Brüderchen und Schwesterchen

von Brüder Grimm

~12 Min

Brüderchen nahm sein Schwest­erchen an der Hand und sprach: Seit die Mut­ter tot ist, haben wir keine gute Stunde mehr. Die Stief­mut­ter schlägt uns alle Tage, und wenn wir zu ihr kom­men, stösst sie uns mit den Füssen fort. Die harten Brotkrusten, die übrig bleiben, sind unsere Speise, und dem Hündlein unter dem Tisch geht’s bess­er, dem wirft sie doch manch­mal einen guten Bis­sen zu. Dass Gott erbarm! Wenn das unsere Mut­ter wüsste! Komm, wir wollen miteinan­der in die weite Welt gehen!“ Sie gin­gen den ganzen Tag über Wiesen, Felder und Steine, und wenn es reg­nete, sprach das Schwest­erchen: Gott und unsere Herzen, die weinen zusam­men!“ Abends kamen sie in einen grossen Wald und waren so müde von Jam­mer, Hunger und dem lan­gen Weg, dass sie sich in einen hohlen Baum set­zten und einschliefen.

Am anderen Mor­gen, als sie aufwacht­en, stand die Sonne schon hoch am Him­mel und schien heiss in den Baum hinein. Da sprach das Brüderchen: Schwest­erchen, mich dürstet, wenn ich ein Brünnlein wüsste, ich ging und tränk ein­mal; ich mein, ich hört eins rauschen.“ Brüderchen stand auf, nahm Schwest­erchen an der Hand, und sie woll­ten das Brünnlein suchen. Die böse Stief­mut­ter aber war eine Hexe und hat­te wohl gese­hen, wie die bei­den Kinder fort­ge­gan­gen waren, war ihnen nachgeschlichen, heim­lich, wie die Hex­en schle­ichen, und hat­te alle Brun­nen im Walde ver­wün­scht. Als sie nun ein Brünnlein fan­den, dass so glitzerig über die Steine sprang, wollte das Brüderchen daraus trinken. Aber das Schwest­erchen hörte, wie es im Rauschen sprach: Wer aus mir trinkt, wird ein Tiger, wer aus mir trinkt, wird ein Tiger.“ – Da rief das Schwest­erchen: Ich bitte dich, Brüder­lein, trink nicht, son­st wirst du ein wildes Tier und zer­reiss­est mich!“ Das Brüderchen trank nicht, ob es gle­ich so grossen Durst hat­te, und sprach: Ich will warten, bis zur näch­sten Quelle.“ Als sie zum zweit­en Brünnlein kamen, hörte das Schwest­erchen, wie auch dieses sprach: Wer aus mir trinkt, wird ein Wolf, wer aus mir trinkt, wird ein Wolf.“ Da rief das Schwest­erchen: Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, son­st wirst du ein Wolf und friss­est mich!“ – Das Brüderchen trank nicht und sprach: Ich will warten, bis wir zur näch­sten Quelle kom­men, aber dann muss ich trinken, du magst sagen, was du willst, mein Durst ist gar zu gross.“ Und als sie zum drit­ten Brünnlein kamen, hörte das Schwest­er­lein, wie es im Rauschen sprach: Wer aus mir trinkt, wird ein Reh; wer aus mir trinkt, wird ein Reh.“ Das Schwest­erchen sprach: Ach Brüderchen, ich bitte dich, trink nicht, son­st wirst du ein Reh und läuf­st mir fort.“ Aber das Brüderchen hat­te sich gle­ich beim Brünnlein niedergekni­et, hin­abge­beugt und von dem Wass­er getrunk­en und wie die ersten Tropfen auf seine Lip­pen gekom­men waren, lag es da als ein Rehkälbchen.

Nun weinte das Schwest­erchen über das arme ver­wün­schte Brüderchen, und das Rehchen weinte auch und sass so trau­rig neben ihm. Da sprach das Mäd­chen endlich: Sei still, liebes Rehchen, ich will dich ja nim­mer­mehr ver­lassen.“ Dann band es sein gold­enes Strumpf­band ab, tat es dem Rehchen um den Hals und rupfte Bin­sen und flocht ein weich­es Seil daraus. Daran band es das Tierchen und führte es weit­er und ging immer tiefer in den Wald hinein. Und als sie lange, lange gegan­gen waren, kamen sie endlich an ein kleines Haus, und das Mäd­chen schaute hinein, und weil es leer war, dachte es: Hier kön­nen wir bleiben und wohnen. Da suchte es dem Rehchen Laub und Moos zu einem weichen Lager, und jeden Mor­gen ging es aus und sam­melte sich Wurzeln, Beeren und Nüsse, und für das Rehchen brachte es zartes Gras mit, das frass es ihm aus der Hand, war vergnügt und spielte vor ihm herum. Abends wenn Schwest­erchen müde war und sein Gebet gesagt hat­te, legte es seinen Kopf auf den Rück­en des Rehkäl­bchens, das war sein Kissen, darauf es san­ft ein­schlief. Und hätte das Brüderchen nur seine men­schliche Gestalt gehabt, es wäre ein her­rlich­es Leben gewesen.

Das dauerte eine Zeit­lang, dass sie so allein in der Wild­nis waren. Es trug sich aber zu, dass der König des Lan­des eine grosse Jagd in dem Wald hielt. Da schallte das Hörnerblasen, Hun­dege­bell und das lustige Geschrei der Jäger durch die Bäume, und das Rehlein hörte es und wäre gar zu gerne dabei gewe­sen. Ach!“ sprach es zu dem Schwest­er­lein, lass mich hin­aus in die Jagd, ich kann’s nicht länger mehr aushal­ten!“ und bat so lange, bis es ein­willigte. Aber,“ sprach es zu ihm, komm mir ja abends wieder, vor den wilden Jägern schliess ich mein Tür­lein; und damit ich dich kenne, so klopf und sprich: Mein Schwest­er­lein, lass mich here­in!‘ Und wenn du nicht so sprichst, so schliess ich mein Tür­lein nicht auf.“ Nun sprang das Rehchen hin­aus, und war ihm so wohl und war so lustig in freier Luft. Der König und seine Jäger sahen das schöne Tier und set­zten ihm nach, aber sie kon­nten es nicht ein­holen und wenn sie mein­ten, sie hät­ten es gewiss, da sprang es über das Gebüsch weg und war ver­schwun­den. Als es dunkel ward, lief es zu dem Häuschen, klopfte und sprach: Mein Schwest­erchen, lass mich here­in!“ Da ward ihm die kleine Tür auf getan, es sprang hinein und ruhte sich die ganze Nacht auf seinem weichen Lager aus. Am andern Mor­gen ging die Jagd von neuem an, und als das Rehlein das Hifthorn hörte und das Ho, Ho!“ der Jäger, da hat­te es keine Ruhe und sprach: Schwest­erchen, mach mir auf, ich muss hin­aus.“ Das Schwest­erchen öffnete ihm die Türe und sprach: Aber zum Abend musst du wieder da sein und dein Sprüch­lein sagen,“ Als der König und seine Jäger das Rehlein mit dem gold­e­nen Hals­band wieder sahen, jagten sie ihm alle nach, aber es war ihnen zu schnell und behend. Das währte den ganzen Tag, endlich aber hat­ten es die Jäger abends umzin­gelt, und ein­er ver­wun­dete es ein wenig am Fuss, so dass es hinken musste und langsam fortlief. Da schlich ihm ein Jäger nach bis zu dem Häuschen und hörte, wie es rief: Mein Schwest­er­lein, lass mich here­in!“ und sah, dass die Tür ihm auf getan und als­bald wieder zugeschlossen ward. Der Jäger behielt das alles wohl im Sinn, ging zum König und erzählte ihm, was er gese­hen und gehört hat­te. Da sprach der König: Mor­gen soll noch ein­mal gejagt werden!“

Das Schwest­erchen aber erschrak gewaltig, als es sah, dass sein Rehkäl­bchen ver­wun­det war. Es wusch ihm das Blut ab, legte Kräuter auf und sprach: Geh auf dein Lager, lieb Rehchen, dass du wieder heil wirst.“ Die Wunde aber war so ger­ing, dass das Rehchen am Mor­gen nichts mehr davon spürte. Und als es die Jagd­lust wieder draussen hörte, sprach es: Ich kann’s nicht aushal­ten, ich muss dabei sein; so bald soll mich kein­er kriegen!“ Das Schwest­erchen weinte und sprach: Nun wer­den sie dich töten, und ich bin hier allein im Walde und bin ver­lassen von aller Welt. Ich lass dich nicht hin­aus.“ – So sterb ich dir hier vor Betrüb­nis,“ antwortete das Rehchen, wenn ich das Hifthorn höre, so mein ich, ich müsst‘ aus den Schuhen sprin­gen!“ Da kon­nte das Schwest­erchen nicht anders und schloss ihm mit schw­erem Herzen die Tür auf, und das Rehchen sprang gesund und fröh­lich in den Wald. Als es der König erblick­te, sprach er zu seinen Jägern: Nun jagt ihm nach den ganzen Tag bis in die Nacht, aber dass ihm kein­er etwas zulei­de tut!“ Sobald die Sonne unterge­gan­gen war, sprach der König zum Jäger: Nun komm und zeige mir das Wald­häuschen!“ Und als er vor dem Tür­lein war, klopfte er an und rief: Lieb Schwest­er­lein, lass mich here­in!“ Da ging die Tür auf, und der König trat here­in, und da stand ein Mäd­chen, das war so schön, wie er noch keins gese­hen hat­te. Das Mäd­chen erschrak, als es sah, dass nicht sein Rehlein, son­dern ein Mann hereinkam, der eine gold­ene Kro­ne auf dem Haupt hat­te. Aber der König sah es fre­undlich an, reichte ihm die Hand und sprach: Willst du mit mir gehen auf mein Schloss und meine liebe Frau sein?“ – Ach ja,“ antwortete das Mäd­chen, aber das Rehchen muss auch mit, das ver­lass ich nicht.“ Sprach der König: Es soll bei dir bleiben, solange du leb­st, und soll ihm an nichts fehlen.“ Indem kam es hereinge­sprun­gen, da band es das Schwest­erchen wieder an das Bin­sen­seil, nahm es selb­st in die Hand und ging mit ihm aus dem Wald­häuschen fort.

Der König nahm das schöne Mäd­chen auf sein Pferd und führte es in sein Schloss, wo die Hochzeit mit gross­er Pracht gefeiert wurde, und war es nun die Frau Köni­gin, und lebten sie lange Zeit vergnügt zusam­men; das Rehlein ward gehegt und gepflegt und sprang in dem Schloss­garten herum. Die böse Stief­mut­ter aber, um der­en­twillen die Kinder in die Welt hineinge­gan­gen waren, die meinte nicht anders, als Schwest­erchen wäre von den wilden Tieren im Walde zer­ris­sen wor­den und Brüderchen als ein Rehkalb von den Jägern tot­geschossen. Als sie nun hörte, dass sie so glück­lich waren, und es ihnen so wohlging, da wur­den Neid und Miss­gun­st in ihrem Herzen rege und liessen ihr keine Ruhe, und sie hat­te keinen anderen Gedanken, als wie sie die bei­den doch noch ins Unglück brin­gen kön­nte. Ihre rechte Tochter, die hässlich war wie die Nacht und nur ein Auge hat­te, die machte ihr Vor­würfe und sprach: Eine Köni­gin zu wer­den, das Glück hätte mir gebührt.“ – Sei nur still,“ sagte die Alte und sprach sie zufrieden, wenn’s Zeit ist, will ich schon bei der Hand sein.“ Als nun die Zeit herangerückt war und die Köni­gin ein schönes Knäblein zur Welt gebracht hat­te und der König ger­ade auf der Jagd war, nahm die alte Hexe die Gestalt der Kam­mer­frau an, trat in die Stube, wo die Köni­gin lag, und sprach zu der Kranken: Kommt, das Bad ist fer­tig, das wird Euch wohl tun und frische Kräfte geben. Geschwind, eh es kalt wird!“ Ihre Tochter war auch bei der Hand, sie tru­gen die schwache Köni­gin in die Bad­stube und legten sie in die Wanne, dann schlössen sie die Tür ab und liefen davon. In der Bad­stube aber hat­ten sie ein recht­es Höl­len­feuer angemacht, dass die schöne junge Köni­gin bald erstick­en musste.

Als das voll­bracht war, nahm die Alte ihre Tochter, set­zte ihr eine Haube auf und legte sie ins Bett an der Köni­gin Stelle. Sie gab ihr auch die Gestalt und das Ausse­hen der Köni­gin; nur das ver­lorene Auge kon­nte sie ihr nicht wiedergeben. Damit es aber der König nicht merk­te, musste sie sich auf die Seite leg­en, wo sie kein Auge hat­te. Am Abend, als er heim kam und hörte, dass ihm ein Söhn­lein geboren war, freute er sich her­zlich, und wollte ans Bett sein­er lieben Frau gehen und sehen, was sie machte. Da rief die Alte geschwind: Beileibe, lasst die Vorhänge zu, die Köni­gin darf noch nicht ins Licht sehen und muss Ruhe haben!“ Der König ging zurück und wusste nicht, dass eine falsche Köni­gin im Bette lag.

Als es aber Mit­ter­nacht war und alles schlief, da sah die Kinder­frau, die in der Kinder­stube neben der Wiege sass und allein noch wachte, wie die Türe aufging und die rechte Köni­gin here­in­trat. Sie nahm das Kind aus der Wiege, legte es in ihren Arm und gab ihm zu trinken. Dann schüt­telte sie ihm sein Kiss­chen, legte es wieder hinein und deck­te es mit dem Deck­bettchen zu. Sie ver­gass aber auch das Rehchen nicht, ging in die Ecke, wo es lag, und stre­ichelte ihm über den Rück­en. Darauf ging sie ganz stillschweigend wieder zur Tür hin­aus, und die Kinder­frau fragte am andern Mor­gen die Wächter, ob jemand während der Nacht ins Schloss gegan­gen wäre. Aber sie antworteten: Nein, wir haben nie­mand gesehen.“

So kam sie viele Nächte und sprach niemals ein einziges Wort dabei; die Kinder­frau sah sie immer, aber sie getraute sich nicht, jemand etwas davon zu sagen.

Als nun so eine Zeit ver­flossen war, da hub die Köni­gin in der Nacht an zu reden und sprach: 

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch zweimal und dann nimmermehr.“

Die Kinder­frau antwortete ihr nicht, aber als sie wieder ver­schwun­den war, ging sie zum König und erzählte ihm alles. Sprach der König: Ach Gott! Was ist das! Ich will in der näch­sten Nacht bei dem Kinde wachen.“ Abends ging er in die Kinder­stube, aber um Mit­ter­nacht erschien die Köni­gin wieder und sprach: 

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch ein­mal und dann nimmermehr.“

Und pflegte dann des Kindes, wie sie gewöhn­lich tat, ehe sie ver­schwand. Der König getraute sich nicht, sie anzure­den, aber er wachte auch in der fol­gen­den Nacht. Sie sprach abermals: 

Was macht mein Kind? Was macht mein Reh?
Nun komm ich noch dies­mal und dann nimmermehr.“

Da kon­nte sich der König nicht zurück­hal­ten, sprang zu ihr und sprach: Du kannst nie­mand anders sein, als meine liebe Frau!“ Da antwortete sie: Ja, ich bin deine Frau,“ und hat­te in dem Augen­blick durch Gottes Gnade das Leben wieder­erhal­ten, war frisch, rot und gesund. Darauf erzählte sie dem König den Frev­el, den die böse Hexe und ihre Tochter an ihr verübt hat­ten. Der König liess bei­de vor Gericht führen, und es ward ihnen das Urteil gesprochen. Die Tochter ward in den Wald geführt, wo sie die wilden Tiere zer­ris­sen, die Hexe aber ward ins Feuer gelegt und musste jam­mer­voll ver­bren­nen. Und wie sie zu Asche ver­bran­nt war, ver­wan­delte sich das Rehkäl­bchen und erhielt seine men­schliche Gestalt wieder; Schwest­erchen und Brüderchen aber lebten glück­lich zusam­men bis an ihr Ende.