Das alte Haus

von Hans Christian Andersen

~15 Min

Das alte Haus
Drüben in der Straße stand ein altes, altes Haus, das war fast drei­hun­dert Jahr alt, so kon­nte man an einem Balken lesen, an dem die Jahreszahl zugle­ich mit Tulpen und Hopfen­ranken eingekerbt war. Da standen ganze Verse in der Schreib­weise alter Tage, und über jedem Fen­ster war ein fratzen­haftes Gesicht in den Balken eingeschnit­ten. Das obere Stock­w­erk hing weit über das untere, und unter dem Dache war eine Bleirinne mit Drachenköpfen. Das Regen­wass­er sollte aus dem Rachen her­aus­laufen, aber es lief aus dem Bauche, denn es war ein Loch in der Rinne.

Alle anderen Häuser in der Straße waren so neu und so nett, mit großen Scheiben und glat­ten Wän­den, und man kon­nte wohl sehen, daß sie nichts mit dem alten Haus zu tun haben woll­ten. Sie dacht­en wohl: Wie lange soll das Gerüm­pel hier noch der Straße zur Schande ste­hen bleiben. Der Erk­er ste­ht so weit her­aus, daß nie­mand aus unseren Fen­stern sehen kann, was auf der anderen Seite geschieht! Die Treppe ist so bre­it, wie bei einem Schloß und so hoch wie bei einem Kirch­turm. Das Eisen­gelän­der sieht ja aus, wie die Tür zu einem alten Erbbe­gräb­nis, dazu hat es noch Mess­ingknöpfe. Das ist geschmacklos!“

Ger­ade gegenüber in der Straße standen auch neue und nette Häuser, und sie dacht­en wie die anderen. Aber am Fen­ster saß hier ein klein­er Knabe mit frischen, roten Wan­gen, mit klaren, strahlen­den Augen, dem das alte Haus am besten gefiel sowohl im Son­nen­schein wie im Mond­schein. Wenn er nach der Mauer hinüber sah, wo der Kalk abge­bröck­elt war, kon­nte er sitzen und sich die wun­der­barsten Bilder aus­denken: wie wohl die Straße früher aus­ge­se­hen haben mochte mit Trep­pen, Erk­ern und spitzen Giebeln. Er kon­nte Sol­dat­en mit Helle­bar­den sehen, und Dachrin­nen, die wie Drachen und Lind­würmer herum­liefen. – Das war so recht ein Haus zum Betra­cht­en. Und drüben wohnte ein alter Mann; der ging in Knieho­sen, hat­te einen Rock mit großen Mess­ingknöpfen und eine Per­rücke, bei der man sehen kon­nte, daß es eine wirk­liche Per­rücke war. Jeden Mor­gen kam ein alter Diener zu ihm, der aufräumte und Gänge besorgte. Son­st war der alte Mann in den Knieho­sen ganz allein in dem alten Hause. Zwis­chen­durch kam er wohl ein­mal ans Fen­ster und sah hin­aus, und der kleine Knabe nick­te zu ihm hinüber; der alte Mann nick­te wieder, und so wur­den sie Bekan­nte, und so wur­den sie Fre­unde, obwohl sie niemals miteinan­der gesprochen hat­ten. Aber das war auch unnötig.

Der kleine Knabe hörte seine Eltern sagen: Der alte Mann da drüben hat es gut, aber er ist so schreck­lich allein!“

Am näch­sten Son­ntag nahm der kleine Knabe etwas, wick­elte es in ein Stück Papi­er, ging vor die Tür, und als der Diener, der die Gänge besorgte, vor­beikam, sagte er zu ihm: Hör, willst Du dem alten Mann da drüben das von mir brin­gen? Ich habe zwei Zinnsol­dat­en, dies ist der eine; er soll ihn haben, denn ich weiß, daß er so schreck­lich allein ist.“

Und der alte Diener sah ganz vergnügt aus, nick­te und trug den Zinnsol­dat­en hinüber in das alte Haus. Darauf kam von drüben ein Bote mit der Anfrage, ob der kleine Knabe wohl Lust hätte, selb­st ein­mal herüber zu kom­men und Besuch zu machen. Dazu bekam er von seinen Eltern Erlaub­nis, und so kam er in das alte Haus hinüber.

Die Mess­ingknöpfe am Trep­pen­gelän­der glänzten viel stärk­er als son­st. Man hätte glauben mögen, daß sie des Besuch­es wegen poliert wor­den wären. Und es war, als ob die geschnitzten Trompeter – denn es waren geschnitzte Trompeter an der Tür, die in den Tulpen standen – aus Leibeskräften bliesen; ihre Back­en sahen viel dick­er aus als zuvor. Ja, sie bliesen: Trat­ter­a­tra. Der kleine Knabe kommt. Trat­ter­a­tra!“ und dann ging die Türe auf. Den ganzen Gang ent­lang hin­gen alte Porträts, Rit­ter in Har­nischen und Frauen in Sei­den­klei­dern. Und die Har­nische ras­sel­ten und die sei­den Klei­der raschel­ten! Dann kam eine Treppe, die ging ein großes Stück hin­auf und ein kleines hinab und dann war man auf einem Altan, der freilich sehr alterss­chwach und voller großer Löch­er und Risse war, aber daraus her­vor wuch­sen Gras und Blät­ter; denn der ganze Altan, der Hof und die Mauern waren mit soviel Grün bewach­sen, daß es wie ein Garten aus­sah. Aber es war nur ein Altan. Hier standen alte Blu­men­töpfe, die Gesichter und Esel­sohren hat­ten. Die Blu­men darin wuch­sen aber ganz wie sie selb­st woll­ten. In dem einen Topf liefen die Nelken nach allen Seit­en über den Rand, das heißt das Grüne, Schößling neben Schößling, und ganz deut­lich sagten sie: Die Luft hat mich gestre­ichelt, die Sonne hat mich geküßt und mir am Son­ntag eine kleine Blume ver­sprochen, eine kleine Blume am Sonntag.“

Und dann kamen sie in eine Kam­mer hinein, wo die Wände mit Schweinsled­er bezo­gen waren, darauf waren gold­ene Blu­men gedruckt.

Ver­goldung verge­ht, aber Schweinsled­er beste­ht“ sagten die Wände.

Und Lehn­stüh­le standen da mit hohen Rück­en, über und über geschnitzt, und mit Armen an bei­den Seit­en. Sitz nieder! Sitz nieder!“ sagten sie; O, wie es in mir knackt! Nun bekomme ich die Gicht wie der alte Schrank. Gicht im Rück­en. O!“

Und dann kam der kleine Knabe in die Stube hinein, wo der Erk­er war und wo der alte Mann saß.

Schö­nen Dank für den Zinnsol­dat­en, mein klein­er Fre­und“ sagte der alte Mann. Und Dank, daß Du zu mir herüberkommst!“

Dank, Dank,“ oder Knack, Knack,“ sagte es in allen Möbeln. Da waren so viele, daß sie sich fast im Wege standen, um den kleinen Knaben anzusehen.

Mit­ten an der Wand hing eine Malerei mit ein­er wun­der­schö­nen Dame, so jung, so froh, aber ganz so gek­lei­det, wie vor alten Zeit­en, mit Pud­er im Haar und Klei­dern, die ganz steif um sie herum standen. Sie sagte wed­er Dank“ noch Knack“, aber sah mit ihren fre­undlichen Augen den kleinen Knaben an, der sogle­ich den alten Mann fragte: Wo hast Du sie her bekommen?“

Drüben vom Trödler“ sagte der alte Mann. Da hän­gen soviele Bilder. Kein­er ken­nt sie mehr und macht sich etwas daraus, denn alle sind nun begraben. Aber in alten Tagen habe ich sie gekan­nt; nun ist sie tot schon seit fast einem hal­ben Jahrhundert“

Und unter der Malerei hing unter Glas ein ver­welk­ter Blu­men­strauß. Der hat­te gewiß auch ein halbes Jahrhun­dert gese­hen, so alt war er. Und der Per­pendikel an der großen Uhr ging hin und her und der Zeiger drehte sich und alle Dinge in der Stube wur­den immer älter, aber das merk­ten sie nicht.

Sie sagen zuhause,“ sagte der kleine Knabe, daß Du so schreck­lich ein­sam bist.“

O,“ sagte er, die alten Gedanken mit allem, was sie so mit sich führen kön­nen, kom­men und besuchen mich, und nun kommst Du ja auch. Mir geht es ganz gut.“

Und dann nahm er vom Bücher­brett ein Buch mit Bildern. Darin waren ganze Aufzüge, die wun­der­lich­sten Karossen, die man heute nicht mehr zu sehen bekommt, Sol­dat­en wie auf den Spielka­rten und Bürg­er mit wehen­den Fah­nen. Die Schnei­der hat­ten eine mit ein­er Schere, die von zwei Löwen gehal­ten wurde, und die Schuh­mach­er hat­ten eine ohne Stiefel, aber mit einem Adler, der zwei Köpfe besaß, denn die Schuh­mach­er müssen alles so haben, daß sie sagen kön­nen: das ist ein Paar. – Ja, das war ein Bilderbuch.

Und der alte Mann ging in die andere Stube, um Eingezuck­ertes und Äpfel und Nüsse zu holen; – es war wirk­lich prächtig hier drüben in dem alten Hause.

Ich kann es nicht aushal­ten!“ sagte der Zinnsol­dat, der auf der Kom­mode stand; hier ist es so ein­sam und trau­rig; nein, wenn man ein­mal Fam­i­lien­leben ken­nen gel­ernt hat, kann man sich hier nicht eingewöh­nen. – Ich kann das nicht aushal­ten! Der ganze Tag ist so lang und der Abend noch länger. Hier ist es nicht wie drüben bei Dir, wo Deine Mut­ter und Dein Vater so fröh­lich miteinan­der sprachen, und wo Du und alle Ihr süßen Kinder einen so prächti­gen Spek­takel machtet! Nein, wie allein der alte Mann ist. Glaub­st Du, er bekommt einen Kuß? Glaub­st Du, jemand macht ihm fre­undliche Augen oder einen Wei­h­nachts­baum? Er bekommt gar nichts, nur ein Begräb­nis – Ich kann das nicht aushalten!“

Du mußt es nicht so schw­er nehmen!“ sagte der kleine Knabe, mir kommt es hier her­rlich vor, und alle die alten Gedanken mit dem, was sie so mit sich führen kön­nen, kom­men ja auch und machen Besuch.“

Ja, die sehe ich nicht, und die kenne ich nicht“ sagte der Zinnsol­dat. Ich kann das nicht aushalten!“

Das mußt Du“ sagte der kleine Knabe.

Und der alte Mann kam mit dem vergnügtesten Gesicht und mit dem her­rlich­sten Eingemacht­en und Äpfeln und Nüssen, und da dachte der kleine Knabe nicht mehr an den Zinnsoldaten.

Glück­lich und froh kam der kleine Knabe heim. Es vergin­gen Wochen und Tage, es wurde zu dem alten Hause und von dem alten Hause hinüber­genickt, und dann kam der kleine Knabe wieder hinüber.

Und die geschnitzten Trompeter bliesen: Trat­ter­a­tra. Da ist der kleine Knabe. Trat­ter­a­tra“ Und Schw­ert­er und Rüs­tun­gen auf den alten Rit­ter­bildern ras­sel­ten und die Sei­den­klei­der raschel­ten, das Schweinsled­er sprach und die alten Stüh­le hat­ten Gicht im Rück­en: au!“ Es war ganz genau wie beim ersten Mal, denn hier drüben war ein Tag und eine Stunde ganz wie die andere.

Ich kann das nicht aushal­ten!“ sagte der Zinnsol­dat. Ich habe Zinn geweint! Hier ist es allzu trau­rig laß mich lieber in den Krieg ziehen und Arme und Beine ver­lieren! Das ist doch eine Abwech­slung. Ich kann das nicht aushal­ten! – nun weiß ich, was das heißt, Besuch von seinen alten Gedanken zu bekom­men, mit dem was sie mit sich führen kön­nen. Ich habe von meinen Besuch gehabt, und Du kannst mir glauben, es ist kein Vergnü­gen auf die Dauer. Ich war zulet­zt nahe daran, von der Kom­mode zu sprin­gen. Euch alle da drüben sah ich so deut­lich, als ob Ihr wirk­lich hier wäret; es war wieder der Son­ntag­mor­gen – Du weißt doch noch. Alle Ihr Kinder standet vor dem Tis­che und sangt Eure Lieder, wie Ihr sie jeden Mor­gen singt. Ihr standet andächtig mit gefal­teten Hän­den, und Vater und Mut­ter waren eben­so feier­lich, und dann ging die Tür auf, und die kleine Schwest­er Maria, die noch nicht zwei Jahre alt war, und die immer tanzte, wenn sie Musik oder Gesang hörte, was für eine Art es auch sein mochte, wurde hereingeschoben. Sie sollte es nun eigentlich nicht – aber sie fing an zu tanzen, kon­nte jedoch nicht recht in den Takt kom­men, denn die Töne waren so lang, und so stand sie erst auf dem einen Bein und bog den Kopf ganz nach vorn über, und dann auf dem andern Bein und den Kopf noch weit­er vornüber, aber es wollte nicht recht gehen. Ihr standet alle ganz ernst da, obgle­ich es recht schw­er hielt damit; ich aber lachte inner­lich, und deshalb fiel ich vom Tis­che herunter und bekam eine Beule, mit der ich jet­zt noch gehe, denn es war nicht recht von mir, zu lachen. Aber das Ganze zieht jet­zt wieder inner­lich an mir vorüber und noch manch­es andere, was ich so erlebt habe. Das wer­den wohl die alten Gedanken sein, mit allem, was sie mit sich führen kön­nen. Sag mir, singt Ihr noch immer an den Son­nta­gen? Erzäh­le mir ein bis­chen von der kleinen Maria. Und wie geht es meinem Kam­er­aden, dem andern Zinnsol­dat­en? Ja, er ist wirk­lich glück­lich. Ich kann das nicht aushalten.“

Du bist weggeschenkt!“ sagte der kleine Knabe. Du mußt bleiben. Kannst Du das nicht einsehen?“

Und der alte Mann kam mit einem Kas­ten, worin es viele Dinge zu sehen gab, selt­same, kleine Häuschen, Bal­sam­büch­sen und alte Karten, so groß und dick ver­gold­et, wie man sie jet­zt gar nicht mehr sieht. Und es wur­den große Schubladen aufge­zo­gen und das Klavier wurde geöffnet; das hat­te eine Land­schaft inwendig auf dem Deck­el und war ganz heis­er, als der alte Mann darauf spielte. Er summte dabei eine alte Weise.

Ja, die kon­nte sie sin­gen“ sagte er, und dann nick­te er zu dem Porträt hinüber, das er beim Trödler gekauft hat­te, und des alten Mannes Augen leuchteten auf.

Ich will in den Krieg! Ich will in den Kriegt“ rief plöt­zlich der Zinnsol­dat so laut er kon­nte und stürzte sich auf den Fußboden.

Ja, wo war er geblieben? Der alte Mann suchte, der kleine Knabe suchte, aber fort war er und fort blieb er. Ich werde ihn schon find­en!“ sagte der Alte, aber er fand ihn nie mehr! Der Fuß­bo­den hat­te allzu große Löch­er und Ritzen. Der Zinnsol­dat war durch eine Spalte gefall­en, und dort lag er im offe­nen Grabe.

Und der Tag verg­ing, und der kleine Knabe kam heim, und die Woche verg­ing und noch viele Wochen. Die Fen­ster waren ganz zuge­froren. Der kleine Knabe mußte sitzen und darauf pusten, um ein Guck­loch zu dem alten Haus hinüber zu bekom­men. Dort war der Schnee in alle Schnörkel und Inschriften hineinge­fegt. Er lag dicht über der Treppe, ger­ade, als sei nie­mand dort zuhause. Und es war auch nie­mand zuhause, der alte Mann war tot.

Am Abend hielt ein Wagen davor, und zu ihm herunter trug man ihn in seinem Sarge. Er sollte draußen auf dem Lande in seinem Erbbe­gräb­nis beerdigt wer­den. Da fuhr er nun, aber nie­mand fol­gte, alle seine Fre­unde waren ja tot. Nur der kleine Knabe warf dem Sarge viele Kußhände nach, als er fortfuhr.

Einige Tage später war Auk­tion in dem alten Hause, und der kleine Knabe sah von seinem Fen­ster aus, wie man die alten Rit­ter und die alten Damen, die Blu­men­töpfe mit den lan­gen Ohren, die alten Stüh­le und die alten Schränke wegtrug. Einiges kam hier­hin, einiges dor­thin. Das Porträt von ihr, das er beim Trödler gefun­den hat­te, kam wieder zum Trödler und dort blieb es hän­gen; denn nun kan­nte sie nie­mand mehr, und nie­mand küm­merte sich um das alte Bild.

Im Früh­jahr riß man auch das Haus nieder, denn es sei nur ein altes Gerüm­pel, sagten die Leute. Von der Straße aus kon­nte man ger­ade in die Stuben mit dem Schweinsleder­bezug hinein­se­hen, der zer­fet­zt und herun­terg­eris­sen wurde. Und all das Grüne hing vom Altan wild um die fal­l­en­den Balken herab. – Und dann wurde dort aufgeräumt.

Das half!“ sagten die Nachbarhäuser.

Und es wurde ein her­rlich­es, neues Haus dort gebaut mit großen Fen­stern und weißen, glat­ten Mauern. Aber vorne, wo eigentlich das alte Haus ges­tanden hat­te, wurde ein klein­er Garten angelegt, und zu des Nach­barhaus­es Mauern hin­auf wuch­sen wilde Wein­ranken. Vor den Garten kam ein großes eis­ernes Git­ter mit eis­ern­er Tür; das sah gar stat­tlich aus. Die Leute standen still und schaut­en hinein. Und die Spatzen hin­gen sich dutzendweil an die Wein­ranken und nah­men einan­der das Wort vom Munde, so gut sie kon­nten, aber es war nicht das alte Haus, worüber sie sprachen, denn darauf kon­nten sie sich nicht besin­nen. Es waren nun schon so viele Jahre darüber hinge­gan­gen, daß der kleine Knabe zu einem großen Manne herangewach­sen war, ja, zu einem tüchti­gen Mann, an dem seine Eltern Freude hat­ten. Er hat­te sich eben ver­heiratet und war mit sein­er kleinen Frau hier in das Haus gezo­gen, wo der Garten war. Und er stand dort bei ihr, während sie eine Feld­blume pflanzte, die sie gar niedlich fand. Sie pflanzte sie mit ihrer kleinen Hand und klopfte die Erde mit den Fin­gern fest. – Au, was war das? Sie hat­te sich gestochen. Da saß etwas Spitzes ger­ade oben auf der weichen Erde.

Es war – ja denk nur. Es war der Zinnsol­dat, er, der bei dem alten Mann da oben fort­gekom­men war, der inzwis­chen bei Zim­mer­holz und Schutt herumge­bum­melt, sich tüchtig getum­melt und zulet­zt viele Jahre lang in der Erde gele­gen hatte.

Und die junge Frau wis­chte den Sol­dat­en zuerst mit einem grü­nen Blat­te, dann mit ihrem feinen Taschen­tuch ab; das hat­te einen so lieblichen Duft. Und es war dem Zinnsol­dat­en, als erwache er aus ein­er Ohnmacht.

Laß mich sehen!“ sagte der junge Mann, dann lachte er und schüt­telte den Kopf. Ja, er kann es wohl nicht gut sein, aber er erin­nert mich an eine Geschichte mit einem Zinnsol­dat­en, die geschah, als ich noch ein klein­er Knabe war.“ Und dann erzählte er sein­er Frau von dem alten Hause und dem alten Manne und dem Zinnsol­dat­en, den er ihm hinübergeschickt hat­te, weil er so schreck­lich allein war. Und er erzählte es ganz genau so, wie es wirk­lich gewe­sen war, so daß der jun­gen Frau Trä­nen in die Augen stiegen über das alte Haus und den alten Mann.

Es kann doch sein, daß es der­selbe Zinnsol­dat ist!“ sagte sie. Ich will ihn auf­be­wahren und alles behal­ten, was Du mir erzählt hast. Aber des alten Mannes Grab mußt Du mir zeigen!“

Ja, das weiß ich nicht,“ sagte er, und nie­mand weiß es. Alle seine Fre­unde waren tot, nie­mand küm­merte sich darum, und ich war ja ein klein­er Knabe.“

Wie schreck­lich allein muß er gewe­sen sein.“ sagte sie.

Schreck­lich allein!“ sagte der Zinnsol­dat, aber es ist her­rlich, nicht vergessen zu sein.“

Her­rlich!“ rief etwas dicht daneben; aber nie­mand außer dem Zinnsol­dat­en sah, daß es ein Fet­zen von dem schweinsled­er­nen Bezuge war. Er war ohne alle Ver­goldung und sah aus wie nasse Erde, aber eine Mei­n­ung hat­te er, und die sprach er aus:

Ver­goldung verge­ht, Aber Schweinsled­er beste­ht.“ Doch das glaubte der Zinnsol­dat nicht.