Das Eselein

von Brüder Grimm

~6 Min

Es lebte ein­mal ein König, die waren reich und hat­ten alles, was sie sich wün­scht­en, nur keine Kinder. Darüber klagte sie Tag und Nacht und sprach: Ich bin wie ein Ack­er, auf dem nichts wächst.“ Endlich erfüllte Gott ihre Wün­sche; als das Kind aber zur Welt kam, sah’s nicht aus wie ein Men­schenkind, son­dern war ein junges Ese­lein. Wie die Mut­ter das erblick­te, fing ihr Jam­mer und Geschrei erst recht an, sie hätte lieber gar kein Kind gehabt als einen Esel und sagte, man sollt ihn ins Wass­er wer­fen, damit ihn die Fis­che frässen. Der König aber sprach: Nein, hat Gott ihn gegeben, soll er auch mein Sohn und Erbe sein, nach meinem Tod auf dem königlichen Thron sitzen und die königliche Kro­ne tra­gen.“ Also ward das Ese­lein aufge­zo­gen, nahm zu, und die Ohren wuch­sen ihm auch fein hoch und ger­ad hin­auf. Es war aber son­st fröh­lich­er Art, sprang herum, spielte und hat­te beson­ders seine Lust an der Musik, so dass es zu einem berühmten Spiel­mann ging und sprach: Lehre mich deine Kun­st, dass ich so gut die Laute schla­gen kann als du.“

Ach, liebes Her­rlein,“ antwortete der Spiel­mann, das sollt Euch schw­er­fall­en, Eure Fin­ger sind nicht allerd­ings dazu gemacht und gar zu gross; ich sorge, die Sait­en halten’s nicht aus.“ Es half keine Ausrede, das Ese­lein wollte und musste die Laute schla­gen, war behar­rlich und fleis­sig und lernte es am Ende so gut als sein Meis­ter sel­ber. Ein­mal ging das junge Her­rlein nach­denksam spazieren und kam an einen Brun­nen, da schaute es hinein und sah im spiegel­hellen Wass­er seine Ese­leins­gestalt. Darüber war es so betrübt, dass es in die weite Welt ging und nur einen treuen Gesellen mit­nahm. Sie zogen auf und ab, zulet­zt kamen sie in ein Reich, wo ein alter König herrschte, der nur eine einzige, aber wun­der­schöne Tochter hat­te. Das Ese­lein sagte: Hier wollen wir weilen,“ klopfte ans Tor und rief: Es ist ein Gast haussen, macht auf, damit er einge­hen kann.“ Als aber nicht aufge­tan ward, set­zte er sich hin, nahm seine Laute und schlug sie mit seinen zwei Vorder­füssen aufs lieblich­ste. Da sper­rte der Türhüter gewaltig die Augen auf, lief zum König und sprach: Da draussen sitzt ein junges Ese­lein vor dem Tor, das schlägt die Laute so gut als ein gel­ern­ter Meister.“

So lass mir den Musikant hereinkom­men,“ sprach der König. Wie aber ein Ese­lein here­in­trat, fing alles an über den Laut­en­schläger zu lachen. Nun sollte das Ese­lein unten zu den Knecht­en geset­zt und gespeist wer­den, es ward aber unwillig und sprach: Ich bin kein gemeines Stalle­se­lein, ich bin ein vornehmes.“ Da sagten sie: Wenn du das bist, so set­ze dich zu dem Kriegsvolk.“

Nein,“ sprach es, ich will beim König sitzen.“ Der König lachte und sprach in gutem Mut: Ja, es soll so sein, wie du ver­langst, Ese­lein, komm her zu mir.“ Danach fragte er: Ese­lein, wie gefällt dir meine Tochter?“

Das Ese­lein drehte den Kopf nach ihr, schaute sie an, nick­te und sprach: Aus der Massen wohl, sie ist so schön, wie ich noch keine gese­hen habe.“

Nun, so sollst du auch neben ihr sitzen,“ sagte der König.

Das ist mir eben recht,“ sprach das Ese­lein und set­zte sich an ihre Seite, ass und trank und wusste sich fein und säu­ber­lich zu betra­gen. Als das edle Tier­lein eine gute Zeit an des Königs Hof geblieben war, dachte es: Was hil­ft das alles, du musst wieder heim, liess den Kopf trau­rig hän­gen, trat vor den König und ver­langte seinen Abschied. Der König hat­te es aber liebge­won­nen und sprach: Ese­lein, was ist dir? Du schaust ja sauer wie ein Essigkrug; bleib bei mir, ich will dir geben, was du ver­langst. Willst du Gold?“

Nein,“ sagte das Ese­lein und schüt­telte mit dem Kopf.

Willst du Kost­barkeit­en und Schmuck?“

Nein.“

Willst du mein halbes Reich?“

Ach nein.“

Da sprach der König: Wenn ich nur wüsste, was dich vergnügt machen kön­nte; willst du meine schöne Tochter zur Frau?“

Ach ja,“ sagte das Ese­lein, die möchte ich wohl haben,“ war auf ein­mal ganz lustig und guter Dinge, denn das war’s ger­ade, was es sich gewün­scht hat­te. Also ward eine grosse und prächtige Hochzeit gehal­ten. Abends, wie Braut und Bräutigam in ihr Schlafkäm­mer­lein geführt wur­den, wollte der König wis­sen, ob sich das Ese­lein auch fein artig und manier­lich betrüge, und hiess einem Diener sich dort ver­steck­en. Wie sie nun bei­de drin­nen waren, schob der Bräutigam den Riegel vor die Türe, blick­te sich um, und wie er glaubte, dass sie ganz allein wären, da warf er auf ein­mal seine Eselshaut ab und stand da als ein schön­er, königlich­er Jüngling.

Nun siehst du,“ sprach er, wer ich bin, und siehst auch, dass ich dein­er nicht unwert war.“ Da ward die Braut froh, küsste ihn und hat­te ihn von Herzen lieb. Als aber der Mor­gen her­ankam, sprang er auf, zog seine Tier­haut wieder über, und hätte kein Men­sch gedacht, was für ein­er dahin­ter steck­te. Bald kam auch der alte König gegangen.

Ei,“ rief er, ist das Ese­lein schon munter! Du bist wohl recht trau­rig,“ sagte er zu sein­er Tochter, dass du keinen ordentlichen Men­schen zum Mann bekom­men hast?“

Ach nein, lieber Vater, ich habe ihn so lieb, als wenn er der Aller­schön­ste wäre, und will ihn mein Leb­tag behal­ten.“ Der König wun­derte sich, aber der Diener, der sich ver­steckt hat­te, kam und offen­barte ihm alles. Der König sprach: Das ist nim­mer­mehr wahr.“

So wacht sel­ber die fol­gende Nacht, Ihr werdet’s mit eige­nen Augen sehen, und wisst Ihr was, Herr König, nehmt ihm die Haut weg und werft sie ins Feuer, so muss er sich wohl in sein­er recht­en Gestalt zeigen.“

Dein Rat ist gut,“ sprach der König, und abends, als sie schliefen, schlich er sich hinein, und wie er zum Bett kam, sah er im Mond­schein einen stolzen Jüngling da ruhen, und die Haut lag abgestreift auf der Erde. Da nahm er sie weg und liess draussen ein gewaltiges Feuer anmachen und die Haut hinein­wer­fen und blieb sel­ber dabei, bis sie ganz zu Asche ver­bran­nt war. Weil er aber sehen wollte, wie sich der Beraubte anstellen würde, blieb er die Nacht über wach und lauschte. Als der Jüngling aus­geschlafen hat­te, beim ersten Mor­gen­schein, stand er auf und wollte die Eselshaut anziehen, aber sie war nicht zu find­en. Da erschrak er und sprach voll Trauer und Angst: Nun muss ich sehen, dass ich ent­fliehe.“ Wie er hin­aus­trat, stand aber der König da und sprach: Mein Sohn, wohin so eilig, was hast du im Sinn? Bleib hier, du bist ein so schön­er Mann, du sollst nicht wieder von mir. Ich gebe dir jet­zt mein Reich halb, und nach meinem Tod bekommst du es ganz.“

So wün­sch ich, dass der gute Anfang auch ein gutes Ende nehme,“ sprach der Jüngling, ich bleibe bei Euch.“ Da gab ihm der Alte das halbe Reich, und als er nach einem Jahr starb, hat­te er das ganze, und nach dem Tode seines Vaters noch eins dazu und lebte in aller Herrlichkeit.