Das Gänseblümchen

von Hans Christian Andersen

~8 Min

Nun höre einmal!

Draußen auf dem Lande, dicht am Wege, lag ein Land­haus; du hast es gewiß selb­st schon ein­mal gese­hen! Davor liegt ein kleines Gärtchen mit Blu­men und einem Zaun, der gestrichen ist. Dicht dabei am Graben, mit­ten in dem her­rlichen grü­nen Grase, wuchs ein kleines Gänse­blüm­chen. Die Sonne schien eben­so warm und schön darauf herab, wie auf die großen, reichen Pracht­blu­men im Garten, und deshalb wuchs es von Stunde zu Stunde. Eines Mor­gens stand es ent­fal­tet da mit seinen kleinen, weißen Blät­tern, die wie Strahlen rings um die kleine gelbe Sonne in der Mitte sitzen. Es dachte gar nicht daran, daß kein Men­sch es dort im Grase sah und daß es nur ein armes, ver­achtetes Blüm­chen sei: nein, es war froh und wandte sich der war­men Sonne ent­ge­gen, sah zu ihr auf und horchte auf die Lerche, die in den Lüften sang.

Das kleine Gänse­blüm­chen war so glück­lich, als ob ein großer Fest­tag sei, und doch war es nur ein Mon­tag. Alle Kinder waren in der Schule; während sie auf ihren Bänken saßen und lern­ten, saß es auf seinen kleinen grü­nen Stiel und lernte auch von der war­men Sonne und allem ring­sumher, wie gut Gott ist, und es erschien ihm recht, daß die kleine Lerche so deut­lich und schön alles sang, was es selb­st im Stillen fühlte. Und das Gänse­blüm­chen sah mit ein­er Art Ehrfurcht zu dem glück­lichen Vogel empor, der sin­gen und fliegen kon­nte, aber es war gar nicht betrübt darüber, daß es selb­st das nicht kon­nte. Ich sehe und höre ja!” dachte es. Die Sonne bescheint mich und der Wind küßt mich! Ach, wie reich bin ich doch beschenkt!”

Inner­halb des Zaunes standen so viele steife, vornehme Blu­men; je weniger Duft sie hat­ten, um so hochmütiger erhoben sie ihr Haupt. Die Bauern­rosen bliesen sich auf, um größer als die Rosen zu sein, aber die Größe macht es nicht! Die Tulpen hat­ten die aller­schön­sten Far­ben; das wußten sie wohl und hiel­ten sich kerzenger­ade, damit man sie noch bess­er sehen kon­nte. Sie beachteten das junge Gänse­blüm­chen da draußen gar nicht, aber dies sah desto mehr nach ihnen und dachte: Wie reich und schön sie sind! Ja, zu ihnen fliegt gewiß der prächtige Vogel herunter und besucht sie! Gott sei Dank, daß ich so dicht dabei ste­he, da kann ich doch den Staat mit anse­hen!” Und ger­ade, wie es das dachte, quir­re­vit!” da kam die Lerche her­abge­flo­gen, aber nicht zu den Bauern­rosen und Tulpen, nein, nieder ins Gras zu dem armen Gänse­blüm­chen. Das erschrak so vor lauter Freude, daß es gar nicht wußte, was es denken sollte.

Der kleine Vogel tanzte rings um das Gänse­blüm­chen herum und sang: Nein, wie ist doch das Gras so weich! Und sieh, welch eine süße kleine Blume mit Gold im Herzen und Sil­ber im Kleid!” Der gelbe Punkt in dem Gänse­blüm­chen sah ja auch aus wie Gold, und die kleinen Blät­ter ring­sherum glänzten silberweiß.

Wie glück­lich das kleine Gänse­blüm­chen war, nein, das kann nie­mand begreifen! Der Vogel küßte es mit seinem Schn­abel, sang ihm etwas vor und flog dann wieder in die blaue Luft empor. Es dauerte bes­timmt eine ganze halbe Stunde, bevor das Blüm­chen wieder zu sich kam. Halb ver­schämt und doch inner­lich beglückt sah es zu den anderen Blu­men im Garten hinüber. Sie hat­ten gese­hen, welche Ehre und Glück­seligkeit ihm wider­fahren war, sie mußten ja begreifen, welche Freude das war. Aber die Tulpen standen noch ein­mal so steif wie vorher und waren ganz spitz im Gesicht und sehr rot, denn sie hat­ten sich geärg­ert. Die Bauern­rosen waren ganz dick­köp­fig, buh, es war doch gut, daß sie nicht sprechen kon­nten, son­st hätte das Gänse­blüm­chen eine ordentliche Predigt bekom­men. Die arme, kleine Blume kon­nte wohl sehen, daß sie nicht guter Laune waren, und das tat ihr von Herzen leid.

Im selbes Augen­blick kam ein Mäd­chen mit einem großen, glänzend schar­fen Mess­er in den Garten. Sie ging ger­ade auf die Tulpen zu und schnitt eine nach der anderen ab. Ach!” seufzte das kleine Gänse­blüm­chen, das ist doch schreck­lich! Nun ist es vor­bei mit ihnen!” Dann ging das Mäd­chen mit den Tulpen fort. Das Gänse­blüm­chen war froh, daß es draußen im Grase stand und eine kleine ärm­liche Blume war.

Es fühlte sich so recht dankbar, und als die Sonne unterg­ing, fal­tete es seine Blät­ter, schlief ein und träumte die ganze Nacht von der Sonne und dem kleinen Vogel.

Am näch­sten Mor­gen, als die Blume glück­lich wieder all ihre weißen Blättchen wie kleine Arme dem Licht und der Luft ent­ge­gen­streck­te, erkan­nte sie des Vogels Stimme, aber was er sang, klang so trau­rig. Ja, die arme Lerche hat­te guten Grund dazu, sie war gefan­gen wor­den und saß nun in einem Bauer dicht an dem offe­nen Fen­ster. Sie sang davon, frei und glück­lich umherzu­fliegen, sang von dem jun­gen, grü­nen Korn auf den Feldern und von den her­rlichen Reisen, die sie auf ihren Schwin­gen hoch in die Luft hin­auf machen kon­nte. Der arme Vogel war in kein­er glück­lichen Stim­mung. Gefan­gen saß er im Käfig.

Das kleine Gänse­blüm­chen wollte ihm so gerne helfen, aber wie sollte sie das anfan­gen, ja, es war schw­er, ein Mit­tel zu find­en. Es ver­gaß fast, wie schön alles run­dumher stand, wie warm die Sonne schien und wie schön seine eige­nen Blät­ter aus­sa­hen. Ach, sie kon­nte nur an den armen Vogel denken, für den sie doch gar nichts tun konnte.

Zu gle­ich­er Zeit kamen zwei kleine Knaben aus dem Garten; der eine hat­te ein Mess­er in der Hand, eben­so groß und scharf wie das, mit dem das Mäd­chen die Tulpen abgeschnit­ten hat­te. Sie gin­gen ger­ade auf das kleine Gänse­blüm­chen zu, das gar nicht begreifen kon­nte, was sie wollten.

Hier kön­nen wir uns einen prächti­gen Rasen­fleck für die Lerche her­auss­chnei­den!” sagte der eine Knabe und begann ein Viereck tief um das Gänse­blüm­chen herum her­auszuschnei­den, so daß es mit­ten in den Rasen­fleck zu ste­hen kam.

Reiß die Blume ab!” sagte der andere Knabe und das Gänse­blüm­chen zit­terte ordentlich vor Angst, denn abgeris­sen wer­den, hieß ja das Leben ver­lieren, und nun wollte sie so gern leben, da sie doch mit dem Rasen­fleck in das Bauer zu der gefan­genen Lerche kom­men sollte.

Nein, laß sie sitzen!” sagte der andere Knabe, sie putzt so hüb­sch!” und so blieb sie ste­hen und kam mit in das Bauer zu der Lerche.

Aber der arme Vogel klagte laut über die ver­lorene Frei­heit und schlug mit den Flügeln gegen den Eisendraht des Käfigs; das kleine Gänse­blüm­chen kon­nte nicht sprechen, kon­nte nicht ein trös­ten­des Wort sagen, wie gerne sie es auch wollte. So verg­ing der ganze Vormittag.

Hier ist kein Wass­er!” sagte die gefan­gene Lerche, sie sind alle fort­ge­gan­gen und haben vergessen, mir einen Tropfen zu trinken zu geben! Mein Hals ist trock­en und bren­nend! Es ist, als ob Feuer und Eis in mir wären und die Luft ist so schw­er! Ach, ich muß ster­ben, muß fort von dem war­men Son­nen­schein, dem frischen Grün, von all der Her­rlichkeit, die Gott geschaf­fen hat!” und sie bohrte ihren Schn­abel in den kühlen Rasen­fleck, um sich dadurch ein wenig zu erfrischen; da fie­len ihre Augen auf das Gänse­blüm­chen; der Vogel nick­te ihm zu, küßte es mit dem Schn­abel und sagte: Du mußt auch hier drin­nen ver­welken, du arme, kleine Blume! Dich und den kleinen, grü­nen Rasen­fleck hat man mir für die ganze Welt gegeben, die ich draußen hat­te! Jed­er kleine Grashalm soll für mich ein grün­er Baum sein, jedes von deinen weißen Blättchen eine duf­tende Blume! Ach, Ihr erzählt mir nur, wieviel ich ver­loren habe!”

Wer ihn doch trösten kön­nte!” dachte das Gänse­blüm­chen, aber es kon­nte kein Blatt bewe­gen; doch der Duft, der aus den feinen Blättchen strömte, war weit stärk­er, als man ihn son­st bei dieser Blume find­et. Das merk­te der Vogel auch, und obgle­ich er vor Durst ver­schmachtete und in sein­er Pein die grü­nen Grashalme abriß, berührte er doch das Blüm­chen nicht.

Es wurde Abend, und noch immer kam nie­mand und brachte dem armen Vogel einen Tropfen Wass­er; da streck­te er seine hüb­schen Flügel aus, schüt­telte sie krampfhaft, sein Gesang war ein wehmütiges Piepiep; das kleine Köpfchen neigte sich der Blume ent­ge­gen, und des Vogels Herz brach vor Durst und Sehn­sucht. Da kon­nte das Blüm­chen nicht mehr, wie am Abend vorher, seine Blät­ter zusam­men­fal­ten und schlafen, sie hin­gen krank und trau­rig zur Erde nieder.

Erst am näch­sten Mor­gen kamen die Knaben, und als sie den Vogel tot sahen, wein­ten sie. Sie wein­ten viele Trä­nen und gruben ihm ein niedlich­es Grab, das mit Blu­men­blät­tern geschmückt wurde. Des Vogels Leiche kam in eine schöne, rote Schachtel; königlich sollte er begraben wer­den, der arme Vogel! Als er lebte und sang, ver­gaßen sie ihn, ließen ihn im Bauer sitzen und Durst lei­den, nun bekam er Pracht und viele Tränen.

Aber der Rasen­fleck mit dem Gänse­blüm­chen wurde auf die Land­straße in den Staub gewor­fen. Nie­mand dachte an sie, die doch am meis­ten für den kleinen Vogel gefühlt hat­te und ihn so gerne getröstet hätte!