Das alte Mütterchen

von Brüder Grimm

~3 Min

Es war in ein­er grossen Stadt ein altes Müt­terchen, das sass abends allein in sein­er Kam­mer: es dachte so darüber nach, wie es erst den Mann, dann die bei­den Kinder, nach und nach alle Ver­wandte, endlich auch heute noch den let­zten Fre­und ver­loren hätte und nun ganz allein und ver­lassen wäre. Da ward es in tief­stem Herzen trau­rig, und vor allem schw­er war ihm der Ver­lust der bei­den Söhne, dass es in seinem Schmerz Gott darüber anklagte. So sass es still und in sich ver­sunken, als es auf ein­mal zur Frühkirche läuten hörte. Es wun­derte sich, dass es die ganze Nacht also in Leid durchwacht hätte, zün­dete seine Leuchte an und ging zur Kirche. Bei sein­er Ankun­ft war sie schon erhellt, aber nicht, wie gewöhn­lich, von Kerzen, son­dern von einem däm­mern­den Licht. Sie war auch schon ange­füllt mit Men­schen, und alle Plätze waren beset­zt, und als das Müt­terchen zu seinem gewöhn­lichen Sitz kam, war er auch nicht mehr ledig, son­dern die ganze Bank gedrängt voll. Und wie es die Leute ansah, so waren es lauter ver­stor­bene Ver­wandten, die sassen da in ihren alt­modis­chen Klei­dern, aber mit blassem Angesicht. Sie sprachen auch nicht und san­gen nicht, es ging aber ein leis­es Sum­men und Wehen durch die Kirche. Da stand eine Muhme auf, trat vor und sprach zu dem Müt­ter­lein dort sieh nach dem Altar, da wirst du deine Söhne sehen.‘ Die Alte blick­te hin und sah ihre bei­den Kinder, der eine hing am Gal­gen, der andere war auf das Rad geflocht­en. Da sprach die Muhme siehst du, so wäre es ihnen ergan­gen, wären sie im Leben geblieben und hätte sie Gott nicht als unschuldige Kinder zu sich genom­men.‘ Die Alte ging zit­ternd nach Haus und dank­te Gott auf den Knien, dass er es bess­er mit ihr gemacht hätte, als sie hätte begreifen kön­nen; und am drit­ten Tag legte sie sich und starb.