Das Erdmännchen

von Brüder Grimm

~9 Min

Es war ein­mal ein reich­er König, der hat­te drei Töchter, die gin­gen alle Tage im Schloss­garten spazieren; und der König, der ein gross­er Lieb­haber von aller­hand schö­nen Bäu­men war, liebte einen Baum ganz beson­ders, so dass er den­jeni­gen, der ihm einen Apfel davon pflück­te, hun­dert Klafter tief unter die Erde wün­schte. Als es nun Herb­st war, da wur­den die Äpfel an dem Baum so rot wie Blut. Die drei Töchter gin­gen alle Tage unter den Baum und sahen zu, ob nicht der Wind einen Apfel herun­tergeschla­gen hätte, aber sie fan­den ihr Leb­tag keinen, und der Baum sass so voll, als ob er brechen wollte, und die Zweige hin­gen bis auf die Erde herab. Da gelüstete es die jüng­ste Königstochter gewaltig, und sie sagte zu ihrer Schwest­er: Unser Vater, der hat uns viel zu lieb, als dass er uns ver­wün­schen würde; ich glaube, das sagt er nur wegen der frem­den Leute.“ Und das Kind pflück­te einen ganz dick­en Apfel ab und sprang vor seine Schwest­ern her und sagte: Ah, nun schmeckt mal, meine lieben Schwest­ern, ich hab mein Leb­tag noch nicht so was Schönes gegessen.“ Da bis­sen die bei­den andern Königstöchter auch in den Apfel, und da ver­sanken sie alle drei tief unter die Erde, dass kein Hahn mehr nach ihnen krähte.

Als es nun Mit­tag wurde, da wollte der König sie zu Tis­che rufen, aber sie waren nir­gends zu find­en. Er suchte sie über­all, im Schloss und im Garten, aber er kon­nte sie nicht find­en. Da wurde er sehr betrübt und liess das ganze Land auf­bi­eten, und der, der ihm seine Töchter wieder­brächte, der sollte eine davon zur Frau haben. Da gin­gen nun so viele junge Leute über Feld und sucht­en mit allen Kräften und über alle Massen, denn jed­er hat­te die drei Kinder gern gehabt, weil sie gegen jed­er­mann so fre­undlich und auch schön von Angesicht gewe­sen waren. Und es zogen auch drei Jäger­burschen aus, und als sie wohl an die acht Tage gewan­dert waren, da kamen sie zu einem grossen Schloss, da waren so hüb­sche Stuben drin, und in einem Zim­mer war ein Tisch gedeckt, darauf standen so süsse Speisen, die waren noch warm und dampften; aber in dem ganzen Schloss war kein Men­sch wed­er zu hören noch zu sehen. Da warteten sie noch einen hal­ben Tag, und die Speisen blieben immer warm und dampften; doch dann wur­den sie so hun­grig, dass sie sich an den Tisch set­zten und mit grossem Appetit assen. Sie macht­en miteinan­der aus, sie woll­ten auf dem Schlosse wohnen bleiben, und sie woll­ten darum losen, dass ein­er im Haus bleiben und die bei­den andern die Töchter suchen soll­ten; das tat­en sie auch, und das Los traf den ältesten. Am näch­sten Tag gin­gen die zwei jüng­sten auf die Suche, und der älteste musste zu Hause bleiben. Am Mittwoch kam so ein kleines Män­nchen, das um ein Stückchen Brot bat. Da nahm der älteste von dem Brote, das er dort gefun­den hat­te, schnitt ein Stück rund um das Brot weg und wollte ihm das geben. Er reichte es dem kleinen Män­nchen hin, doch dieses liess das Stück fall­en und sagte zu dem Jäger­burschen, er solle es aufheben und ihm wiedergeben. Das wollte er auch tun und bück­te sich, aber da nahm das kleine Män­nchen einen Stock, pack­te ihn bei den Haaren und gab ihm tüchtige Schläge. Am andern Tag, da ist der zweite zu Hause geblieben, dem erg­ing es nicht bess­er. Als die bei­den andern am Abend nach Hause kamen, da sagte der älteste: Na, wie ist es dir ergan­gen?“ – Oh, mir ist es schlecht ergan­gen.“ Da klagten sie einan­der ihre Not, aber dem jüng­sten sagten sie nichts davon, denn den kon­nten sie gar nicht lei­den und hat­ten ihn immer den dum­men Hans genan­nt, weil er nicht son­der­lich weltk­lug war.

Am drit­ten Tag blieb der jüng­ste zu Haus; da kam das kleine Män­nchen wieder und hielt um ein Stückchen Brot an. Und wie er es ihm nun gegeben hat­te, liess er es wieder fall­en und sagte, er möchte doch so gut sein und ihm das Stückchen wieder geben. Da sagte Hans zu dem kleinen Män­nchen: Was! Kannst du das Stück nicht sel­ber aufheben? Gib­st du dir um deine tägliche Nahrung nicht ein­mal soviel Mühe, dann bist du auch nicht wert, dass du es isst!“ Da wurde das Män­nchen böse und sagte, er müsste es tun; Hans aber, nicht faul, nahm mein liebes Män­nchen und drosch es tüchtig durch. Da schrie das Män­nchen ganz laut und rief: Hör auf, hör auf, und lass mich los, dann will ich dir auch sagen, wo die Königstöchter sind.“

Wie Hans das hörte, schlug er nicht mehr, und das Män­nchen erzählte, er sei ein Erd­män­nchen, und solch­er wären mehr als tausend, er möge nur mit ihm gehen, dann wolle er ihm auch zeigen, wo die Königstöchter wären. Da zeigte er ihm einen tiefen Brun­nen, in dem aber kein Wass­er mehr war. Und da sagte das Män­nchen, er wisse wohl, dass seine Gesellen es nicht ehrlich mit ihm mein­ten, und wenn er die Königskinder erlösen wolle, dann müsse er es alleine tun. Die bei­den andern Brüder woll­ten wohl auch gern die Königstöchter wieder­haben, aber sie woll­ten sich deswe­gen kein­er Mühe und Gefahr unterziehen. Um die Töchter zu erlösen, müsse er einen grossen Korb nehmen, sich mit einem Hirschfänger und ein­er Schelle hinein­set­zen und sich herun­ter­winden lassen. Unten seien drei Zim­mer; in jedem sitze ein Königskind und habe einen Drachen mit vie­len Köpfen zu kraulen: denen müsste er die Köpfe abschla­gen. Als das Erd­män­nchen das alles gesagt hat­te, ver­schwand es. Als es Abend war, da kamen die bei­den andern und fragten ihn, wie es ihm ergan­gen sei. Da sagte er: Oh, soweit gut,“ und er habe keinen Men­schen gese­hen, auss­er am Mit­tag, da sei so ein kleines Män­nchen gekom­men, das habe um ein Stückchen Brot gebeten, und als er es ihm gegeben habe, liess das Män­nchen es fall­en und sagte, er möge es ihm wieder aufheben. Und wie er das nicht habe tun wollen, da fing es an zu dro­hen; das aber ver­stand er unrecht und ver­prügelte das Män­nchen; da habe es ihm erzählt, wo die Königskinder seien. Da ärg­erten sich die bei­den andern Jäger­burschen so sehr, dass sie gelb und grün wur­den. Am andern Mor­gen da gin­gen sie zusam­men an den Brun­nen und macht­en Lose, wer sich zuerst in den Korb set­zen sollte. Das Los fiel auf den ältesten, er musste sich hinein­set­zen und die Schelle mit­nehmen. Da sagte er: Wenn ich schelle, müsst ihr mich wieder geschwind her­aufwinden.“ Er war nur kurz unten, da schellte es schon, und die zwei andern Brüder wan­den ihn wieder her­auf. Da set­zte sich der zweite hinein: der machte es ger­adeso. Nun kam die Rei­he an den jüng­sten, der sich ganz hin­un­ter­winden liess. Als er aus dem Korb gestiegen war, nahm er seinen Hirschfänger, ging zur ersten Tür und lauschte: da hörte er den Drachen ganz laut schnar­chen. Er machte langsam die Tür auf; da sass eine Königstochter, die hat­te auf ihrem Schoss neun Drachenköpfe liegen und kraulte sie. Da nahm er seinen Hirschfänger und hieb zu, und neun Köpfe waren ab. Die Königstochter sprang auf und fiel ihm um den Hals und küsste ihn von Herzen; dann nahm sie einen Schmuck, den sie auf ihrer Brust trug und der von altem Golde war, und hängte ihn dem jun­gen Jäger um. Da ging er auch zu der zweit­en Königstochter, die einen Drachen mit sieben Köpfen kraulen musste; und sie erlöste er auch. Dann erlöste er auch die jüng­ste, die einen Drachen mit vier Köpfen kraulen musste. Die drei Schwest­ern umarmten und küssten sich voller Freude, ohne aufzuhören. Nun schellte der jüng­ste Brud­er daraufhin so laut, bis sie es droben hörten. Da set­zte er die Königstöchter eine nach der andern in den Korb und liess sie alle drei hin­aufziehen. Wie aber nun die Rei­he an ihn kommt, fall­en ihm die Worte des Erd­män­nchens wieder ein, dass es seine Gesellen mit ihm nicht gut mein­ten. Da nahm er einen grossen Stein, der auf der Erde lag, und legte ihn in den Korb. Als der Korb bis etwa zur Mitte her­aufge­zo­gen war, schnit­ten die falschen Brüder oben den Strick durch, dass der Korb mit den Steinen auf den Grund fiel, und nun mein­ten sie, er wäre tot. Sie liefen mit den drei Königstöchtern fort und liessen sich von ihnen ver­sprechen, dass sie ihrem Vater sagen soll­ten, die bei­den ältesten Brüder hät­ten sie erlöst. So kamen sie zum König, und ein jed­er begehrte eine Königstochter zur Frau.

Unter­des ging der jüng­ste Jäger­bursche ganz betrübt in den drei Kam­mern umher; er dachte, dass er nun wohl ster­ben müsse. Da sah er an der Wand eine Flöte hän­gen, und sagte: Warum hängst du denn da? Hier kann ja kein­er lustig sein!“ Er besah sich auch die Drachenköpfe; dann sagte er: Ihr kön­nt mir auch nicht helfen!“ Und er ging auf und ab spazieren, dass der Erd­bo­den davon ganz glatt wurde. Und auf ein­mal, da kriegte er andere Gedanken, nahm die Flöte von der Wand und blies ein Stückchen darauf; und plöt­zlich kam bei jedem Ton, den er blies, ein Erd­män­nchen her­vor. Er blies so lange, bis das ganze Zim­mer voller Erd­män­nchen war. Die fragten alle, was sein Begehren wäre. Da sagte er, er wolle wieder nach oben ans Tages­licht. Da fasste jed­er an einem sein­er Kopfhaare, und so flo­gen sie mit ihm zur Erde hin­auf. Wie er oben war, ging er gle­ich zum Königss­chloss, wo ger­ade die Hochzeit mit der einen Königstochter sein sollte; und er ging auf das Zim­mer, wo der König mit seinen drei Töchtern sass. Wie ihn da die Kinder sahen, da wur­den sie ohn­mächtig. Da wurde der König sehr böse, und liess ihn gle­ich ins Gefäng­nis wer­fen, weil er meinte, er hätte den Kindern ein Leid ange­tan. Als aber die Königstöchter wieder zu sich gekom­men waren, da bat­en sie ihren Vater, er möchte ihn doch wieder freilassen. Der König fragte sie, warum, aber die Kinder sagten, sie dürften das nicht erzählen. Doch der Vater sagte, sie soll­ten es dem Ofen erzählen. Dann ging er hin­aus, lauschte an der Tür und hörte alles. Da liess er die bei­den Brüder an den Gal­gen hän­gen, und dem jüng­sten gab er die jüng­ste Tochter. Und da zog ich ein Paar gläserne Schuhe an, und da stiess ich an einen Stein, da machte es klink‘, da waren sie entzwei.