Aschenputtel

von  Brüder Grimm

~13 Min

Einem reichen Manne, dem wurde seine Frau krank, und als sie fühlte, dass ihr Ende her­ankam, rief sie ihr einziges Töchter­lein zu sich ans Bett und sprach: ​„Liebes Kind, bleibe fromm und gut, so wird dir der liebe Gott immer beis­te­hen, und ich will vom Him­mel auf dich her­ab­blick­en, und will um dich sein.“ Darauf tat sie die Augen zu und ver­schied. Das Mäd­chen ging jeden Tag hin­aus zu dem Grabe der Mut­ter und weinte, und blieb fromm und gut. Als der Win­ter kam, deck­te der Schnee ein weiss­es Tüch­lein auf das Grab, und als die Sonne im Früh­jahr es wieder her­abge­zo­gen hat­te, nahm sich der Mann eine andere Frau.

Die Frau hat­te zwei Töchter mit ins Haus gebracht, die schön und weiss von Angesicht waren, aber garstig und schwarz von Herzen. Da ging eine schlimme Zeit für das arme Stiefkind an. ​„Soll die dumme Gans bei uns in der Stube sitzen!“ sprachen sie, ​„wer Brot essen will, muss ver­di­enen: hin­aus mit der Küchen­magd!“ Sie nah­men ihm seine schö­nen Klei­der weg, zogen ihm einen grauen, alten Kit­tel an und gaben ihm hölz­erne Schuhe. ​„Seht ein­mal die stolze Prinzessin, wie sie geputzt ist!“ riefen sie, lacht­en und führten es in die Küche. Da musste es von Mor­gen bis Abend schwere Arbeit tun, früh vor Tag auf­ste­hen, Wass­er tra­gen, Feuer anmachen, kochen und waschen. Oben­drein tat­en ihm die Schwest­ern alles ersinnliche Herzeleid an, verspot­teten es und schüt­teten ihm die Erb­sen und Lin­sen in die Asche, so dass es sitzen und sie wieder ausle­sen musste. Abends, wenn es sich müde gear­beit­et hat­te, kam es in kein Bett, son­dern musste sich neben den Herd in die Asche leg­en. Und weil es darum immer staubig und schmutzig aus­sah, nan­nten sie es Aschenputtel.

Es trug sich zu, dass der Vater ein­mal in die Messe ziehen wollte, da fragte er die bei­den Stieftöchter, was er ihnen mit­brin­gen sollte. ​„Schöne Klei­der,“ sagte die eine, ​„Perlen und Edel­steine,“ die zweite. ​„Aber du, Aschen­put­tel,“ sprach er, ​„was willst du haben?“ – ​„Vater, das erste Reis, das Euch auf Eurem Heimweg an den Hut stösst, das brecht für mich ab!“ Er kaufte nun für die bei­den Stief­schwest­ern schöne Klei­der, Perlen und Edel­steine, und auf dem Rück­weg, als er durch einen grü­nen Busch ritt, streifte ihn ein Hasel­reis und stiess ihm den Hut ab. Da brach er das Reis ab und nahm es mit. Als er nach Haus kam, gab er den Stieftöchtern, was sie sich gewün­scht hat­ten, und dem Aschen­put­tel gab er das Reis von dem Hasel­busch. Aschen­put­tel dank­te ihm, ging zu sein­er Mut­ter Grab und pflanzte das Reis darauf, und weinte so sehr, dass die Trä­nen darauf nieder­fie­len und es begossen. Es wuchs aber und ward ein schön­er Baum. Aschen­put­tel ging alle Tage dreimal darunter, weinte und betete, und alle­mal kam ein weiss­es Vöglein auf den Baum, und wenn es einen Wun­sch aussprach, so warf ihm das Vöglein herab, was es sich gewün­scht hatte.

Es begab sich aber, dass der König ein Fest anstellte, das drei Tage dauern sollte, und wozu alle schö­nen Jungfrauen im Lande ein­ge­laden wur­den, damit sich sein Sohn eine Braut aus­suchen möchte. Die zwei Stief­schwest­ern, als sie hörten, dass sie auch dabei erscheinen soll­ten, waren guter Dinge, riefen Aschen­put­tel und sprachen: ​„Kämm uns die Haare, bürste uns die Schuhe und mache uns die Schnallen fest, wir gehen zur Hochzeit auf des Königs Schloss.“ Aschen­put­tel gehorchte, weinte aber, weil es auch gern zum Tanz mit­ge­gan­gen wäre, und bat die Stief­mut­ter, sie möchte es ihm erlauben. ​„Aschen­put­tel,“ sprach sie, ​„bist voll Staub und Schmutz, und willst zur Hochzeit? Du hast keine Klei­der und Schuhe, und willst tanzen!“ Als es aber mit Bit­ten anhielt, sprach sie endlich: ​„Da habe ich dir eine Schüs­sel Lin­sen in die Asche geschüt­tet, wenn du die Lin­sen in zwei Stun­den wieder aus­ge­le­sen hast, so sollst du mit­ge­hen.“ Das Mäd­chen ging durch die Hin­tertür nach dem Garten und rief: ​„Ihr zah­men Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Him­mel, kommt und helft mir lesen, 

Die guten ins Töpfchen,
Die schlecht­en ins Kröpfchen.“

Da kamen zum Küchen­fen­ster zwei weisse Täubchen here­in, und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Him­mel here­in und liessen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nick­ten mit den Köpfchen und fin­gen an pick, pick, pick, pick, und da fin­gen die übri­gen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körn­lein in die Schüs­sel. Kaum war eine Stunde herum, so waren sie schon fer­tig und flo­gen alle wieder hin­aus. Da brachte das Mäd­chen die Schüs­sel der Stief­mut­ter, freute sich und glaubte, es dürfte nun mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: ​„Nein, Aschen­put­tel, du hast keine Klei­der, und kannst nicht tanzen: du wirst nur aus­gelacht.“ Als es nun weinte, sprach sie: ​„Wenn du mir zwei Schüs­seln voll Lin­sen in ein­er Stunde aus der Asche rein lesen kannst, so sollst du mit­ge­hen,“ und dachte: ​„Das kann es ja nim­mer­mehr.“ Als sie die zwei Schüs­seln Lin­sen in die Asche geschüt­tet hat­te, ging das Mäd­chen durch die Hin­tertür nach dem Garten und rief: ​„Ihr zah­men Täubchen, ihr Turteltäubchen, all ihr Vöglein unter dem Him­mel, kommt und helft mir lesen, 

Die guten ins Töpfchen,
Die schlecht­en ins Kröpfchen.“

Da kamen zum Küchen­fen­ster zwei weisse Täubchen here­in und danach die Turteltäubchen, und endlich schwirrten und schwärmten alle Vöglein unter dem Him­mel here­in und liessen sich um die Asche nieder. Und die Täubchen nick­ten mit ihren Köpfchen und fin­gen an pick, pick, pick, pick, und da fin­gen die übri­gen auch an pick, pick, pick, pick, und lasen alle guten Körn­er in die Schüs­seln. Und ehe eine halbe Stunde herum war, waren sie schon fer­tig, und flo­gen alle wieder hin­aus. Da trug das Mäd­chen die Schüs­seln zu der Stief­mut­ter, freute sich und glaubte, nun dürfte es mit auf die Hochzeit gehen. Aber sie sprach: ​„Es hil­ft dir alles nichts: du kommst nicht mit, denn du hast keine Klei­der und kannst nicht tanzen; wir müssten uns dein­er schä­men.“ Darauf kehrte sie ihm den Rück­en zu und eilte mit ihren zwei stolzen Töchtern fort.

Als nun nie­mand mehr daheim war, ging Aschen­put­tel zu sein­er Mut­ter Grab unter den Hasel­baum und rief: 

„Bäum­chen, rüt­tel dich und schüt­tel dich, 
Wirf Gold und Sil­ber über mich.“

Da warf ihm der Vogel ein gold­en und sil­bern Kleid herunter und mit Sei­de und Sil­ber aus­ge­stick­te Pantof­feln. In aller Eile zog es das Kleid an und ging zur Hochzeit. Seine Schwest­ern aber und die Stief­mut­ter kan­nten es nicht und mein­ten, es müsse eine fremde Königstochter sein, so schön sah es in dem gold­e­nen Klei­de aus. An Aschen­put­tel dacht­en sie gar nicht und dacht­en, es sässe daheim im Schmutz und suchte die Lin­sen aus der Asche. Der Königssohn kam ihm ent­ge­gen, nahm es bei der Hand und tanzte mit ihm. Er wollte auch son­st mit nie­mand tanzen, also dass er ihm die Hand nicht losliess, und wenn ein ander­er kam, es aufzu­fordern, sprach er: ​„Das ist meine Tänzerin.“

Es tanzte bis es Abend war, da wollte es nach Hause gehen. Der Königssohn aber sprach: ​„Ich gehe mit und begleite dich,“ denn er wollte sehen, wem das schöne Mäd­chen ange­hörte. Sie entwischte ihm aber und sprang in das Tauben­haus. Nun wartete der Königssohn, bis der Vater kam, und sagte ihm, das fremde Mäd­chen wär in das Tauben­haus gesprun­gen. Der Alte dachte: ​„Sollte es Aschen­put­tel sein?“ und sie mussten ihm Axt und Hack­en brin­gen, damit er das Tauben­haus entzweis­chla­gen kon­nte; aber es war nie­mand darin. Und als sie ins Haus kamen, lag Aschen­put­tel in seinen schmutzi­gen Klei­dern in der Asche, und ein trübes Ölläm­pchen bran­nte im Schorn­stein; denn Aschen­put­tel war geschwind aus dem Tauben­haus hin­ten her­abge­sprun­gen, und war zu dem Hasel­bäum­chen gelaufen: da hat­te es die schö­nen Klei­der abge­zo­gen und aufs Grab gelegt, und der Vogel hat­te sie wieder weggenom­men, und dann hat­te es sich in seinem grauen Kit­telchen in die Küche zur Asche gesetzt.

Am andern Tag, als das Fest von neuem anhub, und die Eltern und Stief­schwest­ern wieder fort waren, ging Aschen­put­tel zu dem Hasel­baum und sprach: 

„Bäum­chen, rüt­tel dich und schüt­tel dich,
Wirf Gold und Sil­ber über mich!“

Da warf der Vogel ein noch viel stolz­eres Kleid herab als am vorigen Tag. Und als es mit diesem Klei­de auf der Hochzeit erschien, erstaunte jed­er­mann über seine Schön­heit. Der Königssohn aber hat­te gewartet, bis es kam, nahm es gle­ich bei der Hand und tanzte nur allein mit ihm. Wenn die andern kamen und es auf­forderten, sprach er: ​„Das ist meine Tänz­erin.“ Als es nun Abend war, wollte es fort, und der Königssohn ging ihm nach und wollte sehen, in welch­es Haus es ging: aber es sprang ihm fort und in den Garten hin­ter dem Haus. Darin stand ein schön­er gross­er Baum, an dem die her­rlich­sten Bir­nen hin­gen, es klet­terte so behend wie ein Eich­hörnchen zwis­chen die Äste, und der Königssohn wusste nicht, wo es hingekom­men war. Er wartete aber, bis der Vater kam, und sprach zu ihm: ​„Das fremde Mäd­chen ist mir entwischt, und ich glaube, es ist auf den Birn­baum gesprun­gen.“ Der Vater dachte: ​„Sollte es Aschen­put­tel sein?“ liess sich die Axt holen und hieb den Baum um, aber es war nie­mand darauf. Und als sie in die Küche kamen, lag Aschen­put­tel da in der Asche, wie son­st auch, denn es war auf der andern Seite vom Baum her­abge­sprun­gen, hat­te dem Vogel auf dem Hasel­bäum­chen die schö­nen Klei­der wiederge­bracht und sein graues Kit­telchen angezogen.

Am drit­ten Tag, als die Eltern und Schwest­ern fort waren, ging Aschen­put­tel wieder zu sein­er Mut­ter Grab und sprach zu dem Bäumchen: 

„Bäum­chen, rüt­tel dich und schüt­tel dich,
Wirf Gold und Sil­ber über mich!“

Nun warf ihm der Vogel ein Kleid herab, das war so prächtig und glänzend, wie es noch keins gehabt hat­te, und die Pantof­feln waren ganz gold­en. Als es in dem Kleid zu der Hochzeit kam, wussten sie alle nicht, was sie vor Ver­wun­derung sagen soll­ten. Der Königssohn tanzte ganz allein mit ihm, und wenn es ein­er auf­forderte, sprach er: ​„Das ist meine Tänzerin.“

Als es nun Abend war, wollte Aschen­put­tel fort, und der Königssohn wollte es begleit­en, aber es entsprang ihm so geschwind, dass er nicht fol­gen kon­nte. Der Königssohn hat­te aber eine List gebraucht, und hat­te die ganze Treppe mit Pech bestre­ichen lassen: da war, als es hin­ab­sprang, der linke Pantof­fel des Mäd­chens hän­gen geblieben. Der Königssohn hob ihn auf, und er war klein und zier­lich und ganz gold­en. Am näch­sten Mor­gen ging er damit zu dem Mann und sagte zu ihm: ​„Keine andere soll meine Gemahlin wer­den als die, an deren Fuss dieser gold­ene Schuh passt.“ Da freuten sich die bei­den Schwest­ern, denn sie hat­ten schöne Füsse. Die älteste ging mit dem Schuh in die Kam­mer und wollte ihn anpro­bieren, und die Mut­ter stand dabei. Aber sie kon­nte mit der grossen Zehe nicht hineinkom­men, und der Schuh war ihr zu klein, da reichte ihr die Mut­ter ein Mess­er und sprach: ​„Hau die Zehe ab: wenn du Köni­gin bist, so brauchst du nicht mehr zu Fuss zu gehen.“ Das Mäd­chen hieb die Zehe ab, zwängte den Fuss in den Schuh, ver­biss den Schmerz und ging hin­aus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Sie mussten aber an dem Grabe vor­bei, da sassen die zwei Täubchen auf dem Hasel­bäum­chen und riefen: 

„Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck. (= Schuh):
Der Schuck ist zu klein,
Die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Da blick­te er auf ihren Fuss und sah, wie das Blut her­ausquoll. Er wen­dete sein Pferd um, brachte die falsche Braut wieder nach Hause und sagte, das wäre nicht die rechte, die andere Schwest­er solle den Schuh anziehen. Da ging diese in die Kam­mer und kam mit den Zehen glück­lich in den Schuh, aber die Ferse war zu gross. Da reichte ihr die Mut­ter ein Mess­er und sprach: ​„Hau ein Stück von der Ferse ab: wann du Köni­gin bist, brauchst du nicht mehr zu Fuss gehen.“ Das Mäd­chen hieb ein Stück von der Ferse ab, zwängte den Fuss in den Schuh, ver­biss den Schmerz und ging her­aus zum Königssohn. Da nahm er sie als seine Braut aufs Pferd und ritt mit ihr fort. Als sie an dem Hasel­bäum­chen vor­beika­men, sassen die zwei Täubchen darauf und riefen: 

„Rucke di guck, rucke di guck,
Blut ist im Schuck.
Der Schuck ist zu klein,
Die rechte Braut sitzt noch daheim.“

Er blick­te nieder auf ihren Fuss und sah, wie das Blut aus dem Schuh quoll und an den weis­sen Strümpfen ganz rot her­aufgestiegen war. Da wen­dete er sein Pferd und brachte die falsche Braut wieder nach Hause. ​„Das ist auch nicht die rechte,“ sprach er, ​„habt ihr keine andere Tochter?“ – ​„Nein,“ sagte der Mann, ​„nur von mein­er ver­stor­be­nen Frau ist noch ein kleines ver­but­tetes Aschen­put­tel da: das kann unmöglich die Braut sein.“ Der Königssohn sprach, er sollte es her­auf­schick­en, die Mut­ter aber antwortete: ​„Ach nein, das ist viel zu schmutzig, das darf sich nicht sehen lassen.“ Er wollte es aber dur­chaus haben, und Aschen­put­tel musste gerufen wer­den. Da wusch es sich erst Hände und Angesicht rein, ging dann hin und neigte sich vor dem Königssohn, der ihm den gold­e­nen Schuh reichte. Dann set­zte es sich auf einen Schemel, zog den Fuss aus dem schw­eren Holzschuh und steck­te ihn in den Pantof­fel, der war wie angegossen. Und als es sich in die Höhe richtete und der König ihm ins Gesicht sah, so erkan­nte er das schöne Mäd­chen, das mit ihm getanzt hat­te, und rief: ​„Das ist die rechte Braut.“ Die Stief­mut­ter und die bei­den Schwest­ern erschrak­en und wur­den ble­ich vor Ärg­er: er aber nahm Aschen­put­tel aufs Pferd und ritt mit ihm fort. Als sie an dem Hasel­bäum­chen vor­beika­men, riefen die zwei weis­sen Täubchen: 

„Rucke die guck, rucke di guck,
Kein Blut im Schuck.
Der Schuck ist nicht zu klein,
Die rechte Braut, die führt er heim.“

Und als sie das gerufen hat­ten, kamen sie bei­de her­abge­flo­gen und set­zten sich dem Aschen­put­tel auf die Schul­tern, eine rechts, die andere links, und blieben da sitzen.

Als die Hochzeit mit dem Königssohn sollte gehal­ten wer­den, kamen die falschen Schwest­ern, woll­ten sich ein­schme­icheln und teil an seinem Glück nehmen. Als die Braut­leute nun zur Kirche gin­gen, war die älteste zur recht­en, die jüng­ste zur linken Seite: da pick­ten die Tauben ein­er jeden das eine Auge aus. Her­nach, als sie her­aus­gin­gen, war die älteste zur linken und die jüng­ste zur recht­en: da pick­ten die Tauben ein­er jeden das andere Auge aus. Und waren sie also für ihre Bosheit und Falschheit mit Blind­heit auf ihr Leb­tag bestraft.

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