Das Bürle

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein Dorf, darin sassen lauter reiche Bauern und nur ein armer, den nan­nten sie das Bür­le (Bäuer­lein). Er hat­te nicht ein­mal eine Kuh und noch weniger Geld, eine zu kaufen und er und seine Frau hät­ten so gern eine gehabt. Ein­mal sprach er zu ihr: Hör, ich habe einen guten Gedanken, da ist unser Gevat­ter Schrein­er, der soll uns ein Kalb aus Holz machen und braun anstre­ichen, dass es wie ein anderes aussieht, mit der Zeit wirds wohl gross und gibt eine Kuh.“ Der Frau gefiel das auch, und der Gevat­ter Schrein­er zim­merte und hobelte das Kalb zurecht, strich es an, wie sichs gehörte, und machte es so, dass es den Kopf her­ab­senk­te, als frässe es.

Wie die Kühe des andern Mor­gens aus­getrieben wur­den, rief das Bür­le den Hirt here­in und sprach: Seht, da hab ich ein Käl­bchen, aber es ist noch klein und muss noch getra­gen wer­den.“ Der Hirt sagte: Schon gut,“ nahms in seinen Arm, trugs hin­aus auf die Wei­de und stellte es ins Gras. Das Käl­blein blieb da immer ste­hen wie eins, das frisst, und der Hirt sprach: Das wird bald sel­ber laufen, guck ein­er, was es schon frisst!“ Abends, als er die Herde wieder heimtreiben wollte, sprach er zu dem Kalb: Kannst du da ste­hen und dich satt fressen, so kannst du auch auf deinen vier Beinen gehen, ich mag dich nicht wieder auf dem Arm heim­schlep­pen.“ Das Bür­le stand aber vor der Haustüre und wartete auf sein Käl­bchen. Als nun der Kuh­hirt durchs Dorf trieb und das Käl­bchen fehlte, fragte er danach. Der Hirt antwortete: Das ste­ht noch immer draussen und frisst, es wollte nicht aufhören und nicht mit­ge­hen.“ Bür­le aber sprach: Ei was, ich muss mein Vieh wieder­haben.“ Da gin­gen sie zusam­men nach der Wiese zurück, aber ein­er hat­te das Kalb gestohlen, und es war fort. Sprach der Hirt: Es wird sich wohl ver­laufen haben.“ Das Bür­le aber sagte: Mir nicht so!“ und führte den Hirten vor den Schultheiss, der ver­dammte ihn für seine Nach­läs­sigkeit, dass er dem Bür­le für das entkommene Kalb musste eine Kuh geben.

Nun hat­te das Bür­le und seine Frau die lang gewün­schte Kuh; sie freuten sich von Herzen, hat­ten aber kein Fut­ter, und kon­nten ihr nichts zu fressen geben, also musste sie bald geschlachtet wer­den. Das Fleisch salzten sie ein, und das Bür­le ging in die Stadt und wollte das Fell dort verkaufen, um für den Erlös ein neues Käl­bchen zu bestellen. Unter­wegs kam er an eine Müh­le, da sass ein Rabe mit gebroch­enen Flügeln, den nahm er aus Erbar­men auf und wick­elte ihn in das Fell. Weil aber das Wet­ter so schlecht ward, und Wind und Regen stürmte, kon­nte er nicht weit­er, kehrte in die Müh­le ein und bat um Her­berge. Die Mül­lerin war allein zu Haus und sprach zu dem Bür­le: Da leg dich auf die Streu,“ und gab ihm ein Käse­brot. Das Bür­le ass und legte sich nieder, sein Fell neben sich, und die Frau dachte: Der ist müde und schläft.“ Indem kam der Pfaff, die Frau Mül­lerin empf­ing ihn wohl und sprach: Mein Mann ist aus, da wollen wir uns trak­tieren.“ Bür­le horchte auf, und wies von trak­tieren hörte, ärg­erte es sich, dass es mit Käse­brot hätte vor­lieb nehmen müssen. Da trug die Frau her­bei und trug vier­erlei auf, Brat­en, Salat, Kuchen und Wein.

Wie sie sich nun set­zten und essen woll­ten, klopfte es draussen. Sprach die Frau: Ach Gott, das ist mein Mann!“ Geschwind ver­steck­te sie den Brat­en in die Ofenkachel, den Wein unters Kopfkissen, den Salat aufs Bett, den Kuchen unters Bett und den Pfaff in den Schrank auf dem Hausehrn. Danach machte sie dem Mann auf und sprach: Got­t­lob, dass du wieder hier bist! Das ist ein Wet­ter, als wenn die Welt unterge­hen sollte!“ Der Müller sahs Bür­le auf dem Streu liegen und fragte: Was will der Kerl da?“ – Ach,“ sagte die Frau, der arme Schelm kam in dem Sturm und Regen und bat um ein Obdach, da hab ich ihm ein Käse­brot gegeben und ihm die Streu angewiesen.“ Sprach der Mann: Ich habe nichts dage­gen, aber schaff mir bald etwas zu essen.“ Die Frau sagte: Ich habe aber nichts als Käse­brot.“ – Ich bin mit allem zufrieden,“ antwortete der Mann, meinetwe­gen mit Käse­brot,“ sah das Bür­le an und rief: komm und iss noch ein­mal mit.“ Bür­le liess sich das nicht zweimal sagen, stand auf und ass mit. Danach sah der Müller das Fell auf der Erde liegen, in dem der Rabe steck­te, und fragte: Was hast du da?“ Antwortete das Bür­le: Da hab ich einen Wahrsager drin.“ – Kann der mir auch wahrsagen?“ sprach der Müller.

Warum nicht?“ antwortete das Bür­le, er sagt aber nur vier Dinge, und das fün­fte behält er bei sich.“ Der Müller war neugierig und sprach: Lass ihn ein­mal wahrsagen.“ Da drück­te Bür­le dem Raben auf den Kopf, dass er quak­te und krr krr“ machte. Sprach der Müller: Was hat er gesagt?“ Bür­le antwortete: Erstens hat er gesagt, es steck­te Wein unterm Kopfkissen.“ – Das wäre des Kuck­ucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Wein. Nun weit­er,“ sprach der Müller. Das Bür­le liess den Raben wieder quak­sen und sprach: Zweit­ens, hat er gesagt, wäre Brat­en in der Ofenkachel.“ – Das wäre des Kuck­ucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Brat­en. Bür­le liess den Raben noch mehr weis­sagen und sprach: Drit­tens, hat er gesagt, wäre Salat auf dem Bett.“ – Das wäre des Kuck­ucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Salat. Endlich drück­te das Bür­le den Raben noch ein­mal, dass er knur­rte, und sprach: Viertens, hat er gesagt, wäre Kuchen unterm Bett.“ – Das wäre des Kuck­ucks!“ rief der Müller, ging hin und fand den Kuchen.

Nun set­zten sich die zwei zusam­men an den Tisch, die Mül­lerin aber kriegte Todesäng­ste, legte sich ins Bett und nahm alle Schlüs­sel zu sich. Der Müller hätte auch gern das fün­fte gewusst, aber Bür­le sprach: Erst wollen wir die vier andern Dinge ruhig essen, denn das fün­fte ist etwas Schlimmes.“ So assen sie, und danach ward gehan­delt, wieviel der Müller für die fün­fte Wahrsa­gung geben sollte, bis sie um drei­hun­dert Taler einig wur­den. Da drück­te das Bür­le dem Raben noch ein­mal an den Kopf, dass er laut quak­te. Fragte der Müller: Was hat er gesagt?“ Antwortete das Bür­le: Er hat gesagt, draussen im Schrank auf dem Hausehrn, da steck­te der Teufel.“ Sprach der Müller: Der Teufel muss hin­aus,“ und sper­rte die Haustür auf, die Frau aber musste den Schlüs­sel hergeben, und Bür­le schloss den Schrank auf. Da lief der Pfaff, was er kon­nte, hin­aus, und der Müller sprach: Ich habe den schwarzen Kerl mit meinen Augen gese­hen: es war richtig.“ Bür­le aber machte sich am andern Mor­gen in der Däm­merung mit den drei­hun­dert Talern aus dem Staub.

Daheim tat sich das Bür­le all­gemach auf, baute ein hüb­sches Haus, und die Bauern sprachen: Das Bür­le ist gewiss gewe­sen, wo der gold­ene Schnee fällt und man das Geld mit Schef­feln heim trägt.“ Da ward Bür­le vor den Schultheiss gefordert, es sollte sagen, woher sein Reich­tum käme. Antwortete es: Ich habe mein Kuh­fell in der Stadt für drei­hun­dert Taler verkauft.“ Als die Bauern das hörten, woll­ten sie auch den grossen Vorteil geniessen, liefen heim, schlu­gen all ihre Kühe tot und zogen die Felle ab, um sie in der Stadt mit dem grossen Gewinn zu verkaufen. Der Schultheiss sprach: Meine Magd muss aber vor­ange­hen.“ Als diese zum Kauf­mann in die Stadt kam, gab er ihr nicht mehr als drei Taler für ein Fell; und als die übri­gen kamen, gab er ihnen nicht ein­mal soviel und sprach: Was soll ich mit all den Häuten anfangen?‘

Nun ärg­erten sich die Bauern, dass sie vom Bür­le hin­ters Licht geführt waren, woll­ten Rache an ihm nehmen und verk­lagten es wegen des Betrugs bei dem Schultheiss. Das unschuldige Bür­le ward ein­stim­mig zum Tod verurteilt, und sollte in einem durch­löcherten Fass ins Wass­er gerollt wer­den. Bür­le ward hin­aus­ge­führt und ein Geistlich­er gebracht, der ihm eine See­len­messe lesen sollte. Die andern mussten sich alle ent­fer­nen, und wie das Bür­le den Geistlichen anblick­te, so erkan­nte es den Pfaf­fen, der bei der Frau Mül­lerin gewe­sen war. Sprach es zu ihm: Ich hab Euch aus dem Schrank befre­it, befre­it mich aus dem Fass.“ Nun trieb ger­ade der Schäfer mit ein­er Herde Schafe daher, von dem das Bür­le wusste, dass er längst gerne Schultheiss gewor­den wäre, da schrie es aus allen Kräften: Nein, ich tus nicht! Und wenns die ganze Welt haben wollte, nein, ich tus nicht!“ Der Schäfer, der das hörte, kam her­bei und fragte: Was hast du vor? Was willst du nicht tun?“ Bür­le sprach: Da wollen sie mich zum Schultheiss machen, wenn ich mich in das F ass set­ze, aber ich tus nicht.“ Der Schäfer sagte: Wenns weit­er nichts ist, um Schultheiss zu wer­den, wollte ich mich gle­ich in das Fass set­zen.“ Bür­le sprach: Willst du dich hinein­set­zen, so wirst du auch Schultheiss.“ Der Schäfer wars zufrieden, set­zte sich hinein, und das Bür­le schlug den Deck­el drauf; dann nahm es die Herde des Schäfers für sich und trieb sie fort. Der Pfaff aber ging zur Gemeinde und sagte, die See­len­messe wäre gele­sen. Da kamen sie und roll­ten das Fass nach dem Wass­er hin. Als das Fass zu rollen anf­ing, rief der Schäfer: Ich will ja gerne Schultheiss wer­den.“ Sie glaubten nicht anders, als das Bür­le schrie so, und sprachen: Das meinen wir auch, aber erst sollst du dich da unten umse­hen,“ und roll­ten das Fass ins Wass­er hinein.

Darauf gin­gen die Bauern heim, und wie sie ins Dorf kamen, so kam auch das Bür­le daher, trieb eine Herde Schafe ruhig ein und war ganz zufrieden. Da erstaunten die Bauern und sprachen: Bür­le, wo kommst du her? Kommst du aus dem Wass­er?“ – Freilich,“ antwortete das Bür­le, ich bin ver­sunken tief, tief, bis ich endlich auf den Grund kam: ich stiess dem Fass den Boden aus und kroch her­vor, da waren schöne Wiesen, auf denen viele Läm­mer wei­de­ten, davon bracht ich mir die Herde mit.“ Sprachen die Bauern sind noch mehr da?“ – O ja,“ sagte das Bür­le, mehr, als ihr brauchen kön­nt.“ Da verabre­de­ten sich die Bauern, dass sie sich auch Schafe holen woll­ten, jed­er eine Herde; der Schultheiss aber sagte: Ich komme zuerst.“ Nun gin­gen sie zusam­men zum Wass­er, da standen ger­ade am blauen Him­mel kleine Flock­wolken, die man Läm­merchen nen­nt, die spiegel­ten sich im Wass­er ab, da riefen die Bauern: Wir sehen schon die Schafe unten auf dem Grund.“ Der Schulz drängte sich her­vor und sagte: Nun will ich zuerst hin­unter und mich umse­hen; wenns gut ist, will ich euch rufen.“ Da sprang er hinein, plump“ klang es im Wass­er. Sie mein­ten nicht anders, als er riefe ihnen zu kommt!“ und der ganze Haufe stürzte in ein­er Hast hin­ter ihm drein. Da war das Dorf aus­gestor­ben, und Bür­le als der einzige Erbe ward ein reich­er Mann.