Das allzeit zufriedene Knäbchen

von Johann Wilhelm Wolf

~5 Min

Zwei Bauer­sleute hat­ten ein Kind, und wie es denn in der Welt geht, wo nur eins ist, da wird’s ver­zo­gen. Die Ältern hat­ten aber kein Auge für die Fehler des Bübchens und nan­nten es immer nur ihr allzeit zufriedenes Kind. Eines Tages war eine Hochzeit im Ort, dazu waren die Bauer­sleute auch ein­ge­laden und da sie nir­gend­wo allein hingin­gen, so nah­men sie auch ihr allzeit zufriedenes Kind mit. Als das Essen vor­bei war, kamen Bir­nen, Nüsse und Anis­ge­back­enes auf den Tisch, von jedem hohe Teller voll. Die Gäste ließen es sich wohl schmeck­en und der Bräutigam gab den Kindern von allem so viel wie sie haben woll­ten. Als die Gäste auf­ste­hen und zum Tanze gehen woll­ten, kam das allzeit zufriedene Kind, stellte sich neben den Bräutigam und weinte bit­ter­lich. Sogle­ich sprangen die Ältern von ihrer Bank her­bei, um zu sehn, was das sei. Der Bräutigam fragte das Knäbchen, was ihm fehle, aber es weinte immer bit­ter­lich­er und endlich weinte seine Mut­ter mit und es ver­schlug kein Haar, dann hätte der Vater auch geweint.

Da fragte der Bräutigam wieder: Hast du denn Hunger?“ und das Kind schrie: Ach ich bin ja schon satt.“ Das dachte ich nur, ach mein Kind ist ja immer so gern zufrieden“ schluchzte die Mut­ter. Der Bräutigam sprach: Dann komm her, ich stopfe dir die Hosen­tasche voll Anis­ge­back­enes“, aber das Kind schrie noch ärg­er: Sie sind ja schon Bei­de voll!“ Dachte ich es mir nicht“, schluchzte die Mut­ter, unser Kind ist so gern zufrieden, es muss ihm etwas andres fehlen.“ Der Bräutigam sprach: Dann gehe nach Hause, leere sie aus und komm wieder, dann bekommst du mehr.“ Da schrie das Kind noch viel ärg­er: Ich war ja schon dreimal zu Hause.“ Nein das ist es auch noch nicht, unser Kind ist so bald zufriedengestellt, Kinde­s­hand ist bald gestillt, es muss ihm etwas andres fehlen“, schluchzte die Mut­ter und weinte bit­tere Trä­nen. Dann geh nach Hause und komm noch ein­mal wieder“, sprach der Bräutigam; doch da schrie das Kind, wie verzweifelt: Wenn ich wieder komme, haben die Andern alles gegessen.“ Wir heben dir Alles auf und essen nichts mehr“ sagte der Bräutigam und da lachte das Kind ihn an und lief weg. Die Mut­ter rief aber: Ach es ist doch rührend, wie unser Kind ein allzeit zufriedenes Gemüt hat.“ Ja das weiß der Him­mel“, sprach der Vater, so gibt’s keines mehr.“