Abner, der Jude, der nichts gesehen hat

von Wilhelm Hauff

~28 Min

Herr, ich bin aus Mogador am Strande des großen Meers, und als der großmächtig­ste Kaiser Muley Ismael über Fez und Marokko herrschte, hat sich die Geschichte zuge­tra­gen, die du vielle­icht nicht ungerne hören wirst. Es ist die Geschichte von Abn­er, dem Juden, der nichts gese­hen hat.

Juden, wie du weißt, gibt es über­all, und sie sind über­all Juden: pfif­fig, mit Falke­nau­gen für den kle­in­sten Vorteil begabt, ver­schla­gen, desto ver­schla­gen­er, je mehr sie mißhan­delt wer­den, ihrer Ver­schla­gen­heit sich bewußt und sich etwas darauf ein­bildend. Daß aber doch zuweilen ein Jude durch seine Pfiffe zu Schaden kommt, bewies Abn­er, als er eines Abends zum Tore von Marokko hin­aus spazierenging.

Er schre­it­et ein­her, mit der spitzen Mütze auf dem Kopf, in den beschei­de­nen, nicht über­mäßig rein­lichen Man­tel gehüllt, stre­ichelt sich den Knebel­bart, und trotz der umher­rol­len­den Augen, welche ewige Furcht und Besorg­nis und die Begierde, etwas zu erspähen, wom­it etwas zu machen wäre, keinen Augen­blick ruhen läßt, leuchtet Zufrieden­heit aus sein­er Miene; er muß diesen Tag gute Geschäfte gemacht haben; und so ist es auch. Er ist Arzt, ist Kau­fi­nann, ist alles, was Geld ein­trägt; er hat heute einen Sklaven mit einem heim­lichen Fehler verkauft, wohlfeil eine Kamel­ladung Gum­mi gekauft und einem reichen kranken Mann den let­zten Trank, nicht vor sein­er Gene­sung, son­dern vor seinem Hin­tritt bereitet.

Eben war er auf seinem Spazier­gang aus einem kleinen Gehölz von Pal­men und Dat­teln getreten, da hörte er lautes Geschrei her­beilaufend­er Men­schen hin­ter sich; es war ein Haufe kaiser­lich­er Stal­lknechte, den Ober­stallmeis­ter an der Spitze, die nach allen Seit­en unruhige Blicke umher­war­fen, wie Men­schen, die etwas Ver­lorenes eifrig suchen.

»Philis­ter«, rief ihm keuchend der Ober­stallmeis­ter zu, »hast du nicht ein kaiser­lich Pferd mit Sat­tel und Zeug vorüber­ren­nen sehen?«

Abn­er antwortete: »Der beste Galop­pläufer, den es gibt; zier­lich klein ist sein Huf, seine Hufeisen sind von vierzehn­lötigem Sil­ber, sein Haar leuchtet gold­en, gle­ich dem großen Sab­batleuchter in der Schule, fün­fzehn Fäuste ist er hoch, sein Schweif ist drei und einen hal­ben Fuß lang, und die Stan­gen seines Gebiss­es sind von dreiundzwanzigkarätigem Golde.«

»Er ist’s!« rief der Oberstallmeister.

»Er ist’s!« rief der Chor der Stallknechte.

»Es ist der Emir«, rief ein alter Bere­it­er, »ich habe es dem Prinzen Abdal­lah zehn­mal gesagt, er solle den Emir in der Trense reit­en, ich kenne den Emir, ich habe es voraus­ge­sagt, daß er ihn abw­er­fen würde, und sollte ich seine Rück­en­schmerzen mit dem Kopf bezahlen müssen, ich habe es voraus­ge­sagt. Aber schnell, wohinzu ist er gelaufen?«

»Habe ich doch gar kein Pferd gese­hen«, erwiderte Abn­er lächel­nd, »wie kann ich sagen, wohin es gelaufen ist, des Kaisers Pferd?«

Erstaunt über diesen Wider­spruch woll­ten die Her­ren vom Stalle eben weit­er in Abn­er drin­gen; da kam ein anderes Ereig­nis dazwischen.

Durch einen son­der­baren Zufall, wie es deren so viele gibt, war ger­ade zu dieser Zeit auch der Leib­schoßhund der Kaiserin ent­laufen. Ein Haufe schwarze Sklaven kam her­beig­er­an­nt, und sie schrien schon von weit­em: »Habt Ihr den Schoßhund der Kaiserin nicht gesehen?«

»Es ist kein Hund, den Ihr suchet, meine Her­ren«, sagte Abn­er, »es ist eine Hündin.«

»Allerd­ings!« rief der erste Eunuch hocher­freut. »Aline, wo bist du?«

»Ein klein­er Wachtel­hund«, fuhr Abn­er fort, »der vor kurzem Junge gewor­fen, langes Behänge, Fed­er­schwanz, hinkt auf dem recht­en vorderen Bein.«

»Sie ist’s, wie sie leibt und lebt!« rief der Chor der Schwarzen. »Es ist Aline; die Kaiserin ist in Krämpfe ver­fall­en, sobald sie ver­mißt wurde; Aline, wo bist du? Was soll aus uns wer­den, wenn wir ohne dich in den Harem zurück­kehren? Sprich geschwind, wohin hast du sie laufen sehen?«

»Ich habe gar keinen Hund gese­hen; weiß ich doch nicht ein­mal, daß meine Kaiserin, welche Gott erhalte, einen Wachtel­hund besitzt.«

Da ergrimmten die Leute vom Stalle und vom Harem über Abn­ers Unver­schämtheit, wie sie es nan­nten, über kaiser­lich­es Eigen­tum seinen Scherz zu treiben, und zweifel­ten keinen Augen­blick, so unwahrschein­lich dies auch war, daß er Hund und Pferd gestohlen habe. Während die anderen ihre Nach­forschun­gen fort­set­zten, pack­ten der Stallmeis­ter und der erste Eunuch den Juden und führten den halb pfif­fig, halb ängstlich Lächel­nden vor das Angesicht des Kaisers. 

Aufge­bracht berief Mulen Ismael, als er den Her­gang ver­nom­men, den gewöhn­lichen Rat des Palastes und führte in Betra­cht der Wichtigkeit des Gegen­standes selb­st den Vor­sitz. Zur Eröff­nung der Sache wurde dem Angeschuldigten ein halbes Hun­dert Stre­iche auf die Fuß­sohlen zuerkan­nt. Abn­er mochte schreien und win­seln, seine Unschuld beteuern oder ver­sprechen, alles zu erzählen, wie es sich zuge­tra­gen, Sprüche aus der Schrift oder dem Tal­mud anführen, mochte rufen: »Die Ung­nade des Königs ist wie das Brüllen eines jun­gen Löwen, aber seine Gnade ist Tau auf dem Grase«; oder: »Laß nicht zuschla­gen deine Hand, wenn dir Augen und Ohren ver­schlossen sind« – Mulen Ismael wink­te und schwur bei des Propheten Bart und seinem eige­nen, der Philis­ter solle die Schmerzen des Prinzen Abdal­lah und die Krämpfe der Kaiserin mit dem Kopfe bezahlen, wenn die Flüchti­gen nicht wieder beige­bracht wür­den. Noch erschallte der Palast des Kaisers von Marokko von dem Schmerzgeschrei des Patien­ten, als die Nachricht ein­lief, Hund und Pferd seien wiederge­fun­den. Aline über­raschte man in der Gesellschaft einiger Möpse, sehr anständi­ger Leute, die sich aber für sie, als Hof­dame, dur­chaus nicht schick­te, und Emir hat­te, nach­dem er sich müde gelaufen, das duf­tende Gras auf den grü­nen Wiesen am Bache Tara wohlschmeck­ender gefun­den als den kaiser­lichen Hafer; gle­ich dem ermüde­ten fürstlichen Jäger, der, auf der Par­force­jagd verir­rt, über dem schwarzen Brot und der But­ter in der Hütte des Land­manns alle Leck­ereien sein­er Tafel vergißt.

Muley Ismael ver­langte nun von Abn­er eine Erk­lärung seines Betra­gens, und dieser sah sich nun, wiewohl etwas spät, imstande, sich zu ver­ant­worten, was er, nach­dem er vor sein­er Hoheit Thron dreimal die Erde mit der Stirne berührte, in fol­gen­den Worten tat:

»Großmächtig­ster Kaiser, König der Könige, Herr des Besten, Stern der Gerechtigkeit, Spiegel der Wahrheit, Abgrund der Weisheit, der du so glänzend bist wie Gold, so strahlend wie der Dia­mant, so hart wie das Eisen, höre mich, weil es deinem Sklaven vergön­nt ist, vor deinem strahlen­den Angesichte seine Stimme zu erheben! Ich schwöre bei dem Gott mein­er Väter, bei Moses und den Propheten, daß ich dein heiliges Pferd und mein­er gnädi­gen Kaiserin liebenswürdi­gen Hund mit meines Leibes Augen nicht gese­hen habe. Höre aber, wie sich die Sache begeben:

Ich spazierte, um mich von des Tages Last und Arbeit zu erholen, nichts denk­end, in dem kleinen Gehölze, wo ich die Ehre gehabt habe, Sein­er Her­rlichkeit, dem Ober­stallmeis­ter, und Sein­er Wach­samkeit, dem schwarzen Auf­se­her deines geseg­neten Harems, zu begeg­nen; da gewahrte ich im feinen Sande zwis­chen den Pal­men die Spuren eines Tieres; ich, dem die Spuren der Tiere über­aus gut bekan­nt sind, erkenne sie als­bald für die Fußstapfen eines kleinen Hun­des; feine langge­zo­gene Furchen liefen über die kleinen Uneben­heit­en des Sand­bo­dens zwis­chen diesen Spuren hin; es ist eine Hündin, sprach ich zu mir selb­st, und sie hat hän­gende Zitzen und hat Junge gewor­fen vor so und so langer Zeit; andere Spuren neben den Vorder­tatzen, wo der Sand leicht wegge­fegt zu sein schien, sagten mir, daß das Tier mit schö­nen, weit her­ab­hän­gen­den Ohren begabt sei; und da ich bemerkt, wie in län­geren Zwis­chen­räu­men der Sand bedeu­ten­der aufgewühlt war, dachte ich: Einen schö­nen lang­be­haarten Schwanz hat die Kleine, und er muß anzuse­hen sein als ein Feder­busch, und es hat ihr beliebt, zuweilen den Sand damit zu peitschen; auch ent­ging mir nicht, daß eine Pfote sich beständig weniger tief in den Sand ein­drück­te; lei­der kon­nte mir da nicht ver­bor­gen bleiben, daß die Hündin mein­er gnädig­sten Frau, wenn es erlaubt ist, es auszus­prechen, etwas hinke.

Was das Roß dein­er Hoheit bet­rifft, so wisse, daß ich, als ich in einem Gange des Gebüsches hin­wan­delte, auf die Spuren eines Pfer­des aufmerk­sam wurde. Kaum hat­te ich den edlen, kleinen Huf, den feinen und doch starken Strahl bemerkt, so sagte ich in meinem Herzen: Da ist gewe­sen ein Roß von der Rasse Tschen­ner, die da ist die vornehm­ste von allen. Ist es ja noch nicht vier Monate, hat mein gnädig­ster Kaiser einem Fürsten in Franken­land eine ganze Kop­pel von dieser Rasse verkauft, und mein Brud­er Ruben ist dabeigewe­sen, wie sie sind han­del­seinig gewor­den, und mein gnädig­ster Kaiser hat dabei gewon­nen so und so viel. Als ich sah, wie die Spuren so weit und so gle­ich­mäßig voneinan­der ent­fer­nt waren, mußte ich denken: Das galop­pierte schön, vornehm; und ist bloß mein Kaiser wert, solch ein Tier zu besitzen, und ich gedachte des Stre­itross­es, von dem geschrieben ste­ht bei Hiob: ´Es stampfet auf den Boden und ist freudig mit Kraft und zeucht aus, den Gehar­nischt­en ent­ge­gen; es spot­tet der Furcht und erschrickt nicht und fleucht vor dem Schw­ert nicht, wen­ngle­ich wider es erklinget der Köch­er, und glänzen bei­de, Spieß und Lanzen.´ Und ich bück­te mich, da ich etwas glänzen sah auf dem Boden, wie ich immer tue, und siehe, es war ein Marmel­stein, darauf hat­te das Hufeisen des eilen­den Ross­es einen Strich gezo­gen, und ich erkan­nte, daß es Hufeisen haben mußte von vierzehn­lötigem Sil­ber; muß ich doch den Strich ken­nen von jeglichem Met­all, sei es echt oder unecht. Der Baum­gang, in dem ich spazierte, war sieben Fuß weit, und hie und da sah ich den Staub von den Pal­men gestreift; der Gaul hat mit dem Schweif gefocht­en, sprach ich, und er ist lang drei und einen hal­ben Fuß; unter Bäu­men, deren Kro­ne etwa fünf Fuß vom Boden aufging, sah ich frisch abgestreifte Blät­ter; sein­er Schnel­ligkeit Rück­en mußte sie abgestreift haben; da haben wir ein Pferd von fün­fzehn Fäusten; siehe da, unter densel­ben Bäu­men kleine Büschel goldglänzen­der Haare, und siehe da, es ist ein Gold­fuchs! Eben trat ich aus dem Gebüsche, da fiel an ein­er Fel­swand ein Gold­strich in mein Auge; diesen Strich soll­test du ken­nen, sprach ich, und was war’s? Ein Pro­bier­stein war einge­sprengt in dem Gestein und ein haar­fein­er Gold­strich darauf, wie ihn das Män­nchen mit dem Pfeil­bün­del auf den Füch­sen der sieben vere­inigten Prov­inzen von Hol­land nicht fein­er, nicht rein­er ziehen kann. Der Strich mußte von den Gebißs­tan­gen des flüchti­gen Ross­es rühren, die es im Vor­beis­prin­gen gegen dieses Gestein gerieben. Ken­nt man ja doch deine erhabene Prachtliebe, König der Könige, weiß man ja doch, daß sich das ger­ing­ste dein­er Rosse schä­men würde, auf einen anderen als einen gold­e­nen Zaum zu beißen. Also hat es sich begeben, und wenn -« 

»Nun, bei Mek­ka und Med­i­na!« rief Muley Ismael, »das heiße ich Augen; solche Augen kön­nten dir nicht schaden, Ober­jäger­meis­ter, sie wür­den dir eine Kop­pel Schweißhunde ers­paren; du, Polizei­min­is­ter, kön­ntest damit weit­er sehen als alle deine Scher­gen und Auf­pass­er. Nun, Philis­ter, wir wollen dich in Betra­cht deines unge­meinen Scharf­sinns, der uns wohlge­fall­en hat, gnädig behan­deln; die fün­fzig Prügel, die du richtig erhal­ten, sind fün­fzig Zechi­nen wert. Sie ers­paren dir fün­fzig; denn du zahlst jet­zt bloß noch fün­fzig bar; zieh deinen Beu­tel und enthalte dich für die Zukun­ft, unseres kaiser­lichen Eigen­tums zu spot­ten! Wir bleiben dir übri­gens in Gnaden gewogen.«

Der ganze Hof bewun­derte Abn­ers Scharf­sinn, denn seine Majestät hat­te geschworen, er sei ein geschick­ter Bursche; aber dies bezahlte ihm seine Schmerzen nicht, tröstete ihn nicht für seine teuren Zechi­nen. Während er stöh­nend und seufzend eine nach der anderen aus dem Beu­tel führte, jede noch zum Abschiede auf der Fin­ger­spitze wog, höh­nte ihn noch Schnuri, der kaiser­liche Spaß­mach­er, fragte ihn, ob seine Zechi­nen alle auf dem Steine sich bewährten, auf dem der Gold­fuchs des Prinzen Abdal­lah sein Gebiß pro­biert habe. »Deine Weisheit hat heute Ruhm geern­tet«, sprach er; »ich wollte aber noch fün­fzig Zechi­nen wet­ten, es wäre dir lieber, du hättest geschwiegen. Aber wie spricht der Prophet? ´Ein entschlüpftes Wort holt kein Wagen ein, und wenn er mit vier flüchti­gen Rossen bespan­nt wäre.´ Auch kein Wind­spiel holt es ein, Herr Abn­er, auch wenn es nicht hinkt.«

Nicht lange nach diesem für Abn­er schmer­zlichen Ereig­nis ging er wieder ein­mal in einem der grü­nen Täler zwis­chen den Vor­ber­gen des Atlas spazieren. Da wurde er, ger­ade wie damals, von einem ein­her­stür­menden Haufen Gewaffneter einge­holt, und der Anführer schrie ihn an:

»He, guter Fre­und, hast du nicht Goro, den schwarzen Leib­schützen des Kaisers, vor­beilaufen sehen? Er ist ent­flo­hen, er muß diesen Weg genom­men haben ins Gebirg.«

»Kann nicht dienen, Herr Gen­er­al«, antwortete Abner.

»Ach, bist du nicht der pfif­fige Jude, der den Fuch­sen und den Hund nicht gese­hen hat? Mach nur keine Umstände; hier muß der Sklave vor­beigekom­men sein; riechst du vielle­icht noch den Duft seines Schweißes in der Luft? Siehst du noch die Spuren seines flüchti­gen Fußes im hohen Grase? Sprich, der Sklave muß her­bei; er ist einzig im Sper­lingss­chießen mit dem Blaserohr, und dies ist Sein­er Majestät Lieblingszeitvertreib. Sprich! Oder ich lasse dich sogle­ich krumm fesseln!«

»Kann ich doch nicht sagen, ich habe gese­hen, was ich doch nicht hab‘ gesehen.«

»Jude, zum let­zten Male: Wohin ist der Sklave gelaufen? Denk an deine Fuß­sohlen, denk an deine Zechinen!«

»O weh geschrien! Nun, wenn Ihr abso­lut haben wollt, daß ich soll gese­hen haben den Sper­lingss­chützen, so lauft dor­thin; ist er dort nicht, so ist er anderswo.«

»Du hast ihn also gese­hen?« brüllte ihn der Sol­dat an. »Ja denn, Herr Offizier, weil Ihr es so haben wollt.«

Die Sol­dat­en ver­fol­gten eilig die angewiesene Rich­tung. Abn­er aber ging, inner­lich über seine List zufrieden, nach Hause . Kaum aber war er vierundzwanzig Stun­den älter gewor­den, so drang ein Haufe von der Wache des Palastes in sein Haus und verun­reinigte es, denn es war Sab­bat, und schleppte ihn vor das Angesicht des Kaisers von Marokko.

»Hund von einem Juden«, schnaubte ihn der Kaiser an, »du wagst es, kaiser­liche Bedi­en­stete, die einen flüchti­gen Sklaven ver­fol­gen, auf falsche Spur ins Gebirge zu schick­en, während der Flüchtling der Meeresküste zueilt und beina­he auf einem spanis­chen Schiffe entkom­men wäre? Greift ihn, Sol­dat­en! Hun­dert auf die Sohlen! Hun­dert Zechi­nen aus dem Beu­tel! Um wieviel die Sohlen schwellen unter den Hieben, um soviel soll der Beu­tel einschnurren.«

Du weißt es, o Herr, im Reiche Fez und Marokko liebt man schnelle Gerechtigkeit, und so wurde der arme Abn­er geprügelt und besteuert, ohne daß man ihn zuvor um seine Ein­willi­gung befragt hätte. Er aber ver­fluchte sein Geschick, das ihn dazu ver­dammte, daß seine Sohlen und sein Beu­tel es hart empfind­en soll­ten, so oft Seine Majestät geruht­en, etwas zu ver­lieren. Als er aber brum­mend und seufzend unter dem Gelächter des rohen Hofvolks aus dem Saale hink­te, sprach zu ihm Schnuri, der Spaß­mach­er: »Gib dich zufrieden, Abn­er, undankbar­er Abn­er! Ist es nicht Ehre genug für dich, daß jed­er Ver­lust, den unser gnädi­ger Kaiser, den Gott erhalte, erlei­det, auch dir empfind­lichen Kum­mer verur­sachen muß? Ver­sprichst du mir aber ein gut Trinkgeld, so komme ich jedes­mal, eine Stunde bevor der Herr des West­ens etwas ver­liert, an deine Bude in der Juden­gasse und spreche: ´Gehe nicht aus dein­er Hütte, Abn­er, du weißt schon warum; schließe dich ein in dein Käm­mer­lein bis zu Son­nenun­ter­gang, bei­des unter Schloß und Riegel.´«

Dies, o Herr, ist die Geschichte von Abn­er, der nichts gese­hen hat.

Als der Sklave geen­det hat­te und es wieder stille im Saale gewor­den war, erin­nerte der junge Schreiber den Alten, daß sie den Faden ihrer Unter­hal­tung abge­brochen hat­ten, und bat, ihnen zu erk­lären, worin denn eigentlich der mächtige Reiz des Märchens liege. 

»Das will ich Euch jet­zt sagen«, erwiderte der Alte. »Der men­schliche Geist ist noch leichter und beweglich­er als das Wass­er, das doch in alle For­men sich schmiegt und nach und nach auch die dicht­esten Gegen­stände durch­dringt. Er ist leicht und frei wie die Luft und wird wie diese, je höher er sich von der Erde hebt, desto leichter und rein­er. Daher ist ein Drang in jedem Men­schen, sich hin­auf über das Gewöhn­liche zu erheben und sich in höheren Räu­men leichter und freier zu bewe­gen, sei es auch nur in Träu­men. Ihr selb­st, mein junger Fre­und, sagtet: ´Wir lebten in jenen Geschicht­en, wir dacht­en und fühlten mit jenen Men­schen´, und daher kommt der Reiz, den sie für Euch hat­ten. Indem Ihr den Erzäh­lun­gen des Sklaven zuhöret, die nur Dich­tun­gen waren, die einst ein ander­er erfand, habt Ihr selb­st auch mitgedichtet. Ihr bliebet nicht ste­hen bei den Gegen­stän­den um Euch her, bei Euren gewöhn­lichen Gedanken, nein, Ihr erlebtet alles mit, Ihr waret es selb­st, dem dies und jenes Wun­der­bare begeg­nete, so sehr nah­met Ihr teil an dem Manne, von dem man Euch erzählte. So erhob sich Euer Geist am Faden ein­er solchen Geschichte über die Gegen­wart, die Euch nicht so schön, nicht so anziehend dünk­te; so bewegte sich dieser Geist in frem­den, höheren Räu­men freier und unge­bun­den­er, das Märchen wurde Euch zur Wirk­lichkeit, oder, wenn Ihr lieber wol­let, die Wirk­lichkeit wurde zum Märchen, weil Euer Dicht­en und Sein im Märchen lebte.«

»Ganz ver­ste­he ich Euch nicht«, erwiderte der junge Kauf­mann, »aber Ihr habt recht mit dem, was Ihr sagtet, wir lebten im Märchen oder das Märchen in uns. Sie ist mir noch wohl erin­ner­lich, jene schöne Zeit; wenn wir Muße dazu hat­ten, träumten wir wachend; wir stell­ten uns vor, an wüste, unwirt­bare Inseln ver­schla­gen zu sein, wir beri­eten uns, was wir begin­nen soll­ten, um unser Leben zu fris­ten, und oft haben wir im dicht­en Wei­denge­büsch uns Hüt­ten gebaut, haben von elen­den Frücht­en ein kär­glich­es Mahl gehal­ten, obgle­ich wir hun­dert Schritte weit zu Haus das Beste hät­ten haben kön­nen, ja, es gab Zeit­en, wo wir auf die Erschei­n­ung ein­er güti­gen Fee oder eines wun­der­baren Zwerges warteten, die zu uns treten und sagen wür­den: ´Die Erde wird sich alsobald auf­tun, wol­let dann nur gefäl­ligst her­ab­steigen in meinen Palast von Bergkristall und euch belieben lassen, was meine Diener, die Meerkatzen, euch auftischen.´«

Die jun­gen Leute lacht­en, gaben aber ihrem Fre­unde zu, daß er wahr gesprochen habe. »Noch jet­zt«, fuhr ein ander­er fort, »noch jet­zt beschle­icht mich hier und da dieser Zauber; ich würde mich zum Beispiel nicht wenig ärg­ern über die dumme Fabel, wenn mein Brud­er zur Türe hereingestürzt käme und sagte: ´Weißt du schon das Unglück von unserem Nach­barn, dem dick­en Bäck­er? Er hat Hän­del gehabt mit einem Zauber­er, und dieser hat ihn aus Rache in einen Bären ver­wan­delt, und jet­zt liegt er in sein­er Kam­mer und heult entset­zlich´; ich würde mich ärg­ern und ihn einen Lügn­er schel­ten. Aber wie anders, wenn mir erzählt würde, der dicke Nach­bar hab‘ eine weite Reise in ein fernes, unbekan­ntes Land unter­nom­men, sei dort einem Zauber­er in die Hände gefall­en, der ihn in einen Bären ver­wan­delte. Ich würde mich nach und nach in die Geschichte ver­set­zt fühlen, würde mit dem dick­en Nach­bar reisen, Wun­der­bares erleben, und es würde mich nicht sehr über­raschen, wenn er in ein Fell gesteckt würde und auf allen vieren gehen müßte.«

So sprachen die jun­gen Leute; da gab der Scheik wiederum das Zeichen, und alle set­zten sich nieder. Der Auf­se­her der Sklaven aber trat zu den Freige­lasse­nen und forderte sie auf, weit­er forz­u­fahren. Ein­er unter ihnen zeigte sich bere­it, stand auf und hub an, fol­gen­der­maßen zu erzählen:

(im Märchenal­manach auf das Jahr 1827 stand hier »Der arme Stephan« von Gus­tav Adolf Schöll.)

Der Sklave hat­te geen­det, und seine Erzäh­lung erhielt den Beifall des Scheik und sein­er Fre­unde. Aber auch durch diese Erzäh­lung wollte sich die Stirne des Scheik nicht entwölken lassen, er war und blieb ernst und tief­sin­nig wie zuvor, und die jun­gen Leute bemitlei­de­ten ihn.

»Und doch«, sprach der junge Kauf­mann, »und doch kann ich nicht begreifen, wie der Scheik sich an einem solchen Tage Märchen erzählen lassen mag, und zwar von seinen Sklaven. Ich für meinen Teil, hätte ich einen solchen Kum­mer, so würde ich lieber hin­aus­re­it­en in den Wald und mich set­zen, wo es recht dunkel und ein­sam ist, aber auf keinen Fall dieses Geräusch von Bekan­nten und Unbekan­nten um mich versammeln.«

»Der Weise«, antwortete der alte Mann, »der Weise läßt sich von seinem Kum­mer nie so über­wälti­gen, daß er ihm völ­lig unter­liegt. Er wird ernst, er wird tief­sin­nig sein, er wird aber nicht laut kla­gen oder verzweifeln. Warum also, wenn es in deinem Innern dunkel und trau­rig aussieht, warum noch überdies die Schat­ten dun­kler Zed­ern suchen? Ihr Schat­ten fällt durch das Auge in dein Herz und macht es noch dun­kler. An die Sonne mußt du gehen, in den war­men, licht­en Tag, für was du trauerst, und mit der Klarheit des Tages, mit der Wärme des Licht­es wird dir die Gewißheit aufge­hen, daß Allahs Liebe über dir ist, erwär­mend und ewig wie seine Sonne.«

»Ihr habt wahr gesprochen«, set­zte der Schreiber hinzu, »und geziemt es nicht einem weisen Mann, dem seine Umge­bun­gen zu Gebot ste­hen, daß er an einem solchen Tage die Schat­ten des Grams so weit als möglich ent­ferne? Soll er zum Getränke seine Zuflucht nehmen oder Opi­um speisen, um den Schmerz zu vergessen? Ich bleibe dabei, es ist die anständig­ste Unter­hal­tung in Leid und Freude, sich erzählen zu lassen, und der Scheik hat ganz recht.« 

»Gut«, erwiderte der junge Kauf­mann, »aber hat er nicht Vor­leser, nicht Fre­unde genug; warum müssen es ger­ade Sklaven sein, die erzählen?«

»Diese Sklaven, lieber Herr«, sagte der Alte, »sind ver­mut­lich durch aller­lei Unglück in Sklaverei ger­at­en und sind nicht ger­ade so unge­bildete Leute, wie Ihr wohl gese­hen habt, von welchen man sich nicht kön­nte erzählen lassen. Überdies stam­men sie von aller­lei Län­dern und Völk­ern, und es ist zu erwarten, daß sie bei sich zu Hause irgend etwas Merk­würdi­ges gehört oder gese­hen, das sie nun zu erzählen wis­sen. Einen noch schöneren Grund, den mir einst ein Fre­und des Scheik sagte, will ich Euch wiedergeben: Diese Leute waren bis jet­zt in seinem Hause als Sklaven, hat­ten sie auch keine schwere Arbeit zu ver­richt­en, so war es doch immer Arbeit, zu der sie gezwun­gen waren, und mächtig der Unter­schied zwis­chen ihnen und freien Leuten. Sie durften sich, wie es Sitte ist, dem Scheik nicht anders als mit den Zeichen der Unter­wür­figkeit näh­ern. Sie durften nicht zu ihm reden, außer er fragte sie, und ihre Rede mußte kurz sein. Heute sind sie frei; und ihr erstes Geschäft als freie Leute ist, in großer Gesellschaft und vor ihrem bish­eri­gen Her­rn lange und offen sprechen zu dür­fen. Sie fühlen sich nicht wenig geehrt dadurch, und ihre unver­hoffte Freilas­sung wird ihnen dadurch nur um so werter.«

»Siehe«, unter­brach ihn der Schreiber, »dort ste­ht der vierte Sklave auf; der Auf­se­her hat ihm wohl schon das Zeichen gegeben, las­set uns nieder­set­zen und hören!«

(Im Märchenal­manach auf das Jahr 1827 stand hier »Der geback­ene Kopf« von James Jus­tin­ian Morier)

Der Scheik äußerte seinen Beifall über diese Erzäh­lung. Er hat­te, was in Jahren nicht geschehen war, einige­mal gelächelt, und seine Fre­unde nah­men dies als eine gute Vorbe­deu­tung. Dieser Ein­druck war den jun­gen Män­nern und dem Alten nicht ent­gan­gen. Auch sie freuten sich darüber, daß der Scheik, auf eine halbe Stunde wenig­stens, zer­streut wurde; denn sie ehrten seinen Kum­mer und die Trauer um sein Unglück, sie fühlten ihre Brust beengt, wenn sie ihn so ernst und stille seinem Grame nach­hän­gen sahen, und gehoben­er, freudi­ger waren sie, als die Wolke sein­er Stirne auf Augen­blicke vorüberzog.

»Ich kann mir wohl denken«, sagte der Schreiber, »daß diese Erzäh­lung gün­sti­gen Ein­druck auf ihn machen mußte; es liegt so viel Son­der­bares, Komis­ches darin, daß selb­st der heilige Der­wisch auf dem Berge Libanon, der in seinem Leben noch nie gelacht hat, laut auflachen müßte.«

»Und doch«, sprach der Alte lächel­nd, »und doch ist wed­er Fee noch Zauber­er darin erschienen; kein Schloß von Kristall, keine Genien, die wun­der­bare Speisen brin­gen, kein Vogel Rock, noch ein Zauberpferd -«

»Ihr beschämt uns«, rief der junge Kauf­mann, »weil wir mit so vielem Eifer von jenen Märchen unser­er Kind­heit sprachen, die uns noch jet­zt so wun­der­bar anziehen, weil wir jene Momente aufzählten, wo uns das Märchen so mit sich hin­we­griß, daß wir darin zu leben wäh­n­ten, weil wir dies so hoch anschlu­gen, wol­let Ihr uns beschä­men und auf feine Art zurechtweisen; nicht so?«

»Mit­nicht­en! Es sei ferne von mir, eure Liebe zum Märchen zu tadeln; es zeugt von einem unver­dor­be­nen Gemüt, daß ihr euch noch so recht gemütlich in den Gang des Märchens ver­set­zen kon­ntet, daß ihr nicht wie andere vornehm darauf, als auf ein Kinder­spiel, her­ab­se­het, daß ihr euch nicht lang­weilt und lieber ein Roß zure­it­en oder auf dem Sofa behaglich ein­schlum­mern oder halb träu­mend die Wasserpfeife rauchen woll­tet, statt der­gle­ichen euer Ohr zu schenken. Es sei ferne von mir, euch darum zu tadeln; aber das freut mich, daß auch eine andere Art von Erzäh­lung euch fes­selt und ergötzt, eine andere Art als die, welche man gewöhn­lich Märchen nennt.«

»Wie ver­ste­ht Ihr dies? Erk­lärt uns deut­lich­er, was Ihr meinet. Eine andere Art als das Märchen?« sprachen die Jünglinge unter sich.

»Ich denke, man muß einen gewis­sen Unter­schied machen zwis­chen Märchen und Erzäh­lun­gen, die man im gemeinen Leben Geschicht­en nen­nt. Wenn ich euch sage, ich will euch ein Märchen erzählen, so werdet ihr zum voraus darauf rech­nen, daß es eine Begeben­heit ist, die von dem gewöhn­lichen Gang des Lebens abschweift und sich in einem Gebi­et bewegt, das nicht mehr dur­chaus irdis­ch­er Natur ist. Oder, um deut­lich­er zu sein, ihr werdet bei dem Märchen auf die Erschei­n­ung ander­er Wesen als allein sterblich­er Men­schen rech­nen kön­nen; es greifen in das Schick­sal der Per­son, von welch­er das Märchen han­delt, fremde Mächte, wie Feen und Zauber­er, Genien und Geis­ter­fürsten, ein; die ganze Erzäh­lung nimmt eine außergewöhn­liche, wun­der­bare Gestalt an und ist unge­fähr anzuschauen wie die Gewebe unser­er Tep­piche oder viele Gemälde unser­er besten Meis­ter, welche die Franken Arabesken nen­nen. Es ist dem echt­en Musel­mann ver­boten, den Men­schen, das Geschöpf Allahs, sündi­ger­weise wiederzuschöpfen in Far­ben und Gemälden, daher sieht man auf jenen Geweben wun­der­bar ver­schlun­gene Bäume und Zweige mit Men­schenköpfen, Men­schen, die in einen Fisch oder Strauch aus­ge­hen, kurz, Fig­uren, die an das gewöhn­liche Leben erin­nern und den­noch ungewöhn­lich sind; ihr ver­ste­ht mich doch?« »Ich glaube, Eure Mei­n­ung zu errat­en«, sagte der Schreiber, »doch fahret weit­er fort!« 

»Von dieser Art ist nun das Märchen; fabel­haft, ungewöhn­lich, über­raschend; weil es dem gewöhn­lichen Leben fremd ist, wird es oft in fremde Län­der oder in ferne, längst ver­gan­gene Zeit­en ver­schoben. Jedes Land, jedes Volk hat solche Märchen, die Türken so gut als die Pers­er, die Chi­ne­sen wie die Mon­golen; selb­st in Franken­land soll es viele geben, wenig­stens erzählte mir einst ein gelehrter Giaur davon; doch sind sie nicht so schön als die unsri­gen; denn statt schön­er Feen, die in prachtvollen Palästen wohnen, haben sie zauber­hafte Weiber, die sie Hex­en nen­nen, heimtück­isches, häßlich­es Volk, das in elen­den Hüt­ten wohnt, und statt in einem Muschel­wa­gen, von Greisen gezo­gen, durch die blauen Lüfte zu fahren, reit­en sie auf einem Besen durch den Nebel. Sie haben auch Gnomen und Erdgeis­ter, das sind kleine verwach­sene Kerlchen, die aller­lei Spuk machen. Das sind nun die Märchen; ganz anders ist es aber mit den Erzäh­lun­gen, die man gemein­hin Geschicht­en nen­nt. Diese bleiben ganz ordentlich auf der Erde, tra­gen sich im gewöhn­lichen Leben zu, und wun­der­bar ist an ihnen meis­tens nur die Ver­ket­tung der Schick­sale eines Men­schen, der nicht durch Zauber, Ver­wün­schung oder Feen­spuk, wie im Märchen, son­dern durch sie selb­st oder die son­der­bare Fügung der Umstände reich oder arm, glück­lich oder unglück­lich wird.«

»Richtig!« erwiderte ein­er der jun­gen Leute. »Solche reinen Geschicht­en find­en sich auch in den her­rlichen Erzäh­lun­gen der Scheherazade, die man ´Tausendun­deine Nacht´ nen­nt. Die meis­ten Begeben­heit­en des Königs Harun Al-Raschid und seines Wesirs sind dieser Art. Sie gehen verklei­det aus und sehen diesen oder jenen höchst son­der­baren Vor­fall, der sich nach­her ganz natür­lich auflöst.«

»Und den­noch werdet ihr geste­hen müssen«, fuhr der Alte fort, »daß jene Geschicht­en nicht der schlecht­este Teil der ´Tausendun­deine Nacht´ sind. Und doch, wie ver­schieden sind sie in ihren Ursachen, in ihrem Gang, in ihrem ganzen Wesen von den Märchen eines Prinzen Biribinker oder der drei Der­wis­che mit einem Auge oder des Fis­ch­ers, der den Kas­ten, ver­schlossen mit dem Siegel Salo­mos, aus dem Meere zieht! Aber am Ende ist es den­noch eine Grun­dur­sache, die bei­den ihren eigen­tüm­lichen Reiz gibt, näm­lich das, daß wir etwas Auf­fal­l­en­des, Außergewöhn­lich­es miter­leben. Bei dem Märchen liegt dieses Außergewöhn­liche in jen­er Ein­mis­chung eines fabel­haften Zaubers in das gewöhn­liche Men­schen­leben, bei den Geschicht­en geschieht etwas zwar nach natür­lichen Geset­zen, aber auf über­raschende, ungewöhn­liche Weise.«

»Son­der­bar!« rief der Schreiber, »son­der­bar, daß uns dann dieser natür­liche Gang der Dinge eben­so anzieht wie der über­natür­liche im Märchen; worin mag dies doch liegen?«

»Das liegt in der Schilderung des einzel­nen Men­schen«, antwortete der Alte; »im Märchen häuft sich das Wun­der­bare so sehr, der Men­sch han­delt so wenig mehr aus eigen­em Trieb, daß die einzel­nen Fig­uren und ihr Charak­ter nur flüchtig geze­ich­net wer­den kön­nen. Anders bei der gewöhn­lichen Erzäh­lung, wo die Art, wie jed­er seinem Charak­ter gemäß spricht und han­delt, die Haupt­sache und das Anziehende ist. So die Geschichte von dem geback­e­nen Kopf, die wir soeben gehört haben. Der Gang der Erzäh­lung wäre im ganzen nicht auf­fal­l­end, nicht über­raschend, wäre er nicht ver­wick­elt durch den Charak­ter der Han­del­nden. Wie köstlich zum Beispiel ist die Fig­ur des Schnei­ders. Man glaubt den alten, gekrümmten Man­telflick­er vor sich zu sehen. Er soll zum ersten­mal in seinem Leben einen tüchti­gen Schnitt machen, ihm und seinem Weibe lacht schon zum voraus das Herz, und sie trak­tieren sich mit recht schwarzem Kaf­fee. Welch­es Gegen­stück zu dieser behaglichen Ruhe ist dann jene Szene, wo sie den Pack begierig öff­nen und den greulichen Kopf erblick­en. Und nach­her glaubt man ihn nicht zu sehen und zu hören, wie er auf dem Minarett umher­schle­icht, die Gläu­bi­gen mit meck­ern­der Stimme zum Gebet ruft und bei Erblick­ung des Sklaven plöt­zlich, wie vom Don­ner gerührt, ver­s­tummt? Dann der Bar­bi­er! Sehet ihr ihn nicht vor euch, den alten Sün­der, der, während er die Seife anrührt, viel schwatzt und gerne ver­bote­nen Wein trinkt? Sehet ihr ihn nicht, wie er dem son­der­baren Kun­den das Bar­bi­er­schüs­selchen unter­hält und – den kalten Schädel berührt? Nicht min­der gut, wenn auch nur angedeutet, ist der Sohn des Bäck­ers, der ver­schmitzte Junge, und der Braten­mach­er Yanakil. Ist nicht das Ganze eine unun­ter­broch­ene Rei­he komis­ch­er Szenen, scheint nicht der Gang der Geschichte, so ungewöhn­lich er ist, sich ganz natür­lich zu fügen? Und warum? Weil die einzel­nen Fig­uren richtig geze­ich­net sind und aus ihrem ganzen Wesen alles so kom­men muß, wie es wirk­lich geschieht.«

»Wahrlich, Ihr habt recht!« erwiderte der junge Kauf­mann, »ich habe mir nie Zeit genom­men, so recht darüber nachzu­denken, habe alles nur so gese­hen und an mir vorüberge­hen lassen, habe mich an dem einen ergötzt, das andere lang­weilig gefun­den, ohne ger­ade zu wis­sen, warum. Aber Ihr gebt uns da einen Schlüs­sel, der uns das Geheim­nis öffnet, einen Pro­bier­stein, worauf wir die Probe machen und richtig urteilen können.«

»Tuet das immer«, antwortete der Alte, »und euer Genuß wird sich ver­größern, wenn ihr nach­denken ler­net über das, was ihr gehört. Doch siehe, dort erhebt sich wieder ein neuer, um zu erzählen.«

So war es, und der fün­fte Sklave begann: