Das ABC Buch

von Hans Christian Andersen

~6 Min

Es war ein­mal ein Mann, der hat­te einige neue Verse zu einem​“ABC-Buch” geschrieben, solche zwei Zeilen für jeden Buch­staben wie in dem alten ABC; ihm schien, dass man etwas Neues haben sollte, die alten Verse waren so abgenutzt, und der fand seine eige­nen ger­ade immer so gut. Das neue ABC lag noch geschrieben da, und es war neben das alte, gedruck­te in den großen Büch­schrank gestellt wor­den, in dem so viele gelehrte Büch­er und unter­hal­tende Büch­er standen, aber das alte ABC wollte wohl nicht Nach­bar des neuen sein und war deshalb vom Bord gesprun­gen und hat­te zugle­ich dem neuen einen Stoß gegeben, so dass es auch auf dem Boden lag, und zwar waren alle seine losen Blät­ter ring­sum ver­streut. Das alte ABC kehrte die erste Seite nach oben, und das ist die wichtig­ste darin; da ste­hen alle Buch­staben, die großen und die kleinen. Das Blatt hat nun alles, wovon alle die übri­gen Büch­er leben, dass Alpha­bet, die Buch­staben, die doch die Welt regieren; eine schreck­liche Macht haben Sie! Es kommt nur darauf an, in welche Stel­lung sie kom­mandiert sind; sie kön­nen Leben geben, töten, erfreuen und betrüben. Einzeln aufgestellt, bedeuten sie nichts, aber in Reih und Glied aufgestellt, ja, als Gott sie seine Gedanken aus­drück­en ließ, ver­nah­men wir mehr, als wir zu ertra­gen ver­mocht­en, wir beugten uns tief, aber die Buch­staben ver­mocht­en die Gedanken zu ertragen.

Da lag es nun und kehrte sich nach oben! Und der Hahn in dem großen A strahle von roten, blauen und grü­nen Fed­ern; er brüstete sich, denn er wusste, was die Buch­staben bedeuten und dass er der einzige lebendi­ge darunter war.

Da das alte ABC-Buch auf den Boden fiel, schlug er mit den Flügeln, flog her­aus und set­zte sich auf eine Ecke des Büch­er­schranks, zupfte sich mit dem Schn­abel glatt und krähte, so dass es nach­hallte. Jedes Buch im Schrank, das son­st Tag und Nacht wie in einem Halb­schlag stand, wenn es nicht gebraucht wurde, ver­nahm den Trompe­ten­stoß, und dann sprach der Hahn laut und deut­lich von dem Unrecht, das dem würdi­gen, alten ABS-Buch geschehen war.

Alles soll nun neu, soll anders sein!” sagte er,​“alles soll so fortschre­it­en! Die Kinder sind so klug, dass sie nun lesen kön­nen, bevor sie die Buch­staben ken­nen.​“Sie sollen etwas Neues haben!” sagte er, der die neuen ABC-Verse schrieb, die da auf dem Boden ver­streut liegen. Ich kenne Sie! Mehr als zehn­mal habe ich ihn gehört, sie sich sel­ber vor­lesen. Das war ihm so ein Vergnü­gen, nein, ich muss um meine eignen, die guten alten und Xan­thus bit­ten, und um die Bilder, die dazu gehören, für die will ich kämpfen, danach will ich krähen! Jedes Buch im Schrank ken­nt sie wohl. Nun werde ich die geschriebe­nen neuen vor­lesen, sie alle in Ruhe vor­lesen: lasst uns dann darüber einig wer­den, dass sie nichts taugen!”

A Amme
Eine Amme geht im Sohn­tagsklei­de, ein­er andern Kind ist ihre Freude.

B Bauer
Ein Bauer litt einst großen Schaden, jet­zt hat er zu viel in der Laden.

Den Vers finde ich nun wirk­lich schwach!” sagte der Hahn,​“Aber ich lese weiter!”

C Colum­bus Colum­bus fuhr hin übers Meer, und dop­pelt so groß war die Welt nachher.

D Däne­mark In Däne­mark der Glaube gilt, dass Gott ihm stets bleibt gut gewillt.

Was wer­den nun manche nett Find­en!” sagte der Hahn,​“aber das tue ich nicht! Ich finde nun nichts Nettes hier! Weiter!”

E Ele­fant Der Ele­fant geht schw­er genug, wenn auch sein Herz noch leicht und jung.

F Fin­ster­n­is Fin­ster­n­is tut dem Monde gut, er trägt solang den Priesterhut.

G Glückss­chwein Das Glückss­chwein mit dem Nasen­ring bleibt, war es ist, ein plumpes Ding!

H Hur­ra Hur­ra kann oft auf unser Erden von Toren nur gerufen werden.

Wie sollen das nun die Kinder ver­ste­hen?” sagte der Hahn,​“es ste­ht freilich auf dem Titel­blatt​“ABC-Buch für Große und Kleine”, aber die Großen haben anders zu tun, als ABC-Verse zu lesen, und die Kleinen kön­nen das nicht ver­ste­hen! Alles hat seine Gren­zen! Weiter!

I Irdisch Irdisch ist die Erde, rund und groß, und wir Irdis­chen alle ruhen einst ihr im Schoß.

Das ist nun roh!” sagte der Hahn. K Kuh, Kalb Eine Kuh ist immer die Frau vom Sti­er, und ein Kalb wird eins von bei­den hier.

Wie soll man nun einem Kinde die Ver­wandtschaft erklären?”

L Löwe, Lorgnette Der wilde Löwe hat keine Lorgnette, die hat nur der zahme im Nummernparkett.

M Mor­gen­sonne Der Mor­gen­sonne Gold aufge­ht, doch nie bevor der Hofhahn kräht.

Nun bekomme ich Grob­heit­en zu hören!” sagte der Hahn,​“aber ich bin da in guter Gesellschaft, in Gesellschaft der Sonne! Weiter!”

N Neger Schwarz ist der Neger, dass ihr’s wisst, noch kein­er Weiß gewaschen ist.

O Ober­stübchen In manchem Ober­stübchen steckt mehr, als man jemals hat entdeckt.

P Palme Das schön­ste Blatt, das ein Baum hat, des ist des Friedens Palmenblatt.

Q Qual Es ken­nt so manch­er manch­es mal vom andern nicht die Not und Qual.

R Rund­turm Sei groß, zum run­den Turm, erko­ren, du bist drum doch nicht hochgeboren.

S Schwein Lass dich vom Schaden nicht betrüben, den Schweine dir im Wald verüben!

Ges­tat­ten Sie nun, dass ich krähe!” sagte der Hahn,​“das ver­braucht Kräfte, soviel vorzule­sen! Man muss Atem schöpfen!” Und dann krähte er, dass es schrillte wie eine Mess­ingtrompete, und das war ein großes vergnü­gen zu hören — für den Hahn näm­lich.​“Weit­er!”

T Teekessel, Teemas­chine Teekessel hat nur Küchen­rang, hat doch der Teemaschin’ Gesang.

U Unrecht Ob uns das Unrecht stets bekriegt, in Ewigkeit wird doch gesiegt!

Das soll nun so tief sein”, sagte der Hahn,​“Aber ich kann es nicht ergründen!”

V Vieh Besitzt von Vieh, ein schönes Ding. Ein Vieh zu sein, scheint mir gering.

W Waschbär Waschbären waschen Zuck­er­sachen, bis sie sie ganz zunichte machen.

X Xan­thippe

Hier hat er doch nichts Neues find­en kön­nen!” Im Ehe­meer gibt’s eine Klippe, die heißt seit Sokrates Xan­thippe.​“Er musste doch Xan­thippe nehmen, Xan­thus ist noch besser!”

Y Yggdrasil Yggdrasil hieß der Göt­ter Baum, der Baum ward gefällt, die Göt­ter sind Traum!

Nun sind wir gle­ich durch”, sagte der Hahn,​“Das ist immer ein Trost! Weit­er! Vorwärts!”

Z Zephir Auf dänisch ist Zephir ein west­lich­er Wind, der weht, dass im Pelze erfrieret das Kind.

Da liegt es! Aber es ist nicht über­standen! Nun sol­l’s gedruckt wer­den! Und dann sol­l’s gele­sen wer­den! Es soll an Stelle der würdi­gen, alten Buch­staben in meinem Buch geboten wer­den! Was sagt die Ver­samm­lung, gelehrte und ungelehrte, einzelne und gesam­melte Schriften? Was sagt der Büch­er­schrank? Ich habe gesprochen — nun kön­nen die andern handeln!”

Und die Büch­er standen, und der Schrank stand, aber der Hahn flog wieder zurück in sein großes A und sah sich stolz um.​“Ich habe gut gesprochen, ich habe gut gekräht! Das soll mir das neue ABC-Buch nach­machen! Das stirbt bes­timmt. Das ist schon tot! Das hat keinen Hahn!”