Das graue Männchen

von Johann Wilhelm Wolf

~9 Min

Es war ein­mal ein reich­er Bauer. Weil er aber schon alt war und kein Kind hat­te, ward er trau­rig und dachte: Ich weiß doch nicht, für wen ich eigentlich schaffe.“ Er ließ nun die Sachen gehen wie sie woll­ten und bald war mehr als die Hälfte seines Ver­mö­gens fort. Auf einen Tag lud er Holz im Walde ab, da kam ein klein grau Männlein und fragte ihn, warum er so trau­rig sei? Als er nun erzählte, wie es jeden Tag rück­wärts mit ihm gehe und ein Ack­er um den andern an den Juden komme, da sagte das Männlein, er, der Bauer, habe Etwas im Hause, wenn er ihm das zu eigen gebe, so wolle er ihn wieder so reich machen, als er gewe­sen und noch ein­mal so reich dazu. Der Bauer sagte mit Freuden ja, da verkündigte ihm das graue Män­nchen, seine Frau gehe mit einem Kinde, das sei nun ihm ver­fall­en und er müsse es ihm hier auf den Fleck brin­gen, sobald es das zwölfte Jahr erre­icht hätte. Bis dahin solle er dem Kinde in Allem den Willen tun und ihm nichts befehlen.

Als der Bauer nach Haus kam und sein­er Frau Alles erzählte, sagte sie Anfangs, das Männlein habe sich geir­rt, doch nach und nach machte sich die Sache und nach drei Viertel­jahren genas sie eines schö­nen Söhn­leins. Zugle­ich mit dem Kinde kam dem Bauern das Glück ins Haus, so dass er bald nach des Männleins Ver­sprechen dop­pelt so reich war, als er vorher gewesen.

Der Knabe lief den ganzen Tag im Wald umher und als er sechs Jahr alt war, musste ihm der Vater eine Flinte kaufen, mit der schoss er Alles, was ihm in den Weg kam. Als des Buben zwölfter Geburt­stag da war, sagte der Bauer zu ihm, er möge doch mor­gen ein­mal mit ins Holz fahren. Des andern Tages set­zten sie sich auf den Wagen und fuhren hin­aus an die bewusste Stelle. Der Alte fing nun an dür­res Holz aufzule­gen und allmäh­lig ein Bün­delchen daraus zu machen, immer in der Erwartung, dass das graue Männlein kom­men sollte. Dem Buben währte aber das Ding bald zu lang und er sagte: Vater macht fort, son­st bleib ich nicht da!“ Der Vater sprach in seinem Sinn: O gingst du doch!“ da er ihn aber nichts heißen durfte, so schwieg er ganz still und sam­melte fort, aber noch viel langsamer. Vater“, sagte jet­zt der Bub ärg­er­lich, wenn du nicht fort­machst, so geh ich in die weite Welt.“ O wenn du doch gingst!“ dachte der Vater und tat als wenn er über sein­er Arbeit ein­schlafen wollte. Da warf der Sohn sein Gewehr auf den Buck­el und sagte: Ade Alter“, und fort war er. Der Bauer aber war froh und fuhr heim zu sein­er Frau und erzählte ihr die ganze Sache und war viel Jam­merns bei ihnen über das ver­lorne Kind. Der Bub lief unter­dessen immer lustig in die Welt hinein, doch als er aus dem Walde gekom­men und noch ein paar Stun­den gegan­gen war, kam der Hunger an ihn. Deswe­gen ging er zu einem Bauer und verd­ingte sich als Knecht, tat aber nicht lang gut. Er kam bald bei vie­len Herrschaften herum und war nir­gend viel Rüh­mens von ihm. Endlich kam er auch wieder ein­mal zu ein­er Herrschaft, da sollte er die Schafe hüten. Ehe er zum ersten Male hin­aus­trieb, nahm ihn die Frau bei Seite und sagte, es wäre Schad‘ um so ein junges Bürschchen wie Milch und Blut, und er solle sich mit seinen Schafen auf der Wei­de immer links hal­ten, denn rechts im Walde sei der große Bär, der habe schon drei Schäfer vor ihm geholt. Der Bub dank­te der Frau, hing sein Gewehr um und trieb sein Vieh gle­ich rechts und immer weit­er rechts bis an den dunkeln Wald. Gle­ich kam auch mit fürchter­lichem Brum­men ein Bär gelaufen so groß wie ein Scheuer­tor, mit glühen­den Augen, so groß wie ein Paar Sup­pen­teller. Der Bursch besann sich nicht lange und schoss dem Tier ger­ad ins Gesicht. Da stand mit einem Schlage statt des Bären eine wun­der­schöne weiße Dame vor ihm, die bedank­te sich, dass er sie erlöst habe und sagte, er solle sich dreier­lei wün­schen. Fürs Erste“, sprach da der Junge, wün­sche ich mir das Him­mel­re­ich dere­inst zu erben, fürs Zweite so viel Geld als ich nur immer haben mag und fürs Dritte dich zur Frau.“ Alles sollst du haben“, sagte die Dame, nur das Dritte kann nicht sein, denn ich bin nicht mehr ledig und habe einen Mann und drei Kinder zu Haus, ich will dir aber statt dessen die Kraft schenken, dass du dich ver­wan­deln kannst, zu was du willst.“ Und damit ver­schwand sie. Der junge Bursch zog seines Weges fort bis er an ein großes Schloss kam, da hieß es unten im Ort, heut über acht Tage sei etwas Großes droben vor. Der König wolle seine drei Töchter neben einan­der stellen; davon sehe eine aus wie die Andre und wer es riete, welche die Älteste oder die Jüng­ste sei, der solle sie haben und das Kön­i­gre­ich dazu; wer aber falsch rate der müsse den Kopf lassen. Da ver­wan­delte er sich in ein goldiges Vöglein und flog in den Schloss­garten, wo die drei Töchter an der Tafel saßen und speis­ten. Er nahm sich ein Bröck­lein und flog damit fort, kam wieder und tat, als wenn er immer keck­er würde und ließ sich endlich von der Einen mit der Hand fan­gen. Da liefen sie alle drei in großer Freude ins Schloss und zeigten ihrem Vater das schöne Vöglein und jede wollte es haben. Die, die es gefan­gen hat­te, tat es aber nicht anders, es musste in einem gold­nen Bauer in ihr Schlafz­im­mer gehängt wer­den. Als es Nacht war kam das Vöglein her­aus, und wie die Königstochter erwachte, stand ein Mann an ihrem Bette. Sie schrie, dass der ganze Hof­s­taat, den König an der Spitze, gelaufen kam, aber der Vogel war wieder im Käfig, und der Jüngling ver­schwun­den. Der König mit dem Hofe zog wieder ab und war sehr erzürnt, dass man ihn aus dem besten Schlafe geweckt hat­te, um Nichts und wider Nichts. Als nun die Prinzessin wieder aufwachte, und der Jüngling wieder an ihrem Bette stand, schrie sie noch ärg­er denn zuvor. Dies­mal aber dro­hte ihr der König, wenn sie noch ein­mal einen solchen Lärm anfange, wolle er ihr gewiss und wahrhaftig den Kopf abhauen. Sie getraute sich nicht mehr einzuschlafen und sah nun, wie das Vöglein aus dem Käfig kam und zum schö­nen Jüngling wurde. Sie erschrak zu Tode und hätte wieder geschrieen, wenn er ihr nicht mit einem Kuss den Mund geschlossen hätte. Sie wur­den nun eins mit einan­der, und sie sagte ihm, sie sei die Jüng­ste, und daran könne er sie erken­nen, dass ihr Taschen­tuch daumes­bre­it aus dem Schürzen­täschchen her­aus­guck­en werde. Hat es denn auch wohl her­aus­geguckt den andern Tag bei der feier­lichen Wahl? Daumes­bre­it nicht, aber zwei Hände lang sah es her­aus, und er bekam sie und war König.

Als er das Regieren ein Wenig satt hat­te, ging er wieder wie früher den ganzen Tag auf die Jagd. Er hat­te einen großen, großen Forst und darin drei Teiche, ein­er immer weit­er fort als der andre, und an dem ersten stieß er eines Tags auf eine weiße Hirschkuh, die lock­te ihn fort bis an den drit­ten Teich, hier blieb sie ste­hen. Er schoss – und mit einem Schlage stand statt des Hirsches das graue Män­nchen da und pack­te ihn am Kra­gen. Ich bin ja der König!“ rief er. Ei was König! ein schlechter Bauern­bub bist du, ich hab damals nur keine Zeit gehabt, dich zu holen; jet­zt aber bist du mein!“ rief das Män­nchen und damit warf es ihn in den Teich, hun­dert Klafter tief unter das Wasser.

Als die Köni­gin lange verge­blich auf ihren Gemahl gewartet hat­te, rief sie alle Zauber­er im Lande zusam­men, um ihn wieder her­beizuschaf­fen. Lange wollte es kein­er unternehmen, zulet­zt sagte ein­er, er wolle es tun, er brauche dazu nichts als einen Spiegel und eine Sack­uhr. Mit diesen bei­den Stück­en fuhr er hin­aus an den Teich, zog einen Kreis darum und legte die Uhr ans Ufer. Dann fing er an zu beschwören, bis das Männlein her­aus kam aus dem Wass­er. Es ging in dem Kreise um den Teich herum, bis es an die Uhr kam, da blieb es ste­hen und fragte, was das sei? Das wäre eine Uhr, sprach der Hex­en­meis­ter, darin wäre etwas Lebendi­ges und man könne immer darauf sehn, welche Zeit es sei. Das Männlein hielt die Uhr ans Ohr und sagte, es wolle sie ein­tauschen. Der Zauber­er erwiderte, für den König könne er sie bekom­men; endlich wur­den sie einig, dass das Männlein den König nur ein­mal zeigen und die Uhr dafür kriegen solle. Da fuhr es hinab und brachte den armen König her­aus, es ließ ihn aber nur zur Hälfte aus dem Wass­er her­aus sehen, damit es noch Gewalt über ihn hat­te, und riss ihn dann schnell wieder hinunter.

Wie er es mit der Uhr gemacht hat­te, so machte es der Zauber­er nun mit dem Spiegel. Das Männlein freute sich gar sehr über das Glas, worin es sich per­sön­lich sehen kon­nte und sagte, es hätte nie gedacht, dass es so schön sei. Der Zauber­er ver­sprach ihm den Spiegel, wenn es den König noch ein­mal her­ausheben und auf seine flache Hand stellen wolle.

Das Männlein willigte ein; wie aber der König auf sein­er Hand saß, ward er auf ein­mal zum goldigen Vöglein und flog fort. Das Wass­er schwoll ihm nach, zwei Stock­w­erk hoch, doch es kon­nte ihn nicht mehr erre­ichen. Da zer­schlug das Männlein im Zorn den Spiegel und fuhr hinab in den brausenden See. Als aber der Zauber­er heim kam, lag der König schon oben am Fen­ster und hat­te sein liebes Ehgemahl im Arme.