Alles am rechten Platz

von Hans Christian Andersen

~16 Min

Es ist über hun­dert Jahre her.

Da lag hin­ter dem Walde an dem großen See ein alter Her­ren­hof, der war rings von tiefen Gräben umgeben, in denen Kol­ben­rohr, Schilf und Röhricht wuchsen.

Drüben vom Hohlwege herüber erk­lan­gen Jagdhorn­ruf und Pfer­dege­trap­pel, und deshalb beeilte sich das kleine Gänsemäd­chen, die Gänse auf der Brücke zur Seite zu treiben, ehe die Jagdge­sellschaft heran­ga­lop­piert kam.

Sie kamen so geschwind daher, daß sie hur­tig auf einen der großen Steine an der Seite der Brücke sprin­gen mußte, um nicht unter die Hufe zu kom­men. Ein halbes Kind war sie noch, fein und zier­lich, doch mit einem wun­der­baren Aus­druck im Antlitz und in den großen, hellen Augen; aber das sah der Gut­sherr nicht. Während seines sausenden Galopps drehte er die Peitsche in sein­er Hand, und in roher Lust stieß er sie mit dem Schafte vor die Brust, daß sie hin­tenüber fiel.

Alles am recht­en Platze!“ rief er, in den Mist mit Dir.“ Und dann lachte er; denn es sollte ein guter Witz sein, und die anderen lacht­en mit. Die ganze Gesellschaft schrie und lärmte und die Jagdhunde bell­ten, es war ganz wie im Liede: Reiche Vögel kom­men geflogen.“

Gott weiß, wie reich er damals war.

Das arme Gänsemäd­chen griff um sich, als sie fiel und bekam einen der her­ab­hän­gen­den Wei­den­zweige zu fassen. An diesem hielt sie sich krampfhaft über dem Schlamm, und sobald die Herrschaft und die Hunde im Tore ver­schwun­den waren, ver­suchte sie, sich her­aufzuar­beit­en. Aber der Zweig brach oben am Stamme ab und das Gänsemäd­chen fiel schw­er zurück ins Rohr. Im sel­ben Augen­blick griff von oben her eine kräftige Hand nach ihr. Es war ein wan­dern­der Hausier­er, der ein Stückchen weit­er davon zuge­se­hen hat­te und sich nun beeilte, ihr zu Hülfe zu kommen.

Alles am recht­en Platze!“ sagte er höh­nend hin­ter dem Gut­sher­rn her und zog sie auf das Trock­ene. Den abge­broch­enen Zweig drück­te er gegen die Stelle, wo er sich abges­pal­ten hat­te, aber alles am recht­en Platze“ läßt sich nicht immer tun. Deshalb steck­te er den Zweig in die weiche Erde. Wachse, wenn Du kannst und schnei­de denen dort oben auf dem Hofe eine gute Flöte.“ Er hätte dem Guts­be­sitzer und den seinen wohl einen tüchti­gen Spießruten­marsch gegön­nt. Dann ging er in den Her­ren­hof, aber nicht oben in den Fest­saal, dazu war er zu geringe. Er ging zu den Dien­stleuten in die Gesin­destube und sie beschaut­en seine Waren und han­del­ten. Aber oben von der Festtafel tönte Gekreisch und Gebrüll, das sollte Gesang vorstellen, sie kon­nte es nicht bess­er. Es klang Gelächter und Hun­dege­bell. Es war ein wahres Freß- und Saufge­lage. Wein und altes Bier schäumten in Gläsern und Krü­gen und die Leib­hunde fraßen mit. Ein oder das andere von den Tieren wurde von den Junkern geküßt, nach­dem sie ihnen erst mit den lan­gen Hän­geohren die Schnau­zen abgewis­cht hat­ten. Der Hausier­er wurde mit seinen Waren her­aufgerufen, aber nur, damit sie ihre Späße mit ihm treiben kon­nten. Der Wein war drin­nen und der Ver­stand draußen. Sie gossen Bier für ihn in einen Strumpf, daß er mit­trinken könne, aber geschwind! Das war nun ein außeror­dentlich fein­er Ein­fall und sehr zum Lachen. Ganze Her­den Vieh, Bauern und Bauern­höfe wur­den auf eine Karte geset­zt und verloren.

Alles am recht­en Fleck!“ sagte der Hausier­er, als er wohlbe­hal­ten aus dem Sodom und Gomor­ra, wie er es nan­nte, entron­nen war. Die offene Land­straße, das ist der rechte Platz für mich, dort oben war mir nicht wohl zumute.“ Und das kleine Gänsemäd­chen nick­te ihm von der Feld­gren­ze aus zu.

Und es vergin­gen Tage und es vergin­gen Wochen, und es zeigte sich, daß der abge­broch­ene Wei­den­zweig, den der Hausier­er neben dem Wasser­graben in die Erde gesteckt hat­te, sich ständig grün hielt, ja er trieb sog­ar neue Zweige. Das kleine Gänsemäd­chen sah, daß er Wurzel gefaßt haben mußte und sie freute sich von ganzem Herzen darüber, denn es war ihr, als gehöre der Baum ihr.

Ja, mit dem Baume ging es vor­wärts, aber mit allem anderen auf dem Hofe ging es durch Trunk und Spiel mit großen Schrit­ten rück­wärts. Das sind zwei Rollen, auf denen nicht gut ste­hen ist.

Nicht ganz sechs Jahre waren ver­gan­gen, da wan­derte der Gut­sherr mit Sack und Stock, als armer Mann, vom Hofe. Der wurde von einem reichen Hausier­er gekauft und es war der­selbe, der einst dort zum Spott und Gelächter gemacht wor­den war, als man ihm Bier in einem Strumpfe dar­bot. Aber Ehrlichkeit und Fleiß geben guten Fahrwind. Nun war der Hausier­er der Herr auf dem Hofe. Und von Stund an kam kein Karten­spiel mehr dor­thin. Das ist eine schlechte Lek­türe,“ sagte er, sie ent­stand damals, als der Teufel das erste Mal die Bibel zu Augen bekam. Er wollte daraus ein Zer­rbild schaf­fen, das eben­so große Anziehungskraft besäße, so erfand er denn das Kartenspiel.“

Der neue Herr nahm sich eine Frau, und wer war sie? Es war das kleine Gänsemäd­chen, das immer sittsam, fromm und gut gewe­sen war. In den neuen Klei­dern sah sie so fein und schön aus, als sei sie als vornehme Jungfrau geboren. Wie ging das zu? Ja, das würde eine zu lange Geschichte für unsere eil­fer­tige Zeit wer­den, aber es war nun ein­mal so, und das Wichtig­ste kommt nun.

Geseg­net und gut war es auf dem alten Hofe. Die Haus­mut­ter stand selb­st dem inneren Hause vor und der Haush­err dem äußeren; es war ger­ade, als quelle der Segen über­all her­vor, und wo Wohl­stand ist, kommt Wohl­stand ins Haus. Der alte Hof wurde geputzt und gestrichen, die Gräben gere­inigt und Obst­bäume gepflanzt. Fre­undlich und gepflegt sah es hier aus und die Fußbö­den in den Zim­mern waren blank wie poliert. In dem großen Saale saß an den Win­ter­aben­den die Haus­frau mit allen ihren Mäg­den und spann Wolle und Leinen. An jedem Son­ntagabend wurde laut aus der Bibel vorge­le­sen, und zwar von dem Kom­merzial­rat selb­st, denn der Hausier­er war Kom­merzial­rat gewor­den, aber erst in seinen alten Tagen. Die Kinder wuch­sen her­an – denn Kinder waren auch gekom­men – und alle lern­ten etwas Recht­es; sie hat­ten nicht alle gle­ich gute Köpfe, aber das geht ja in ein­er jeden Fam­i­lie so.

Der Wei­den­zweig draußen war ein großer, prächtiger Baum gewor­den, der frei und unbeschnit­ten das­tand. Das ist unser Stamm­baum“ sagten die alten Leute, und der Baum soll in Achtung und Ehren gehal­ten wer­den!“ sagten sie zu den Kindern, auch zu denen, die keinen guten Kopf mit­bekom­men hatten.

Und nun waren darüber hun­dert Jahre vergangen.

Es war in unser­er heuti­gen Zeit. Der See war zu einem Moor gewor­den und der alte Her­ren­hof war gle­ich­sam wie weggewis­cht. Eine längliche Wasserpfütze mit ein wenig Steinum­ran­dung an den Seit­en war der Rest der tiefen Gräben, und hier stand ein prächtiger alter Baum, der seine Zweige aus­bre­it­ete. Das war der Stamm­baum. Er stand und zeigte, wie schön ein Wei­den­baum sein kann, wenn er wach­sen darf, wie er Lust hat. – Er war freilich mit­ten im Stamme geborsten, von der Wurzel bis zur Kro­ne hin­auf und der Sturm hat­te ihn ein wenig geneigt, aber er stand, und aus allen Ris­sen und Spal­ten, in die der Wind Erde hineingewe­ht hat­te, wuch­sen Gras und Blu­men. Beson­ders ganz oben, wo die großen Zweige sich teil­ten, war gle­ich­sam ein hän­gen­der klein­er Garten mit Him­beeren und Vogel­gras, ja, auch ein winzig klein­er Vogel­beer­baum hat­te dort Wurzel gefaßt und stand schlank und fein in der Mitte oben auf dem alten Wei­den­baum, der sich in dem schwarzen Wass­er spiegelte, wenn der Wind die Wasser­lin­ien in eine Ecke der Wasserpfütze getrieben hat­te. Ein schmaler Fußsteig über den Fronack­er führte dicht hier vorbei.

Hoch auf dem Hügel am Walde, mit ein­er her­rlichen Aus­sicht, lag das neue Schloß, groß und prächtig, mit Glas­fen­stern, so klar, daß man hätte glauben mögen, es seien gar keine darin. Die große Treppe vor der Tür sah wie eine Laube aus Rosen und großblät­tri­gen Pflanzen aus. Die Gras­flächen waren so sauber gehal­ten und so grün, als ob nach jedem Halm abends und mor­gens gese­hen würde. Drin­nen im Saale hin­gen kost­bare Gemälde und mit Sei­de und Samt bezo­gene Stüh­le und Sofas, die fast auf ihren eige­nen Beinen ein­herge­hen kon­nten, Tis­che mit blanken Mar­mor­plat­ten und Büch­er in Saf­fi­an und Gold­schnitt gebun­den, standen da …. Ja, es waren wohl freilich reiche Leute, die hier wohn­ten, es waren vornehme Leute; hier wohn­ten Barone.

Eins paßte zum anderen. Alles am recht­en Fleck“ sagten auch sie, und deshalb waren alle Gemälde, die ein­mal dem alten Hofe zu Schmuck und Ehre gere­icht hat­ten, nun im Gange, der nach der Dienerkam­mer führte, aufge­hängt wor­den. Es war ja altes Gerüm­pel, beson­ders zwei alte Porträts, die einen Mann in rosen­rotem Rocke mit ein­er Perücke und eine Dame mit gepud­ertem, hoch frisierten Haar und ein­er roten Rose in der Hand darstell­ten, aber bei­de mit dem gle­ichen großen Kranze von Wei­den­zweigen umgeben. Es waren viele runde Löch­er in den bei­den Bildern, das kam daher, daß die kleinen Barone immer ihre Flitzbo­gen auf bei­den alten Leute abschossen. Das war der Kom­merzial­rat, von denen das ganze Geschlecht abstammte.

Sie gehören aber nicht richtig in unsere Fam­i­lie“ sagte ein­er der kleinen Barone. Er war ein Hausier­er gewe­sen und sie eine Gänsemagd. Sie waren nicht so wie Papa und Mama.“

Die Bilder waren altes, häßlich­es Gerüm­pel, und alles am recht­en Fleck“ sagte man, und so kamen Urgroß­vater und Urgroß­mut­ter auf den Gang zur Dienerkammer.

Der Pfar­rersohn war Hauslehrer auf dem Schloße. Eines Tages ging er mit den kleinen Baro­nen und ihrer älteren Schwest­er, die ger­ade kür­zlich einge­seg­net wor­den war, spazieren. Dabei kamen sie den Fußsteg ent­lang und zu dem alten Wei­den­baume herunter. Und während sie gin­gen, band sie einen Feld­blu­men­strauß; alles am recht­en Fleck,“ er wurde ein kleines Kunst­werk. Während­dessen hörte sie aber doch recht gut alles, was gesagt wurde, und sie freute sich, wie der Pfar­rersohn von den Kräften der Natur und der Geschichte großer Män­ner und Frauen erzählte; sie war eine gesunde, prächtige Natur, voller Adel des Geistes und der Seele und mit einem Herzen, das alles von Gott Erschaf­fene freudig umfaßte.

Sie macht­en unten bei dem alten Wei­den­baume halt. Der kle­in­ste der Barone wollte gern eine Flöte geschnit­ten haben, wie er sie schon oft von Wei­den­bäu­men bekom­men hat­te, und der Pfar­rersohn brach einen Zweig ab.

O, tun sie es nicht“ sagte die junge Baronesse; aber es war schon geschehen. Das ist ja unser alter, viel­berühmter Baum. Ich habe ihn so gern. Deshalb werde ich oft zuhause aus­gelacht, aber das tut nichts. Es umschwebt eine Sage den Baum.“

Und nun erzählte sie alles, was wir über den Baum gehört haben, über den alten Her­ren­hof, über das Gänsemäd­chen und den Hausier­er, die sich hier begeg­neten und die Stam­meltern des vornehmen Geschlecht­es und auch der jun­gen Barone wurden.

Sie woll­ten sich nicht adeln lassen, die alten, biederen Leute“ sagte sie. Sie hat­ten den Wahlspruch: Alles am recht­en Platze und sie mein­ten, nicht dahin zu kom­men, wenn sie sich durch Geld erhöhen ließen. Ihr Sohn, mein Groß­vater, war es, der Baron wurde; er soll ein großes Wiesen besessen haben und hoch ange­se­hen bei Prinzen und Prinzessin­nen gewe­sen sein. Er war bei allen ihren Fes­ten dabei. Ihn verehren die anderen zuhause am meis­ten, aber ich weiß selb­st nicht, für mich ist etwas an dem alten Paar, was mein Herz zu ihnen zieht. Es muß so gemütlich und patri­ar­chalisch auf dem alten Hofe gewe­sen sein, wo die Haus­mut­ter saß und mit allen ihren Mäg­den spann und der alte Herr laut aus der Bibel vorlas.“

Es waren prächtige Leute, vernün­ftige Leute“ sagte der Pfar­rersohn; und dann geri­et das Gespräch in das Fahrwass­er von Adel und Bürg­er­tum und es war fast, als gehöre der Pfar­rersohn nicht zur Bürg­er­schaft, so hob er die Vorzüge her­vor, von Adel zu sein.

Es ist ein Glück, zu einem Geschlechte zu gehören, das sich aus­geze­ich­net hat, und gle­ich­sam schon in seinem Blute den Ans­porn zu haben, nach allem Tüchti­gen vor­wärts zu streben. Her­rlich ist es, eines Geschlecht­es Namen zu tra­gen, der den Zugang zu den ersten Fam­i­lien gewährleis­tet. Adel bedeutet edel, das ist wie eine Gold­münze, die ihren Wert aufgeprägt erhal­ten hat. Es liegt im Zuge der Zeit, und viele Dichter stim­men natür­lich in diesen Ton ein, daß alles, was adlig ist, schlecht und dumm sein soll, aber bei den Armen glänzt alles, und je tiefer man nieder­steigt, desto mehr. Aber das ist nicht meine Ansicht, denn sie ist irrig, völ­lig falsch. In den höheren Stän­den find­et sich manch­er ergreifende und schöne Zug. Meine Mut­ter hat mir einen erzählt und ich selb­st kön­nte mehrere hinzufü­gen. Sie war zu Besuch in einem vornehmen Hause in der Stadt, meine Groß­mut­ter, glaube ich, hat­te die gnädi­ge Frau gesäugt und aufge­zo­gen. Meine Mut­ter stand im Zim­mer mit dem alten, hochadli­gen Her­rn. Da sah er, wie unten zum Hofe hinein eine alte Frau auf Krück­en gehumpelt kam. Jeden Son­ntag kam sie und bekam ein paar Schillinge. Da ist ja die arme Alte,“ sagte der Herr, das Gehen fällt ihr so schw­er!“ Und ehe meine Mut­ter es sich ver­sah, war er aus der Tür und die Trep­pen herunter, die siebzigjährige Exzel­lenz war selb­st zu der armen Frau hin­un­terge­gan­gen, um ihr den beschw­er­lichen Weg wegen des Schillings zu ers­paren. Es ist ja nur ein geringer Zug, aber wie das Scher­flein der Witwe hat er den Klang eines Herzens in sich, den Klang ein­er wahren Men­schen­natur. Darauf sollte der Dichter zeigen, ger­ade in unser­er Zeit sollte er es besin­gen, denn es würde Gutes wirken, besän­fti­gen und ver­söh­nen. Wo jedoch ein Men­sch, weil er von Geblüt ist und einen Stamm­baum hat wie die ara­bis­chen Pferde, sich auf die Hin­ter­beine set­zt und in den Straßen wiehert, und im Zim­mer sagt: Hier sind Leute von der Straße gewe­sen!“ wenn ein Bürg­er­lich­er drin­nen gewe­sen ist, da ist der Adel in Verderb­nis überge­gan­gen und zu ein­er Maske gewor­den, wie Tespis sich eine machte, und man lacht über die Per­son und macht sie zum Gegen­stand des Spottes.“

Das war die Rede des Pfar­rersohns, sie war zwar etwas lang, aber unter­dessen war die Pfeife geschnitten.

Es war eine große Gesellschaft auf dem Schlosse mit vie­len Gästen aus der Umge­gend und der Haupt­stadt. Die Damen waren mit und ohne Geschmack gek­lei­det. Der große Saal war voller Men­schen. Die Pfar­rer aus der Umge­gend standen ehre­bi­etigst zu einem Knäuel zusam­menge­drängt in ein­er Ecke, es sah aus, als seien sie zu einem Begräb­nis gekom­men; und doch war ein Vergnü­gen ange­sagt, es war nur noch nicht in Gang gesetzt.

Ein großes Konz­ert sollte stat­tfind­en, und daher hat­te der kleine Baron seine Wei­den­flöte mit hereinge­bracht, aber er kon­nte ihr keinen Ton ent­lock­en, auch Papa kon­nte es nicht; deshalb taugte sie eben nichts.

Nun kamen Musik und Gesang an die Rei­he, und zwar von jen­er Art, die haupt­säch­lich den Ausüben­den Freude macht; es war übri­gens wirk­lich niedlich.

Sie sind auch Vir­tu­os?“ sagte ein Kava­lier, der das Kind sein­er Eltern war, zum Hauslehrer. Sie auf­blasen Flöte und schnei­den sie sog­ar selb­st. Das Genie beherrscht alles, sitzt auf der recht­en Seite – Gott behüte. Ich gehe ganz mit der Zeit, das muß man. Nicht wahr, sie wer­den uns mit diesem kleinen Instru­ment entzück­en!“ Und dann reichte er ihm die Flöte, die von dem Wei­den­baume unten am Wassertüm­pel geschnit­ten war, und laut und vernehm­lich verkün­dete er, daß der Hauslehrer ein kleines Flöten­so­lo zum besten geben wolle.

Man wollte ihn zum Gespött machen, das war nicht schw­er zu ver­ste­hen, und deshalb wollte der Hauslehrer auch nicht auf­blasen, obwohl er es recht wohl gekon­nt hätte; aber sie drängten ihn und nötigten ihn und so nahm er die Flöte und set­zte sie an den Mund.

Es war eine wun­der­liche Flöte. Es erk­lang ein Ton, so anhal­tend wie bei ein­er Dampfloko­mo­tive, nur noch viel schriller. Er klang über den ganzen Hof, den Garten und den Wald und meilen­weit ins Land hin­aus, und mit dem Ton erhob sich ein Sturmwind, der brauste: Alles am recht­en Platze“ – und da flog Papa wie vom Winde getra­gen aus dem Hause hin­aus ger­ade in das Viehhüter­haus hinein, und der Viehhirt flog. hin­auf – nicht in den Saal, denn dort hinein gehörte er ja nicht, nein, in die Dienerkam­mer hin­auf, mit­ten unter die feine Diener­schaft, die in sei­de­nen Strümpfen ein­herg­ing. Den stolzen Her­ren schlug der Schreck wie Gicht in die Glieder, daß so eine geringe Per­son sich mit ihnen an einen Tisch zu set­zen wagte.

Aber im großen Saale flog die junge Baronesse an das ober­ste Tis­chende, wo zu sitzen sie würdig war, und der Pfar­rersohn bekam den Ses­sel an ihrer Seite, und da saßen sie nun bei­de, als seien sie ein Braut­paar. Ein alter Graf aus dem ältesten Geschlechte des Lan­des blieb unver­rückt auf seinem Ehren­platz; denn die Flöte war gerecht, und das soll man sein. Der witzige Kava­lier, der die Schuld am Flöten­spiel trug, er, der das Kind sein­er Eltern war, flog kopfüber zwis­chen die Hüh­n­er, aber nicht allein.

Eine ganze Meile ins Land hin­aus klang die Flöte, und man hörte von großen Begeben­heit­en. Eine reiche Großhändlers­fam­i­lie, die mit Vieren aus­ge­fahren war, wurde aus dem Wagen hin­aus geblasen und bekam nicht ein­mal den hin­teren Platz; zwei reiche Bauern, die in let­zter Zeit über ihre Korn­felder hin­aus­gewach­sen waren, wur­den in einen sump­fi­gen Graben hin­abge­blasen; es war eine gefährliche Flöte. Glück­licher­weise sprang sie beim ersten Ton und das war gut, denn so kam sie wieder in die Tasche: Alles am recht­en Platze!“

Am näch­sten Tage sprach man nicht über die Begeben­heit, daher stammt die Reden­sart die Pfeife wieder ein­steck­en!“ Alles war auch wieder in sein­er alten Ord­nung, nur daß die bei­den alten Bilder, der Hausier­er und das Gänsemäd­chen, oben im großen Saale hin­gen. Sie waren dort an die Wand geblasen wor­den Und da ein wirk­lich­er Kun­stken­ner sagte, daß sie von Meis­ter­hand gemalt seien, blieben sie dort hän­gen und wur­den instandge­set­zt. Man hat­te ja vorher nicht gewußt, daß sie etwas taugten, und woher hätte man das auch wis­sen sollen. Nun hin­gen sie auf dem Ehren­platze. Alles am recht­en Platze!“ und dahin kommt es auch meist! Die Ewigkeit ist lang, länger als diese Geschichte.