ist bange vor dem Wass­er! Ich kon­nte sie nicht hinein­brin­gen; ich rappte und schnappte, aber es half nicht. Laß mich das Ei sehen! Ja, das ist ein Kalekuten-Ei! Laß das liegen und lehre lieber die andern Kinder schwimmen.«

»Ich will doch noch ein bißchen darauf sitzen«, sagte die Ente; »habe ich nun so lange gesessen, so kann ich auch noch einige Tage sitzen. »Nach Belieben«, sagte die alte Ente und ging von dannen.

Endlich platze das Ei. »Piep! piep!« sagte das Junge und kroch her­aus. Es war sehr groß und häßlich! Die Ente betra­chtete es: »Es ist doch ein gewaltig großes Entlein das«, sagte sie; »keins von den andern sieht so aus; sollte es wohl ein kalikul­tisches Küch­lein sein? Nun, wir wollen bald dahin­terkom­men; in das Wass­er muß es, sollte ich es auch selb­st hineinstoßen.«

Am näch­sten Tage war schönes, her­rlich­es Wet­ter; die Sonne schien auf alle grü­nen Klet­ten. Die Entlein­mut­ter ging mit ihrer ganzen Fam­i­lie zu dem Kanal hin­unter. Platsch! da sprang sie ins Wass­er. »Rapp! rapp!« sagte sie, und ein Entlein nach dem andern plump­ste hinein; das Wass­er schlug ihnen über dem Kopf zusam­men, aber sie kamen gle­ich wieder empor und schwammen ganz prächtig; die Beine gin­gen von selb­st, und alle waren sie im Wass­er; selb­st das häßliche, graue Junge schwamm mit.

»Nein, es ist kein Kalekut«, sagte sie; »Sieh, wie her­rlich es die Beine gebraucht, wie ger­ade es sich hält; es ist mein eigenes Kind! Im Grunde ist es doch ganz hüb­sch, wenn man es nur recht betra­chtet. Rapp! rapp! Kommt nur mit mir, ich werde euch in die große Welt führen, euch im Enten­hofe präsen­tieren; aber hal­tet euch immer nahe zu mir, damit euch nie­mand tritt, und nehmt euch vor den Katzen in acht!«

Und so kamen sie in den Enten­hof hinein. Drin­nen war ein schreck­lich­er Lärm, denn da waren zwei Fam­i­lien, die sich um einen Aalkopf bis­sen, und am Ende bekam ihn doch die Katze.

»Seht, so geht es in der Welt zu!« sagte die Entlein­mut­ter und wet­zte ihren Schnaubel, denn sie wollte auch den Aalkopf haben. »Braucht nun die Beine!« sagte sie; »seht, daß ihr euch rap­peln kön­nt, und neigt euren Hals vor der alten Ente dort; die ist die vornehm­ste von allen hier; sie ist aus spanis­chem Geblüt, deshalb ist sie so dick, und seht ihr: sie hat einen roten Lap­pen um das Bein; das ist etwas außeror­dentlich Schönes und die größte Ausze­ich­nung, welche ein­er Ente zuteil wer­den kann. Das bedeutet so viel, daß man sie nicht ver­lieren will und daß sie von Tier und Men­schen erkan­nt wer­den soll! Rap­pelt euch! Set­zt die Füße nicht ein­wärts; ein wohler­zo­genes Entlein set­zt die Füße weit auswärts, ger­ade wie Vater und Mut­ter; seht: so! Nun neigt euren Hals und sagt: Rapp.«

Und das tat­en sie; aber die andern Enten ring­sumher betra­chteten sie und sagten ganz laut: »Sieh da! Nun sollen wir noch den Anhang haben; als ob wir nicht schon so genug wären! Und pfui! Wie das eine Entlein aussieht, das wollen wir nicht dulden!« Und sogle­ich flog eine Ente hin und biß es in den Nack­en. »Laß es gehen!« sagte die Mut­ter; »es tut ja nie­man­dem etwas.« »Ja, aber es ist zu groß und ungewöhn­lich«, sagte die beißende Ente; »und deshalb muß es gepufft werden.«

»Es sind hüb­sche Kinder, welche die Mut­ter hat«, sagte die alte Ente mit dem Lap­pen um das Bein; »alle schön, bis auf das eine; das ist nicht geglückt; ich möchte, daß sie es umar­beit­en kön­nte.« »Das geht nicht, Ihro Gnaden«, sagte die Entlein­mut­ter; »es ist nicht hüb­sch, aber es hat ein inner­lich gutes Gemüt und schwimmt so her­rlich wie eins von den andern, ja, ich darf sagen, noch etwas bess­er. Ich denke, es wird hüb­sch her­anwach­sen und mit der Zeit etwas klein­er wer­den; es hat zu lange in dem Ei gele­gen und deshalb nicht die rechte Gestalt bekom­men!« Und so zupfte sie es im Nack­en und glät­tete das Gefieder. »Es ist überdies ein Enterich«, sagte sie; »und darum nacht es nicht so viel aus. Ich denke, er wird gute Kräfte bekom­men; er schlägt sich schon durch.«

»Die anderen Entlein sind niedlich«, sagte die Alte; »tut nun, als ob ihr zu Hause wäret, und find­et ihr einen Aalkopf, so kön­nt ihr ihn mir brin­gen.« Und nun waren sie zu Hause.

Aber das arme Entlein, welch­es zulet­zt aus dem Ei gekrochen war und so häßlich aus­sah, wurde gebis­sen, gestoßen und aus­gelacht, und das sowohl von den Enten wie von den Hüh­n­ern. »Es ist zu groß!« sagten alle, und der kalikul­tische Hahn, welch­er mit Sporen zur Welt gekom­men war und deshalb glaubte, daß er Kaiser sei, blies sich auf wie ein Fahrzeug mit vollen Segeln und ging ger­ade auf das­selbe los; dann kollerte er und wurde ganz rot am Kopf. Das arme Entlein wußte nicht, wo es ste­hen oder gehen sollte; es war so betrübt, weil es häßlich aus­sah und vom ganzen Enten­hof verspot­tet wurde.

So ging es den ersten Tag, und später wurde es schlim­mer und schlim­mer. Das arme Entlein wurde von allen gejagt; selb­st seine Schwest­ern waren ganz böse gegen das­selbe und sagten immer: »Wenn die Katze dich nur fan­gen möchte, du häßlich­es Geschöpf!« Und die Mut­ter sagte: »Wenn du nur weit fort wärst!« Und die Enten bis­sen es, und die Hüh­n­er schlu­gen es, und das Mäd­chen, welch­es die Tiere füt­tern sollte, stieß mit den Füßen noch ihm.

Da lief es und flog über den Zaun, die kleinen Vögel in den Büschen flo­gen erschrock­en auf. »Das geschieht, weil ich so häßlich bin«, dachte das Entlein und schloß die Augen, lief aber gle­ich­wohl weit­er; so kam es hin­aus zu dem großen Moor, wo die wilden Enten wohn­ten. Hier lag es die ganze Nacht; es war so müde und kummervoll.

Gegen Mor­gen flo­gen die wilden Enten auf, und sie betra­chteten den neuen Kam­er­aden. »Was bist du für ein­er?« fragten sie; und das Entlein wen­dete sich nach allen Seit­en und grüßte, so gut es konnte.

»Du bist außeror­dentlich häßlich!« sagten die wilden Enten; »Aber das kann uns gle­ich sein, wenn du nur nicht in unsere Fam­i­lie hinein­heirat­est.« Das Arme! Es dachte wahrlich nicht daran, sich zu ver­heirat­en, wenn es nur die Erlaub­nis erhal­ten kon­nte, im Schilf zu liegen und etwas Moor­wass­er zu trinken.

So lag es zwei ganze Tage, da kamen zwei wilde Gänse oder richtiger wilde Gänseriche dor­thin; es war noch nicht lange her, daß sie aus dem Ei gekrochen waren, und deshalb waren sie auch so keck.

»Höre, Kam­er­ad!« sagten sie; »du bist so häßlich, daß ich dich gut lei­den mag; willst du mitziehen und Zugvo­gel wer­den? Hier nahe­bei in einem andern Moor gibt es einige süße, liebliche, wilde Gänse, näm­lich Fräuleins, die alle »Rapp!« sagen kön­nen. Du bist imstande, dein Glück dort zu machen, so häßlich du auch bist!«

»Piff! Paff!« ertönte es eben, und bei­de wilde Gänseriche fie­len tot in das Schilf nieder, und das Wass­er wurde blutrot. »Piff! Paff erscholl es wieder und ganze Scharen wilder Gänse flo­gen aus dem Schilf auf. Und dann knallte es aber­mals. Es war große Jagd, die Jäger lagen rings um das Moor herum; ja, einige saßen oben in den Baumzweigen, welche sich weit über das Schil­frohr hin­streck­ten. Der blaue Dampf zog gle­ich Wolken in die dunkeln Bäume hinein und weit über das Wass­er hin; zum Moore kamen die Jagdhunde. Platsch, Platsch, das Schilf und das Rohr neigte sich nach allen Seit­en. Das war ein Schreck für das arme Entlein. Es wen­dete den Kopf, um ihn unter den Flügel zu steck­en, aber in dem­sel­ben Augen­blick stand ein fürchter­lich großer Hund dicht bei dem Entlein; die Zunge hing ihm lang aus dem Halse her­aus, und die Augen leuchteten greulich häßlich; er steck­te seine Schnau­ze dem Entlein ger­ade ent­ge­gen, zeigte ihm die schar­fen Zähne und Platsch, Platsch! ging er wieder, ohne es zu packen.

»O Gott sei Dank!« seufzte das Entlein; »ich bin so häßlich, daß mich selb­st der Hund nicht beißen mag!« Und so lag es ganz still, während die Schrotkugeln durch das Schild sausten und Schuß auf Schuß knallte.

Erst spät am Tage wurde es ruhig; aber das arme Junge wagte noch nicht, sich zu erheben; es wartete noch mehrere Stun­den, bevor es sich umsah, und dann eilte es fort aus dem Moor, so schnell es kon­nte. Es lief über Feld und Wiese; da tobte ein solch­er Sturm, daß es ihm schw­er wurde, von der Stelle zu kommen.

Gegen Abend erre­ichte es eine kleine arm­selige Bauern­hütte; die war so baufäl­lig, daß sie selb­st nicht wußte, nach welch­er Seite sie fall­en sollte, und darum blieb sie ste­hen. Der Sturm umsauste das Entlein so, daß es sich nieder­set­zen mußte, um sich dage­gen­zustem­men, und es wurde schlim­mer und schlim­mer. Da bemerk­te es, daß die Tür aus der einen Angel gegan­gen war und so schief hing, daß es durch die Spalte in die Stube hinein­schlüpfen kon­nte, und das tat es.

Hier wohnte eine Frau mit ihrem Kater und ihrer Henne. Und der Kater, welchen sie »Söh­nchen« nan­nte, kon­nte einen Buck­el machen und schnur­ren; er sprühte sog­ar Funken aber dann mußte man ihn gegen die Haare stre­ichen. Die Henne hat­te ganz kleine niedrige Beine, und deshalb wurde sie »Küchelchen-Kurzbein« genan­nt; sie legte gute Eier, und die Frau liebte sie wie ihr eigenes Kind. Am Mor­gen bemerk­te man sogle­ich das fremde Entlein; und der Kater begann zu schnur­ren und die Henne zu glucken.

»Was ist das?« sagte die Frau und sah sich rings um; aber sie sah nicht gut, und so glaubte sie, daß das Entlein eine fette Ente sei, die sich verir­rt habe. »Das ist ja ein sel­tener Fang!« sagte sie. »Nun kann ich Enteneier bekom­men. Wenn es nur kein Enterich ist! Das müssen wir erproben.«

Und so wurde das Entlein für drei Wochen auf Probe angenom­men; aber es kamen keine Eier. Und der Kater war Herr im Hause, und die Henne war die Dame, und immer sagte sie: »Wir und die Welt!« Denn sie glaubte, daß sie die Hälfte seien, und zwar bei weit­em die beste Hälfte. Das Entlein glaubte, daß man auch eine andere Mei­n­ung haben könne; aber das litt die Henne nicht. »Kannst du Eier leg­en?« fragte sie. »Nein!« »Nun, kann wirst du die Güte haben, zu schweigen!«

Und der Kater sagte; »Kannst du einen krum­men Buck­el machen, schnur­ren und Funken sprühen?« »Nein!« »So darf­st du auch keine Mei­n­ung haben, wenn vernün­ftige Leute reden!« Und das Entlein saß im Winkel und war bei schlechter Laune. Da fiel die frische Luft und der Son­nen­schein here­in; es bekam solch son­der­bare Lust, auf dem Wass­er zu schwim­men, daß es nicht unter­lassen kon­nte, dies der Henne zu sagen.

»Was fällt dir ein?« fragte die. »Du hast nichts zu tun, deshalb fängst du Grillen! Lege Eier oder schnurre, so gehen sie vorüber.« »Aber es ist so schön, auf dem Wass­er zu schwim­men!« sagte das Entlein; »So her­rlich, es über dem Kopfe zusam­men­schla­gen zu lassen und auf den Grund zu tauchen!«

»Ja, das ist ein großes Vergnü­gen!« sagte die Henne. »Du bist wohl ver­rückt gewor­den! Frage den Kater danach er ist das klüg­ste Geschöpf, das ich kenne ob er es liebt, auf dem Wass­er zu schwim­men oder unterzu­tauchen? Ich will nicht vor mir sprechen. Frage selb­st unsere Herrschaft, die alte Frau; klüger als sie ist nie­mand auf der Welt! Glaub­st du, daß die Lust hat, zu schwim­men und das Wass­er über dem Kopfe zusam­men­schla­gen zu lassen?«

»Ihr ver­ste­ht mich nicht!« sagte das Entlein. »Wir ver­ste­hen dich nicht? Wer soll dich denn ver­ste­hen kön­nen! Du wirst doch wohl nicht klüger sein wollen als der Kater oder die Frau von mir will ich nicht reden! Bilde dir nichts ein, Kind! Und danke deinem Schöpfer für all das Gute, was man dir erwiesen! Bist du nicht in eine warme Stube gekom­men und hast du nicht eine Gesellschaft, von der du etwas prof­i­tieren kannst? Aber du bist ein Schwätzer, und es ist nicht erfreulich, mit dir umzuge­hen! Mir kannst du glauben! Ich meine es gut mit dir. Ich sage die Unan­nehm­lichkeit­en, und daran kann man seine wahren Fre­unde erken­nen! Sieh nur zu, daß du Eier legst oder schnur­ren und Funken sprühen lernst!«

»Ich glaube, ich gehe hin­aus in die weite Welt!« sagte das Entlein. »Ja, tue das!« sagte die Henne. Und das Entlein ging; es schwamm auf dem Wass­er, es tauchte unter, aber von allen Tieren wurde es wegen sein­er Häßlichkeit übersehen.

Nun trat der Herb­st ein; die Blät­ter im Walde wur­den gelb und braun; der Wind faßte sie, so daß sie umher­tanzten; und oben in der Luft war es sehr kalt; die Wolken hin­gen schw­er von Hagel und Schneeflock­en; und auf dem Zaun stand der Rabe und schrie: »Au! Au!« vor lauter Kälte, ja, es fror einen schon, wenn man nur daran dachte. Das arme Entlein hat­te es wahrlich nicht gut! Eines Abends die Sonne ging so schön unter! kam ein ganz­er Schwarm her­rlich­er großer Vögel aus dem Busch; das Entlein hat­te solche nie so schön gese­hen; sie waren ganz blendend weiß, mit lan­gen, geschmei­di­gen Hälsen; es waren Schwäne. Sie stießen einen ganz eigen­tüm­lichen Ton aus, bre­it­eten ihre prächti­gen lan­gen Flügel aus und flo­gen aus der kalten Gegend fort nach wärmeren Län­dern, nach offe­nen Seen! Sie stiegen so hoch, so hoch, und dem häßlichen jun­gen Entlein wurde gar son­der­bar zumute. Es drehte sich im Wass­er wie ein Rad, rund­herum, streck­te den Hals hoch in die Luft nach ihnen und stieß einen so laut­en und son­der­baren Schrei aus, daß es sich selb­st davor fürchtete. Oh es kon­nte die schö­nen, glück­lichen Vögel nicht vergessen; und sobald es sie nicht mehr erblick­te, tauchte es unter bis auf den Grund, und als es wieder her­aufkam, war es wie außer sich. Es wußte nicht, wie die Vögel hießen, auch nicht, wohin sie flo­gen; aber doch war es ihnen gut, wie es nie jeman­dem gewe­sen. Es benei­dete sie dur­chaus nicht. Wie kon­nte es ihm ein­fall­en, sich solche Lieblichkeit zu wün­schen? Es wäre schon froh gewe­sen, wenn die Enten es nur unter sich geduldet hät­ten das arme häßliche Tier!

Und der Win­ter wurde so kalt, so kalt! Das Entlein mußte im Wass­er herum­schwim­men, um das völ­lige Zufrieren des­sel­ben zu ver­hin­dern; aber in jed­er Nacht wurde das Loch, in dem es schwamm, klein­er und klein­er. Es fror so, daß es in der Eis­decke knack­te; das Entlein mußte fortwährend die Beine gebrauchen, damit das Loch sich nicht schloß. Zulet­zt wurde es matt, lag ganz still und fror endlich im Eise fest.

Des Mor­gens früh kam ein Bauer; da er dies sah, ging er hin, schlug mit seinem Holzschuh das Eis in Stücke und trug das Entlein heim zu sein­er Frau. Da kam es wieder zu sich.

Die Kinder woll­ten mit ihm spie­len; aber das Entlein glaubte, sie woll­ten ihm etwas zulei­de tun, und fuhr in der Angst ger­ade in den Milch­napf hinein, so daß die Milch in die Stube spritzte. Die Frau schlug die Hände zusam­men, worauf es in das But­ter­faß, dann hin­unter in die Mehltonne und wieder her­aus­flog. Wie sah es da aus! Die Frau schrie und schlug mit der Feuerzange danach; die Kinder ran­nten einan­der über den Haufen, um das Entlein zu fan­gen; sie lacht­en und schrien; gut war es, daß die Tür offen­stand und es zwis­chen die Reis­er in den frischge­fal­l­enen Schnee schlüpfen kon­nte; dort lag es ganz ermattet.

Aber all die Not und das Elend, welch­es das Entlein in dem harten Win­ter erdulden mußte, zu erzählen, würde zu trübe sein. Es lag im Moor zwis­chen dem Schild, als die Sonne wieder warm zu scheinen begann. Die Lerchen san­gen; es war her­rlich­er Frühling.

Da kon­nte auf ein­mal das Entlein seine Flügel schwin­gen; sie schlu­gen stärk­er als früher und tru­gen es kräftig davon; und ehe das­selbe es recht wußte, befand es sich in einem großen Garten, wo die Äpfel­bäume in der Blüte standen, wo der Flieder duftete und seine lan­gen, grü­nen Zweige bis zu den gekrümmten Kanälen hin­un­terneigte. Oh, hier war es so schön, so früh­lings­frisch! Und vorn aus dem Dic­kicht kamen drei prächtige weiße Schwäne; sie brausten mit den Fed­ern und schwim­men so leicht auf dem Wass­er. Das Entlein kan­nte die prächti­gen Tiere und wurde von ein­er eigen­tüm­lichen Trau­rigkeit befangen.

»Ich will zu ihnen hin­fliegen, zu den königlichen Vögeln! Und sie wer­den mich totschla­gen, weil ich, der ich so häßlich bin, mich ihnen zu näh­ern wage. Aber das ist ein­er­lei! Bess­er, von ihnen getötet als von den Enten gezwackt, von den Hüh­n­ern geschla­gen, von dem Mäd­chen, welch­es den Hüh­n­er­hof hütete, gestoßen zu wer­den und im Win­ter zu hungern und zu frieren!« Und es flog hin­aus in das Wass­er und schwamm den prächti­gen Schwä­nen ent­ge­gen; diese erblick­ten es und schossen mit emporgesträubtem Gefieder auf das­selbe los. »Tötet mich nur!« sagte das arme Tier, neigte seinen Kopf der Wasser­fläche zu und erwartete den Tod. Aber was erblick­te es in dem klaren Wass­er? Es sah sein eigenes Bild unter sich, das kein plumper schwarz­grauer Vogel mehr, häßlich und garstig, son­dern selb­st ein Schwan war. Es schadet nichts, in einem Enten­hof geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gele­gen hat!

Es fühlte sich ordentlich erfreut über all die Not und die Drangsal, welche es erduldet. Nun erkan­nte es erst recht sein Glück an all der Her­zlichkeit, die es begrüßte. Und die großen Schwäne umschwammen es und stre­ichel­ten es mit dem Schnabel.

In den Garten kamen einige kleine Kinder, die war­fen Brot und Korn in das Wass­er; und das kle­in­ste rief: »Da ist ein neuer!« Und die andern Kinder jubel­ten mit: »Ja, es ist ein neuer angekom­men!« Und sie klatscht­en mit den Hän­den und tanzten umher, liefen zu dem Vater und der Mut­ter, und es wurde Brot und Kuchen in das Wass­er gewor­fen, und sie sagten alle: »Der neue ist der Schön­ste: So jung und so prächtig!« Und die alten Schwäne neigten sich vor ihm.

Da fühlte er sich so beschämt und steck­te den Kopf unter seine Flügel; er wußte selb­st nicht, was er begin­nen sollte, er war allzu glück­lich, aber dur­chaus nicht stolz, denn ein gutes Herz wird nie stolz! Er dachte daran, wie er ver­fol­gt und ver­höh­nt wor­den war, und hörte nun alle sagen, daß er der schön­ste aller schö­nen Vögel sei. Selb­st der Flieder bog sich mit den Zweigen ger­ade zu ihm in das Wass­er hin­unter, und die Sonne schien so warm und so mild! Da brausten seine Fed­ern, der schlanke Hals hob sich, und aus vollem Herzen jubelte er: »Soviel Glück habe ich mir nicht träu­men lassen, als ich noch das häßliche Entlein war!«